Die Gehilfin

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • DuMont, 2006, Titel: 'Die Gehilfin', Originalausgabe

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Daniela Loisl
Interessante Geschichte mit eigenwilligem Erzählstil

Buch-Rezension von Daniela Loisl Jul 2008

Kurzgefasst:

Berlin im Taumel der Gründerzeit: In der Frauenabteilung der Charité kommt ein Kind zur Welt, die Mutter stirbt bei der Geburt. Henrietta Mahlow wächst bei ihrem trunksüchtigen Vater auf, der sich in der Klinik als Krankenwärter durchschlägt. An seiner Seite verbringt das neugierige Mädchen ihre Kindertage zwischen Präparaten und Reagenzgläsern. Hier in der Charité, dem Zentrum der medizinischen Welt, versammeln sich in diesen Jahren die großen Forscher: Rudolf Virchow, Robert Koch, Paul Ehrlich, Emil Behring - und wie selbstverständlich bewegt sich die aufgeweckte Henrietta zwischen ihnen. In den Sezierstuben und Labors wird sie zur Zeugin, wie die Entdeckung des Tuberkulose-Erregers die Vorstellungen von Krankheit revolutioniert. Je deutlicher jedoch Henriettas eigene Begabung wird, desto unüberwindlicher stellen sich die Schranken von Herkunft und Geschlecht in ihren Weg. Sie nimmt in Männerkleidern ein Medizinstudium auf - es kommt zum Skandal. So nimmt Henrietta als Frau den Kampf auf, sich in der Männerdomäne der Wissenschaft zu behaupten.

 

Henriette wächst bei ihrem Vater auf, der in der Charité als so etwas wie ein "Mädchen für alles" arbeitet. Sie unterstützt ihn bei seinen Aufgaben und trifft so auch auf Berühmtheiten wie Robert Koch oder Rudolf Virchow. Schon von klein auf interessiert sie all die Tätigkeiten der Ärzte, läuft mit gespitzten Ohren durch die Gänge der Charité und fragt den Wissenschaftlern Löcher in den Bauch. Schon bald steht für sie fest, dass auch sie Ärztin werden will und kämpft dafür, ihren Wunsch in die Realität umzusetzen, denn sie weiß, dass ihr als Frau dieser Berufsstand verwehrt ist.

Innovative Erzählung - eigenwillige Sprache

Lässt vielleicht der Titel vermuten, dass es sich um einen typischen "Die ...in" Roman handelt und dieser eben mehr leicht, oberflächliches und voller Klischees ist, so wird man schon nach wenigen Zeilen feststellen, dass dieses Buch alles andere als ein banaler historischer Roman ist. Kluger hat eine sehr ungewöhnliche und gewöhnungsbedürftige Sprache, die so manchem Leser den Einstieg in die Geschichte nicht unbedingt leicht macht. Hat man jedoch Klugers sprachliche Extravaganz erfasst, öffnet sich ein gänzlich anderer Zugang zur Gedankenwelt der Protagonistin.

Der Autor erzählt nicht einfach eine tragische Geschichte einer jungen und starken Frau, sondern gibt aus gänzlich neuer Perspektive Einblick in das scheinheilige Gesellschaftsleben der damaligen Zeit, in der Frauen weder in die Politik noch in die Medizin einen Schritt setzen konnten. Sie dienten mehr oder weniger als schöne Zierde für strebsame Männer oder durften im Haushalt für die Familie sorgen. Dass diese Welt nur äußerlich so glatt und tadellos funktionierte, zeigt Kluger mit subtilem Fingerspitzengefühl.

Im Grunde geht es in Klugers Buch nicht um das Einzelschicksal einer jungen und intelligenten Frau, denn die Erzählung spiegelt das soziale Gedankengut und die männliche Domäne wieder. Durch die berühmten Forscher, denen man in diesem Roman begegnet, wird das verzerrte Weltbild noch unterstrichen und veranschaulicht so noch besser, welch Einfältigkeit im Grunde das Gesellschaftsleben dominierte.

Intelligente Frauen sind gefährlich

Martin Kluger hat sich mit dem Wissensstand in der Medizin der damaligen Zeit intensiv auseinandergesetzt, dies wird mit jeder Seite klarer, mit der Henriettes Wissensdurst steigt. Auch der Leser sollte, wenn schon nicht historisch medizinisches Hintergrundwissen, so doch eine große Portion Interesse daran mitbringen, will er der Geschichte gut folgen können und so manche Zusammenhänge begreifen. Aber natürlich kann man sich auch damit behelfen, so manches im Internet nachzulesen und sich auf die Spuren von Paul Ehrlich, Robert Koch oder auch Rudolf Virchow begeben.

