Die Herren von Buchhorn

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Gmeiner, 2008, Titel: 'Die Herren von Buchhorn', Originalausgabe

Couch-Wertung:

80

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91-100
1 x 81-90
0 x 71-80
0 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
0 x 1-10
B:88
V:0
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":1,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Dirk Jaehner
Keine Fortsetzung möglich - schade!

Buch-Rezension von Dirk Jaehner Jan 2009

Kurzgefasst:

Anfang des 10. Jahrhunderts beherrschen die Grafen von Buchhorn weite Gebiete des Bodenseeraums. Ihr Sitz befindet sich in Buchhorn, dem heutigen Friedrichshafen. Ihre Geschichte ist geprägt von Kriegen und Machtkämpfen.

Vor vier Jahren ist Wendelgard, Gräfin von Buchhorn, in das Kloster St. Gallen eingetreten, nachdem ihr Ehemann auf dem Schlachtfeld für tot erklärt worden war. Doch der grausame Mord an ihrem ehemaligen Diener lässt ihren gerade gewonnenen Seelenfrieden wie ein Kartenhaus zusammenstürzen. Und offenbar gibt es Mächte, die ganz und gar nicht davon begeistert sind, dass die junge Frau in ihre alte Heimat Buchhorn zurückkehren möchte. Auch Gerald, der Sohn des Ermordeten, wird gezwungen sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Als Schmied hat er sich im fernen Bregenz eine Existenz aufgebaut, nun sieht er sich in die Geschicke der Mächtigen hineingerissen. Eine wertvolle Brosche, ein weiser Bischof und eine blonde Magd lenken sein Schicksal in eine neue Richtung.

 

Fast jedem Krimi wohnt das Potenzial inne, fortgesetzt zu werden. Da gibt es immer einen Detektiv, einen Aufklärer, einen Fragesteller, der in Handlungen verwickelt wird. Das lässt sich meist für weitere Bände ausschlachten. Hat das Konzept Erfolg, kann man damit gutes Geld verdienen. Birgit Erwin und Ulrich Buchhorn wird das - zu ihrem eigenen und der Leser Bedauern - nicht passieren, jedenfalls nicht mit ihrem Roman „Die Herren von Buchhorn". Die Geschichte, kein reiner Kriminalfall, ist so geschickt in tatsächlich historische Abläufe eingewoben, dass sich eine Weiterführung von selbst verbietet. Dieses Buch ist eben anders.

Die Herren von Buchhorn waren ein mittelalterliches Adelsgeschlecht, das sein Machtzentrum am Bodensee hatte. Von dem historischen Buchhorn ist nicht mehr viel geblieben - der Name des Autors ist wohl eher Zufall - denn im Jahr 1811 wurde die ehemalige Freie Reichsstadt mit ihrem Nachbarort Hofen zu Friedrichshafen verbunden. Etwa im Jahr 900 jedoch ist Buchhorn noch Buchhorn, Bregenz gab es auch schon, Langenargen wurde Argenau genannt und das (heutige) Schweizer Rorschach hieß Rorscahun. Auch das Frauenkloster auf der Insel Lindau „Unserer Lieben Frau unter den Linden" existierte bereits. Allgemein - so schildern die Autoren in ihrem Nachwort - gibt es wenige archäologische oder gar schriftliche Zeugnisse aus dieser Zeit und Gegend. Die bekannten historischen Tatsachen verarbeiten Erwin und Buchhorn jedoch in einem atmosphärisch dichten, spannenden Roman.

In der Lebensbeschreibung des historischen Udalrich V. von Buchhorn klafft eine Lücke von vier Jahren. Was genau passierte, weiß man nicht mit Sicherheit. Die im Roman gegebene Erklärung, er sei während der Ungarnfeldzüge in Gefangenschaft geraten, ist allerdings nicht allzu weit hergeholt. Seine Frau Wendelgard ging ins Kloster und wandte sich der Heiligen Wiborada zu, die als Begründerin des Inklusentums gilt. (Zur Erklärung: Die Inklusen bewohnten kleine Kammern, die rund um einen kleinen Hof angelegt waren. Dort wurden die Frauen eingeschlossen und widmeten ihr Leben dem stillen Gebet.). Eine weitere historische Figur ist Bischof Salomo III., der ab 890 Bischof der Reichskirche von Konstanz und Abt von Sankt Gallen war.

