Der Hochzeitsmord

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 1987
  • Heyne, 1981, Titel: 'The leper of saint giles', Originalausgabe
Der Hochzeitsmord
Der Hochzeitsmord
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Annette Gloser
93

Histo-Couch Rezension vonAug 2009

Die Auferstehung des Lazarus

Kurzgefasst:

Im Jahre des Herrn 1139 ringen König Stephan und Kaiserin Maud um die Herrschaft in England. Nicht zuletzt deswegen ist die Hochzeit des mächtigen Huon de Domville mit seiner blutjungen Braut von größter Bedeutung. Doch ein brutaler Mord überschattet die Zeremonien, die in der altehrwürdigen Abtei zu Shrewsbury statt finden sollen...

 

Der Oktober 1139 bringt für das Kloster St. Peter und St. Paul in Shrewsbury ein großes Ereignis mit sich. Huon de Domville, ein nicht mehr junger, durchaus rüstiger Baron, Berater des Königs und Herr über ausgedehnte Ländereien, will hier heiraten. Seine Braut Iveta de Massard ist Enkelin und einzige Erbin des berühmten Kreuzzugshelden Guimar de Massard. Aber der ist schon vor vielen Jahren im Orient gefallen und seit dem Tod ihrer Eltern steht Iveta unter der Vormundschaft ihres Onkels Godfrid Picard. Der allerdings unterlässt nichts, um sich an ihrem großen Vermögen zu bereichern. Und so ist auch die Hochzeit ein Kuhhandel, den Onkel und Tante für die Achtzehnjährige eingefädelt haben und an dem der Vormund genauso viel verdient wie der Bräutigam. Allerdings gehört Ivetas Liebe dem jungen Joscelin Lucy, der als Knappe ihrem Bräutigam dient.

Im Leprahospital St. Giles, wo Bruder Mark seit einigen Monaten dient, erwartet man diese Hochzeit mit genauso gespannter Aufmerksamkeit wie in ganz Shrewsbury, auch wenn die aussätzigen Bewohner des Hospitals nur von Weitem Anteil nehmen dürfen. Auch der vor wenigen Tagen mit dazu gekommene Lazarus scheint regen Anteil am Geschehen zu nehmen. Zwar bleibt der alte Mann meist für sich, doch er beobachtet die Vorgänge rund um die Hochzeit sehr genau.

Für die traurige Iveta scheint es keine Möglichkeit zu geben, sich aus ihrer verzweifelten Lage zu befreien, erst recht nicht, als Joscelin von seinem Herrn aus dem Dienst geworfen und des Diebstahls beschuldigt wird. Zwar kann der junge Mann vor den Häschern des Sheriffs fliehen, doch Iveta scheint nun jeder Mut zum Widerstand verlassen zu haben. Aber die Hochzeit findet trotzdem nicht statt, denn am Hochzeitsmorgen findet man den Bräutigam erwürgt im Wald.

Für alle steht fest, daß hier nur Joscelin Lucy Rache an seinem ungerechten Herrn geübt haben kann. Cadfael und Mark jedoch haben so ihre Zweifel. Cadfael macht sich auf, Antwort auf alle die Fragen zu suchen, die vom Sheriff gar nicht erst gestellt wurden. Und Bruder Mark wundert sich über seltsame Vorgänge in seinem Hospital, bei denen der alte Wanderpilger Lazarus eine besondere Rolle zu spielen scheint. Und noch weiß niemand, daß es bald eine weitere Leiche geben wird.

Zwei Leichen, ein Mörder?

Mit diesem Kriminalfall macht es Ellis Peters ihren Lesern nicht leicht. Sie inszeniert ein Verwirrspiel vom Feinsten und viele Informationen erhält der Leser nur über Andeutungen und versteckte Hinweise. Wie in vielen Cadfael- Krimis sind die Mordopfer keineswegs sonderlich sympathisch, der Verdächtige dagegen schon. Auch ein Motiv für den Mord scheint eigentlich nur er zu haben. Das Liebespaar, für welches der Leser selbstverständlich ein Happy End erhofft, ist bei Cadfael eine immer wieder gern gewählte Zutat. So haben alle etwas davon: die Schnüffler, die Romantiker und auch diejenigen unter den Lesern, die einfach nur Mittelalter pur wollen. Und das Rezept funktioniert in diesem Krimi perfekt.

