Anatomie der Täuschung

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2008, Titel: 'The Anatomy of Deception', Originalausgabe

Couch-Wertung:

93
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Carsten Jaehner
Spannender Ärzte-Thriller aus Amerika

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Mär 2009

Kurzgefasst:

Philadelphia 1889: Im Seziersaal der Universitätsklinik obduziert eine Gruppe von Ärzten unter Leitung des weltberühmten Chirurgen William Osler die eingelieferten Toten. Unter ihnen befindet sich die Leiche einer bildhübschen jungen Frau, die kaum äußere Verletzungen aufweist. Als er Professor bei ihrem Anblick die Obduktion überhastet abbricht, fragt sich der junge Dr. Ephraim Carroll, was diese ungewöhnliche Reaktion ausgelöst haben könnte. Bei seinen Nachforschungen stellt sich heraus, dass die Tote aus einer der vornehmsten Familien der Stadt stammt. Als ein Kollege vergiftet wird, ahnt Ephraim, dass er einem lebensgefährlichen Geheimnis auf der Spur ist...

 

Im Seziersaal der Universitätsklinik von Philadelphia findet im Jahr 1889 eine Obduktion mit fünf Toten statt. Die Klinge führt der weltberühmte Chirurg Dr. William Osler. Als er die Leiche einer jungen Frau ohne Identität vor sich hat, die kaum äußere Verletzungen vorzuweisen hat, bricht er die Obduktion überraschend ab und geht und seine Assistenzärzte wundern sich.

Unter ihnen befindet sich Dr. Ephraim Carroll, der ein besonders befähigter, junger und aufstrebender Arzt ist. Er wundert sich über das Verhalten seines Professors und stellt Nachforschungen an. Dabei kommt er nicht nur einigen Kollegen aus der Klinik näher, er gerät auch in gesellschaftliche Schichten, an die er zuvor nicht einmal im Traum gedacht hat.

Während er sich in den Niederungen Philadelphias herumtreibt, versucht ihn Prof. Osler als Assistenzarzt für ein neues modernes Krankenhaus zu gewinnen. Als ein Kollege von ihm vergiftet wird, gerät er mehr und mehr in Prozesse und hinter Ereignisse, in die auch eine der berühmtesten Familien Philadelphias verwickelt zu sein scheint. Ein Wettlauf um Karriere, Leben und Tod beginnt.

Erleuchtende Medizingeschichte

Mit seinem ersten historischen Roman hat Lawrence Goldstone gleich einen messerscharfen Volltreffer gelandet. Von der ersten Seite an versteht er es, den Leser in das Geschehen um den Arzt Dr. Ephraim Carroll mit hineinzuziehen und hält diese Spannung auch bis zum Ende durch. Erzählt aus der Ich-Perspektive von Carroll, ist der Leser immer nah dran an der Handlung.

Das eigentlich historische an diesem Buch ist neben der gut eingefangenen, eher dunklen Atmosphäre der Zeit vor allem auch die Medizingeschichte. Auch wenn gerade zu Beginn bei der Obduktion die lateinischen Fachbegriffe nur so herumfliegen und man als Nicht-Mediziner wahrscheinlich nicht viel davon versteht, kann man doch die Gespräche gut mitverfolgen. Entweder man versteht es trotzdem, oder es ist auch gar nicht so wichtig, weil es für das Gesamtverständnis nicht entscheidend ist.

Geschickt werden Dinge wie das erstmalige Verwenden von Gummihandschuhen, die Verwendung von Opiaten als Narkosemitteln oder die Hygiene bei Operationen und die Geschwindigkeit der Ausführung der Operationen eingebaut, alles Dinge, über die man sich heute keine Gedanken mehr macht, weil sie selbstverständlich geworden sind. Wie froh kann der Leser doch sein, in einer Zeit zu leben, wo einfache Operationen sicher sind und nicht an den Egoismen oder falschen Ansichten von eingebildeten Ärzten mit veralteten Methoden zu scheitern drohen. Interessant auch der Beginn einer heute in Leverkusen ansässigen Pharmafirma und deren eventuelle Verstrickungen mit der Forschung.

Spannende soziale Gefälle

Wenn Dr. Carroll von seinem Kollegen Dr. Turk mit in die zwielichtigen Viertel der Stadt geschleift wird, dann merkt Carroll erst, dass er eigentlich nichts privates von seinen Kollegen weiß. Alle leben relativ anonym nebeneinander her, neben dem Dienst findet so gut wie keine Kommunikation statt. Und als eben dieser Dr. Turk dann tot aufgefunden wird, beginnt er eigenmächtig mit Nachforschungen, die ihn bald in moralische Schwierigkeiten bringen. Das ist alles spannend und dramaturgisch eindrucksvoll gelöst und wird nicht durch Leerlauf unterbrochen. Natürlich ist auch wie so oft die Liebe mit im Spiel, und wie so oft macht sie die Nachforschungen nicht leichter - im Gegenteil.

Goldstones Personenführung ist in jeder Hinsicht geglückt, und auch reale Persönlichkeiten und Koryphäen wie Prof. William Halsted, einem medizinischen Forschungspionier, werden geschickt und verständlich eingebaut. Überhaupt sind alle Personen, wie Goldstone in seinem sehr guten Nachwort bestätigt, reale Figuren und nicht ausgedacht. Auch die Handlung könnte theoretisch so stattgefunden haben, natürlich mit einer gehörigen Portion dichterischer Freiheit. Auch dieser Zusatz macht das Lesen zu einem spannenden Erlebnis.

Wie letztlich medizingeschichtliche Forschungen den Menschen beeinflussen und alles am Ende eine Sache zwischen Moral, Vernunft und Verstand ist, das ist auf 520 Seiten eindrucksvoll beschrieben und kann dem Leser nur empfohlen werden. Und vielleicht fühlt man sich ja bei seiner nächsten anstehenden Operation von vornherein etwas sicherer. Historisch gesehen dürfte das ziemlich sicher sein.

Anatomie der Täuschung

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