Das rote Licht des Mondes

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Wunderlich, 2008, Titel: 'Das rote Licht des Mondes', Originalausgabe

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Dirk Jaehner
Nicht schon wieder ... oder doch!?

Buch-Rezension von Dirk Jaehner Feb 2009

Kurzgefasst:

Ruhrort, 1854: Eine neue Zeit bricht an. Lina Kaufmeister, Tochter eines angesehenen Spediteurs und Reeders, blüht in den Jahren des Umbruchs auf. Sie ist eine begnadete Schneiderin und träumt davon, sich selbständig zu machen. Ihr Bruder Georg, nach dem Tod des Vaters Linas Vormund, verweigert das Erbe. Lina plant daraufhin heimlich ihren Auszug.An einem nebligen Abend stößt Lina auf die grausam zugerichteten Leichen zweier Mädchen. Der Anblick lässt sie nicht mehr los: Beiden wurden die Herzen, dem älteren sogar ein Kind aus dem Leib geschnitten. Während der Bürgermeister glaubt, nur ein Durchreisender könne die Morde begangen haben, vermutet Lina den Schuldigen in der angesehenen Bürgerschaft. Zusammen mit dem neuen Commissar Robert Borghoff, dessen ungewöhnliche Ermittlungsmethoden mit großem Misstrauen betrachtet werden, kommt sie einer Verschwörung auf die Spur. Doch die Schuldigen sind schwer zu fassen. Und als der Blutmond die Stadt in sein rotes Licht taucht, ist keiner mehr sicher ...

 

Die Mitte des 19. Jahrhunderts zu Beginn der Industrialisierung. Eine junge, intelligente Frau, die sich gegen die herrschenden Sitten auflehnt. Rätselhafte bestialische Morde. Diese Mischung scheint bekannt. Ist das etwa ein weiterer armseliger Versuch, die englische Gothic Novel mit einer Emanzipationsgeschichte und der x-ten Version der Jack-the-Ripper-Story zu verquicken? So wie es Michael Peinkofer in seinem Roman Der Schatten von Thot getan und ihn mit Pauken und Trompeten in den nordafrikanischen Wüstensand gesetzt hat? Nein, ist es nicht. Silvia Kaffkes Roman Das rote Licht des Mondes ist besser. Viel besser.

Einheit von Zeit und Ort

Das Ganze spielt nicht in London und Ägypten. Es spielt in Deutschland, im Ruhrgebiet, in Ruhrort. Jener Stadt, die im Jahr 1854 noch in Konkurrenz zu Duisburg stand. Zwischen dem Prolog (28. Oktober 1854) und dem Epilog (14. Juli 1856) wird der Schauplatz nicht gewechselt. Es gibt keine Reise der Beteiligten in fremde Länder, um seltsame Ereignisse aufzuklären. Es gibt nur Ruhrort und die Menschen, die dort leben und arbeiten. Die Macher amerikanischer TV-Serien nennen so etwas "bottle show": Wie in einem Flaschenschiff spielt die Handlung einer Serien-Folge an einem einzigen Ort. Zumeist werden solche Folgen produziert, um Geld für aufwändige Kulissen und/oder Ortswechsel zu sparen. Oft genug sind das jedoch die spannendsten Episoden, weil die Autoren der Umgebung wenig, ihren Figuren dafür umso mehr Aufmerksamkeit schenken.

Romane haben diese Beschränkungen normalerweise nicht. Aber Silvia Kaffke nutzt die räumliche Begrenzung, um ihre Charaktere sehr sorgfältig zu zeichnen. Die Hauptperson Lina Kaufmeister kämpft in ihrer Familie um Anerkennung. Sie hat eine versteifte Hüfte, deswegen geht ihr Bruder Georg, der nach dem Tod des Vaters das Familienoberhaupt ist, davon aus, dass sie nicht verheiratet werden kann. So wird Lina zur obersten Haushälterin und nimmt Georgs holländischer Frau Aaltje, die ständig schwanger ist, aber nur lebensunfähige Kinder zur Welt bringt, die Arbeit ab. Irgendwann jedoch nutzt Lina ihre Chance:

Sie zieht aus dem Familiensitz aus und nimmt sich eine eigene kleine Wohnung. Sie, die talentierte Schneiderin, beginnt, eigenes Geld mit Änderungsschneidereien zu verdienen. Doch ein Teil ihres Umfeldes, allen voran ihr Bruder Georg, ächtet sie wegen dieses eklatanten Verstoßes gegen die "guten Sitten": Eine anständige Frau lebt nicht allein, sie darf kein eigenes Geld verdienen, nicht ohne Aufsicht fremde Menschen treffen. Einige Verwandte jedoch - darunter vornehmlich Frauen - halten zu ihr und empfinden diese Sitten als überholt.+

Emanzipation

So ist Silvia Kaffkes Roman zunächst ein Sittengemälde, und zwar ein sehr detailliertes. Er beleuchtet das Leben im preußischen Polizeistaat des 19. Jahrhunderts. Berlin und der preußische König sind weit weg und so können sich in der westfälischen Provinz fast ungestört recht fortschrittliche Gedanken entwickeln. Lina Kaufmeister steht hierbei für die weibliche Emanzipation. Commissar Robert Borghoff ist Symbol für eine andere Emanzipation, nämlich die der Abkehr vom Überwachungsstaat und hin zur Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz.

Seine Ermittlungsmethoden verlassen sich nicht auf althergebrachte Verdachtsmomente, die Schuld oder Unschuld allein aus Herkunft und Bildung ableiten. Er sucht die Wahrheit anhand von Fakten. Er lässt Leichen sezieren, anstatt sie einfach nur zu verbuddeln. Er lässt Verdächtige überwachen, anstatt sie vom Fleck weg zu verhaften. Damit geht er auf Konfrontationskurs mit seinem Dienstherren, dem Bürgermeister (so war das damals!). Aber seine Ergebnisse rechtfertigen sein Vorgehen. Unausweichlich (jedenfalls literarisch) treffen Lina und der Commissar aufeinander. Ebenso unausweichlich beenden sie die Geschichte gemeinsam. So ganz mochte die Autorin doch nicht auf Soap-Opera-Elemente verzichten. Aber die machen das Lesen des Buches ja auch angenehm.

Der Fall

Denn der Grund, weswegen dieser Roman ein historischer Kriminalroman ist, ist alles andere als angenehm. Es beginnt mit den Leichen zweier Mädchen, die des Nachts auf der Straße gefunden werden. Vom älteren der beiden erfährt man, dass es sich prostituierte und ein Kind erwartete. Das Ungeborene wurde aus ihrem Körper geschnitten, ebenso wie die Herzen aus beiden Leichen.

Die Bestialität und Grausamkeit der Morde verstört die Ruhrorter. So etwas hier? Eine Kutsche wurde in der Nähe des Fundortes der Leichen beobachtet, wie sie im dichten Nebel verschwand. Solche Kutschen fahren in Ruhrort nur betuchte Bürger. Aber die sind doch über jeden Verdacht erhaben. Sagt der Bürgermeister. Aber sind sie das wirklich? Lina Kaufmeister wird per Zufall in diesen Fall hineingezogen, sie und ein Dienstjunge finden die beiden Leichen. Lina sollte, aber kann nicht von diesem Rätsel lassen, auch weil sie in jenem Haus ihre kleine Wohnung bezieht, in dem der ermittelnde Commissar Borghoff wohnt. Ein angenehmer Zufall.

Ein bisschen Fantasy

Das Rätsel um die beiden ermordeten Kinder entwickelt sich zu einem Fall, in dem Teufelsanbeter und Wechselbälger, nächtliche Treffen in finsteren Kellern und Schizophrenie eine Rolle spielen. Eigentlich sollte diese inhaltliche Schere - das wirkliche Leben gegen die Phantastik okkulter Geheimgesellschaften - für Irritationen sorgen. Doch der Autorin gelingt es, beide Ebenen sinnvoll, geschickt und vor allem glaubhaft miteinander zu verknüpfen. Silvia Kaffke legt einen Roman vor, der viel Spannung, ein wenig Fantasy und detailliertes Wissen um die - bislang wenig in Romanen verarbeiteten - Anfänge des Ruhrgebietes vereint. Man möchte einerseits nicht davon lassen, weil man die weiteren Schritte erfahren will. Muss man eine Lesepause einlegen, kann es jedoch vorkommen, dass man sich nicht wieder daran traut, aus Angst um die Hauptfiguren. Friedvolle Geister sollten das Buch vielleicht nicht in den Abendstunden lesen ...