Der Held, der keiner ist

Die Kunst von Erwin und Buchhorn besteht nun darin, um die historischen Tatsachen und die begründeten Vermutungen - beispielsweise, dass die Welfen sich der Grafschaft Buchhorn bemächtigen wollten - eine glaubhafte Geschichte zu spinnen und sie so plausibel zu erzählen, dass sie tatsächlich hätte stattfinden können. Das ist ihnen gelungen, und zwar mit Bravour. Einziger Makel, wenn man denn einen finden möchte, ist das Fehlen einer eindeutigen, für einen Kriminalroman typischen Hauptfigur. Legt man die Maßstäbe des klassischen Schauspiels an, ist die Person mit dem höchsten Rang die Hauptperson - in diesem Fall wäre das Graf Udalrich. Der ist jedoch nicht anwesend, über ihn wird nur gesprochen. Da wäre auch seine Frau Wendelgard. Sie ist ein interessanter Charakter, fällt es ihr doch schwer, während ihrer Reise nach Buchhorn, die sie unternimmt, um im Gedenken an ihren vermissten Mann eine Armenspende durchzuführen, zu ihrem Nonnengelübte zu stehen. Gemessen an dem Zutun, den eine Person zum Ablauf der Ereignisse hat, gehört Bischof Salomo an die oberste Stelle. Er zieht mehr oder weniger im Hintergrund die Fäden und sorgt dafür, dass sich am Ende alles zum Guten wendet.

Von den Autoren als Hauptfigur auserkoren scheint jedoch Gerald der Schmied. Diese Figur ist, soweit man das beurteilen kann, vollständig erfunden. Ihn verbindet mit dem Hof von Buchhorn eine zwiespältige Geschichte, die nicht so ganz aufgeklärt wird. Sie hängt zusammen mit dem Treueschwur, den sein Vater, der ebenfalls Gerald hieß, dem Grafen von Buchhorn einst gab. Gerald der Junge weigerte sich und übte fortan sein Schmiedehandwerk in Bregenz aus. Vater und Sohn wollen beide die Aussöhnung, doch sie können nicht über ihren Schatten springen - bis im Verlauf der Ereignisse Geralds Eltern einem Attentat zum Opfer fallen.

Nun will Gerald der Junge in die Geschehnisse eingreifen, von denen er bereits ahnt, dass sie größere politische Kreise ziehen könnten. Er jedoch ist nur vom Gedanken an Rache erfüllt. Was ihn zu einem wenig geeigneten Helden macht, denn ihm stehen seine Sturheit, seine Impulsivität und sein Misstrauen gegenüber Obrigkeiten immer wieder im Weg. Er ist auch deswegen kein Held, weil er vergleichsweise spät in die Handlung eingreift und praktisch nie alleine agiert. Und dennoch ist er irgendwie das Zentrum der Geschichte, denn er macht die deutlichste Entwicklung als Charakter. Er springt schließlich über seinen Schatten, auch wenn sein Vater das nicht mehr miterleben kann, er kehrt von Bregenz nach Buchhorn zurück, er tritt die Nachfolge seines Vaters in dessen ehemaliger Schmiede an, und er bekommt am Ende das Mädchen, in das er sich verguckt hat. Erzähltechnisch ist er der Held, weil er als erfundene Figur in den Kreis der historischen Charaktere gestellt wird und so frei von geschichtlichen Banden agieren kann.

Mehr davon

Erwin und Buchhorn konzentrieren sich bei ihrer Erzählung dankenswerterweise auf die Figuren und widmen der Beschreibung von Orten und Sitten nicht mehr Zeit als notwendig. Trotzdem gelingt es ihnen, die bislang in der Literatur vergleichsweise unbeachtete Zeit des 10. Jahrhunderts greif- und erlebbar zu machen. Die Naturschilderungen sorgen für jenes atmosphärische Gefühl, das die legendäre britische Fernsehserie „Robin Hood" aus den 80er-Jahren mit seinen atemberaubenden Bildern hervorrief. Ob das alles mit der historischen Wirklichkeit übereinstimmt, spielt letztendlich keine Rolle mehr. Das Buch ist spannend, man fiebert mit dem „Helden" mit, ob er der Situation Herr werden kann und ob er sein Mädchen bekommt, man wünscht den Bösewichten ihr unschönes Ende. Und man taucht in eine Zeit ein, die von der Literatur bisher leider wenig beachtet wurde. Gern mehr davon!

