Die Zweifel des Salai

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Kindler, 2008, Titel: 'I dubbi di Salai', Originalausgabe

Couch-Wertung:

84
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Almut Oetjen
Ein Schelmenroman über die Neutralität von Geschichtsschreibung

Buch-Rezension von Almut Oetjen Okt 2008

Kurzgefasst:

Rom im Frühjahr 1501: Der schöne Frauenheld Salaì, ein dickköpfiger Dieb und Lügner, trifft mit seinem Stiefvater aus Florenz ein. Was dieser nicht weiß: Salaì hat den Auftrag, ihn auszuspionieren und einen unbekannten Herrn aus Florenz auf dem Laufenden zu halten.Durch den blutigen Mord an einem päpstlichen Skribenten stoßen die beiden auf einen seltsamen Klub deutscher Prälaten, Bankiers und Literaten, der mit allerlei Fälschungen die größte Revolution aller Zeiten vorbereitet. Was Salaì hier aufdeckt, war schon immer für alle sichtbar - aber niemand will davon wissen Eine allzu gefährliche Angelegenheit für den konfusen, unschlüssigen Stiefvater, der seine Zeit mit bizarren Erfindungen verschwendet: ein gewisser Leonardo da Vinci.

 

Leonardo da Vinci und sein Ziehsohn Salai gehen im Jahr 1501 nach Rom, wo Leonardo einen Auftrag zu erledigen hat. Dabei erlebt Salai Abenteuer, verbringt seine Zeit mit sexuellen und anderen Ausschweifungen, gerät mit Leonardo in eine Verschwörung gegen den Borgia-Papst Alexander VI., der von Alemannen gestürzt werden soll, und erfährt von der Existenz der "Germania" des Tacitus, bei der es sich um eine Fälschung aus dem 15. Jahrhundert handeln soll. Salai schreibt während seines Aufenthaltes Briefe an einen Patron, dessen Name erst im letzten Brief genannt wird.

Eine reizvolle Konstruktion

Die Zweifel des Salai besteht aus einem Briefroman und einem Sachtext. Monaldi & Sorti haben insgesamt drei Funktionen inne: sie sind Autoren ihres Buchs und machen sich selbst zu fiktiven Herausgebern und Kommentatoren der als authentisch ausgegebenen, tatsächlich jedoch fiktiven Briefe Salais. Zu Beginn klären sie uns über die "aufsehenerregende Entdeckung der Briefe Salais" auf, deren künstlerischer und historischer Wert unermesslich sein soll. Sie verschränken bereits hier Fiktion und Realität, indem sie schreiben, die Briefe seien in einem Altersheim in Mailand gefunden worden. Damit behaupten sie deren Echtheit, die sie durch die Bezeichnung ihres Buches als "Roman" im Vorfeld widerlegen.

Es folgen 68 Briefe, die mit Salais Durchstreichungen und Änderungen, Zeichnungen und Reproduktionen von Materialien wiedergegeben werden. Salai muss ein unermüdlicher Schreiber gewesen sein. Manche seiner Briefe sind um zehn Druckseiten, vier Stück rund 16 Druckseiten lang. Einige Stellen sind mit Fußnoten versehen. Den Briefen folgt ein umfangreicher Sachtext von rund 100 Seiten, überschrieben mit "Ein Apolog". Monaldi & Sorti lassen sich darin über Aspekte der Briefe, der handelnden Personen und der Zeit aus. Sie begründen, warum sie das Buch geschrieben haben und bezeichnen insbesondere die Kampagne gegen Papst Alexander VI. sowie die "Germania" als Fälschung, was sie über andere Fälschungen von Büchern und Korrespondenzen zur grundsätzlichen Diskussion der Fälschung von Geschichte bringt.

Ein Schelmenroman und zwei abenteuerliche historische Konstrukte

Die Briefe Salais stellen Leonardo als dumpfen und sich ständig in Geldnot befindenden Betrüger dar, der das antike Erbe Italiens plündert und als sein Werk ausgibt. Salai beschreibt seinen Ziehvater als einen unfähigen Mann, der keins seiner Werke selbst vollenden kann und seine Maschinen aus griechischen Manuskripten verkehrt kopiert, weshalb Geräte nicht funktionieren, die auf dieser Grundlage produziert werden. In diese Erzählung arbeiten die Autoren die beiden verschwörungstheoretischen Konstrukte um die "Germania" von Tacitus und Papst Alexander VI. ein.

Die "Germania", eines der bedeutendsten historisch-literarischen Werke der Antike, ist laut Die Zweifel des Salai im 15. Jahrhundert in einer Absicht entstanden, die Salai so formuliert:

 

 

Diese Entdeckung war unglaublich wichtig, nemlich so kriegten die armen Teutschen die keine Geschichte von ihrem Volk hatten endlich auch eine edle und rühmliche Vergangenheit als wie die Italiener (...).

 

In der Erzählung um den Borgia-Papst Alexander VI. berufen sich die Autoren auf die Tagebücher des päpstlichen Zeremonienmeisters Johannes Burkard (gelebt um 1450-1506). Die historische Sicht, die Alexander als einen Papst hinstellt, der sexuelle Exzesse gelebt hat, Giftmörder und Vater seines Enkels gewesen ist, bezeichnen sie als Propaganda. Manches aus dem wüsten Leben des Papstes Alexander VI. hat Burkhard gemäß Monaldi & Sorti aus Boccaccios Das Dekameron entnommen. Im Anhang liefern sie eine Textstelle aus Boccaccios Werk und ein Plagiat dieses Textes von Burkard.

Ein Vorschlag zum Lesen des Romans

Natürlich kann man die beiden Teile des Buches unabhängig voneinander lesen. Aber sie gehören zwingend zusammen, inhaltlich wie formal, was bereits die Konstruktion andeutet, in der die Autoren eine Rahmung als Herausgeber vornehmen und als Kommentatoren in den Briefteil eingreifen.
Wer nur die Briefe liest, wird weitgehend gut unterhalten, in Abhängigkeit davon, wie groß die Bereitschaft ist, rund 400 Seiten das Schwadronieren des Briefschreibers in bedenkenswerter Rechtschreibung und Grammatik zu ertragen.

Die Briefe sind amüsant, und es macht Spaß, dem frechen und vorlauten, ständig an sein Vergnügen denkenden Salai auf seinen Streifzügen durch das Intrigantenstadl Rom und die vielfältigen Liebeslager zu folgen.

 

Die Zweifel des Salai

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