Das rote Licht des Mondes

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Letzte Kommentare:
30.10.2014 14:58:11
venatrix

Ich konnte dieses Buch gar nicht mehr zur Seite legen. Die Hauptfiguren sind sehr gut dargestellt. Ich finde es interessant, dass zwei Familienmitglieder, nämlich Georg (Linas Bruder) und Mina (ihre Zwillingsschwester) im Laufe der Geschichte ihr Wesen verändern.
Das Buch vereint einen Krimi mit einer Liebesgeschichte ohne kitschig zu werden und zeichnet ein sozialkritisches Bild der aufkeimenden Industrialsierung. Geld regiert die Welt. Töchter/Schwestern werden nach dem Wert auf de Heiratsmarkt taxiert, wenn sie durch ein Gebrechen wie Lina "nicht an den Mann zu bringen sind" als billige Hilfskräfte ausgenutzt.

24.10.2014 14:05:54
Igelmanu66

Ruhrort im Jahr 1854. Die aufstrebende Stadt wird von einigen grausamen Leichenfunden erschüttert. Junge Frauen oder Kinder, denen man die Herzen aus dem Leib geschnitten hat – und teilweise noch mehr. Lina Kaufmeister, Tochter aus gutem Hause, die zwei der Opfer gefunden hat, hat ihre ganz eigene Meinung zu dem möglichen Täter. Aber der einzige, der ihr glaubt, ist Commissar Robert Borghoff. Worauf die beiden dann bei den Ermittlungen stoßen, ist schlimmer als alles, was sie sich vorstellen konnten…

Was für ein Buch! Ich bin total begeistert! Auf dem Buchdeckel steht „Kriminalstory und Liebesgeschichte“. Das ist es, in der Tat. Als Krimi ist das Buch super, spannend und mit überraschenden Entwicklungen. Dazu war mir der ermittelnde Commissar von Anfang an schwer sympathisch und ich habe richtig mit ihm mitgefiebert!

Liebesgeschichte gibt es sogar streng genommen mehr als eine, schön geschrieben und romantisch. Aber Details verrate ich natürlich nicht!

Was der Buchdeckel nicht erwähnt ist, dass dieses Buch auch toll über das Leben in der damaligen Zeit berichtet. Über die Unterschiede zwischen Bürgern und Arbeitern, über die Moralvorstellungen und vor allem über die Rolle der Frau in dieser Zeit. Absolut unfassbar ist für mich die Vorstellung, dass eine erwachsene und gebildete Frau mit einem Bruder als Vormund leben musste, nur weil sie nicht verheiratet war! Lina Kaufmann ist eine Frau, die sich damit nicht abfinden will und die aus ihrer Rolle ausbricht – und dadurch reichliche Schwierigkeiten bekommt! Diese Thematik wird sogar sehr umfassend behandelt, eine Zeitlang dachte ich, dass die Kriminalstory dabei zu kurz käme. Aber dann habe ich es verstanden…

Lina, die nach den Leichenfunden zunächst total schockiert war, erlebt eine Phase, in der sie von ihren eigenen Problemen so in Anspruch genommen wird, dass sie kaum noch an die Morde denkt. Umso schlimmer wird es dann, als weitere Taten folgen.

Das Buch enthält auch eine Karte, auf der die damaligen Straßen, Plätze und die Wohnhäuser der Hauptpersonen eingezeichnet sind. So was mag ich sehr, ich schau beim Lesen immer mal wieder drauf. Und da ich nur wenige Minuten von Ruhrort entfernt wohne, hat es noch mal so viel Spaß gemacht.

