Das Mädchen und sein Henker

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Gmeiner, 2009, Titel: 'Das Mädchen und sein Henker', Originalausgabe

Couch-Wertung:

74
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Volker Faßnacht
Ein Plädoyer für die Menschlichkeit

Buch-Rezension von Volker Faßnacht Jun 2009

Kurzgefasst:

Hamburg im 18. Jahrhundert: Der 16-jährige Jan Kock muss nach dem plötzlichen Tod seines Vaters dessen Amt als Scharfrichter übernehmen. Viele Jahre erfüllt er seine Arbeit pflichtbewusst. Doch als er sich in das Lachen eines Mädchens verliebt, gerät seine Welt ins Wanken. Denn die junge Hanna Kranz, Dienstmädchen einer reichen Familie, ist des Kindsmordes angeklagt und bis zu ihrer Hinrichtung bleiben nur noch wenige Tage...

 

Das Mädchen und sein Henker ist der erste veröffentlichte Roman von Dagmar Fohl. Sie berichtet detailliert über den Beruf des Scharfrichters im ausgehenden 18. Jahrhundert.

Die Zwänge der Zeit

Noch immer sind die Menschen eingezwängt in die Nomenklatur des herrschenden Systems. Scharfrichter sind und bleiben das, was sie sind, nämlich die nachrichterlichen Vollstrecker, die für die Obrigkeit die Drecksarbeit erledigen. Die Durchführung der Folter, Körper- und Ehrenstrafen und die Abdeckerei und Kloakenreinigung waren neben der Aufsicht über die Prostitution weitere Aufgaben des Henkers. Aber auch Arzt und Apotheker waren Tätigkeiten, die von Henkern ausgeübt wurden, denn niemand sonst kannte sich mit der Anatomie des menschlichen Körpers so gut aus, wie die Scharfrichter - wohlgemerkt, diese Tätigkeit wurde nur hinter vorgehaltener Hand von den Menschen akzeptiert, da der Henker gleichzeitig als unrein und unehrlich galt.
Aber z.B. auch die Mägde waren fest eingebunden in dieses starre System:

 

 

Gottes Wille ist es, dass du anderen, die höher stehen als du, dienst. Wie Gott nun einen jeden berufen hat, also wandle er.

 

Oder auch das alttestamentarische Gebot "Auge um Auge - Zahn um Zahn" war unabdingbares Gut der Gesellschaft, was weder kritisiert noch hinterfragt wurde, ebenso wie es quasi unmöglich war, eine höhergestellte Person anzuklagen. Und so war das Recht stets auf Seiten des gesellschaftlich höher angesiedelten Menschen, der im Umkehrschluss Narrenfreiheit genoss, solange er einen "Schuldigen" präsentieren konnte.

Ein Appell für die Abschaffung der Todesstrafe in Romanverpackung

Dagmar Fohl ist bei ihrem Erstlingswerk keine reine Roman-Erzählerin. Vielmehr appelliert sie an die Menschen, ihr Hirn einzuschalten, nicht mehr die Augen zu verschließen, wenn doch ersichtlich ist, welch großes Unrecht geschieht. Der vorliegende Fall: Eine Magd soll angeblich ihr neugeborenes Kind getötet haben. Einen Vater dazu gibt es nicht. Selbst wenn sie es gewesen sein sollte - Dagmar Fohl spricht sich zwar nicht deutlich dagegen aus, aber es ist zu erahnen, dass sie es wohl nicht gewesen ist - so hat sie sich in ihrer Zeit zwischen Not und Elend zu entscheiden.

Verlust der eigenen Ehre, Armut, Ächtung einerseits oder Kindsmörderin andererseits

Wäre es nicht viel besser, die Ursache dieses Dilemmas abzuschaffen? Dafür aber war die Zeit trotz der mit Immanuel Kant einhergehende Erkenntnis, einer aufgeklärten Gesellschaft, die die Glückseligkeit aller ermöglicht und garantiert, noch immer nicht reif, da die Voraussetzung dafür der richtige Gebrauch der Vernunft und den Mut zum selbstverantworteten Denken erfordert hätten und nicht immer nur der Verweis auf Gott und dass wohl schon alles seine Richtigkeit habe, wenn es die Obrigkeit so bestimmt.

Wie aber hätte Zweifel über die Gerechtigkeit einer öffentlichen Hinrichtung entstehen sollen? Der speichelleckende, obrigkeitsunterwürfige, eifernde und geifernde Mob, der sich voller Lust und Grausen am Elend der Unglücklichen erfreut hat und bisweilen selbst Hand angelegt hat, wenn ein Scharfrichter gefehlt haben sollte, waren doch gerade er derjenige, der am schärfsten verurteilte.

