Der Dieb von Dresden

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • List, 2008, Titel: 'Der Dieb von Dresden', Originalausgabe

Couch-Wertung:

80
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Carsten Jaehner
Unterschlagung und Mord an Sachsens Königshof

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Mär 2008

Kurzgefasst:

Napoleon, geschlagen aus Russland zurückgekehrt, führt 1813 in der Gegend um Dresden seine letzten Gefechte. Seine Gegner bringen sich mit Geheimdiplomatie in Stellung, um die Macht neu zu verteilen. In dieser brisanten Situation gerät Hofrat von Block, Direktor der berühmten Kunstsammlung im Grünen Gewölbe, in die Netze der Machtpolitik. Sein Stellvertreter wird ermordet, alle Spuren deuten auf Block. Der Hofrat ist kein Mörder, doch er hat ein peinliches Geheimnis. Um sein Doppelleben nicht auffliegen zu lassen, erklärt er sich bereit, an die Preußen Informationen zu liefern. Blocks halbwüchsige Tochter Ariane ist entsetzt, als der Vater verhaftet wird. Sie ist fest entschlossen, seine Unschuld zu beweisen, und beginnt zu ermitteln. Unterstützt wird sie von ihrem Klavierlehrer, dem Musiker und Dichter E.T.A. Hoffmann. Doch je mehr die beiden herausfinden, desto klarer zeigt sich, dass Block keineswegs unschuldig sein kann.

 

Im Jahr 1813 kommt Napoleon aus Russland wieder und kommt auf seinem Weg Richtung Frankreich durch Dresden. Hier werden in Kürze die Heere der Franzosen und der Preußen aufeinander treffen. In Dresden selber wird man nervös und vieles gerät durcheinander. In dieser Zeit passiert ein Mord innerhalb des Bedienstetenkreises des Königs.

Politische Ränkespiele zu Napoleons Zeit

In dieser Zeit zieht es auch den Dichter, Komponisten und Musiker E.T.A. Hoffmann und seine Frau nach Dresden. Zunächst ohne Einnahmequelle, lernt er zufällig den Hofrat Block kennen, der der Direktor des Grünen Gewölbes und somit Herr der Schatzkammer des Königs ist. Hoffmann wird der neue Klavierlehrer von Blocks Tochter Ariane und hat so zumindest geringe Einkünfte.

Aus Gründen des nahenden Krieges ist man bei Hofe in Dresden dabei, die Schätze des Königs auszulagern, womit Block und sein Stellvertreter Lenzen seit Tagen beschäftigt sind. Lenzen stellt anhand seiner Listen fest, dass verschiedene Gegenstände der Sammlung abhanden gekommen sind und verdächtigt Block des Diebstahls von wertvollen Teilen und Stücken der Sammlung. Kurz darauf wird Lenzen vergiftet aufgefunden und alles spricht dafür, dass Block den Mord begangen haben soll.

Block jedoch wird bald freigelassen und gerät als treuer Anhänger ausgerechnet Napoleons zwischen die Fronten der Spionage zwischen den Armeen. Seine Tochter Ariane verdächtigt ihn zudem, eine Liaison mit der Lebedame Françoise du Barry zu haben. Zusammen mit dem Dichter Hoffmann, der inzwischen eine Stellung als Kapellmeister am Theater hat, versucht sie, die Unschuld ihres Vaters zu beweisen und gerät dabei tiefer in die politischen Ereignisse, als ihr lieb sein kann.

Viele überraschende Wendungen

Ralf Günther hat mit "Der Dieb von Dresden" einen Roman geschrieben, in dem viel passiert und in dem es immer wieder viele überraschende Wendungen gibt. Mit vielen Umschreibungen lädt er den Leser in das Dresden des Jahres 1813 ein und beginnt gleich mit einem Paukenschlag. Schon im ersten Kapitel geschieht ein Unfall mit einer Kutsche, der nicht unblutig ausgeht und somit das Tempo für des weiteren Verlauf des Buches vorgibt. So legt Günther die Messlatte für den Rest seines Romanes recht hoch und schafft es auch fast immer, seinem selbst gesetzten Standard gerecht zuwerden.

