Die Tochter des Buchdruckers

  • Weltbild
  • Erschienen: Januar 2008
  • Weltbild, 2008, Titel: 'Die Tochter des Buchdruckers', Originalausgabe
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Volker Faßnacht
77

Histo-Couch Rezension von Volker Faßnacht Mai 2009

Neid, Missgunst und ein verhängnisvolles Erbe

Kurzgefasst:

Das Leben der Nachkommen der Kaufleute Gutta und Bertram wird vom Dreißigjährigen Krieg überschattet. Die Männer sind in der Schlacht und die Frauen der Dynastie müssen allein um Hab und Gut und Leben kämpfen. Doch Lila zerbricht fast daran, von ihrem Mann getrennt zu sein.

 

Die Tochter des Buchdruckers von Ines Thorn ist nach Die Kaufmannstochter der zweite Teil einer fünfteilig geplanten Romanserie. Wie schon in der Vorgeschichte malt Ines Thorn ein detailliertes Bild der Menschen in Frankfurt und dieses Mal zusätzlich auch in Leipzig. Dabei nimmt sie wieder Bezug zu den Geisenheimers, in Form der nächsten vier Generationen, wobei die Urenkel von Gutta und Bertram die Hauptfiguren sind.

Ein verhängnisvolles Erbe sorgt für Neid und Missgunst

Der reiche Kaufmann Gero Geisenheimer ist tot. Seine Erbverfügung sorgt für reichlich Zündstoff, da er den Hauptteil seines Vermögens an seine Urenkel vererbt. Stichtag soll sein, wenn der Älteste von ihnen volljährig wird. Brisant ist, dass nur Arno und Lila bereits Nachkommen haben, während Andreas und Rieke noch keine Erben vorweisen können.

 

 

Das ist ungerecht [...] Arno und Lila haben zwei Kinder, wir dagegen sind kinderlos. Das heißt, sie werden wahrscheinlich von den hundertzwanzigtausend Gulden mehr bekommen als wir. Womöglich gar alles!

 

So nimmt also das Verhängnis seinen Lauf, da Rieke daraufhin ihrer Schwägerin - das Verhältnis war auch schon vorher sehr belastet - nicht einmal mehr die Butter auf dem Brot gönnt. Mit aller Gewalt versucht sie Andreas dazu zu nötigen, ihr ein Kind zu machen. Dieser mag aber so gar nicht, wobei die Autorin leider nicht erwähnt, weshalb das so ist.

Lila's dunkle Vergangenheit und Rieke's Ränkespiel

Manches Unglück fällt aus heiterem Himmel über einen herein. So muss sich wohl Lila fühlen, als sie plötzlich und unerwartet von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Das ist sehr spannend erzählt, und, da es Rieke erfährt, natürlich ein gefundenes Fressen für deren Ränkespiel. Auch ist die Auflösung um dieses Geheimnis, obwohl es schon ziemlich schnell gelöst zu sein scheint, mittels einer überraschenden Wendung zum Schluss doch überhaupt nicht vorhersehbar.

Die erste Tageszeitung der Welt

Mit Marga und Robert Mahlich fügt die Autorin einen weiteren Erzählstrang in den Roman ein. Marga ist die titelgebende Figur des Romans und erfindet in ihrer Not die erste Tageszeitung der Welt. Robert ist nämlich ein Trunkenbold und Weiberheld und bringt das ganze Geld der Geisenheimer'schen Erbschaft durch. Interessant ist es, wie sich Marga im Laufe der Erzählung emanzipiert und trotz der frauenfeindlichen Zunftordnung versucht zu behaupten.

4 starke Frauen - Leidenschaftliche Erzählung menschlichen Miteinanders

Wie immer in ihren Romanen, haucht Ines Thorn ihren Figuren eine geballte Ladung Leben ein. So ist Rieke einfach eine richtig böse Intrigantin, die aufgrund ihrer einfachen Herkunft - eine verarmte Rittersfamilie - ständig darauf bedacht ist, den größten Anteil vom Kuchen zu bekommen und neidvoll auf ihre doch so anmutige und elegante Schwägerin achtet.

