Habichte über Karthago

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • , 2009, Titel: 'Habichte über Karthago', Originalausgabe

Couch-Wertung:

45
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Carsten Jaehner
Flügelschwache Erzählung aus dem Alten Rom

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Jul 2009

Kurzgefasst:

Karthago im 5. Jahrhundert n. Chr.: Bonifacius, Heerführer in der römischen Provinz Africa proconsularis, wird aufgrund einer Intrige vom römischen Kaiser zum Tode verurteilt. Er revoltiert und ruft die Vandalen zu Hilfe. Doch ahnt er nicht, dass deren König ein ganz anderes Spiel spielt: Geiserich, im heimischen Spanien von den Westgoten bedrängt, will sich selbst mit den Vandalen in Nordafrika niederlassen und die Römer vertreiben. Das mutige Volk mit dem Habicht im Wappen bereitet sich darauf vor, gegen Rom Krieg zu führen. Königssohn Arwid, der asketische Philosoph Truchthari und die geheimnisvolle Druidin Ceridwen aus dem Norden geraten in einen Strudel von Ereignissen, die die Weltkarte verändern werden...

 

Im Jahr 430 nach Christus haben es die Vandalen auf ihrer Völkerwanderung bis an die Südkiste Spaniens geschafft. Ihr Ziel ist die römische Provinz Africa, nachdem das Römische Reich schwächelt und dieses Ziel relativ leicht zu erreichen ist. Bei Gibraltar setzen sie nach umfangreichen Vorbereitungen über und arbeiten sich unter der Führung ihres Königs Geiserich an der Küste Richtung Osten vor. Ihr Ziel: Die Hauptstadt Karthago.

Zum Heer Geiserichs gehören auch der eher friedliche Sohn Geiserichs, Arwid, der vor der Übersetzung noch die geheimnisvolle junge und hübsche Druidin Ceridwen kennen lernt, in die er sich schnell verliebt. Auch er ist ihr nicht unsympathisch, und so ist eine Heirat schnell beschlossene Sache. Auch Truchthari, Arwids bester Freund und Truchsess des Königs, ist immer an der Seite seines vandalischen Vorgesetzten.

Das Ziel Karthago ist weit entfernt, und zunächst muss Hippo Regius, die Provinzhauptstadt, unterworfen werden. Händler und Politiker vor Ort versuchen noch, das beste aus der Situation zu machen. Doch wie so oft ist nicht immer klar, wer Freund und wer Feinst ist, und manchmal stehen einem auch die eigene Familie oder die eigenen Freunde im Weg.

Interessante Thematik, leider verschenkt

Mit Habichte über Karthago hat Bernd Hertling einen Debütroman vorgelegt, der ein interessantes und bislang wenig beachtetes Thema beschreibt. Der afrikanische Teil des Römischen Reiches war noch nicht häufig Gegenstand von historischen Romanen, und so verdient der Roman besondere Aufmerksamkeit, spielt er doch gegen Ende der römischen Herrschaft. Habichte kommen in Afrika eigentlich nicht vor, aber die werden als Wappenvögel der Vandalen mit in den neuen Kontinent eingeführt und sind so titelgebend für den Roman.

Beginnt der Roman mit dem Kennenlernen von Arwid und Ceridwen noch recht unterhaltsam und auch spannend, so lässt die Spannung im Laufe der Erzählung jedoch auch wieder sehr schnell nach. Hertling gelingt es nicht, im Laufe des Romans eine durchgehende Spannung aufzubauen, was auch mit der Erzählstruktur zu tun hat. Zwar entwickelt er mehrere Erzählstränge, wie den mit dem Liebespaar, Ceridwens Verführungsversuchen gegenüber Truchthari, einigen Händlergeschichten wie die von Demokedes und auch der Geschichte von Ischthoret, einer Dame des käuflichen Gewerbes, aber sobald er den Erzählstrang wechselt, vermisst man den anderen nicht mehr. Wenn er dann wieder zurückkehrt, wird der Erzählstrang nicht fortgeführt, sondern geht irgendwie anders weiter. So wird die Handlung eher egal als interessant, und ein großer Gesamtzusammenhang des Buches ist so nur schwer erkennbar. Angedeutete Spannungen werden nicht ausgelebt, oder sie werden das halbe Buch über ausgeblendet und werden so vergessen und unwichtig. Hier wäre ein andere Gewichtung ratsam gewesen.

Sprachlich schwach und enttäuschend

Auch sprachlich kann der Roman nicht überzeugen. Zwar ist der Autor bemüht, eine einheitliche Sprache für die Erzählung zu finden, und sein Bemühen ist auch durchaus erkennbar. Aber immer wieder steht er sich selbst im Weg, wenn er "moderne" Ausdrücke mit "alten" vermischt. Worte wie "Puderköfferchen", "Agents provocateurs" "Bonmot" oder "kalauern" haben in einem Roman aus dem Römischen Reich nichts verloren. Leider muss man sagen, dass immer dann, wenn solche Begriffe auftauchen, man als Leser den Eindruck bekommt, man würde Comedy-Literatur lesen, und das darf einem historischen Roman nicht passieren. Das unglückliche Gemisch aus alt und neu ist hier fehl am Platze. Auch der sehr häufige Gebrauch des Wortes "peripher" ist auffällig und gibt der Erzählung eine unpassende ironische Note.

Die teilweise extrem langen philosophischen Exkurse sind irgendwie in die Handlung konstruiert und gerade gegen Ende störend und vollkommen unnötig, da sie nichts mit dem Geschehen zu tun haben. Über viel zu viele Seiten ergehen sich Arwid und Truchthari in Gesprächen, die der Leser auch überblättern kann, ohne ein schlechtes Gewissen bekommen zu müssen. Zwar weiß der Autor auch über seine erwähnten Fachgebiete wie Falknerei, Seefahrt oder Heereswesen Bescheid, aber er benutzt in den jeweiligen Passagen auch das jeweilige Fachvokabular, aber so wohlerzogen und breit gefächert war selbst zu dieser Zeit nicht einmal der hohe Adelsstand.

Ein dreiseitiger Glossar ergänzt den Roman, allerdings stellt man bei der Lektüre immer wieder fest, dass dieser mehr als unvollständig ist. Allzu oft blättert man auf der Suche nach einem unbekannten Begriff nach hinten und erfährt keine Hilfe. Auch hätte eine Karte der Nordküste Afrikas mit der Wanderung der Vandalen eine schöne und sinnvolle Ergänzung ergeben, leider fehlt sie. Daher bleibt auch bis zum Schluß unklar, wie denn die Stadt, um die sich der Hauptteil der Handlung dreht, nämlich Hippo Regius, heute heißt (siehe fehlende Karte), damit man ungefähr weiß, wo sich das ganze abspielt. Kleiner Tipp: Die Stadt heißt heute Annaba und liegt in Algerien.

Die mangelnde Spannung kann auch das ansonsten interessante Leben der Zeit nicht wettmachen. Daher sind die 460 Seiten aus dem Verlag Philip von Zabern nicht für jeden Leser das richtige, es sei denn, er interessiert sich hauptsächlich für diese Zeit und kann die oben erwähnten sprachlichen und inhaltlichen Mängel ausblenden. Allen anderen sei von vornherein von dem Roman abzuraten.

 

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