Als Henriette eröffnet, dass sie Medizin studieren will, erntet sie höchstens ein müdes und amüsantes Lächeln bei den Ärzten. Eine Frau und Studieren - undenkbar! Frauen haben weder die Intelligenz noch das Durchhaltevermögen für so anspruchsvolle Aufgaben und man braucht sie auch nicht weiter ernst zu nehmen. So wird Henriette nur als - oft ganz nützliche - Gehilfin angesehen, deren Äußerungen nicht weiter Beachtung verdienen. Dass aber auch eine Frau in der Lage ist, komplexe Zusammenhänge zu erkennen, Diagnosen zu stellen und vielleicht gar als Ärztin tätig sein könnte, daran will keiner der Männer auch nur einen Gedanken verschwenden. Kommt bei dem einen oder anderen Wissenschaftler doch der Verdacht auf, dass Henriette den großen Forschern ebenbürtig sein könnte, so wird dies schnell weggewischt, es kann nicht sein was nicht sein darf.

So wird auch das Vergehen, dass sich Henriette als Mann ausgegeben hat, noch mehr aufgebauscht, um zu zeigen, wie schamlos und mit welch Unverfrorenheit diese Frau doch vorgeht.

Psychologisch ausgefeilt, atmosphärisch dicht, aber sprachlich etwas ungewöhnlich, hat Martin Kluger einen imposanten und beeindruckenden Roman geschaffen, der als Reminiszenz für die Gleichberechtigung der Frauen gesehen werden kann.

Die Gehilfin

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Letzte Kommentare:
12.10.2011 12:56:20
€nigma

Ein "Die ...in"- Titel und eine als Mann verkleidete Frau, da denkt man gleich an einen seichten Historienroman voller Klischees. Weit gefehlt!
Es handelt sich bei "Die Gehilfin" um einen ausgesprochen anspruchsvollen Roman, der sowohl ein besonders faszinierendes Kapitel Medizingeschichte (die bahnbrechenden Entdeckungen und Errungenschaften im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bis nach dem Ende des Ersten Weltkrieges) beleuchtet als auch das Bild einer "verknöcherten" Gesellschaft zeichnet, in der besonders helle Köpfe aufgrund des falschen Geschlechts und der falschen Herkunft scheitern müssen. Die Hauptfigur Henriette Mahlow ist fiktiv, ihre Erlebnisse an der Charité sind jedoch faktengetreu: sie begegnet Rudolf Virchow, dem Begründer der Zellularpathologie, Robert Koch, dem Begründer der Bakteriologie sowie Paul Ehrlich, den man mit der Entwicklung der Serumtherapie und Chemotherapie assoziiert und Emil (von) Behring, dem die Welt das Diphterie- und Tetanus-Antitoxin verdankt. Bis auf Rudolf Virchow erhielten alle diese Herren den Nobelpreis.
Das Schicksal der begabten und an medizinischer Forschung höchst interessierten Henriette, der immer nur der Status einer "Gehilfin" zugestanden wird, ist sehr bedrückend. Erst im beginnenden 20 Jahrhundert, als es für Henriette zu spät ist, zeichnet sich für die Frauen ein gesellschaftlicher Wandel zum Besseren ab, Henriettes Tochter Anna kann Medizin studieren und das erreichen, was ihrer Mutter verwehrt blieb.

Die Thematik dieses sowohl medizinhistorischen als auch feministischen Romans ist äußerst fesselnd, leider pflegt der Autor jedoch einen höchst eigenwilligen Erzählstil, der die Lektüre extrem mühsam macht. Er macht Gedankensprünge, denen man kaum folgen kann, verliert sich in Abschweifungen, wo man den chronologischen Fortgang erhofft und veranstaltet Zeitsprünge, die nur eine ungefähre Orientierung erlauben, wenn man die glücklicherweise vorhandene Chronik im Anhang nutzt. Anhand der dort aufgeführten Entdeckungen kann der Leser ungefähr den Verlauf der Zeit zwischen den Kapiteln abschätzen.

Ich habe eine Ausgabe gelesen, die im Rahmen einer zwölfbändigen Reihe "Erzählte Wissenschaft" von der ZEIT herausgegeben wurde. Diese Ausgabe enthält im Anhang neben der Chronik auch noch ein ausführliches Nachwort "Roman und Realität" der ZEIT-Autorin Claudia Wüstenhagen.

Fazit

Mit der Bewertung tue ich mich sehr schwer: Vom Inhaltlichen und der vermittelten Atmosphäre würde ich dem Buch 4,5 Sterne geben (es hätten für mich noch mehr medizinische Details sein dürfen), vom Sprachstil kann ich nur 1 Stern geben.
Man sollte schon ein ausgeprägtes medizinhistorisches Interesse mitbringen, um sich durch den sprachlichen Dschungel dieses Romans zu kämpfen.