Das Haus Gottes

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • C. Bertelsmann, 2008, Titel: 'Das Haus Gottes', Originalausgabe

Couch-Wertung:

79
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Carsten Jaehner
Intensives Südengland mit<br> einigen Längen

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Dez 2008

Kurzgefasst:

Ein Schiff für den König, ein Geheimnis im Haus Gottes und die Macht einer verbotenen Liebe Portsmouth, 1336. Die tatkräftige Dorothy heiratet den gut aussehenden Symond, Sohn des berühmten Schiffsbauers Aimery Fletcher. Doch schon bald zerbricht ihr Traum vom Glück: Symond entpuppt sich als Taugenichts und Frauenheld. Dorothy muss zusehen, wie sie sich und ihre Kinder über die Runden bringt. Da geschieht eine unfassbare Katastrophe: Die Franzosen legen Portsmouth in Schutt und Asche; es ist der Beginn des Hundertjährigen Krieges. In ihrer Verzweiflung wendet sich Dorothy dem Schwiegervater zu. Aber kann ein Mann ihr helfen, von dem es heißt, er habe seine untreue Ehefrau ermordet?

 

Im Portsmouth des Jahres 1336 heiratet Dorothy Loyes den gutaussehenden Symond Fletcher, Sohn des berühmten und alten Schiffsbauers Aimery Fletcher. Aus dem Nachbarort Southampton stammend, stellt sie jedoch schon bald fest, dass in ihrer neuen Familie nichts so ist, wie es scheint. Ihr Mann Symond arbeitet nicht und geht lieber zu Prostituierten, anstatt seinem Leben einen Sinn zu geben.

Trotzdem bringt sie Zwillinge zur Welt und schafft es mit Hilfe ihres 20 Jahre älteren Schwiegervaters, ihre kleine Familie über Wasser zu halten. Aimery soll vor Jahren seine Frau umgebracht haben und wird deshalb von allen in der Stadt mehr oder weniger geschnitten. Genannt "der Schwarze", lebt er neben seinen Schiffen ein eigenes, eigenbrötlerisches Leben. Auch Dorothy fürchtet ihn, ist aber auf andere Weise gleichzeitig von ihm fasziniert.

Als 1337 der Hundertjährige Krieg ausbricht und die Franzosen Portsmouth angreifen, haben alle Familien Tote zu beklagen, auch die Fletchers. Aimery zieht mit in die Schlacht und schafft es, durch seinen Lohn Dorothy und ihre Familie durchzubringen. Als er zurückkehrt, kommt die Pest über das Land. Alles gerät ins Wanken. Während Dorothy und Aimery sich näher kommen, gerät das klösterliche Hospiz vor der Stadt, genannt das "Haus Gottes", immer mehr in den Fokus der Beteiligten.

Flüssiger Erzählstil

Auf 648 Seiten präsentiert Charlotte Lyne eine Geschichte, die sich über mehrere Jahre erstreckt und in der das Leiden der Menschen kein Ende zu nehmen scheint. Der Vorabend und der Beginn des Hundertjährigen Krieges bilden hier den Rahmen für eine mehr als ungewöhnliche Liebesgeschichte einer jungen strebsamen Frau, die einen Schwächling als Ehemann hat und sich in ihren Schwiegervater verliebt. Dabei wird Dorothy nicht als Heldin dargestellt, hat sie doch stets ihre Familie im Blick und tut was nötig ist, ohne dabei das eigene Gesicht zu verlieren.

Dabei schafft die Autorin durch ihren flüssigen Erzählstil eine Nähe zu den Protagonisten, dass man förmlich die Luft der Zeit riecht und eine Atmosphäre vor dem geistigen Auge hat, wie es nur wenigen Autoren so blendend gelingt. Auch werden die Hauptfiguren alle gut beschrieben, von Dorothy und Aimery bis zu den Händlern wie Gilbert Berkham entstehen Charaktere, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Dabei verzichtet die Autorin auf jegliche Schwarz-Weiß-Malerei, jede Person hat ihre Ecken und Kanten und ist nicht nur sympathisch oder unsympathisch. An jeder Figur gibt es etwas zu entdecken, so dass jeder auch irgendwie einem Wandel unterzogen ist.

