Die Vagabundin

  • Kindler
  • Erschienen: Januar 2009
  • Kindler, 2009, Titel: 'Die Vagabundin', Originalausgabe
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Rita Dell'Agnese
89

Histo-Couch Rezension vonJan 2009

Manchmal wünschte man sich einen strahlenden Helden herbei

Kurzgefasst:

Die wahre Geschichte der Eva Barbiererin. Passau, 1561: Nach dem Tod ihrer Mutter wächst die junge Eva bei ihrem brutalen Stiefvater auf. Als er sich an Eva heranmacht und sie mit einem alten Trunkenbold verkuppeln will, flieht sie aus der Stadt und beginnt ein abenteuerreiches Wanderleben. Schnell merkt Eva, dass sie als Frau den Männern schutzlos ausgeliefert ist. So verkleidet sie sich als Schneiderknecht und zieht von nun an mit gefälschten Papieren durch die Lande. Doch ihr Geheimnis droht ständig aufgedeckt zu werden. Vor allem, als ihr unterwegs ein Mann begegnet und mit ihm die erste große Liebe ...

 

Ihrer Zeit ist Eva Barbierin weit voraus. Die junge Frau, die in ihrer Kindheit vom Stiefvater misshandelt wurde und seinen Zudringlichkeiten erst ein Ende setzen konnte, indem sie ihn mit dem Messer verletzte, möchte das Schneiderhandwerk lernen. Doch in Deutschland dürfen Frauen nur Weißwäsche nähen. Deshalb macht sich Eva als Schneiderknecht verkleidet auf zu ihrem Bruder nach Straßburg, wo sie die welsche Sprache lernen möchte. Denn sie hat gehört, dass bei den Franzosen Frauen auch schneidern dürfen. Immer wieder gerät Eva Barbierin in Gefahr, entdeckt zu werden. Ihrer jahrelangen Wanderschaft macht schließlich das Gericht in Nördlingen ein Ende: Eva Barbierin wird entlarvt, ihr wird der Prozess gemacht.

Durch Akten belegt

Mit der historisch belegten Figur von Eva Barbierin hat sich Astrid Fritz eine Protagonistin ausgesucht, die große Charakterstärke aufweist. Wer geneigt ist, abzuwinken, weil einmal mehr ein „Hosenroman" präsentiert wird, tut sowohl der historischen Eva Barbierin als auch der Autorin Unrecht. Zwar schlüpft die Protagonistin tatsächlich in die Kleidung eines Schneidergesellen, doch kann Astrid Fritz glaubhaft belegen, dass dies für das 16. Jahrhundert gar nicht so ungewöhnlich ist, konnten doch mehrere solcher „Vergehen" in den Gerichtsakten jener Zeit gefunden werden. Die Autorin verzichtet in „Die Vagabundin" auch darauf, ihre Protagonistin in den allzu schillerndsten Farben zu zeichnen: Sie präsentiert dem Leser eine junge, selbstbewusste Frau, die gelernt hat, sich durch das Leben zu schlängeln. Die aber auch immer wieder falsche Entscheidungen trifft und sich so in manche schwierige Situation hinein manövriert.

Mitreißende Geschichte

Die gefahrenvolle Wanderung von Eva Barbierin entwickelt sich schnell zu einer mitreißenden Geschichte. Immer wieder baut Astrid Fritz Spannung auf, lässt den Leser atemlos zurück und macht die Verzweiflung spürbar, die die junge Frau antreibt. Sprachlich wie szenisch legt die Autorin eine solide Arbeit vor. Die Geschichte ist nachvollziehbar, wenn auch da und dort etwas gar viele Zufälle dem Plot einen Drall geben. Der Autorin sei dies verziehen, hilft es doch mit, den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten.

Bedrückende Situation

Das Schicksal von Eva Barbierin hinterlässt ein dumpfes Gefühl der Ohnmacht. Feinfühlig, und oft nur in einigen wenigen Nebensätzen, zeigt Astrid Fritz die gesellschaftliche Ordnung des 16. Jahrhunderts auf. Oft wirkt dies bedrückend, wünschte man sich, ein strahlender Held würde in Erscheinung treten und dem dumpfen Gefühl der Ohnmacht ein Ende bereiten. Doch die Autorin hat sich an den Fakten orientiert und nichts beschönigt. Da und dort hebt sie den Mahnfinger, doch in einer so subtilen Art, dass nie der Eindruck entsteht, das Buch wolle eine Art Schelte betreiben.

In „Die Vagabundin" serviert Astrid Fritz ein gekonnt zusammengestelltes Menü aus Fakten, Fiktion, Spannung und Gefühl. Selbst Vielleser in Sachen historische Romane dürften die eine oder andere neue Erkenntnis aus diesem Roman ziehen. So ist es denn ein durchaus gelungenes und eingängiges Werk geworden. Abgerundet wird der gute Gesamteindruck durch die Karte, die die Wanderung von Eva Barbierin nachvollziehbar macht. Erfreulich ist auch das Glossar, das auch einem Leser, der nicht so bewandert ist mit den historischen Gepflogenheiten und Ausdrücken, die Geschichte näher bringt.

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