Die Hebammen von London

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Rowohlt, 2008, Titel: 'Die Hebammen von London', Originalausgabe

Couch-Wertung:

70
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Kirsten Lambeck
Ein Hebammenteam im Konflikt mit den Ärzten

Buch-Rezension von Kirsten Lambeck Jul 2008

Kurzgefasst:

Im London des 18. Jahrhunderts gerät Hebammenschülerin Lilly in den erbitterten Konflikt zwischen männlichen Geburtshelfern und Hebammen, die ganz unterschiedliche Geburtsmethoden vertreten. Als Junge verkleidet, schleicht sich Lilly in die vom Arzt Smollett eingerichteten Geburtshäuser ein, in denen arme Frauen kostenlos betreut werden, wenn sie sich zu Demonstrationszwecken zur Verfügung stellen. Lilly entdeckt, dass sich die Frauen brachialsten Geburtspraktiken ausliefern, denn Smollett und seine Kollegen setzen aus reiner Profitgier die neuen Geburtszangen hemmungslos ein. Gemeinsam mit dem angehenden Arzt Jonathan, der die männlichen Geburtsmethoden ebenso ablehnt, deckt sie die üblen Machenschaften Smollets auf. Dabei wird Lilly als Frau enttarnt und gerät in höchste Gefahr.

 

Die englische Provinz am Ende des 18. Jahrhunderts: Die junge Lilly lebt als Schülerin und Freundin bei der Hebamme der Kleinstadt Wickham, die beiden Frauen sind ein Team und arbeiten routiniert zusammen. Doch die Idylle trügt: seit kurzer Zeit leistet auch einer der örtlichen Ärzte Geburtshilfe, eine unerhörte Neuigkeit. Er hat in London studiert und wendet neue, "männliche" Methoden an. Schnell kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen den erfahrenen Frauen und dem überheblichen Mediziner.

Eine ganz besondere Lehrmeisterin...

Lilly bekommt die Gelegenheit, ihr drittes Lehrjahr in London, bei der weithin bekannten Hebamme Elizabeth Hill, zu absolvieren. Sie ist fasziniert von der Großstadt und dem Leben dort, vor allem aber vom wohlorganisierten Haushalt ihrer Lehrmeisterin, deren Mann eine Apotheke samt eigenem Kräuteranbau führt. Doch auch Mrs. Hill steht im Konflikt mit den neuen, männlichen Geburtshelfern, vor allem dem berühmten Dr. Smollet, in dessen Geburtshaus in London die neuen Methoden gelehrt werden. Smollet hält die Hebamme für rückständig und ungebildet, im Gegenzug hat Mrs. Hill den Arzt in einem Brandbrief als brutalen Schlächter angeprangert, der seine Instrumente an wehrlosen Frauen der Unterschicht ausprobiert.

Und ein gewagtes Doppelspiel!

Als eine von Lillys Patientinnen, ein junges schwangeres Mädchen, in die Hände von Smollet gerät, beschließt sie, herauszufinden, was im Londoner Geburtshaus vor sich geht. Weil Frauen - außer natürlich als Patientinnen - der Zutritt verboten ist, verkleidet Lilly sich ohne das Wissen ihrer Lehrmeisterin als Mann und kann getarnt als Medizinstudent mit eigenen Augen sehen, wie die Behandlung der Schwangeren dort aussieht: Die Kinder kommen nur selten lebend zur Welt, sondern werden mit Hilfe der modernen Instrumente bereits im Bauch ihrer Mütter getötet.

Entsetzliche Zustände im Geburtshaus

Fast ausnahmslos sind die Patientinnen ledige Schwangere aus der Unterschicht, wissen keinen anderen Ausweg oder werden von ihren Vätern in das Geburtshaus gebracht, um den unerwünschten Nachwuchs loszuwerden. Lilly kann ihr Entsetzen kaum verbergen und erregt die Aufmerksamkeit ihres vermeintlichen Mitstudenten Jonathan, dem die unmenschliche Behandlung der Frauen ebenfalls zu schaffen macht. Fortan verbindet die beiden eine Freundschaft, die auch nicht zerbricht, als Jonathan Lillys wahre Identität aufdeckt.

Doch Lillys Besuche im Geburtshaus bleiben nicht ohne Folge: Als Lilly sich unvorsichtig allzu zartfühlend um eine Gebärende kümmert, wird sie als Frau enttarnt und kann nur mit viel Glück aus dem Geburtshaus fliehen. Sie hat nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Lehrmeisterin in große Gefahr gebracht. Glücklicherweise hat Lilly eine mächtige Fürsprecherin...

Drastische Details in stimmiger Handlung

Edith Beleites historischer Roman für Jugendliche ab 13 Jahren stellt ein ungewöhnliches Thema in den Mittelpunkt: den Wandel von der traditionellen Hebammenfürsorge zur modernen, medizinischen Geburtshilfe, der im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert zu teils grausamen und unmenschlichen Zuständen in den Geburtshäusern der großen Städte führte. Sie beschreibt vor allem die medizinischen Einzelheiten ausgesprochen detailgetreu - ein im Mutterleib zertrümmerter Kinderschädel oder abgetrennte Babyarme lassen den Atem stocken.

Neben dem eigentlichen Handlungsstrang um Lilly und ihre Erlebnisse stellt die Autorin, die sich bereits in Romanen für Erwachsene mit Thema und Zeit auseinandergesetzt hat, das Leben in dem Hebammen- und Apothekerhaushalt und in der Großstadt London interessant und glaubwürdig dar und vermittelt so ein rundum rundes und umfassendes Bild.

Gute Hebammen und böse Ärzte

Die Hebammen sind grundgut und anständig - die Ärzte bis auf wenige Ausnahmen sadistische mitleidlose Ignoranten - leider geraten die meisten der Figuren deutlich zu stereotyp. Ein wenig mehr Ambivalenz hätte der Geschichte gut getan und auch Jugendliche nicht überfordert. Lilly allerdings ist eine Hauptfigur, der man problemlos durch dick und dünn folgen kann und die meist stimmig handelt. Sie ist - im Gegensatz zu Elizabeth Hill - kein Übermensch, sondern reagiert auch mal unbesonnen oder verzweifelt und bietet damit eine gute Identifikationsmöglichkeit für junge Leserinnen - Jungen dürfte der Roman ob all der weiblichen Körperlichkeit eher weniger ansprechen.

Trotz der bisweilen drastischen Details und gerade wegen des besonderen Themas ein absolut lesenswerter Jugendroman!

 

Die Hebammen von London

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