Idylle mit Professor

Erschienen: Januar 1986

Bibliographische Angaben

  • Heyne, 1986, Titel: 'Idylle mit Professor', Originalausgabe

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85

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Annette Gloser
Regeln einer Ehe

Buch-Rezension von Annette Gloser Jan 2008

Danzig, 1735. Victoria Kulmus ist zweiundzwanzig Jahre alt, als sie den berühmten Professor Gottsched heiratet - und sie betet ihn an! Sie, die aus dem nüchtern-hanseatischen Danzig nun in das sächsische Leipzig kommt, taucht in eine Welt der Wissenschaften, der Kunst, der gehobenen Lebensart ein. Und Mittelpunkt ihrer neuen Lebenswelt ist dieser Mann, eine Säule der Wissenschaften, der standhafte Kämpfer für die Einheitlichkeit der deutschen Sprache, das Idol der Studenten und Victorias zärtlich liebender Gatte. Alles, alles will sie tun, um ihm zu gefallen, ihm das Leben angenehm zu machen und sie unterwirft sich gern den alles beherrschenden Regeln, die er für jeden Lebensbereich aufstellt. Er dagegen erkennt schnell, daß Victoria in der Lage ist, ihm viele Arbeiten zu erleichtern und ihn in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ebenso zu unterstützen wie beim Erledigen der umfangreichen Korrespondenz. Sie wird seine "geschickte Freundin", deren Namen er nie in seinen Veröffentlichungen erwähnt, denn sie lebt ja durch ihn.

Trotz allem aber bleibt Victoria eine Frau mit eigenständigem Denken. Sie - selbst hoch begabt - beginnt eigene Arbeiten, gewinnt Anerkennung auch für sich selbst. Es kommt der Punkt, an dem sie Gottscheds Urteilen nicht mehr bedingungslos folgen kann und ihre eigene Meinung dagegen hält - ein klarer Verstoß gegen die Gottschedschen Eheregeln. Allmählich tauchen Risse in der scheinbar so harmonischen Beziehung auf. Denn irgendwann wird klar, daß Gottsched alles will, nur keine Frau, die ihn in den Schatten stellt.

Enttarnung eines obsessiven Charakters

Renate Feyl gelingt hier eine sehr feinfühlige Romanbiographie über eine Frau, der die moderne Wikipedia nur wenige Zeilen widmet, während ihr Gemahl umfangreiche Erwähnung findet. Dabei gelingt es der Autorin, die Protagonisten für sich selbst sprechen zu lassen. Beginnt der Roman bereits mit einem längeren Sermon Gottscheds, der seiner Frischangetrauten genau erklärt, wie es in der Ehe zu laufen hat, so zieht sich dies auch folgend durch das gesamte Buch. Immer wieder äußert er sich, sei es zur Sparsamkeit im Haushalt, zum Bündeln der Wäsche, zu Dichtern und Denkern, zu Friedrich II., zur Gartengestaltung... Gottsched hat zu allem was zu sagen und hat für alles Regeln, Regeln, nochmals Regeln. Wer sich nicht an diese Regeln hält, hat keine Chance, Gnade vor seinen Augen zu finden. Und eingepfercht in diesen Regelkäfig zeigt uns die Autorin eine junge Frau, die an den Gitterstäben rüttelt. Und während dem modernen Leser schier die Luft weg bleibt bei so viel Enge und Ordnungssinn, arbeitet Victoria Kulmus, genannt "die Gottschedin", ein enormes Pensum ab, erkämpft sich jede Minute, um selbst schreiben zu können und trotzdem sowohl den Haushalt nach den Vorstellungen des Professors korrekt zu führen als auch die Zuarbeiten für ihn zu erledigen.

Zeitgeist weht durch die Seiten

Die Autorin wird an keiner Stelle vordergründig. Es gelingt ihr, allein durch Äußerungen und Handlungen ihrer Romanfiguren zu zeigen, wer wes Geistes Kind ist. Dabei fokussiert sie die Beziehung des Paares und die Arbeit Victorias. Das Zeitgeschehen, mit dem sowohl Victorias als auch Gottscheds Arbeit eng verknüpft ist, findet nur über diesen Weg Eingang in den Roman. Dabei fordert die Autorin ihre Leser, setzt zumindest gewisse Grundkenntnisse über die Zeit voraus. Wer mehr über den Siebenjährigen Krieg wissen will, der mag sich woanders informieren. Dennoch zeigt Renate Feyl das Ehepaar Gottsched nicht außerhalb von Raum und Zeit sondern in ständiger Interaktion mit den Größen des 18. Jahrhunderts und mit dem aufklärerischen Geist, der diese Epoche beherrschte. In diesem Roman spielen die Alltagsdinge nur eine untergeordnete Rolle. Es werden keine Kleider beschrieben, es wird nicht berichtet, wie man das Haus putzte oder Toilette machte. Und dennoch erfährt der Leser viel über die Persönlichkeiten mit denen das Ehepaar Gottsched persönlich zusammentraf oder mit denen Gottsched ein Hühnchen zu rupfen hatte. Sehr deutlich wird dabei auch, bei allen unsympathischen und teilweise lächerlichen Seiten des Professors, welches Verdienst Gottsched sich um das Entstehen einer einheitlichen Nationalsprache erworben hat und welche - damals noch völlig abwegigen - Ideen bereits zu dieser Zeit für einen geeinten deutschen Staat bestanden.

Nicht nur für Feministinnen

Keines der Bücher von Renate Feyl läßt sich im Schnelldurchlauf lesen, auch dieses nicht. Es verlangt dem Leser Aufmerksamkeit und Emotionen ab und ist nichts für den, der sich nur ein paar kurzweilige Stunden machen will. Was dem Leser bleibt, ist das Wissen um eine Frau, die schon fast in der Versenkung der Geschichtsbühne verschwunden war, die Großes geleistet hat und die einen harten Kampf durchgestanden hat, um aus dem Schatten ihres berühmten Gatten treten zu können.

Und Renate Feyl gebührt das Verdienst, uns immer wieder auf solche Frauen aufmerksam zu machen und uns Anteil an ihrem Leben nehmen zu lassen. Letztendlich ist Idylle mit Professor der Bericht über eine weitere Frau in der deutschen Geschichte, die völlig zu Unrecht heute kaum noch jemand kennt, die den heutigen Frauen aber mit großen Schritten auf dem Weg zur Emanzipation vorangegangen sind.

Idylle mit Professor

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Letzte Kommentare:
22.07.2016 15:52:25
Joachim Guth

Der Meinung von Frau Kummerhoff kann ich mich überhaupt nicht anschließen! Im Gegenteil finde ich, dass Viktoria gerade als eigenständige und widerspruchsvolle Frau gezeigt wird, die mich völlig in ihren Bann gezogen hat. Allerhöchstes Lob für die Autorin Renate Feyl und ihre sehr ironisch-satirische Darstellung von Gottsched und der Gottschedin.

25.03.2015 13:34:30
Monika Kummerhoff

Ich finde es interessant, dass Renate Feyl über diese wenig bekannte Frau an der Seite des Literaturpapstes Gottsched schreibt. Allerdings scheint mir die Handlung vorhersehbar zu sein, nämlich dann, wenn man die Rolle ihres Gatten in der Litaraturgeschichte kennt. Viktoria wird von ihm aus konzipiert und entwickelt sich später zu seiner Kritikerin, allerdings leider, ohne als eigenständige, widerspruchsvolle und den Leser in ihren Bann ziehende Persönlichkeit gezeigt zu werden. Schade!

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