Die Liebe des Wanderchirurgen

  • Droemer-Knaur
  • Erschienen: Januar 2009
  • Droemer-Knaur, 2009, Titel: 'Die Liebe des Wanderchirurgen', Originalausgabe
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Volker Faßnacht
91

Histo-Couch Rezension vonOkt 2009

Der Beginn einer neuen Weltordnung

Kurzgefasst:

Vitus von Campodios, der Wanderchirurg, ist mittlerweile zum Earl ernannt worden und lebt mit seiner Frau auf dem Stammsitz seiner Väter. Als er eines Tages vom Geheimdienstchef der Königin nach London zitiert wird, schwant ihm nichts Gutes. Und tatsächlich: Vitus soll als Schiffsarzt an einer höchst gefährlichen Spionage-Mission gegen die spanische Armada teilnehmen. Vitus stimmt widerwillig zu und begegnet auf seiner Reise einer geheimnisvollen Spanierin...

 

Ein später Nachzügler zur Wanderchirurgen-Trilogie

Wolf Serno hat mit dem Roman Die Liebe des Wanderchirurgen 2009 noch einen Nachzügler zu seiner bis 2003 erschienenen Trilogie um den Wanderchirurgen Vitus geschaffen. Auch thematisch dürfte sich der vierte Teil deutlich von den vorhergegangenen Romanen unterscheiden. Ging es im ersten Teil noch um die Selbstfindung des Mannes, der als Findelkind in einem Kloster in Spanien aufwuchs, der zweite Teil von der Suche nach seiner großen Liebe erzählt und der dritte Teil der Jagd nach einem Heilmittel gegen die Pest gewidmet war, so hat der nunmehr vorliegende Teil einen ganz anderen Beginn.

Vitus, der Earl of Collingcourt, ist sesshaft geworden: Sein Frau Nina, seine beiden Kinder und Greenvale Castle; es gibt eigentlich keinen Grund, auszureißen und neue Abenteuer zu beginnen. Und dennoch, Vitus möchte seinem alten Kameraden, Kapitän Taggart, beistehen. Außerdem ist er seinem Land und Königin Elisabeth I. verpflichtet. Dies führt ihn geradewegs in die Seeschlacht der englischen Flotte gegen die spanische Armada im Jahr 1588.

Gründe für die Entstehung einer neuen Weltordnung

Die Seeschlacht der Spanier gegen die Engländer im Jahr 1588 hatte verschiedene Ursachen. Einerseits gab es das alte Spanien mit seinem feudalistischen und absolutistischen System. Ein Land, das sich, ausgestattet mit einer päpstlichen Bulle aus dem Jahr 1493, legitim als die christliche Weltmacht ansehen durfte und sich selbst als Bewahrer des wahren, christlichen, des allein seligmachenden katholischen Glaubens, verstand. Spanien konnte als religiös intolerant bezeichnet werden. Andererseits gab es das im Laufe des 16. Jahrhunderts erstarkende England mit seinen ersten demokratischen Ansätzen. Der sich entwickelnde Kapitalismus mit seinen einhergehenden größeren Rechten für das Bürgertum, Religionsfreiheit mit der Gründung der anglikanischen Kirche und der Lossagung vom Papst. Ein Affront sondergleichen für Spanien.

Die Engländer nutzten den Fischreichtum Neufundlands und wilderten somit im vom Papst zugeteilten spanischen Hoheitsgebiet. Die Spanier hatten 1568 die englische Flotte im Hafen von San Juan de Ulúa überfallen und größtenteils zerstört, worauf hin Königin Elisabeth die gegen Spanien gerichtete Piraterie inoffiziell unterstützte. Rivalitäten im Handel, religiöse Zwistigkeiten und das Bekanntwerden von Misshandlungen englischer Gefangener, die in deren Verbrennung als Ketzer gigfelten, trugen zur offenen Feindschaft ab 1580 bei. Spaniens König Philipp II. wollte eine Invasion Englands wagen, um dem Piratentum und dem zunehmenden Einfluss Englands in Frankreich und den Niederlanden zu begegnen. England war sich bewusst, der Spanischen Flotte möglichst früh viel Schaden zufügen zu müssen, damit der Invasionsversuch möglichst unterbliebe oder zumindest schwächer ausfallen würde.

