Die Malerin von Fontainebleau

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Goldmann, 2009, Titel: 'Die Malerin von Fontainebleau', Originalausgabe

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Volker Faßnacht
Eine tödliche Melange zwischen Kunst und Politik

Buch-Rezension von Volker Faßnacht Aug 2009

Kurzgefasst:

Die begabte Freskenmalerin Luisa Paserini kommt 1537 an den prächtigen Hof von Franz I. Als Mann verkleidet arbeitet sie in der Werkstatt des Meisters Rosso Fiorentino, den sie nicht nur als Maler verehrt. Fiorentino hat den Auftrag, das königliche Schloss von Fontainebleau auszuschmücken. Der französische Herrscher ist für seine ausschweifende Lebensweise, seine Vorliebe für schöne Frauen und Kunst, aber auch für seinen Jähzorn und seine Launenhaftigkeit berüchtigt. Luisa ist von der glänzenden Pracht der königlichen Schlösser überwältigt. Doch schon bald muss sie feststellen, dass sich hinter den goldenen Kulissen tödliche Intrigen abspielen, denen jeder zum Opfer fallen kann...

 

Constanze Wilken's zweiter historischer Roman Die Malerin von Fontainebleau bleibt nach Die Tochter des Tuchhändlers der Zeitepoche der Renaissance treu, allerdings wechselt der Ort des Geschehens von Italien nach Frankreich. Drei Handlungsstränge werden aufgenommen und zuerst in lockerer Form nebeneinander erzählt, bevor sie immer mehr Bezug zueinander entwickeln und eine feste, schicksalhafte Verflechtung erfahren.

Oft erzählt und meistens kritisch zu betrachten - die Hosenrolle

Wie ja bereits der Titel erahnen lässt und der Klappentext dann bestätigt, handelt der Roman von einer begabten Freskenmalerin, die sich als Mann verkleidet an den französischen Hof begibt, um dort an der Ausgestaltung der bedeutensten Kunstwerke dieser Zeit teilzuhaben. Natürlich gibt es viele gefährliche Szenen, wo die Maskerade Gefahr läuft, aufgedeckt zu werden, insbesondere ab dem Zeitpunkt, als sich Luisa/Luca, die Titelfigur des Romans, ausgerechnet in Meister Rosso verliebt. Neid, Mißgunst und höfische Intrigen tun ihr Übriges, um die Gefahr ständig zu verschärfen.

Die politische Situation - eine Stärke der Autorin und der rote Faden, der ihre historischen Romane verbindet

Armido, der Bruder von Luisa, der ebenfalls in Fontainebleau arbeitet und zunächst schützend seine Hand über Luisa hält, verliebt sich in eine Vaudois, eine Ketzerin, bricht mit der katholischen Kirche und flüchtet ins Luberon. Der französischen König Franz I. sympathisiert zwar mit den Vaudois, benötigt allerdings die politische Unterstützung der Konservativen, um seine Machtansprüche gegenüber Rom, Kaiser Karl V. und gegenüber den Einflussnahme-Versuchen Spaniens zu halten und muss daher mehr und mehr Restriktionen gegenüber den Protestanten zulassen.

Kunstgeschichte und das künstlerische Handwerk

Fontainebleau - das erste Schloss Frankreichs! Constanze Wilken erweckt es zum Leben. Ausführlich sind die Beschreibungen, wie das Kunstwerk geschaffen wurde und was Franz I. mit dem Bau dieses Kunstwerkes - seines Lieblingsschlosses - schaffen wollte, nämlich seinen Anspruch auf die Kaiserkrone dokumentieren. Kriegerisch und machtpolitisch konnte er sich nie gegen Karl V. durchsetzen. Weder finanzieller Ruin, verlustreiche Schlachten und sogar die Feindschaft der christlichen Welt (durch ein Bündnis mit den Osmanen) hielten ihn jedoch davon ab, dies zu versuchen. In Kunst und Kultur aber war er der führende Herrscher seiner Zeit.

