Caravaggios Geheimnis

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Piper, 2009, Titel: 'Caravaggios Geheimnis', Originalausgabe

Couch-Wertung:

87
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Dirk Jaehner
Ein Muss für alle Caravaggio-Fans - und solche, die es werden wollen

Buch-Rezension von Dirk Jaehner Aug 2009

Kurzgefasst:

Im Schatten des imposanten Petersdoms sinnt Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio, auf Rache. Es ist das Jahr 1593, und der junge Maler will nach harten Lehrjahren in Mailand nun endlich in Rom, der Stadt der Meister und Mäzene, sein Talent unter Beweis stellen. Aber immer wieder erntet das verkannte Genie nur Spott - bis Caravaggio die Kunstwelt Italiens in Erstaunen versetzt. Er provoziert mit seinen Kompositionen von Licht und Schatten und schafft sich dadurch Neider und Feinde. Um seinem Ruhm ein Ende zu bereiten, sind diese zu allem bereit. In die Enge getrieben, begeht Caravaggio eine furchtbare Tat. Allein seine große Liebe Paola kann ihn jetzt noch retten. Wäre da nicht sein künstlerischer, manchmal fast sogar zerstörerischer Freiheitsdrang.

 

Nun greift also auch Tilman Röhrig auf das letzthin so oft verwendete Stilmittel einer Rahmenerzählung zurück. In seinem neuesten Buch Caravaggios Geheimnis, rechtzeitig zum 400. Todestag des italienischen Malers erschienen, bettet er den Roman des Maler-Lebens in die reale Geschichte eines Kunstdiebstahls: In der Nacht vom 17. zum 18. Oktober 1969 entwendeten zwei Diebe das Gemälde "Natività coi Santi Lorenzo e Francesco" aus dem Oratorio di San Lorenzo in Neapel. Das Gemälde ist bis heute nicht wieder aufgetaucht, und so, wie Röhrig es schildet, schreit der Raub an allen Ecken und Enden "Mafia" - durchaus nicht ohne Berechtigung.

Geheimnisse im Schatten

Caravaggios Geheimnis heißt Röhrigs historischer Roman, und es lässt sich spekulieren, welches Geheimnis gemeint ist. Das Geheimnis des Verbleibs des gestohlenen Gemäldes? Das lässt Röhrig offen, weil einfach nichts weiter darüber bekannt ist. Das Geheimnis des malerischen Erfolgs? Darauf gibt Röhrig eine Antwort. Das Geheimnis des Lebens des Malers? Da scheint es keins zu geben, denn Caravaggios Biografie ist größtenteils erforscht. Bleibt das seiner Kunst, und auch da hat Röhrig eine Antwort, auch wenn sie nicht als kunsthistorisch einwandfreie Theorie daherkommt. Der malerische Erfolg stellt sich ein, als Caravaggio seine Bilder damit bewirbt, als einziger Maler in Rom keine Vorzeichnungen zu erstellen. Was natürlich nichts weiter ist als ein Marketing-Coup. Caravaggios Kunst besteht darin, sich im Gegensatz zu seinen Malerkollegen auf das wichtigste Objekt des Bildes zu konzentrieren und Hintergründe im Schatten verschwinden zu lassen. Aber ist das ein so großes Geheimnis, dass es zum Titel eines Romans taugt?

Nein, es ist nicht, und trotzdem ist Röhrig ein fesselnder Roman gelungen. Er spielt mit Erwartungen, mit der Kunstbegeisterung der Leser und geht doch auf die Kunst nur in einem Maße ein, dass sie als gelegentlicher Motor für das Vorankommen der biografischen Erzählung ausreicht. Röhrig schreibt keine Analyse, er schreibt eine Biografie mit allen Menschlichkeiten.

Ein Leben zwischen gesellschaftlichem Desaster und künstlerischem Triumph

Caravaggios Aufstieg in die Malerelite ist mit Hindernissen gepflastert. Standesdünkel ist nur eines davon. Caravaggios unsteter Charakter ein anderes. Er will unabhängig von Sponsoren und Auftraggebern sein und weiß doch, dass er ohne sie keine Existenz aufbauen kann. Er will sich nur seiner Kunst widmen und sieht doch ein, dass er sich auch um ein reales Leben, und wenn er es noch so rudimentär lebt, kümmern muss.
Denn immer dann, wenn Röhrig Caravaggios Leben außerhalb seines Ateliers schildert, ist es voll von Fettnäpfchen, in die der künstlerisch hochbegabte, aber sozial ungebildete und ungelenke Maler tritt. Und da der Schwerpunkt des Romans nicht auf der Kunst und ihrer Entstehung liegt, begleitet man Caravaggio von einem gesellschaftlichen Desaster ins nächste. Mit seinem cholerischen und jähzornigen Charakter reißt er mehr als ein Mal alles das ein, was seine wenigen Freunde, denen er tatsächlich wichtig ist, mühsam aufgebaut haben.
Gleichwohl scheint er im Verlauf der Erzählung - also im Verlauf seines Lebens - ruhiger, gesetzter zu werden. Doch gerade in dem Moment, als seine Zukunft gesichert scheint, als er von den verschiedenen Verfolgern, die sich im Lauf der Zeit angesammelt haben, erlöst wird, stirbt er und das Buch endet.

Über dem Durchschnitt

Es ist Röhrigs Sprache, die dieses Buch über den Durchschnitt erhebt. Doch es ist ein Roman, keine Nacherzählung einer Künstler-Biografie, obwohl die historischen Details stimmen. Die Aufgabe eines Autors in so einem Fall ist es, eben diese Details mit Menschlichkeit zu füllen, und das gelingt Röhrig mit Bravour. Was hat Caravaggio gesagt oder getan, um in diese oder jene - verbürgte - Situation zu kommen? Wie haben seine Freunde reagiert, wie seine Gönner und Feinde? All das schildert Röhrig mit Einfühlungsvermögen, Verständnis und großer Kunstkennerschaft. Ganz gleich ob Kenner oder Fan, Röhrig trifft einen universellen Ton, der niemanden ausschließt.

 

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