Das Dorf der Wunder

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • , 2005, Titel: 'Hoggerne', Originalausgabe

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92

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Carsten Jaehner
Ein beeindruckender Roman über ungewollte Helden

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Jan 2010

Kurzgefasst:

Minus 40 Grad Celsius im Winter 1939, die Sowjetunion überfällt Finnland. Es ist der seltsamste Tag im Leben von Timo Vatanen. Der leutselig-stoische Holzfäller ist der Einzige in seinem finnischen Heimatort Suomussalmi, der nicht vor den Russen flieht, sondern in aller Seelenruhe auf die heranrückenden Truppen wartet. Vor diesem Hintergrund wird die Geschichte von Timo erzählt, der in die Fänge der Russen gerät, aber durch sein Wissen für sie unentbehrlich wird. Denn nur dieser Sonderling weiß, wie man im eisigen finnischen Winter überlebt. So wird er zufällig vom unbeholfenen Außenseiter zum Retter. Bald spielen Nationalitäten keine Rolle mehr: ein kleiner Frieden in den Wirren des Krieges.

 

Die wirklich interessanten Schlachten in den Kriegen der Welt sind die, in denen David gegen Goliath gewinnt. Eine dieser Schlachten, die auf dem europäischen Kontinent so gut wie unbekannt ist, ist die Schlacht von Suomussalmi, die von Anfang Dezember 1939 bis Anfang Januar 1940 andauerte und aus der die übermächtige Sowjetunion Stalins als Verlierer hervorging.

Während dieser Zeit spielt der Roman Das Dorf der Wunder des Norwegers Roy Jacobsen. Anfang Dezember 1939 verlassen die Einwohner von Suomussalmi den Ort und brennen soweit wie möglich alles nieder, damit es den Russen nicht in die Hände fällt. Nur der leicht einfältige Holzfäller Timo Vatanen bleibt da, weil er sagt, dass er nie woanders gewesen ist und auch nie woanders hingehen wird. So nistet er sich in den nicht abgebrannten Häusern seiner Freunde ein, sammelt Konserven und Holz zum Überleben und steht am nächsten Morgen der Sowjetarmee gegenüber.

Zusammen mit ein paar nicht mehr heertauglichen Russen wird Timo zum Arbeiten abgestellt - natürlich zum Holzhacken. Letztlich bleibt eine handvoll Russen übrig, zwischen denen und Timo sich eine funktionierende Gruppe herauskristallisiert, die es schafft, den Minustemperaturen, dem Hunger und der russischen Kaltblütigkeit zu trotzen. Doch Timo ist nicht ganz so einfältig, wie es scheint, und schafft er es, seine Kumpane durch die Schlacht zu führen, indem er sie einfach Holz hacken lässt. Schließlich stellt sich heraus, dass die Armee der Sowjets nicht auf Temperaturen um -40° eingestellt ist und den Winter und die Situation vor Ort völlig falsch eingeschätzt haben. Und so nimmt die Schlacht eine überraschende Wendung.

Vom Überleben in Suomussalmi

Roy Jacobsen berichtet mit Das Dorf der Wunder von einer seltsamen Schlacht und schafft es, den Leser von Anfang für das Schicksal von Timo zu interessieren. Timo ist der Ich-Erzähler der Geschichte, und so werden seine Gedankengänge die des Lesers, und aus seiner Sicht erlebt man die Geschehnisse in Suomussalmi mit. Immer wieder fragt man sich, ob er tatsächlich einfältig ist oder gar ein ganz gerissenes Schlitzohr, denn er schafft es, im unwirtlichen Winter Finnlands zu überleben und dabei nicht nur seine eigene, sondern auch die Häute seiner Kumpane zu retten, einfach deshalb, weil er dort zu Hause ist und sich auskennt.

Das Kriegsgeschehen selber spielt dabei eigentlich eine untergeordnete Rolle. Er selbst erlebt die Schlacht eigentlich gar nicht mit, denn eine richtige Schlacht im ursprünglichen Sinn ist es auch gar nicht. Die Sowjets werden mehr und mehr von den Finnen eingekesselt, bis diese Abziehen, nachdem man sich schließlich nach viel zu langer Zeit getraut hat, Stalin darum zu fragen. Zwar gibt es immer wieder Heckenschützen, die einzelne Sowjets abschießen, Soldaten erfrieren einfach, oder es gibt interne Disziplinarkommandos, in denen sich der Feind sozusagen selbst dezimiert, aber all dies geht an Timo vorbei, als ginge es ihn nichts an. Seine stoische Ruhe und sein gewitztes Wissen lassen ihn überleben, und der Leser hat durchgehend seine Freude daran.

Feine Beobachtungsgabe des Autors

Jacobsens feine Bobachtungsgabe macht aus Freund und Feind ganz normale Menschen mit ganz normalen Fehlern und guten Eigenschaften. Die Angst vor dem Tod schwebt zwar irgendwie immer über allem, aber auch eine gewisse Sicherheit, denn ohne Timo und seinem Wissen würden alle vielleicht längst schon nicht mehr leben. Die Charaktere werden so skizziert, auch mit ihren kleinen Eigenheiten und Skurrilitäten, dass gerade jeder aus Timos Gruppe für sich sympathisch ist, sei es durch den Spleen, immer Damenschuhe dabei zu haben oder andere liebenswerte Spinnereien. Aber diese sind es doch letztlich, die den Menschen am Leben halten. Das weiß der Autor, und so erzählt er es auch.

