Sie kamen bis Konstantinopel

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • , 2009, Titel: 'Sie kamen bis Konstantinopel', Originalausgabe

Couch-Wertung:

91
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Rita Dell'Agnese
Als würde man einen literarischen Zopf flechten

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Jul 2009

Kurzgefasst:

Mitte des 7. Jahrhunderts stürmen im Osten die islamischen Glaubenskrieger voran, während Europa in Barbarei versinkt. Zu dieser Zeit verlässt Pelagia, eine verwöhnte junge Frau, ihre Heimat auf der Suche nach Rang und Reichtum. Sie erlebt Rom als gespenstische Ruinenstadt und trifft auf Sizilien den größenwahnsinnigen Kaiser Konstans. Von Piraten nach Damaskus verschleppt, lebt sie am Hofe des Kalifen und findet sich zwischen zwei Männern hin- und hergerissen: dem Araber Daud und dem irischen Priester Patricius. Als die muslimische Flotte zum Sturm auf Konstantinopel rüstet und sie von einer Erfindung erfährt, die den Lauf der Geschichte wenden kann, muss sie eine folgenschwere Entscheidung treffen...

 

7. Jahrhundert: Padraich wächst in einem irischen Kloster auf, Daud im Hause des Nachfolgers vom Propheten Mohammed. Pelagia ist die verwöhnte Tochter aus reichem Hause in Karthago. Das Schicksal führt die so unterschiedlichen drei Personen zusammen. Und genau hier beginnt Sie kamen bis Konstantinopel. In diesem Augenblick, in dem Pelagia Daud ins Auge sieht, bevor ihr Blick zu Padraich wandert. Es ist der einzige Moment, in dem alle drei Protagonisten zur selben Zeit am selben Ort sind. Diese Szene ist wie ein Versprechen, das der Autor Frank S. Becker abgibt, bevor er damit beginnt, die einzelnen Stränge dieses überraschenden wie starken Romans aufzubauen, um sie später zu einem literarischen Zopf zu flechten.

Überzeugende Gliederung

Frank S. Becker springt in seinem Roman nicht von einem Handlungsstrang in den anderen. Er lässt zunächst Padraich, später Daud und schließlich Pelagia im Mittelpunkt des Geschehens und erzählt zunächst einmal deren Geschichte. Erst mit der Zeit werden die Schicksale zunächst ganz sachte, später immer deutlicher ineinander verflochten. Bis das Geschehen in ein Inferno mündet, das - sobald sich der Rauch der lodernden Feuer verzieht, einem überraschenden Schluss Platz macht. Die Gliederung vermag zu überzeugen und ruft bei den Übergängen keinerlei Verwirrung hervor - was nicht zuletzt der sprachlichen wie erzählerischen Stärke des Autors zu verdanken ist.

Tiefsinnige Figuren

Bei Sie kamen bis Konstantinopel gibt es weder die über alle Massen starke Frau noch den strahlenden Helden. Es gibt drei Persönlichkeiten, die in ihrer ganzen Art stimmig sind und dem Roman ein besonderes Gepräge geben. Jede der drei Figuren erlebt Abgründe und Höhen. Das Schicksal, das ihnen viel abverlangt, macht die drei - jeden auf seine Art - zu starken Charakteren. Während Padraich und Daud sich auf eine leise aber eindringliche Art in die Herzen der Leserinnen und Leser stehlen, wird Pelagia vielerorts draußen bleiben müssen. Dies, obwohl sie eine ebenso starke, ausgezeichnete ausgearbeitete Figur ist, wie die beiden anderen. Doch hat Frank S. Becker Pelagia mit zahlreichen Verhaltensweisen ausgestattet, die wenig Sympathien zu wecken vermag. Gerade als diese sich nur langsam wandelnde, verwöhnte Gestalt verleiht Pelagia dem Geschehen aber die richtige Würze.

Darüber Nachdenken

Von der Sprache her ist Sie kamen bis Konstantinopel ein reifes Werk, das sich flüssig liest. Und doch handelt es sich nicht um einen Roman, den man sich mal eben schnell als Feierabend- oder Zuglektüre gönnen sollte. Es ist ein Roman, der Tiefe hat und zur Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen einlädt. Der zudem die durch die persönlichen Erlebnisse bedingte Reifung der drei Protagonisten sehr schön aufzeigt und zu einer in sich stimmigen, wenn auch oft gnadenlosen und entlarvenden Geschichte werden lässt.

Mit Sie kamen bis Konstantinopel ist Frank S. Becker erneut ein Roman gelungen, der sich von der breiten Masse abzuheben vermag und dessen Qualität sich auf verschiedensten Ebenen manifestiert. Aber auch ein Roman, der - soll er sich ganz erschließen - vom Leser erarbeitet sein will. Auf jeden Fall serviert hier der Autor ein Leseerlebnis der Extraklasse.

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