Casanovas späte Liebe

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • , 2009, Titel: 'Casanovas späte Liebe', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Carsten Jaehner
Ein Tag im Leben Casanovas erzählt ein ganzes Leben

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Okt 2009

Kurzgefasst:

Nach seiner Flucht aus dem schrecklichsten Gefängnis des Kontinents ist Casanova jahrelang durch ganz Europa gereist, heute reich und morgen arm. Nun ist er wieder in Venedig und scheinbar ganz der Alte: nachts liebt er die junge Elvira, nachmittags ihre Schwester Mona. Die Reichen und Noblen der Stadt laden ihn ein, um von seinen Abenteuern zu hören. Und doch ist etwas anders als früher. Casanova will nicht mehr als die schillernde Gestalt gelten, die alle Welt in ihm sieht. Er ist schließlich auch Erfinder, Entdecker und Mathematiker, Übersetzer, Dramatiker, Romanautor und Philosoph. Aber seine Ideen interessieren niemanden. Gleichzeitig lässt Casanova die ständige Frage nach seinem Verräter, dem Mann, der ihn in die furchtbaren Bleikammern der Lagunenstadt gebracht hat, nicht los. Doch dann macht er eine Entdeckung, die ihn alles in anderem Licht sehen lässt.

 

Venedig im Jahr 1775. Giacomo Casanova ist fünfzig Jahre alt und seit drei Jahren zurück in seiner Heimatstadt. Hier hat er sich wieder eingelebt, auch wenn er sich bei einigen Bekannten noch nicht zurückgemeldet hat. Noch immer hat er mehrere Liebschaften, zur Zeit sogar zwei Schwestern gleichzeitig, die eine am Vormittag, die andere am Nachmittag, geplant und voneinander wissend.

Am 2. April des Jahres macht Casanova wieder einmal einen Spaziergang, trifft gewollt und ungewollt Bekannte, die ihn begleiten und mit ihm zu Mittag speisen. Er trifft sein altes Kindermädchen von früher und lässt sich mit seinem Freund Cesare Carpaccio auf die kleine Insel Giudecca rudern. Die beiden parlieren miteinander, und vor allem liegt Casanova die Rache auf der Seele, die Rache nach dem Mann, dessen Aussage ihn vor Jahren in die Bleikammern gebracht hat, was er noch immer nicht überwunden hat. Er weiß nicht, wer es war, doch er hat einen Verdacht, und er ist entschlossen, dem Mann entgegen zu treten und ihn zur Rede zu stellen.

Umtrieben von Gedanken an frühere Zeiten und an jetzige und ehemalige Liebschaften läßt sich Casanova durch den Tag treiben und resümiert sein Leben und sein Tun. Dabei entdeckt er in sich neue und alte Qualitäten wie das Geschäft der Spionage, und der Tag endet mit neuen, interessanten Perspektiven.

Ein intimes Bild Casanovas und Venedigs

Einen stillen, kleinen Roman hat Klaus Seehafer mit Casanovas späte Liebe vorgelegt, 200 romantische Seiten, die einen einzigen Tag in Casanovas Leben beschreiben. Dass man hier einen etwas anderen Roman in den Händen hält, merkt man bereits an der Einleitung, in der beschrieben wird, was andere große Denker und Philosophen der Zeit an genau jenem Tag gemacht haben, darunter Goethe, Schiller und Voltaire.

Casanova wird an diesem Tag sehr fein und sehr genau beobachtet. Minutiös wird er vom Erzähler durch den Tag begleitet, und so entsteht ein sehr intimes Bild von einem Mann, der allgemein nur auf seine unzähligen Liebschaften reduziert wird. Gerade das beklagt er auch, gerade wenn er zur Beichte geht, wo die Geistlichen immer alles ganz genau beschrieben haben wollen, genauer als nötig, weshalb Casanova auch eigentlich gar nicht mehr beichten geht. Natürlich werden seine kleinen und größeren Liebschaften auch mehr oder weniger intensiv und genau beschrieben, ohne allerdings in voyeuristische abzugleiten. Es sind mehr lästige Erzählungen eines alternden Herren, der zwar auf diesem Gebiet nichts neues mehr erlebt, das Erlebte dennoch genießt und nicht bereut.

Dem Autor gelingt trotz der Kürze ein sinnliches Porträt Casanovas und versteht es, ihn auf 200 Seiten eindrucksvoll zu charakterisieren. Zwar ergeht sich der Hauptakteur manchmal zu sehr im Selbstmitleid, aber vielleicht müssen große Denker das tun, wenn sie über ihr Leben nachdenken und darüber, was sie erreicht haben und was (noch) nicht.

Liebevolle Ausstattung

Man könnte leicht auf die Idee kommen, dass das Buch ja eigentlich keine Handlung hat, was ja auch stimmt. Aber dafür erhält man einen intensiven Einblick in einen Menschen und somit in seine Zeit, und das, wenn man so will, aus erster Hand. Die Beschreibung des Gefängnisaufenthaltes, die Sitten und Gebräuche der Zeit und das eigentlich skandalöse Verhalten des Klerus beschreiben so das Leben Venedigs und anderer Stationen aus Casanovas Leben, wie man es so nah nur selten präsentiert bekommt.

Im Einband vorn und hinten findet sich eine Karte mit den Stationen, die Casanova auf seinem Spaziergang zurücklegt. Im Inneren befindet sich noch einmal ein Auflistung der Stationen mit kurzer Beschreibung, ein Glossar und eine Zeittafel, die Casanovas Leben dem Zeitgeschehen gegenüberstellt. So liebevoll und doch reichhaltig sind meist viel längere Romane nicht ausgestattet, hierfür gilt den Herausgebern ein besonderes Lob.

Ein kleiner, stiller Roman, großzügig aufgemacht und ein gelungener Einblick in Zeit und Mensch Giacomo Casanovas. Kurze historische Romane können, wie dieses Beispiel eindrucksvoll zeigt, auch so geschrieben sein, dass sie nicht länger sein müssten. Das ist leider nicht immer so.

 

Casanovas späte Liebe

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