Der geneigte Geschichtskenner weiß, dass zumindest Erstes nicht unterbunden wurde. Spanien segelte mit ihrer gefürchteten Armada bestehend aus etwa 130 Kriegsschiffen Ende Juli 1588 vor die Küste von England. Die Vernichtung der spanischen Vormachtstellung erfolgte jedoch erst im April 1607 als die niederländische Flotte der jungen Republik der 7 Provinzen die ankernde Armada bei Gibraltar zerstörte.

Eine gelungene Mischung aus historisch nachempfundener Erzählung und der Fortführung der bekannten Geschichte um den Cirurgicus und seinen Begleitern

Wolf Serno bleibt nahe an den überlieferten Daten der Seeschlacht 1588 vor Englands Küste. Mehr noch: Seine Schilderungen des Lebens auf hoher See, dem Alltag des Schiffsarztes, der Mannschaft und des Kapitäns sind spannend erzählt. Gewürzt wird die Geschichte durch zwei blinde Passagiere, die für Gefühlsverwirrungen und Intrigen an Bord sorgen. Enano, der Zwerg und Freund von Vitus ist auch wieder bei diesem Abenteuer mit dabei und erfrischt auf seine eigene Art und Weise, indem er mit seinem rotwelschen Kauderwelsch viele Passagen zum Schmunzeln einbringt:

 

 

Wui, wui Örl, ich bin's, der Kreipel. Wollt nach dir spähen, wie strömt's denn? [...] Hab dir was zum Picken mitgebracht, Örl [...] Brüh un Bäckling, schmerfig, schmerfig! Hast bis jetzt ja nur Luftklöße un Windsuppe geschnappt.

 

 

 

Kronig jam un glatten Schein, Kaptein. [...] Ich hör, 's fetzt im Bein?[...] 's wird schon wieder, der Örl is'n guter Pulsquetscher, der kriegt den Stelzer schon ab.

 

Ein Stilmittel, das der Autor offensichtlich gerne in seinen Romanen einbaut. So profitierte sein 2003 erschienener Roman Tod im Apothekenhaus ja auch schon von dem schnoddrigen Plattdeutsch seiner Bewohner des Hinterhof, dem Zufluchtsorts des Apothekers Rapp. Wie auch damals muss der geneigte Leser auch hier keine Angst haben, dass das, was der Zwerg von sich gibt, nicht zu verstehen wäre. Das Meiste ergibt sich aus dem Kontext oder dessen Sinn ist zumindest der Spur nach zu deuten.

Neben dem äußerst angenehmen Schreibstils Wolf Sernos, sind die Liebe des Cirurgicus zu seiner Frau, die Verwirrungen um Isabella, der bildschönen und verruchten Spanierin, der noble Verhaltenscodex, der immer wieder von einigen Protagonisten an den Tag gelegt wird und nicht zuletzt der sich stark entwickelnde Drang wissen zu wollen, wie die Geschichte wohl weitergehen und enden wird, der Grund dafür, dass dieses Buch, nachdem die Leserschaft einmal angefangen hat, in die Welt des Romans einzutauchen, nicht so schnell wieder aus der Hand gelegt werden wird. Es steht zu befürchten, dass selbst der fast 650 Seiten umfassende Roman nur ein Wochenende halten wird, weil er in einem Stück gelesen werden kann. Wie gut, dass es eine Vorgeschichte in drei Bänden dazu gibt, die (mal wieder) aus dem Bücherschrank entnommen werden kann.

Die Liebe des Wanderchirurgen

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