Hintergrund für all das Geschehen ist ein Südengland, in das in der Mitte des 14. Jahrhunderts nur langsam Nachrichten von außen dringen. Die Doppelstadt am Solent ist strategisches Ziel der französischen Truppen und wird daher nicht nur einmal belagert und angegriffen. Der König erlässt Steuern um Steuern, um sein Heer zu finanzieren, aber wo niemand mehr ist, kann auch eine strategisch wichtige Hafenstadt nicht ausreichend verteidigt werden. Diese historischen Hintergründe bilden das Fundament dieses intensiven Romans und malen dabei ein hervorragendes Bild der Zeit.

Erleichert, aber deswegen auch gleichzeitig erschwert, wird das Lesen dieses Buches durch die Sprache, die gerade am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig ist. Kurz und knapp unterhalten sich die Menschen, manchmal so knapp, dass man die Dialoge nicht versteht. Die Autorin bedient sich älteren Sprachformulierungen, durch die der anfängliche Lesefluss doch ein ums andere Mal ins Stocken gerät und es dauert einige Seiten, bis man sich an den Stil gewöhnt hat. Je länger die Geschichte dauert, desto flüssiger wird allerdings der Stil.

Nach dem Krieg kommt die Pest

Immer wieder werden den Protagonisten unerwartete Steine in den Weg gelegt, und zwischendurch taucht immer wieder der vergessene Ehemann Symond auf, schwach und unnütz und natürlich im falschen Moment. Das ist dramaturgisch recht geschickt gemacht, wie im richtigen Leben, möchte man meinen. Überhaupt kann man sich selbst an vielen Stellen wiedererkennen oder zumindest eigene Handlungsweisen und man kann froh sein, nicht in Dorothys und Aimerys Schuhen zu stecken.

Im dritten Viertel tauchen allerdings einige Längen auf, die dem Leser das Gefühl geben, dass die Handlung auf der Stelle tritt und erst wieder neu in Schwung gebracht werden muss. Das unterbricht den roten Faden, der bis dahin kontinuierlich durch das Buch führte. Doch im letzten Viertel nimmt der Roman wieder an Fahrt auf und das leider in Form der Pest. Einzig Aimerys ewiges Lamentieren bis zum Ende des Buches nervt auf Dauer und wie gerne würde man ihm so manches Mal in den Hintern treten. Auch hierin ist das Tief im dritten Viertel zu begründen.

Gerade hier wird das Leiden der Menschen sehr ausführlich und nah beschrieben, so dass man fast den Geruch selbst in der Nase hat. Allerdings fällt auf, dass alle Personen, die am Ende an der Pest sterben und zufällig gefunden werden, innerhalb der nächsten 24 Stunden in den Armen von jemandem sterben, wenn nicht sogar sofort. Das erscheint doch sehr auffällig und unwahrscheinlich, dass man immer und im letzten Moment kommt, bei aller Tragik.

Bereichert wird das Buch durch einen fünfseitigen Glossar, der die wichtigsten Begriffe, vor allem aus der Seefahrt, erklärt. Was leider fehlt, ist eine historische Einordnung in den realen Gesamtkontext der Zeit. Am schmerzlichsten vermisst wird jedoch eine Karte von Portsmouth, Southampton und dem Solent. Bei allen strategischen Schachzügen, die den Krieg beherrschen, sind geografische Kenntnisse sehr wertvoll, doch ohne Karte für den nicht ortskundigen Leser nicht gut nachvollziehbar.

Was bleibt ist jedoch ein Roman, der an Intensität mit allen Aufs und Abs, seiner glaubhaften Erzählweise und seinen gut gezeichneten Figuren den Leser in eine ereignisreiche Zeit mitnimmt, die ihren Bewohnern viel abverlangt hat. Wer eine außergewöhnliche Liebesgeschichte lesen will, in der es allerdings nicht kitschig wird, sondern wo es eher bodenständig vor sich geht, der macht mit diesem Buch einen sicheren Griff.

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