Der Feind ist unvorbereitet und überfordert

Der Feind ist nicht unbedingt böse, er ist einfach mit der Situation überfordert, auch wenn er - natürlich - hinter jeder Bitte Timos das Gras wachsen hört und misstrauisch ist. All dies wird vom Autor sehr fein beobachtet, und das Schlachtgeschehen sind meist nur Nachrichten von der Front. Mehr und mehr bröselt die sowjetische Armee zusammen, und Timo wird mehr und mehr zum Held seiner angeschlagenen Kumpanen.

Jahre später liest Timo über die Schlacht, die scheinbar ganz anders war, als er sie in Erinnerung hat. Er hat selbst daran teilgenommen, wenn auch nicht so wie andere, und so sind sein Blick darauf und seine Wahrnehmung eine andere als von anderen. Zufällig findet er heraus, was aus den anderen geworden ist, aber seine Version der Geschichte mag niemand wirklich glauben. Wütend beschließt er, seine Geschichte niederzuschreiben.

 

 

Denn alle haben das Recht, in ihrem Leben der Held zu sein, sogar die Lahmen und die Blinden, sogar die mit einem eiternden Krater im Gesicht, wenn auch mit etwas Hilfe, wo wären wir ohne etwas Hilfe... Wenn du mit der Geschichte nicht zufrieden bist, dann mach doch verdammt noch mal selber eine!

 

Roy Jacobsen gelingt es auf nur 237 Seiten, den Leser durchgehend in seinen Bann zu ziehen und dank einer gehörigen Portion nordischen Humors den Leser, bei aller Tragik des Themas des Buches, zu unterhalten. Seine teilweise ellenlangen Sätze stören nicht, sondern geben einfach nur die konfus-sympathischen Gedankengänge Timos wieder, der seine eigene Sicht auf die Grauen des Krieges hat. Sprachlich hervorragend, auch die gelungene Übersetzung von Gabriele Haefs trägt dazu bei. Eine kleine Karte von Suomussalmi und der Gegend um den Ort herum wäre eine nette Ergänzung gewesen, aber das Fehlen ist nicht schlimm. So kommt man selbst ins Grübeln, ob denn diese Schlacht so wirklich stattgefunden hat. Der Osburg-Verlag weiß es. Ein beeindruckender und intensiver Roman über ungewolltes Heldentum und die Sichtweise darauf. Sehr empfehlenswert.

 

Das Dorf der Wunder

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Letzte Kommentare:
19.03.2015 11:26:30
Benita

Winterkrieg, es ist 1939 und die Sowjetunion überfällt Finnland. Nahe der russischen Grenze wird von den finnischen Truppen ein Dorf evakuiert, nur Timo, der Holzfäller, weigert sich, sein Dorf zu verlassen. Er ist davon überzeugt, in seinem Dorf genau so gut überleben oder sterben zu können, wie auch an einem anderen Ort.
Nach der Evakuierung hat Timo das Dorf und die Stille nur kurze Zeit für sich denn schnell kommen russische Soldaten, die zunächst den Großteil der Häuser niederbrennen, sich dann jedoch besinnen und erkennen, daß Timo, der sich selbst als schlicht beschreibt, wichtig ist für das Überleben der Soldaten. Unter Lebensgefahr wird er mit anderen Zwangsarbeitern in die umliegenden Wälder geschickt, um Holz zu schlagen. Zwar gelingt ihm mit den anderen Holzarbeitern die Flucht und schließlich nach dem Rückzug der russischen Truppen auch die Rückkehr in sein Dorf, jedoch ist er immer unter Verdacht: bei den russischen Truppen, weil er zurückgeblieben ist im Dorf, bei den finnischen, weil er die russische Zwangsarbeit überlebt hat.
Außenseiter bleibt er immer und verdächtig allemal. Nur unter den Holzfällern weiß er sich zu behaupten, erringt eine führende Position bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich alle wegen der herrschenden Umstände trennen müssen, für einige einfach aus der Notwendigkeit zum Überleben.
Lange findet Timo keine Ruhe, versteht selbst die Geschehnisse jener Monate im Winterkrieg 1939 nicht mehr. Als er Jahre später über diese Geschehnisse einen Bericht liest, ist er beinahe erschüttert, zweifelt an seinen Erinnerungen, die so ganz anders sind als die Berichterstattung. Nie ist es sein Krieg gewesen, immer nur ein Krieg anderer, der ihn nicht hatte betreffen sollen. Er hat ihn nie gewollt, nie benötigt, schließlich kannte er kein Machtgefühl und auch zu der Zeit, in der er ein Anführer" war, hat es nie mit Macht zu tun gehabt sonder mit seinem Selbstverständnis der Fürsorge für andere, egal welcher Herkunft. Ein Held ... der Menschlichkeit!

Der norwegische Autor erzählt die Geschichte des Finnen Timo aus der Ich-Perspektive. So kann der Leser das klare Denken des einfachen Holzfällers genau mitverfolgen, aus der Betrachter-Perspektive würde der Mann mit seinen Einstellungen zum Leben merkwürdig wirken. Das macht das lesen dieses schönen Romans entspannt und die Handlung logisch. Gleichzeitig gibt es noch etwas Geschichts-Unterricht, denn dieser Kriegsschauplatz ist größtenteils vergessen, allerdings wird auf die Hintergrundpolitik verzichtet.