Das mohnrote Meer

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • , 2008, Titel: 'Sea of Poppies', Originalausgabe

Couch-Wertung:

80
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Kirsten Lambeck
Ein Roman wie Indien: Bunt, vielfältig und nicht immer leicht zu durchschauen

Buch-Rezension von Kirsten Lambeck Nov 2008

Kurzgefasst:

Indien, 1838: Am Oberlauf des Ganges schuften die Menschen für die britische Opiumindustrie. Verfolgung, Intrigen und Not vereinen eine Gruppe von Flüchtlingen als Schicksalsgemeinschaft auf der »Ibis«, einem ehemaligen Sklavenschiff.

Die junge Deeti lebt und arbeitet mit ihrer 6-jährigen Tochter Kabutri und ihrem Mann Hulam Singh auf einer Mohnfarm. Deeti hat Tagträume, Visionen, in denen sie ein Schiff unter Segeln sieht, das den Fluss herauf kommt. Noch nie war sie am Meer, am »Schwarzen Wasser«, und kann sich die Vision nicht erklären. Doch sie ahnt, dass sie vor einer großen Veränderung in ihrem Leben stehen könnte. Bis zum Tag der arrangierten Hochzeit mit Deeti hat Hulam seine Opiumsucht verschwiegen, die ihn längst zeugungsunfähig gemacht hat. Deeti erfährt, dass sie in der Hochzeitsnacht unter Drogen gesetzt und von ihrem Schwager vergewaltigt wurde. Als Hulam nach einem Unfall in der Fabrik stirbt, will Deeti sich deshalb lieber verbrennen lassen, als mit ihrem Schwager zusammenzuleben. In letzter Sekunde wird sie von dem Unberührbaren Kalua gerettet und die beiden fliehen auf dem Ganges stromabwärts nach Kalkutta ...

 

Der neue epische Roman von Amitav Ghosh ist nicht leicht zu fassen: Er begleitet eine Vielzahl von Protagonisten durch das Indien der 1830er Jahre. Es ist die Zeit des boomenden Opiumhandels; die britischen Kolonialherren verdrängen die traditionellen Herrschaftsverhältnisse.

Flucht vorm brennenden Scheiterhaufen

Unter den Hauptfiguren spielt die junge Inderin Diti eine besondere Rolle: sie sieht schon auf den ersten Seiten die Ibis in ihren Träumen, das Schiff, das am Ende alle vereinen wird. Diti lebt mit ihrem opiumsüchtigen Mann und ihrer Tochter (die nicht ihr impotenter Mann, sondern dessen Bruder in der Hochzeitsnacht gezeugt hat) im Opiumgebiet am oberen Ganges. Wie alle Bauern im Umkreis baut die Familie zwangsweise Mohn für eine britische Opiumfabrik an.

Nach dem Tod ihres Mannes wählt sie das Schicksal der sati: Sie will sich als Witwe mit dem Leichnam ihres Mannes auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen, um ihrer Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch alles kommt anders: Der Unberührbare Kalua rettet die betäubte Diti vom bereits brennenden Scheiterhaufen und flüchtet mit ihr auf einem Floß flussabwärts. Doch die Familie von Ditis Mann sucht die Tabubrecher - und schließlich gehen die beiden Flüchtlinge in Kalkutta an Bord der Ibis, die Richtung Mauritius in See sticht und auf der sich Ditis Schicksal mit dem der anderen Hauptfiguren vereint.

Keine einfache Lektüre

Doch der Handlungsstrang um Diti ist nur einer von vielen, zwischen denen Ghosh unentwegt wechselt. Der Roman lebt von der unterschiedlichen Sichtweise seiner Protagonisten, die sowohl indischer, als auch kolonialer Herkunft sind und sich in Kastenzugehörigkeit, Sprache und Lebensumständen kaum unähnlicher sein könnten. Da ist der afroamerikanische Seemann Zachary Reid, die Memsahib Paulette mit ihrem Ziehbruder, dem indischen Laskaren Jodu, der Raja, der von seinem englischen Geschäftspartner betrogen wird und am Ende als Sträfling auf der Ibis landet und viele andere. Ghosh unterscheidet mit viel Feingefühl die unterschiedlichen Sprachebenen und -stile der Handelnden, allein das gebrochene Pidgin der indischen Seeleute wirkt bisweilen überzogen bis ins Nervige.

Ghosh benutzt durchgehend eine sehr poetische Sprache: Jeder Satz ist wortgewaltig und geschliffen und umfasst nicht selten eine halbe Seite. Er beschreibt intensiv das Land Indien und seine Menschen, dabei erklärt kein Glossar die Vielzahl der indischen Begriffe, die sich weitgehend (aber längst nicht vollständig) aus dem Kontext erschließen. Auch der rasche Wechsel der Perspektiven, die Vielzahl der Personen, die teils auch noch indische und britische Namen tragen, macht das Lesen anstrengend. Dies ist eines der Bücher, die man eigentlich mit Bleistift und Notizbuch lesen müsste, um komplett den Überblick zu behalten.

Kolonialherren und „Unberührbare"

Das Kastensystem, das in der indischen Gesellschaft und auch für Diti und die anderen Hauptfiguren eine zentrale Rolle spielt, wird gar nicht erklärt - allein aus der Bedeutung der Kastenzugehörigkeit für das Selbstgefühl des „Unberührbaren" Kalua auf der einen oder des Raja Nil Rattan auf der anderen Seite wird das Leben in diesem System der Ungleichheit für den Leser erfahrbar. Allerdings bleibt das indische Gesellschaftssystem und auch der indische Alltag durch die nicht übersetzten Begriffe (gewollt?) fremdartig und teils unverständlich. Angenehm ist auf der anderen Seite, dass jedes Gefühl des Belehrtwerdens, das den Fluss der Erzählung unterbrechen könnte, ausbleibt. Intensiv teilen sich Zusammenhänge zwischen Kolonialismus und Unterdrückung, Konflikte zwischen den Kulturen und die sozialen Spannungen in einem traditionellen Land im Umbruch mit.

Am Ende bleiben alle Fragen offen

In Ghoshs Erzählung wirkt nichts zufällig: Durch die sehr kunstvoll gebaute Handlung streben alle Hauptpersonen wie traumwandlerisch auf den gemeinsamen Punkt, das Schiff Ibis zu. Dabei macht Ghosh es uns nicht leicht: Er beschreibt Handlungen, Motivationen und Ansichten eher emotionslos, der Leser kann sich in jeden hineinversetzen; Gut und Böse sind, anders als in vielen anderen historischen Romanen, nicht einfach zu erkennen und auch nicht so wichtig.

Es sind eher die Umstände, die die Protagonisten handeln lassen und die selbst den Entschluss Ditis, sich als sati verbrennen zu lassen, logisch und nachvollziehbar machen. Das Ende des Romans lässt viele, wenn nicht alle Fragen offen: Die Fahrt auf der Ibis wird zum Wendepunkt aller Schicksale, die Zukunft der Hauptpersonen bleibt jedoch ungewiss. Das etwas unbefriedigende Finale steigert noch die Neugier auf den nächsten Teil: „Das mohnrote Meer" ist als erster Teil einer Trilogie konzipiert.

Keine leichte Kost, keine einfache Unterhaltung, aber immer wieder ein sprachlicher Genuss, der allein durch die Opulenz und Wortwahl das bunte und turbulente Indien lebendig werden lässt.

Das mohnrote Meer

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