Ein Roman, den man nicht mal kurz weglesen kann

Manch Leser wird sich schwer tun mit der ausführlichen Darstellung der künstlerischen Arbeit im Schloss und lieber der wesentlich dynamischeren Erzählung des Vaudois-Handlungsstrangs entgegen fiebern. Jenem Teil der Leserschaft muss gesagt werden, dass sie dafür etwas Geduld aufbringen muss, da dieser zwar schon früh immer wieder in einzelnen Kapiteln erzählt wird, aber Armido zunächst als egoistischen und unsympathischen Charakter darstellt. Dies ändert sich zwar mit der Zeit, aber der Handlungsstrang kommt erst im Laufe der zweiten Romanhälfte so richtig in Fahrt.

Auch die Hosenrolle von Luisa Paserini ist etwas unglaubwürdig. Wie blöd waren denn die Menschen dieser Zeit, dass sie über Monate und Jahre nicht gemerkt haben wollen, dass eine Frau sich unter die Künstler gemischt hatte? Trotz der weiblichen Stimme, der zierlichen Gestalt und allen weiteren geschlechtsspezifischen Merkmalen, die es galt, zu verbergen?

Ein interessanter und geschichtlich sehr gelungener Roman

Wer diese beiden Schwachpunkte jedoch tolerieren kann oder vielleicht sogar aus seinem Interesse heraus als Vorteil sieht, ist mit dem Buch sehr gut bedient. Constanze Wilken überzeugt wie auch schon bei Die Tochter des Tuchhändlers mit einer hervorragenden geschichtlichen Recherche, ihrem kunsthistorischen Wissen und vor allem damit, dass sie das ihrem Publikum erlebnisreich und plastisch vermitteln kann.

Sprachlich ist Die Malerin von Fontainebleau wieder äußerst gelungen:

 

 

Sie hatte niemandem hier von der Semele erzählt. Vielleicht würde sie das auch nie tun, denn nur Armido hätte sie verstanden. Armido, an den sie täglich dachte, genau wie an Rosso und ihre gemeinsame Zeit in Fontainebleau. Es gab Dinge, die ihre Kraft im Verborgenen entfalteten, und wenn Luisa an die Semele dachte, durchströmte sie eine innere Wärme, die sie alles Leid ertragen ließ. Seit sie das Fresko in Fontainebleau gesehen hatte, wusste sie, dass das immer so bleiben würde. Das Leben ist ein Mysterium, aber manchmal gewährt es dem Sterblichen einen Hauch von Gewissheit, dachte Luisa, und allein dafür lohnt es sich zu leben.

 

Das Zusammenspiel fiktiver Romanfiguren und -ereignissen mit der überlieferten Renaissance-Epoche ist schlicht brillant. Das politisch-geschichtliche Thema der Renaissance, das (Um-)Denken, der politische Umbruch, der aufkeimende Protestantismus, die zunehmende Bedeutung der Kunst zieht sich durch die historischen Romane von Constanze Wilken, sei es durch die Rolle der Beatrice mit ihrem ganz neuen Verständnis der Frau in der Gesellschaft oder die italienischen Kriege mit dem "Sacco di Roma" bei Die Tochter des Tuchhändlers oder auch die Fortsetzung der Italienfrage in Form der Glaubensauseinandersetzung in Europa, wie sie in dem vorliegenden Roman mit dem Massaker an den Waldensern (Vaudois) beschrieben wird. Interessant dürfte sein, wie sich der nächste Roman der Autorin in diese Romanserie einreiht.

Abgerundet wird Die Malerin von Fontainebleau durch einen Grundriss der Schlossgalerie von Fontainebleau, einem Nachwort, einer Danksagung, einem Personenverzeichnis und den Quellenangaben.