Fazit: Spannend, gruselig, sympathische Charaktere, Romantik, Zeitgeschichte… Für mich ein wunschlos-glücklich-Buch und die Fortsetzung („Das dunkle Netz der Lügen“) muss ich kurzfristig auch noch lesen!

29.03.2013 16:37:06
Randolph

Historischer und Geographischer Hintergrund:
Der den Hintergrund für die Handlung bildende Ort Duisburg Ruhrort wird in der Zeit um 1854 realistisch beschrieben. Die Lebensgeschichte einer Kaufmannstochter, die nach den Regeln der Zeit abhängig von ihrem Bruder leben müsste und sich hiergegen auflehnt, wird einfühlsam und für heutige LeserInnen erschreckend beschrieben.

Handelnde Personen:
Die neben der Kaufmannstochter wichtigen Personen des Buches werden mit ihren Charakteren und den daraus folgenden Handlungen nachvollziehbar beschrieben. Auch das Zurücktreten der Konventionen im Verlauf des Buches zugunsten der freundschaftlichen Beziehungen der Personen ist verständlich.

Handlungsstrang:
Die Handlung ist flüssig geschrieben. Sie verknüpft die Beschreibung der Lebensverhältnisse in dem von der Schifffahrt und der beginnenden Stahlindustrie geprägten Ruhrort mit den aus der Leichtgläubigkeit der Menschen möglichen kriminellen Tätigkeiten. Das "Augen verschließen" vor der Tatsache, dass ehrenwerte Bürger des Ortes in Verbrechen verwickelt sein könnten, lässt schnell die Frage entstehen, ob sich in bestimmten Bereichen des menschlichen Zusammenlebens über 150 Jahre soviel geändert hat.

Fazit:
Ein Buch, das LeserInnen fesselt, in eine andere Zeit versetzt und mich froh sein lässt, in der heutigen Zeit zu leben! Aber lesen und entscheiden Sie selbst .....

23.01.2013 13:44:55
Nikki

Was für ein Buch!

Wie gern würde ich mit Lina und Robert einen Tee einnehmen... :-)

Lina, aus gutem Hause, lebt mit ihrem schwer kranken Vater und der Familie ihres Bruders unter einem Dach. Früh lässt sich erkennen, dass Lina und Georg keinen guten Draht zueinander haben. Lina, sehr geschickt was das schneidern angeht, träumt davon selbstbestimmt zu leben, vielleicht als Schneiderin arbeiten? Als Lehrerin zu arbeiten wurde es ihr trotz Ausbildung versagt, da ihre steife Hüfte es nicht zuließ. Und den "normalen" Weg einzuschlagen, als treue Ehefrau und sorgende Mutter, auch da war ihr die leichte Behinderung im Weg.
Auch wenn Frauen zur damaligen Zeit immer unter Vormundschaft standen - Lina packt ihr Schicksal beim Schopfe und setzt alles auf eine Karte, was dazu führt, dass sie mit Georg bricht. Seinen Jähzorn bekommt sie zu spüren...trotz schriftlicher Bestätigung des Vaters, das Lina mündig wäre - vor Gericht hätte es nicht bestand, sie hätte sich nach dem Tod ihres Vaters sich dem Bruder unterordnen müssen. Doch Lina schafft es und baut sich trotz aller Widerstände ein eigenes Leben im Tuchladen Dahlmann auf und verdient eigenes Geld...

Halt! Natürlich darf ich nicht vergessen, dass es auch um einen Kriminalfall geht. Lina macht die grausige Entdecktung zweier junger ermordeten Mädchen... und es bleibt nicht bei einem Mord. Was passiert dort schlimmes in Ruhrort? Merkwürdige Verstrickungen, kann man noch sicher sein? In der Entwicklung der Krimigeschichte bekommte Lina des öfteren Kontakt zum Commissar Robert Borghoff. Aber es scheint nicht nur die Neugierde hinsichtlich der Verbrechen zu sein, nein... Lina scheint gefallen an dem Polizisten zu finden. Werden sie ein Paar werden...? Werden die grausamen Morde aufgeklärt?
Die anderen Figuren gefielen mir sehr, besonders Finchen oder die erst schwierige Antonie... leider gar nicht ausstehen konnte ich Georg. Und Mina, ja Mina - die Zwillingsschwester von Lina... ich weiß nicht was ich davon halten soll.