Deine Meinung zu »Die Herren von Buchhorn«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
04.11.2017 11:02:26
Teres

Eigentlich ist der Gmeiner-Verlag einer jener Verlage, deren Buchsortiment sich zwar durch Quantität auszeichnet, aber die meisten Bücher, die dort erschienen sind, erfüllen nicht einmal die Mindestansprüche, die ich an einen guten Trivial- oder Schundroman stelle. Auf gelungene Unterhaltungsromane darf da gar nicht mehr gehofft werden.

Umso größer die Überraschung und auch die Freude, wenn dort plötzlich durch Zufall ein Buch oder sogar mehrere Bücher auftauchen, die gelungen sind und bei denen das Lesen wieder einmal Spaß wirklich macht.
(Wobei es mich nachdenklich stimmt, dass ich auf solche Bücher immer nur durch Zufall stoße und dass diese Bücher kaum Beachtung finden.)

Die "Herren von Buchhorn" entführen also in das Jahr 919 und an den Bodensee. Schwimmen kann kaum jemand, Friedrichshafen ist noch Buchhorn und außer dem Bischof von Konstanz, der sein eigenes Boot hat, was er durchaus zu seinem Vorteil einzusetzen weiß, und ein paar Fischern, sind die übrigen Figuren, wenn sie von Buchhorn nach Konstanz wollen, gezwungen, den Weg über Bregenz zu nehmen, einer der wenigen Orte, die es damals schon gab. Gut ist es also, einen Wagen oder ein Pferd zu haben. Hinzu kommen noch Bedrohungen, einerseits durch die Magyaren im Osten, gegen die eher erfolglos Krieg geführt wird, und andererseits durch die politischen Verhältnissen, die zurzeit instabil sind. Heinrich der Vogler ist zwar schon zum westfränkischen König gewählt worden, aber dass er einmal als Heinrich I. die Dynastie der Ottonen begründen wird und sein Sohn Otto I. den Beinamen der Große bekommt, das können unsere Protagonisten, selbst der historisch belegte Bischof Salomon von Konstanz noch nicht wissen.

Die Welt ist recht einfach, es gibt nicht allzu viele Berufe, in Buchhorn kennt jeder jeden, und wenn jemand dort Ärger kriegt, reicht es, sich in das für die damalige Zeit bereits "ferne" Bregenz abzusetzen, wo es zumindest schon eine etwas reichhaltigere "Infrastruktur" mit mehreren Wirtshäuser und ein Badehaus gibt. In Buchhorn dagegen gibt es nur ein einziges Wirtshaus ..., insgesamt wirkt diese "frühmittelalterliche" Welt um den Bodensee, die das Autorenduo mit viel Liebe und plastischen Details gestaltet, sehr authentisch.

Die Handlung ist durch eine Chronik, die über diese Zeit berichtet, aber erst später verfasst wurde, angeregt, wobei der Kriminalplot durchaus schlüssig in die überlieferten Fakten der Quelle eingebaut ist und aus diesen eine Geschichte entwickelt wurde, von der vorstellbar ist, dass sie sich so mehr oder weniger abgespielt haben könnte. Diese Geschichte hat wiederum alles, was einen guten Roman ausmacht:
- glaubwürdige Figuren, ob historisch belegt oder fiktiv, ist da nicht mehr wichtig,
- eine spannende Handlung, wobei der Kriminalfall letztlich einen ganzen Strang krimineller Aktionen bündelt.