Lila dagegen ist eine selbstsichere und souveräne Frau, die ihren Haushalt im Griff hat und ein friedliches und gemütliches Leben mit ihrem Arno lebt. Freundlich und unvoreingenommen gegenüber den Menschen, hilfsbereit und großzügig gegenüber den Armen. Einfach eine vornehme Patrizierin - zumindest noch...

Judith, eine Großnichte von Gero Geisenheimer, hat andere Probleme. Ihr Mann ist verstorben und sie wünscht sich nichts sehnlicher als wieder zu heiraten, weil es sich halt so gehört:

 

 

Ihr Mann Matthias war vor vier Jahren gestorben - gerade rechtzeitig, sonst hätte ihn Judith vielleicht höchstselbst umgebracht. Als Schürzenjäger bekannt, vor dem kein Weiberrock sicher war, hatte er die Franzosenkrankheit mit nach Hause gebracht [...]: "Vielleicht ist es Zeit, mir wieder einen Mann zu suchen. [...] Es ist nicht so, dass ich mich einsam fühle, nein, das nicht. Aber etwas fehlt eben. [...] Eine Frau ohne Mann ist nun einmal nur halb so viel wert."

 

Marga Mahlich letztlich hat es ganz schlecht erwischt. Ihr Mann, ein Egoist, Säufer, Frauenheld und Macho verkörpert den Typus Mann, der dank der damals vorherrschenden Gesellschaftsordnung, wo die Frau einfach nichts zu sagen hatte, dafür sorgt, dass es einem selbst als männlichem Leser die Zornesröte ins Gesicht treibt. Herrlich zu lesen, wie sich Marga versucht, sich zu emanzipieren.

Überhaupt schafft die Autorin in "Die Tochter des Buchdruckers" ein Welt von starken Frauen, jede auf ihre eigene Art und Weise. Ob die Figuren so tatsächlich existiert haben könnten, ist besonders bei Marga Mahlich und Rieke Geisenheimer fraglich, da gerade diese beiden doch sehr überzeichnet wirken.

Gefühle und Beziehungsgeflechte sind die Stärken der Autorin

Trotzdem funktioniert der Roman gut: Er ist leicht zu lesen, obwohl oder gerade weil Ines Thorn unkomplizierte, aber gut beschreibende Sätze bildet, die bei der Leserschaft doch immer ein Bild im Kopf entstehen lässt und man so Teil der Geschichte werden kann.

Der vorliegende Roman ist gerade richtig für all jene Leserinnen und Leser, die sich in die Gedankenwelt von Frauen des 17. Jahrhunderts hineinversetzen wollen. Eine ordentliche Portion Intrigen und Gefühle, umrandet von detaillierten Beschreibungen der Lebensweise der beginnenden Neuzeit, runden den Roman sehr schön ab.

Wer dagegen einen Roman mit harten geschichtlichen Fakten erwartet, ist mit Die Tochter des Buchdruckers wohl eher nicht so gut beraten. Das dürfte den Fans von Ines Thorn jedoch längst bewusst sein, steht sie doch, wie wohl keine andere Autorin, für die gefühlsstarken, über Beziehungsgeflechte von Menschen geschriebene Romane ein.

Schade ist natürlich auch, dass der Buchtitel mal wieder so richtig gruselig am Thema vorbeigeht, ist der Leipziger Zeitungsdruck zwar ein sehr unterhaltsamer, jedoch auch im höchsten Fall ein wichtiger Nebenerzählstrang, der den Buchumfang nicht unter 300 Seiten absinken lässt. Die eigentliche und hauptsächlich erzählte Geschichte von Lila und Rieke könnte auch ganz ohne Die Tochter des Buchdruckers auskommen.

 

Die Tochter des Buchdruckers

Ines Thorn, Weltbild

Die Tochter des Buchdruckers

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