Ausgangspunkt der Handlung sind die einigermaßen komplizierten politischen Verhältnisse, die Günther jedoch unproblematisch darzustellen weiß. Napoleontreue Leute wie Block und die du Barry treffen auf Königstreue wie Lenzen und Hoffmann und so ist der Konflikt im Großen wie im Kleinen vorprogrammiert. Dabei ist gerade bei Block und der du Barry nicht immer klar, ob sie wirklich auf der Seite stehen, wie es den Anschein hat, aber diese Unklarheiten machen den Roman erst so richtig interessant.

Der Autor springt so häufig zwischen den verschiedenen Handlungssträngen hin und her, dass es unklar ist, wer denn der eigentlich Hauptprotagonist der Erzählung ist. Es gibt keinen wirklichen "Helden", irgendwie hat jeder Dreck am Stecken, was in den Charakterisierungen der einzelnen Personen gut herauskommt. Block ist liebender Vater, möglicherweise untreuer Ehemann, Anhänger Napoleons, Mordverdächtiger und vielleicht auch veruntreuender Beamter, Hoffmann hingegen ist unterfinanzierter Musiker und wird von der Tochter beauftragt, ihm bei den Nachforschungen zu helfen. Dabei vertrinkt er den Großteil seines Gehaltes in Kneipen, während seine Frau zu Hause hungert und nicht weiß, wie sie den nächsten Tag überleben soll. Ariane steht zwischen allen Stühlen und kommt dank Hoffmann nach und nach hinter die Geheimnisse ihrer Familie.

Viel Durcheinander

Das alles ist sehr viel und auch auf eine Weise spannend, aber auch sehr überladen und durcheinander. Damit entspricht das ";private" Geschehen zwar dem großen Kriegsgeschehen außerhalb Dresdens und später auch in Dresden selbst, gibt dem Leser aber auch ein etwas chaotisches Lesegefühl. Hinzu kommt, dass einige Aktionen Hoffmanns oder auch Blocks einfach nicht nachzuvollziehen sind und auch später nicht erklärt werden. Hoffmanns andauernde Exzesse in Kneipen gehen einem mit der Zeit auf die Nerven, zumal er die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Dies ist nur ein Beispiel unter vielen.

Dennoch gibt es in dem 460 Seiten starken Buch einige beeindruckende Höhepunkte, wie die kleinen Auftritte Napoleons oder Hoffmanns Erleben des Kriegsgeschehens in Dresden. Gerade hier zeigt der Autor, dass er gut erzählen und beschreiben kann und interessanterweise ist gerade der Moment, wo Hoffmann den Krieg erlebt, einer der Ruhemomente des Buches, eine stille Insel im Gemetzel der Schlacht. Das ist beeindruckend für den Leser und gerne hätte man mehrere dieser Momente gehabt.

Was letztlich bleibt ist ein Roman, bei dem der Mord schnell in den Hintergrund rückt und von den tagespolitischen Ereignissen eingeholt wird. Unverständlich ist, dass zwischen dem Mord und der vermeintlichen Auflösung fast ein halbes Jahr vergeht und einige Indizien trotzdem noch vorhanden sind. Das klingt doch sehr konstruiert und unwahrscheinlich, als würde in Dresden nur alle halbe Jahre einmal in den Räumen sauber gemacht. Hier also stimmt etwas nicht, das fällt dem leiser leider zu deutlich auf.

Sprachlich gut, inhaltlich konstruiert

Sprachlich hingegen weiß Ralf Günther zu überzeugen, wenn auch nicht immer inhaltlich. Der Leser bekommt einen guten, bisweilen beeindruckenden Einblick in das Sachsen zu Napoleons Zeit und geht alle chaotischen Wege der Protagonisten gerne mit, wenn er auch nicht weiß, wohin er führt.

Ein Nachwort beschreibt kurz das Leben des wahren historischen Hofrates Block. Leider fehlt auch ein Blick auf das weitere Leben Hoffmanns und Napoleons. Eine Zeittafel des Jahres 1813 sowie eine Aufführung der handelnden Personen wäre wünschenswert gewesen. So bleibt ein Buch, dessen überaus ansprechendes Cover vieles verspricht, leider aber nicht alles halten kann.

Der Dieb von Dresden

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