Hier wird eine etwas rasantere Gangart angeschlagen als bei vielen anderen Romanen aus der Reihe. Cadfael lässt sich nur schwer in die Karten gucken, erschwerende Umstände also für die Hobbydetektive unter den Lesern. Und wenn man dann auf den letzten Seiten glaubt, nun aber doch den Mörder ausgemacht zu haben, zieht Cadfael noch ein Ass aus dem Ärmel.

In Der Hochzeitsmord wirft die Autorin einen besonderen Blick auf das Leben der Aussätzigen. Das Leben im Leprahospital St. Giles wird genau beschrieben und der Leser erhält tiefe Einblicke in die Regeln, an die sich die Ausgestoßenen der Gesellschaft halten mussten.

Fesselnde Protagonisten

Ellis Peters hat in ihren Cadfael Romanen Protagonisten geschaffen, die in sich selbst ruhen und in ihren Rollen bleiben. Es gibt keine modernistischen "Ausreißer", die ein völlig neues Verständnis vom Dasein einer Ehefrau oder von den Aufgaben eines Dieners hätten. So auch in Der Hochzeitsmord. Die Menschen in diesem Roman kennen den ihnen in der Gesellschaft zugewiesenen Platz. Sie wachsen gelegentlich über sich selbst hinaus, bleiben aber immer sie selbst. So wirkt der Roman bei aller Romantik doch sehr realistisch.

Die Autorin bietet dem Leser eine angenehme Ausgewogenheit von innerer und äußerer Handlung. Ihre Beschreibungen der handelnden Personen sind punktgenau:

 

Der stellvertretende Sheriff war nämlich ein Mann, der sich nicht für allwissend hielt und den angesichts von Sachverhalten, die bei anderen nur einen einzigen Schluß zuzulassen schienen, ein geradezu perverses Misstrauen überkam.

So wird Hugh Beringar geschildert. Der Sheriff Gilbert Prestcote dagegen :

 

Und mit ihm als Sheriff, das musste Cadfael zugeben, hatte diese Grafschaft Glück, denn er war ein ehrbarer und gerechter Mann, wenn er auch eine Vorliebe für rasche Lösungen und schnelle Aburteilungen hatte und wenig geneigt war, über das Naheliegenste hinauszusehen.

Diese Menschen ziehen den Leser in ihren Bann. Dazu kommt, daß man die Welt durch Cadfaels lebensweise Augen erleben darf und oft zieht feine Ironie durch die Zeilen:

 

Der Anblick der beiden...hatte Bruder Mark zu dem unlogischen, aber verständlichen Gedanken verleitet, ein so freundlicher und kinderlieber Mensch könne unmöglich ein Dieb oder Mörder sein.

Oder auch in jenem Moment, in dem Bruder Oswin kurz seine Berufung in Frage stellt:

 

Diesmal schlug er die Augen erst nieder, als Iveta hinter der Hecke verschwunden war. Einige Minuten lang stand er da, dachte nach und kam schließlich zu dem traurigen Ergebnis, daß es in jedem Leben Nachteile gab. Weder im Kloster noch in der Welt draußen konnte ein Mann alles haben.

Das zu lesen macht Spaß. Die Autorin hat eine Welt erschaffen, wie sie so vor fast tausend Jahren vielleicht wirklich existiert haben mag, oder auch nicht. Zumindest aber ist es ihr gelungen, dies so wahrhaftig zu vermitteln, daß man ihr diese Welt ohne Weiteres glaubt, tief darin eintaucht und erst auf der letzten Seite wieder in die Realtität zurück findet.

Glaube und Ritterlichkeit

Wer nicht unbedingt Thrillerqualitäten bei einem Krimi braucht, sondern sich auf ein vergleichsweise ruhiges, fein gesponnenes Rätsel einlassen kann, der ist mit "Der Hochzeitsmord" gut bedient. Spannende Stunden im Mittelalter sind garantiert. Den ganzen Roman durchströmt ein Odeur der Ritterlichkeit und ein dezenter Hauch Liebesgeflüster macht die Sache rund. Atmosphärisch ist die gesamte Reihe einfach einmalig und Der Hochzeitsmord bildet hier keine Ausnahme.

Sehr hilfreich ist eine Karte von Shrewsbury und Umgebung, die dem Leser ermöglicht, sich zu orientieren und die Wege der Protagonisten zu verfolgen. Und so kann dieser Mittelalter-Krimi allen jenen empfohlen werden, die nicht nur Wert auf eine gute Recherche sondern auch auf Spannung und Gefühl legen. Ein fesselndes, faszinierendes Buch und ein Muß im Histo-Regal.

Der Hochzeitsmord

, Heyne

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