Wie kann ein Scharfrichter richten?

Der - wohl fiktive - Scharfrichter Jan Kock ist ein herzensguter Mensch, der, seiner Alternativen zur Ergreifung eines anderen Berufes aus Standesgründen, beraubt war. Als 16-Jähriger musste er bereits das Henkersamt von seinem Vater übernehmen. Er, der doch viel lieber den Menschen helfen wollte, sie gesund machen wollte, statt sie zu richten. Trotzdem hat er noch nie gefehlt und seine Liste an Kindsmörderinnen ist wahrlich lang.
Wie aber konnte er in diesem Fall, nachdem er sich in das Lachen dieses Mädchens verliebt hatte, ausgerechnet er also, dieses schreckliche Urteil an ihr vollstrecken? Hanna, die ihn seit einem ganz schrecklichen Streich, damals in seiner Kindheit, zum ersten Mal wieder zum Lachen gebracht hatte, ja, ihm sein Lachen zurückgegeben hatte, wie sollte er sie richten?

Dagmar Fohl gelingt es ausgezeichnet, die Hintergründe und Gedanken dieses Menschen zu skizzieren, darzulegen, wie schwer dieses aufgebürdete Amt auszuführen war.

Die Randfiguren sind zu wenig beleuchtet

Zusammen mit der Darstellung des Defensors Dr. Friedrich König ist Jan Kock die einzige Person, die in dem Roman ausführlich beschrieben wird. Alle anderen Beteiligten bleiben recht farblos. Selbst über Hanna erfährt die Leserschaft wenig.

Auch der Stil des staccato-artigen Beschreibens der Gedankenwelt der Protagonisten ist sehr außergewöhnlich und stört zunächst den Lesefluss massiv, da er unerwartet und noch völlig zusammenhanglos auf die Leserinnen und Leser hereinbricht. Dies ändert sich allerdings in der letzten Einstellung schlagartig, als die letzten Gedanken der Delinquentin in der Einsamkeit ihrer Zelle wiederum in diesem Stil beschrieben werden.

 

 

Hannas Muskeln zuckten. Plötzlich Kälte. Blut zu Eis erstarrt. Zähneklappern. Fieberschauer. Heiß. Kalt. Heiß. Kalt. Schnellte von ihrem Lager hoch. Lief in der Zelle umher, schwitzte. Durst. Durst. Zunge am Gaumen. Hals ausgetrocknet. Lief umher. Begann, ihre Schritte zu zählen. 354, 55, 56. Acht Schritte von der gegenüberliegenden Wand zur Zellentür, fünf Schritte von Seitenwand zu Seitenwand, acht, acht, fünf, fünf. 431, 432, 33, 34. Jäh blieb sie stehen, im fahlen Strahl, den der Mond durch die Gitter schickte, blickte zum winzigen Fenster hinauf. [...]

 

Hier passt es einfach, weil die Spannung schier atemlos anwächst und jede verzierte und weiter ausholende Erzählung das Tempo gnadenlos abbremsen würde.

An manchen Stellen zu wenig, an anderen Stellen zu viel

Insgesamt kann der vorliegende Roman nicht ganz überzeugen. Phasenweise ist er zwar sehr eindrucksvoll und höchst informativ, doch bleiben auch sehr viele Personen und Handlungsstränge auf der Strecke, die wohl viele Leser gerne besser kennen gelernt bzw. deren Ende geklärt gehabt hätten. So wird das Buch manchem Leser an einigen Stellen fast schon ein wenig merkwürdig steril vorkommen. Vielleicht wäre die Betonung auf mehr Roman und dafür weniger Appell gegen die Todesstrafe besser gewesen?

So aber ist es die Frage an die Leserschaft selbst, wie sie das vorliegende Buch letztendlich versteht: Ein dramatisches Plädoyer für die Menschlichkeit, das sehr gut bei den Menschen der heutigen Zeit ankommt, oder eben zwar ein spannender historischer Roman, der aber leider ein paar Erzählstränge zu viel im Sande verlaufen lässt bzw. überhaupt nicht anspricht.

Glücklicherweise jedenfalls hat die Geschichte ein dramatisch-spannendes Finale aufzuweisen, das manche Schwäche überdecken dürfte. Ein sehr ordentliches Debüt, welches mit einem Nachwort, Danksagungen und einem Quellenverzeichnis abgerundet wird.

 

Das Mädchen und sein Henker

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