Schon der Beginn hat mich positiv überrascht, wenn sich das Autorenduo erst einmal die Zeit nimmt, uns den Schmied in Buchhorn und seine Ehefrau (die Eltern von dem im Klappentext erwähnten Gerald) näher vorzustellen, in dem einige Alltagsszenen geschildert werden, ehe es nach Bregenz geht und wir, Leserinnen und Leser, so das seit vielen Jahren glücklich verheiratete alte Paar näher kennen lernen dürfen. Und umso verstörender ist es, wenn beide noch im Anfangskapitel umgebracht werden, so dass einem der Tod der beiden sympathisch gezeichneten Figuren, die wir doch eben kennen lernen durften, tatsächlich nahe geht. So mag es uns ein großes Anliegen sein, dass ihr Tod aufgeklärt und natürlich gerächt wird, und es fällt auch nicht schwer, sich mit Gerald, dem Sohn des Paares, zu identifizieren. Aber einfach wird es uns nicht gemacht, nicht nur, weil der Kriminalfall kompliziert ist, sondern auch, weil die Schuldfrage nach der Verantwortung dieses Verbrechens letztlich kompliziert ist, was sich noch auf die beiden Fortsetzungen auswirkt.
Und Gerald ist zudem eine Figur, die eine Menge zu lernen und zu bewältigen hat, aber gerade das macht ihn zu einem interessanten Protagonisten.

Überhaupt sind die meisten Figuren mit viel Liebe gezeichnet, und sie wirken erfrischend normal. Ein gutes Beispiel dafür ist die blonde Magd, Friedrun, die nicht nur auf bessere Verhältnisse hofft, als sie von Bregenz nach Buchhorn aufbricht, um beim dortigen Wirt Hannes Arbeit zu finden, sondern wohl auch durch persönliches Interesse an Gerald dazu motiviert ist. Friedrun mag (zumindest für Wulfhard in den Folgebüchern) eine herzensgute Person sein, dennoch ist sie weder Heilige, Hebamme oder (Wander-)Hure, sondern einfach nur eine bodenständige und tatkräftige junge Frau, die seit frühster Jugend gezwungen war, sich selbst durchzubringen. Ihre medizinischen Kenntnisse sind nicht außergewöhnlich, aber notwendig in einer Zeit, wo eben der Arzt noch nicht zur Dorf- bzw. Stadtgesellschaft gehört hat.

Der Kriminalfall hat es zwar in sich, doch ist die typische Form eines Mittelalterkrimis hier nur ansatzweise vorhanden, wobei allerdings auch den damaligen Begebenheiten Rechnung getragen wird. Dass Gerald den Tod seiner Eltern aufklären will, ist nachvollziehbar, aber das ist seine private Sache. Erst spät wird ein Ermittler ganz offiziell mit der Aufklärung beauftragt, und dies wird als eine Ausnahmesituation vorgeführt.

Zur Authentizität der beschriebenen Zeit trägt auch bei, dass Kirche und Religion hier nicht weggelassen oder negativ besetzt sind. Der Bischof, der sich doch sehr für weltliche Dinge interessiert, allerdings ist er eben nicht nur Geistlicher, sondern als Fürst(-Bischof) auch in einer politischen Position, ist eine sympathische Figur, ein unscheinbarer Mönch, der nur kurz vorkommt, erweist sich als ganz gerissener Sympathieträger, wenn es gilt, dafür zu sorgen, dass gegen die Klosterregel miteinander kommuniziert wird, und auch klösterliche Einrichtungen wie z. B. das "Inklusentum" der historisch belegten Klausnerin Wiborada werden zumindest nicht lächerlich gemacht, sondern als Lebensform ernst genommen, auch wenn sie nicht für jeden etwas sein dürften und nicht unproblematisch sind.

Fazit:
"Die Herren von Buchhorn" sind ein guter Roman, der auch als historischer Roman überzeugt und auch als Kriminalroman, solange kein klassischer Whodunit erwartet wird.

Noch besser sind allerdings die beiden Fortsetzungen:
- Die Gauklerin von Buchhorn (trotz eines problematischen Buchtitels)
- Die Reliquie von Buchhorn

Dies nicht zuletzt, da die Figuren dort weiterentwickelt werden, die Geschichte zudem aber logisch auf dem Vorgängerband aufbaut. Das Lesen in der chronologischen Reihenfolge ist zu empfehlen (wegen gewisser Details), allerdings kommt auch mit, wenn man es nicht tut.