Silvia Kaffke hat mich auf eine Reise in die Vergangenheit mitgenommen, nach Ruhrort in der Zeit der aufkommenden Industrialisierung. Dies macht es für mich so ungeheuer spannend. Viele kleine Details erfährt der Leser, welche Zeitung wurde gelesen, welche Freizeitlektüre wie die Gartenlaube oder eine politische Satire-Zeitung wie den Kladderadatsch oder das Babys damals einen Lutschbeutel zur Beruhigung erhielten - heute ist es der Schnuller. Die Entwicklung der Wirtschaft - Fabriken die wie Pilze auf den Böden schießen. Alles so wunderbar verknüpft in diesem historischen Kriminalroman.

22.05.2012 13:38:51
tassieteufel

Ruhrort Mitte des 19. Jahrhunderts: die Stadt befindet sich im Wandel, die Industrialisierung greift um sich und macht auch vor Ruhrort nicht halt. Da werden die bestialisch zugerichteten Leichen zweier Mädchen gefunden. Der hinzugerufene Kommissar Borghoff vermutet den Täter unter den besser gestellten Personen der Stadt, doch davon will der Bürgermeister nichts wissen und so ist der Kommissar bei seinen Ermittlungen arg eingeschränkt. Hilfe erhält er von Lina Kaufmeister, der jungen Frau, die die Leichen als erste entdeckte. Lina die Tochter eines Spediteuers ist auf Grund einer Behinderung immer noch unverheiratet und lebt im Haushalt ihres Bruders. Dort führt sie den Haushalt und pflegt den kranken Vater. Doch das ist ein Leben, das sie nicht zufrieden stellt. Selbstständig möchte sie sein und für sich selbst entscheiden. Dieser Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen, als ihr Vater stirbt und ihr eine Bescheinigung zur Mündigkeit hinterläßt. Und während Lina damit beschäftigt ist, ihrem Bruder die Stirn zu bieten, kommt es zu weiteren Morden in Ruhrort.

Die Geschichte beginnt spannend mit dem Fund der beiden Leichen und macht den Leser neugierig auf die weitere Entwicklung. Doch zunächst erfährt man eine Menge aus dem Leben von Lina Kaufmeister, ihren Wunsch nach Eigenverantwortung und Selbstbestimmung kann man aus heutiger Sicht mehr als gut nachvollziehen, damals war es undenkbar das eine unverheiratete, ehrbare Frau allein wohnte und Geld verdiente. Hier Linas Entwicklung und Werdegang mitzuerleben war mehr als interessant und spannend. Ich habe mitgefiebert, wie Lina ihrem Bruder getrotz hat, von daher störte es mich wenig, das der Krimifall ein wenig an den Rand rückte, als roter Faden blieb die Krimihandlung aber doch immer im Buch erhalten. Neben Linas Geschichte, bekommt man als Leser/In einen guten Einblick in das Leben in Ruhrort vor 150 Jahren. Egal ob in den Häusern der wohlhabenden Bürger, bei großen Gesellschaften oder in den verräucherten Hafenkneipen und in finstren Gassen, die Schilderungen der Autorin sind hier kenntnisreich und mit viel Liebe zum Detail geschildert, so dass man das Setting quasi vor Augen hat.
Auch bei der Figurenzeichnung hat mich die Autorin überzeugt! Ihre Charaktere haben Ecken und Kanten und wirken dadurch sehr lebensecht und glaubwürdig.
Mit Fortschreiten der Geschehnisse nimmt auch die Krimihandlung zunehmend Tempo auf und steuert auf ein recht fulminantes Ende zu, das ich so nicht erwartet hatte. Die Auflösung rund um die Sekte der Teufelsanbeter rutscht dann auch ein klein wenig in den Fantasybereich ab.
Insgesamt ein toll geschriebenes Buch, das mich von der ersten Seite an gefesselt hat. Ich freue mich schon aif den Folgeband, der zum lesen bereit liegt.

