Drei Sonnen über Münster

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • , 2009, Titel: 'Drei Sonnen über Münster', Originalausgabe

Couch-Wertung:

60
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Carsten Jaehner
Eine Stadt im Umbruch

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Aug 2009

Kurzgefasst:

Drei eiserne Käfige hängen am Kirchturm von St. Lamberti im westfälischen Münster. Im Jahr 1536 verwesten darin die Leichen der drei Anführer der Täufer. So berichten es die Augenzeugen. Während man im holländischen Haarlem ein Ungeheuer aus dem Meer fischt, gehen über Münster drei Sonnen auf. Seltsame Erscheinungen zeigen sich am Himmel. So kündigt sich das Unheil an, das bald über die Stadt Münster hereinbrechen wird.

Dabei fängt alles überaus verheißungsvoll an. Sechs Personen aus unterschiedlichen Zeiten schildern ihre Version der Geschichte. Im Mittelpunkt steht der Bildhauer Claes Herlin, der Nachforschungen über die Stiftsjungfer Caterina anstellt, die im letzten Sommer vor der Täuferherrschaft aus dem Überwasser-Kloster verschwindet. Auf der Suche nach der Wahrheit gerät Claes immer tiefer in ein Netz aus Lügen und Intrigen, und bald stellt sich die Frage, inwieweit man seinen Augen überhaupt trauen kann.

 

In frühester Kindheit von ihrem Bruder getrennt, wächst Caterina Herlin in einem Stiftskloster auf. Man schreibt die frühen 1530er Jahre, und sie ist nicht glücklich dort. Die Stadt Münster liegt direkt auf der anderen Fensterseite, aber es ist ihr nicht erlaubt, dort hin zu gehen. Zwar findet sie in Dorothea eine Art Freundin, aber die Sehnsucht nach ihrem Bruder Claes, an den sie sich nur ganz vage erinnern kann, ist groß. Zwar hat sie ihm mal geschrieben, aber nie eine Antwort bekommen.

Eines Tages ist Dorothea nicht da, und Caterina wagt den verbotenen Schritt in die Stadt Münster hinein, wo gerade Prediger ein neues Reich verkünden. Dieses Leben ist viel spannender als das Klosterleben, und so gerät Caterina schnell in die Fänge des Hauptpredigers Bernd Rothmann. Und irgendwann kehrt auch Caterina nicht mehr ins Kloster zurück.

Aufgespürt von Dorothea, reist Caterinas um Hilfe gebetene Bruder Claes von Köln nach Münster, begleitet vom aufbrausenden Tilman. Nach beschwerlicher Reise im Überwasserstift angekommen, sucht der Bildhauer seine Schwester und fürchtet das Schlimmste, zumal das Kloster mangels Stiftsfrauen kurz vor der Auflösung steht, denn die meisten sind ebenfalls nach Münster gegangen. Claes arbeitet sich immer weiter vor, aber es wird für ihn auch immer gefährlicher.

Geschwistersuche im neuen Jerusalem

Drei Sonnen will man über Münster gesehen haben, seltsame Erscheinungen, die großes Unheil ankündigen. So war es in den Jahren 1532 bis 1535, als die Wiedertäufer Münster beherrschten und aus der Stadt ein neues Jerusalem machen wollten. In diese brisante und spannende Situation setzt Marion Gay ihren Roman Drei Sonnen über Münster, in dem die Stiftsjungfer Caterina in den Strudel der Ereignisse gerät und von ihrem Bruder Claes gesucht wird.

Die Autorin hat sich viel Mühe gegeben, die Stimmung in der Stadt einzufangen. Deutlich wird dies, als Caterina aus dem Kloster zum ersten Mal Münster betritt und auf einmal ein aufgeregtes Leben und Treiben herrscht, wo die Luft brennt und die Stadt zwischen Aufbruch und Aufruhr ist. An jeder Ecke wird gepredigt, man geht zu Rothmann und glaubt, was er sagt, ist doch alles neue besser als das bisherige. Das alles fängt die Autorin gut ein, wenn sie manchmal auch etwas verwirrend formuliert, ganz so, wie es Caterina wohl empfindet.

Zu wenig Täufer

Sehr ausführlich, ja, eigentlich zu ausführlich, wird die Reise von Claes nach Münster beschrieben. Es dauert schon mehr als die Hälfte der 290 Seiten, ehe er überhaupt im Kloster eintrifft, und die wenigen Spuren von seiner Schwester verlaufen sich schnell. Die Suche an sich geht auch schleppend voran, Hilfe bekommt er nicht viel, und auch er ist fasziniert von dem, was sich inzwischen in der Stadt abspielt. Das wird allerdings nur in Fragmenten erzählt, man bekommt immer nur kleine Splitter serviert, ohne überhaupt das große ganze Geschehen zu verstehen.

Dabei ist es natürlich auch schwer, die Protagonisten kennen zu lernen, da alles immer irgendwie vage bleibt. Die Stimmung ist sehr gut eingefangen, aber die Handlung bleibt dabei doch des öfteren auf der Strecke. Erst am Ende wird aufgerollt, was die ganze Zeit über in Münster passiert ist. Für einen Roman, unter dessen Titel "Ein Täufer-Roman" steht, enthält das Buch erstaunlich wenig "Täufer". "Ein Roman aus der Täuferzeit" hätte es besser getroffen. Die Haupttäufer, die später in den berühmten drei Käfigen ausgestellt werden, treten zum Teil noch nicht einmal auf. Das ist zu wenig und unbefriedigend.

Überflüssige Rahmenhandlung

Letztlich überflüssig ist auch die Rahmenhandlung aus der Gegenwart, die auch keine Erkenntnisse über die Ereignisse vor fast 500 Jahren bringen. Der Leser wird nur verwirrt und wartet darauf, dass endlich der historische Teil losgeht. Das hätte anders gelöst werden können. Auch gibt es die auf dem Umschlag erwähnten sechs erzählenden Personen nicht. Solche Inhaltsangaben sind völlig unverständlich, irreführend und wenig hilfreich.

Drei Sonnen über Münster ist schlussendlich eigentlich kein Täufer-Roman. Die Autorin versteht zu erzählen und zu formulieren, kommt aber lange nicht zum erwarteten Punkt. Einzig eine eventuelle Verschwörung über den Anführer der Wiedertäufer, Jan van Leyden, wird am Rande erwähnt, aber nicht weitergeführt, und daher das Thema verpufft und zu wenig intensiviert.

"Das Suchen ist dringlicher als das Finden" heisst es in dem Roman, und so liest sich das Buch leider auch. Es ist eine schöne, interessante Geschichte, die am Ende leider nicht richtig und befriedigend zu einem richtigen Ende kommt. Das Nachwort ist gewissermaßen in das letzte Erzählkapitel eingewoben, und eine Literaturliste zeugt von den Recherchen der Autorin. Man möchte sagen, mehr "Fleisch" hätte der Geschichte gut getan. Beilagen sind reichlich vorhanden, aber die Gewichtung ist unglücklich gewählt. Beim nächsten Mal sollte der Kern der Erzählung in die Handlung mit eingewoben werden und nicht in eine abschließende Rekonstruktion. So ist es, als stünde man vor dem Stadttor und dürfte nicht hinein und alles selbst miterleben. Schade.

 

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