Herero

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • Aufbau, 2004, Titel: 'Herero', Originalausgabe

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In einem Land von grandioser Schönheit spielt der fulminante Roman über eines der dunkelsten Kapitel deutscher Kolonialgeschichte. Aus dem Trubel Berlins verschlägt es 1903 den jungen Kartographen Carl Ettmann in eine Küstenstadt in der deutschen Kolonie Südwestafrika. Dort trifft er die abenteuerlustige Fotografin Cecilie. Als sie gemeinsam weiterreisen wollen, bricht überraschend der Aufstand der Herero los. Während Ettmann den eilig zusammengestellten deutschen Truppen zu Hilfe eilt, wagt Cecilie sich in das umkämpfte Gebiet, um einen Herero-Häuptling von der Teilnahme am Aufstand abzuhalten. Bald muß sie erkennen, wie leichtsinnig ihr Entschluß gewesen ist.

 

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27.01.2011 13:50:06
Stefan83

Deutschland. Geschichte. Zwei Schlagwörter, untrennbar miteinander verbunden, die, einmal gefallen, auch mehr als sechzig Jahre nach Kriegsende von den meisten Deutschen automatisch mit dem Dritten Reich in Zusammenhang gebracht werden, der wohl ohne Zweifel bisher größten historischen Katastrophe. Doch wie man darüber oft vergisst, dass Deutschland in seiner Vergangenheit nicht immer nur ein faschistisches Regime gewesen ist, so geraten auch andere dunkle Kapitel zu Unrecht in Vergessenheit bzw. werden in Buch und Film stiefmütterlich behandelt. Ein Thema ist da unter anderem die koloniale Vergangenheit in „Deutsch-Südwestafrika“, dem heutigen beliebten Touristenziel Namibia. Dort wurde am 11. August 1904 von deutschen Kolonialtruppen ein bis dahin monatelang währender Aufstand der Herero-Ureinwohner am Waterberg brutal niedergeschlagen. Tausende Hereros flohen in die große Wüste Omaheke, wo sie verdursteten. Viele andere, darunter auch Frauen und Kinder, wurden auf Befehl des erbarmungslosen Lothar von Trotha kurzerhand erschossen. Heutigen Schätzungen zufolge kamen zwischen 1904 und 1908 ca. 60.000 Herero ums Leben. Das sind in etwa 90 Prozent des gesamten Stammes. Ein Völkermord also, der in seiner Brutalität bereits hat erahnen lassen, was das blinde Befolgen von Befehlen und das Denken so genannter hoch entwickelter Zivilisationen und Herrscherrassen für Auswirkungen haben kann.

Bis heute sind die Ereignisse rund um den Aufstand der Herero ein für beide Länder heikles Thema. Umso erstaunlicher ist es, dass sich ausgerechnet der in Berlin lebende Comiczeichner und Karikaturist Gerhard Seyfried dieses historischen Stoffs angenommen und ein Buch zur Papier gebracht hat, in dem er die geschichtlichen Begebenheiten mit seinen fiktiven Figuren zu verweben versucht. Ein Versuch, der leider streckenweise scheitert, und „Herero“ zu einer nicht ganz einfachen, oft sehr zähen Lektüre macht. Kurz zum Inhalt:

Im Zentrum der Geschichte steht die vom Autor erdachte Figur des seit kurzem verwitweten Berliner Kartografen Carl Ettmann, welcher am 29.12.1903 in Deutsch-Südwestafrika eintrifft um seine Anstellung im Kaiserlichen Vermessungsamt in Windhoek anzutreten, allerdings bei Ausbruch des Herero-Aufstands direkt in Swakopmund zum Militär eingezogen wird. An seiner Seite beginnt der Leser die Zeitreise ins Namibia des frühen 20. Jahrhunderts, wobei Gerhard Seyfried chronologisch, ja fast Tag für Tag, das Jahr 1904 aufrollt und dieses immer aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Neben so historisch-realen Figuren wie dem Hauptmann Viktor Franke sind dies unter anderem die forsche Fotografin Cecilie Orenstein, der blutjunge Marinesoldat Albert Seelig sowie der Herero Petrus, welcher die Ereignisse aus der Sicht des unterdrückten Volks der Kolonie schildert. Zusammen wecken sie eine vergangene Zeit en detail zum Leben und lassen uns die wichtigsten Punkte des Aufstands wiedererleben. Bis zum grausigen Ende am Waterberg, dessen unrühmlicher Ausgang zwar den Konflikt mit den Herero beendete, aber gleichzeitig eine neue militärische Auseinandersetzung mit den meuternden Nama zur Folge hatte …

Als Interessierter an den Themen deutsche Kolonialgeschichte und Imperialismus, ist mir Gerhard Seyfrieds „Herero“ bereits vor einigen Jahren ins Auge gesprungen, wobei mich mangelnde Muße sowie eine gewisse Skepsis, ob ein Comiczeichner so ein Projekt stemmen kann, lange Zeit von der Lektüre abgehalten haben. Nun habe ich es letztlich doch gewagt und bleibe mit zwiespältigen Gefühlen zurück. Einerseits beeindruckt das Buch aufgrund einer Fülle von historischen Informationen und Eindrücken, andererseits sind Seyfrieds literarische Fähigkeiten doch oft sehr limitiert, zeigen sich zwischendurch immer wieder seine stilistischen Schwächen. Man merkt, dass hier jemand am Werk war, dessen eigentliche Stärken in der Zeichnung liegen. Und die Tatsache, dass man dies nicht schriftlich gleichwertig ausleben kann, hat scheinbar dazu geführt, dass Seyfried jedes noch so kleine Detail beschrieben und damit seinen ohnehin schon epischen Plot überfrachtet hat. Nach hunderten von Seiten mit Busch-, Sonnenuntergang-, Berg und Felsenbeschreibungen stellt sich beim Leser spätestens ab Mitte des Buches eine gewisse Übersättigung ein. Man wird das Gefühl nicht los, dass hier der Autor seinem Leser keinerlei Fantasie zugetraut und ihm daher jede Kleinigkeit mit spitzer Feder skizziert auf dem Silbertablett serviert hat. Das ermüdet und nervt irgendwann gewaltig. Und was die hartnäckige Wiederholung bestimmter Adjektive angeht, fühlte ich mich unangenehm an Buchheims „Das Boot“ erinnert.