Fazit: Silvia Kaffke ist mit ihrem Roman weit mehr gelungen als ein spannender historischer Krimi. Er beinhaltet neben dem Krimifall auch Familiengeschichte, Sittengemälde und eine Liebesgeschichte. Die Krimihandlung bettet sich gekonnt in einen detailreich und lebensecht geschilderten historischen Hintergrund und erzeugt so eine atmosphärisch dichte Stimmung mit viel Lokalcolorit. Lange habe ich keinen so guten Histo-Krimi mehr gelesen, ganz klare Leseempfehlung!

14.08.2009 14:12:55
Henriette

Lina Kaufmeister, jung und alleinstehend, lebt unter dem Vormund ihres Bruders. Mitte des 19. Jahrhunderts ist dies normal. Doch Lina ist selbstbewusst genug, möchte sich selbstständig machen, allein wohnen. In dieser Zeit lernt sie den Commissar Borghoff kennen, denn Lina findet zwei Leichen junger Mädchen. Sie beginnt in diesem Fall Näheres zu erkunden und hilft dem Commissar bei dem Mordfall.
Der Leser bekommt einen Einblick in das Leben von Lina und begleitet die Beiden in dem Mordfall.
Silvia Kaffke hat einen sehr angenehmen, leicht verständlichen Schreibstil. Die Geschichte konnte sie sehr gut vermitteln. Allerdings konnte sie mich zu Beginn des Buches nicht so gut fesseln, das hat sich erst später ergeben.
Die Protagonistin Lina Kaufmeister ist eine sympathische junge Frau, die ich mir auch sehr gut vorstellen konnte.
Alles in allem ist dieser historische Roman in Kombination mit einem Krimi und einem leichten Tatsch zur Liebesgeschichte sehr gut gelungen.

13.08.2009 10:41:15
R. Hörstgen

Tja, ich beleuchte mal das Werk regional. Ich komme aus dem Ruhrgebiet und kenne Ruhrort, Duisburg und diese Region. Im Vergleich zu anderen "Regionalkrimis" ist dieser spannend und verleiht den Menschen der beginnenden industriellen Revolution Gesicht und Stimme, auch wenn es eher eine bourgeoise ist. Die Emanzipation Linas ist nett dargestellt und hat durchaus Analogien in Region und Stand, wenn auch etwas später (Stinnes).
Die blutrünstigen Geschehnisse sind aber schon starker Tobak. Trotzdem fand ich das Buch spannend und extrem kurzweilig.

13.04.2009 22:57:48
muprl

Ja, das ist mal wieder ein wirklich schöner Histo-Roman! Glaubhaft geschilderte Lebensumstände einer Frau um 1855, ein bisschen Schauer, ein bisschen Spannung, ein bisschen Liebe und sympathische Hauptfiguren. Und vor allen Dingen: ganz großartig erzählt. Ohne Holperer, ohne Schmalz (na ja, bis auf das allerletzte Kapitel, aber das kann ich verschmerzen), in angemessenen Worten, die einen sofort in die Geschichte ziehen.
Mal abgesehen davon, dass ich eh ein Faible für die Zeit der Industrialisierung habe, wird hier ganz dezent aber fundiert, in die Entstehung der "Arbeiterproblematik" eingeführt, die ja in den Großstädten bald zu größten Problemen führen sollte.
Der Kriminalaspekt ist anfangs tatsächlich schwach ausgebildet, aber sie Geschichte um Lina ist genauso spannend. In der zweiten Hälfte geht's dann "so richtig los". Zwar nicht mit meinem Lieblingsthema(Geheimgesellschaften sind in meinen Augen eigentlich ein Verlegenheitsaufhänger), aber konsequent und gut umgesetzt.
Eigentlich kann ich mich meinen Vorrezensenten anschließen, nur eines: Von Fantasyelementen konnte ich nichts entdecken. Ich konnte mir alle Geschehnisse ganz rational erklären.
Eigentlich hat Frau Kaffke ein paar Themen zu viel in ihren Roman gepackt, aber trotzdem funktionert die Geschichte - und zwar richtig gut!