 

Die Malerin von Fontainebleau

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Letzte Kommentare:
08.05.2010 11:57:51
Simone

Ein gelungenes Werk - Kunst, Politik, Schicksale ganz großartig verwoben. Weglesen war tatsächlich nicht so einfach - weil es so viel mitzunehmen gab an Andeutungen, Hinweisen auf das geschickt gemachte Ende, die Kunstbeschreibungen -habe ich sehr gern gelesen und bin abgetaucht nach Fontainebleau. Das Schloss steht jetzt auf meiner Reiseliste!

05.03.2010 10:51:54
Zita

Ein wirklich gelungenes Buch! Es hält eigentlich mehr als der Klappentext verspricht - sehr fundierte Kunstbetrachtungen eingebettet in eine spannende Geschichte. Hat mir ausgesprochen gut gefallen! Auch der Waldenseraspekt war interessant und mit Armido und Aleyd habe ich gelitten...schön und empfehlenswert! Von Constanze Wilken lese ich mehr!

24.02.2010 10:24:06
Bini

Genauso ging es mir auch - ich war überrascht, einen so tiefgründigen Roman unter all den üblichen Die.... Titeln zu finden. Die Autorin hat mit Rosso, Luisa und Armido vielschichtige Charaktere geschaffen, die mir die Welt des Hofes, der Künstler und des Kirchenwahns auf lebendige Weise gezeigt haben. Dazu kommt eine berührende ungewöhnliche Beziehung zwischen dem Meister Rosso und Luisa und ein Geheimnis um ein Fresko, schön angelegt - ein wirklich feines Buch!

29.01.2010 20:48:20
anath

Das ist eines der besten Bücher, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe. Dabei hinterläßt das Buch keine glücklichen Gefühle sondern durchaus ein Gefühl der Bedrückung und der Ohnmacht.
Luisas Geschichte kommt zunächst als die übliche und für mich eher unglaubwürdige Hosenrolle daher. Es gelingt der Autorin jedoch, die Schwierigkeiten, mit denen die junge Malerin zu kämpfen hat ,sehr realistisch zu schildern und letztlich beeindruckt Luisa mit ihrem unbändigen Drang zu schöpferischer Arbeit.
Das Buch bietet ein sehr anschauliches Panorama des französischen Hofes, der politischen Intrigen und Kabalen. Dazu kommt die Geschichte der Waldenser und ihrer Verfolgung durch die Inquisition, ein relativ wenig bekanntes Stück Geschichte.Das alles , verbunden mit der Schilderung der kunsthandwerklichen Arbeiten bei der Ausgestaltung der Großen Galerie in Fontainebleau , macht das Buch interessant und lesenswert. Für mein Empfinden kann diese Geschichte einfach keinen guten Ausgang nehmen, zu viel Leid,Schmerz und Zerstörung ziehen sich wie ein roter Faden hindurch.

Für mich persönlich interessant : Katharina di Medici in einer positiv besetzten Rolle. Hier fragt man sich allerdings, wie die Anstifterin der Bartholomäusnacht eine solche Wandlung machen konnte - von der offenen, eher liberalen Kronprinzessin zur \\"Jesebel\\" der Hugenotten.

17.01.2010 16:49:46
Werner Siems

Was mir besonders an den Romanen von Constanze Wilken gefällt ist die Tatsache, dass die Historie in ihren Werken nicht zur schmückenden Kulisse degradiert wird. Ganz im Gegenteil. Die geschichtliche Zusammenhänge und die historischen Persönlichkeiten sind bis ins Detail recherchiert und verständlich dargestellt. So auch ihr aktueller Roman „Die Malerin von Fontainebleau“. Es ist viel Neues über die Kunst und die Künstler der Renaissance sowie über die politischen Hintergründe jener Zeit zwischen Mittelalter und Neuzeit zu erfahren. Zugleich ist der Roman eine spannende Unterhaltungslektüre, der mit einer bildhaften Sprache und den gut gezeichneten Charakteren ganz einfach Lust auf Lesen macht.

22.12.2009 10:52:49
Martin H.