Dieser Kritikpunkt ist dann an gleicher Stelle aber auch wieder lobenswert, hat doch Seyfried für sein Buch augenscheinlich intensiv Recherche betrieben und der historischen Genauigkeit Vorrang vor der Fantasie des Romanciers gegeben. Detailvielfalt sowie die Menge an eingebrachtem Material sind wahrlich beeindruckend. Jede noch so kleine Ortschaft findet in „Herero“ Erwähnung, jede Militäreinheit wird in Truppenstärke, Bewaffnung und Zusammensetzung haargenau wiedergegeben. Das zieht das Buch, wie bereits oben erwähnt, zwar in die Länge, sorgt aber dann auch wieder dafür, dass der Leser gänzlich in die Vergangenheit eintaucht. Wenn man gemeinsam mit den Schutztruppen durch den Busch reitet, in glühender Hitze Kanonen beim Aufprotzen beobachtet oder durch die felsigen Berge des Inlands klettert, schwitzt man beinahe mit, wird Geschichte auf eindringliche und, in Bezug auf die manchmal hart geführten Kämpfe, erschreckende Art und Weise lebendig. Man beginnt nachzuvollziehen, wie das wilde Afrika auf den preußischen Militär gewirkt haben muss, wie die Geographie der Landschaft den zahlenmäßig stark unterlegenen Schutztruppen zu Beginn des Aufstands zu schaffen gemacht hat.

Die erste gebundene, im Jahr 2003 bei Eichborn veröffentlichte Ausgabe, enthielt zu den auch in der TB-Ausgabe beigefügten Schwarzweiß-Fotos noch zusätzlich zahlreiche Zeichnungen (z.B. von den Lokomotiven oder den Bahnstrecken) aus der Feder Seyfrieds sowie drei Landkarten. Besonders letztere habe ich, bei meinem Versuch die Truppenbewegungen zu verfolgen, in meiner vorliegenden TB-Ausgabe schmerzlich vermisst.

So bewundernswert Seyfrieds Akribie dann auch ist, fällt doch auf, das er sie besonders auf die deutschen Kolonialherren angewandt hat. Während diesen, besonders in der Figurenzeichnung (persönlicher Hintergrund, verschiedene Dialekte, Gefühle und Gedanken), viel Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, wird die grobe Beschreibung der Hereros dem Titel des Buches nicht immer gerecht. So sind die Ausflüge in die Stämme der Ureinwohner rar gesät und konzentrieren sich dann zumeist nur auf die heillose Flucht vor der deutschen Kriegsmaschinerie. Auch wenn sich Seyfried sonst jeglicher Schwarzweiß-Malerei widersetzt, unter anderem die persönliche Freundschaft zwischen Oberst Theodor Gotthilf Leutwein und Herero-Kapitän Samuel Maharero hervorhebt bzw. einen ethnologischen Überblick über die verschiedenen Völker Südwestafrikas gibt, will sich nicht so recht eine gefühlsmäßige Verbindung zu den Hereros herstellen. Das gilt wiederum auch teilweise für die deutschen Figuren, da der häufige Wechsel der Perspektiven keine durchgängige Identifizierung mit den Protagonisten zulässt. Ausnahmen sind die Hauptfigur Ettman und der charismatische Hauptmann Franke, dessen hier beschriebene Alkohol- und Morphiumsucht im Kontrast zu seinem „Kolonialheld“-Mythos steht.

Trotz all der hier bemängelten Schwächen bleibt „Herero“ aber, zumindest für diejenigen, welche in erster Linie Wert auf historische Genauigkeit legen, lesenswert. Nicht zuletzt deshalb, weil Gerhard Seyfried äußerst sorgfältig die zum Konflikt führenden Gründe hervorhebt, ohne bekannte Klischees zu bedienen. Er differenziert, schildert Gewalt und Gräueltaten beider Seiten. Und er zeigt, dass es auch auf deutscher Seite unterschiedliche Ansichten gegeben hat. Während die einen, darunter der später auch von der Öffentlichkeit geschasste von Trotha, den „Neger“ oder „Kaffer“ als zu beherrschende, unwürdige Gestalt abtun, versuchen andere den Kolonialismus ohne Rassismus zu betreiben und eine Verständigung herbeizuführen. Wie schmal dieser Grat war, wird anhand der Figur Carl Ettman erschreckend nachvollziehbar und deutlich. Seyfried macht dem Leser damit eine Verurteilung der damals Betroffenen ebenso schwer, wie eine schlichte Absolution. Wie hätten wir selbst an seiner statt gehandelt?

Ein Roman, der leider keiner ist, und der sich trotz der vielen fiktiven Protagonisten eher wie ein Sachbuch liest und die damit verbundene Geduld voraussetzt. Wer ein kurzweiliges, historisches Schlachtenepos oder gar spannende Unterhaltung erwartet, wird sich enttäuscht sehen. Wer jedoch am Thema „Deutsch-Südwestafrika“ Interesse zeigt und insbesondere den „Herero“-Aufstand aus deutscher Sicht nachvollziehen will, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.