26.02.2009 09:05:10
Stefan83

Deutsche Kriminalromane. Irgendwie stehe ich mit ihnen auf Kriegsfuß. Immer wieder hab ich es mit einem Autor versucht, um dann letztendlich doch wieder bei meinen geliebten englischen Krimis zu landen.

Nun kam ich unversehens in den Besitz eines Leseexemplars von Silvia Kaffkes "Das rote Licht des Mondes". Der interessant klingende Klappentext und die zeitliche Einordnung des Plots überzeugten mich schließlich, einen weiteren Anlauf zu wagen. Und ich muss sagen: Enttäuscht wurde ich diesmal nicht, wenngleich man hier ganz klar differenzieren muss, denn ein reiner historischer Kriminalroman ist dies sicherlich nicht. Vielmehr verknüpft Kaffke Elemente von Gesellschafts-, Familien- und eben Kriminalroman, was man wiederum wissen wollte, bevor man sich voll Eifer auf das Buch stürzt.

Die Story spielt im Ruhrort des Jahres 1854. Es ist eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und der beginnenden Industrialisierung in Deutschland. Die Nachwehen der gescheiterten bürgerlichen Revolution sind noch vielerorts zu spüren und Überwachung durch die geheime Polizei Berlins, die gegen jede Art von "Landesverrat" vorgeht, allgegenwärtig. Hier trifft der Leser auf Lina Kaufmeister, die Tochter eines angesehenen Spediteurs und Reeders und eine für diese Epoche erstaunlich emanzipierte und gebildete Frau, die jedoch im Hause ihres Vaters keinen leichten Stand hat. Wegen eines schweren Hüftleidens stark verkrüppelt, winkt ihr mit 35 Jahren das Schicksal einer alten Jungfer, weshalb ihr Bruder Georg sie als bessere Haushaltshilfe an der Kette hält. Lina kämpft für ihre Mündigkeit, muss sich aber bald darauf mit anderen Problemen befassen als sie eines Nachts zwei grausam zugerichtete Mädchenleichen findet, deren Anblick sie nicht mehr loslässt. Beiden Mädchen, stadtbekannte Prostituierte, wurden die Herzen herausgeschnitten, dem älteren sogar ein Kind aus dem Unterleib entfernt. Gemeinsam mit dem unkonventionellen Commissar Robert Borghoff nimmt Lina die Ermittlungen auf.

Klingt nach Jack the Ripper? Ja, hat auch, zumindest in der zweiten Hälfte des Buchs, sehr viel Ähnlichkeit mit den Ereignissen von 1888 in Whitechapel, Im ersten Teil steht jedoch eindeutig Linas persönliche Geschichte im Vordergrund, die sich in der konservativen Gesellschaft ihren Platz zu erobern versucht. Kaffke hat dabei den Zeitkolorit auf den Punkt genau getroffen und eine atmosphärisch perfekte Story aufs Papier gebracht, die sich allerdings für nicht-weibliche Leser streckenweise als etwas zäh erweisen könnte.

Kleider nähen, Teepartys und Damenversammlungen nehmen da meiner Meinung nach etwas überhand, während der Krimihandlungsstrang eher seicht nebenher läuft. Gottseidank findet Kaffke aber spätestens ab Mitte des Romans die richtige Mischung und die Spannung zieht, auch aufgrund der Gefahr für die Protagonisten, stark an. Temporeich führt die Autorin durch eine immer düster werdende Story, die (für mich völlig überraschend) sich sogar Fantasy-Elemente bedient, was zwar der finsteren Grundstimmung zuträglich ist, die Authentizität der Geschichte aber irgendwie schmälert. Das Ende gerät für routinierte Krimileser wenig ungewöhnlich und hat mich persönlich etwas enttäuscht.

Insgesamt ist "Das rote Licht des Mondes" eine sehr anschauliche und spannende Schilderung eines Frauenlebens im "Ruhrpott" des 19. Jahrhunderts, die in erster Linie aufgrund der düster-nebligen Atmosphäre und der detaillierten Erzählweise meinen Gefallen gefunden hat. Aus der kriminalistischen Handlung hätte Kaffke jedoch weitaus mehr machen können.