Ein großartiger Roman prächtig erzählt! Kunst und Geschichte werden auf spannende Weise verknüpft und die fundierte Hintergrundrecherche der promovierten Kunsthistorikerin macht Lust aufs Nachlesen. Diana Gabaldon und Rebecca Gablé sind meine Favoriten und jetzt auch Constanze Wilken. In der Vorschau wird "Die Lautenspielerin" angekündigt - ich denke, darauf darf man sich freuen!

28.11.2009 15:48:22
Anneliese

Den positiven Meinungen schließe ich mich gern an, weil mich der Roman ein Wochenende in seinen Bann gezogen hat! Stimmige Geschichte über einen faszinierenden Künstler - Rosso Fiorentino (toll recherchiert!) und Luisa und Armido Paserini. Spannend die Verbindung von Kunst, Religion und Politik - lebendig geschrieben - Unterhaltung mit Tiefgang! Die Autorin gehört absolut zu meinen Favoriten wenn es um historische Romane geht!

26.11.2009 23:10:16
Marisa K.

Die Geschichte um die Geschwister Paserini, die in Frankreich für ihre Kunst, die Liebe und religiöse Freiheit kämpfen habe ich mit Begeisterung gelesen! Ein istorischer Roman, der nicht mit Fakten langweilt, sondern prächtig unterhält und die Autorin scheut auch vor Darstellungen der Härte des damaligen Alltags und Folter durch die Inquisition nicht zurück. Dadurch wird die Arbeit der Künstler in einem realistischen Licht dargestellt und sehr anschaulich. Ein wundervolles Buch, in dem es viele Stellen gab, die mich nachdenklich gemacht haben und zum Nachlesen über die Hauptfiguren und Schauplätze angeregt haben!
Besonders gefreut hat mich, dass ich Constanze Wilken kürzlich auf einer Lesung erleben konnte - und da es nicht selbstverständlich ist, dass eine Autorin auch fesselnd vorliest, war ich umso mehr angetan! Frau Wilken hat die Zuhörer bestens mit Hintergrundgeschichten zum Roman und zu ihrer Arbeit unterhalten und uns neugierig gemacht auf den nächsten Roman "Die Lautenspielerin", der im nächsten Jahr erscheint.

04.10.2009 23:05:01
Henriette

Eine faszinierende Geschichte über eine junge Frau, die sich als Mann durch das Leben schlägt. Es spielt am Anfang des 16. Jahrhunderts. Hauptthemen sind die Kunst und die Inquisition. Luisa Paserini, eine junge Frau, die sich der Kunst verschreiben hat, arbeitet als Stukador in der Werkstatt ihrer Familie. Sie träumt davon, im Schloss Fontainebleau zu arbeiten. Und sie tut es, als Mann, denn Frauen dürfen nicht künstlerisch tätig sein.
Der Roman ist sehr farbenprächtig und mit viel Gefühl geschrieben. Die Geschichte ist sehr eingehend und verständlich geschrieben. Intensiv habe ich alles miterlebt, konnte mir viel vorstellen, Bilder sehen. Die Beschreibungen waren sehr interessant, nicht langweilig, sondern sehr fesselnd.
Dies ist wirklich ein historischer Roman, der sich wirklich gelohnt hat, obwohl das Thema der Frau, die sich als Mann durchs Leben schlägt sehr oft verwendet wird.

24.08.2009 18:58:21
Jutta

wow! Was für ein großartiger Roman! In vier Nächten habe ich den Wälzer, der mir am Ende doch zu kurz erschien, verschlungen! Hier ist der Autorin ein ganz wunderbarer, mitreissender und kunstvoller Roman gelungen! Das Geheimnis um die Galerie wird erst ganz am Ende aufgelöst, sehr, sehr schön und gefühlvoll! nach all dem Leid, das Luisa und ihr Bruder erfahren müssen - ein passender und versöhnender Schluss! Ausgesprochen gut gefällt mir auch die Art, wie die Galerie des Rosso erklärt wird - faszinierend und lebendig! Allen Fans von historischen Romanen und Kunstinteressierten kann ich diesesn Roman nur wärmstens ans Herz legen!