Der Reliquienhändler

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Lübbe, 2006, Titel: 'Relics', Originalausgabe

Couch-Wertung:

68
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Carsten Jaehner
Mittelalter mit Hand und ohne Fuß

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Jan 2008

Es ist allgemein bekannt, dass nicht der Fluch tötet, sondern der Glaube daran, und so ähnlich verhält es sich auch mit Reliquien. Es ist nicht wichtig, ob sie echt ist, sondern dass man daran glaubt. So ist es heute immer noch, und so war es auch im England des Jahres 1235.

Der junge Novize Petroc begegnet Sir Hugh de Kervezey, der der Truchsess des Bischofs Ranulph und somit ein Mann mit Macht und Einfluss ist. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass Sir Hugh auch ein verschlagener Mann ist, denn er benutzt den ahnungslosen Petroc, um eine Reliquie aus einer Kirche zu stehlen. Neben dem Raub der Hand der Heiligen Euphemia schiebt er ihm auch den Mord an einem Priester in die Schuhe, den er selbst vor Petrocs Augen begeht.

Petroc gelingt die Flucht, bevor die ganze Stadt hinter ihm her ist, und gemeinsam mit seinem Freund Will flieht er aus der Stadt. Bald ist er auf sich allein gestellt und gelangt zum Schiff des Kapitäns Montalhac, der, wie sich herausstellt, mit Reliquien handelt, einem seinerzeit sehr einträglichen Geschäft. Petroc ist immer noch im Besitz der gestohlenen Reliquie, und zu allem verliebt er sich in Anna, eine Prinzessin aus dem Orient. Eine wilde Jagd auf Petroc beginnt, und mehr als einmal muss er um sein Leben bangen.

Sprachliche Schwächen

Mit seinem Erstlingsroman Der Reliquienhändler beginnt Pip Vaughan-Hughes eine Reihe um den jungen Novizen Petroc, die aus seiner Ich-Perspektive erzählt wird. Dabei beschreibt er eine wilde Verfolgungsjagd zu Wasser und zu Lande, und nie kann sich Petroc sicher sein, ob seine Freunde auch wirklich seine Freunde sind. Der Autor hat einen flüssigen Erzählstil, man kann dem Geschehen gut folgen. Aus der Sicht Petrocs ist man noch näher am Geschehen und auch an seine Gedankengängen und Zweifeln. Diese gehen einem gerade gegen Ende zwar etwas auf die Nerven, aber man versteht auch, warum.

Petroc hat mit seinen Gefährten doch sehr viel Glück. Bis auf den Beginn werden die Charaktere schnell festgelegt und der "guten" oder der "bösen" Seite zugeordnet, wobei ein gewisses Misstrauen in beide Richtungen immer angebracht ist. Dabei werden die Charaktere nicht ausführlich, aber denn verständlich beschrieben, und so kommt man gut und schnell in die Geschichte hinein. Sprachlich verzichtet Vaughan-Hughes weitestgehend auf unnötige Schnörkel und erzeugt so ein bisweilen eine sehr nüchterne Spannung. Hier hätte mehr Intensität dem Roman gut getan. Auch benutzt er immer wieder Ausdrücke, deren Verwendung zu Beginn des 13. Jahrhunderts doch wenigstens fraglich erscheinen. Begriffe wie "holterdiepolter" und "Kotau machen" stören den Lesefluss und sind nicht gut für den Eindruck eines solchen Buches.

So lässt der Autor nicht nur sprachlich einige Finesse und Tiefgang vermissen, sondern auch inhaltlich. Immer wieder fragt man sich, wie es denn der Reliquie wohl ergehen mag, die Petroc dauernd mit sich herumschleppt. Manche Szene erinnert auch mehr an einen James-Bond-Film als an eine Geschichte aus dem Mittelalter. Hier tut sich der Autor keinen Gefallen.

Interessanter Einblick in Reliquienhandel

Enttäuschend sind auch die Anhänge des Buches, denn sei fehlen komplett. Keine Karte, kein Glossar, keine historischen Anmerkungen, kein Personenverzeichnis. Ohne diese Zusätze, die heute ja schon fast zur Standardausrüstung eines historischen Romans gehören, wird der Leser mit seinem neu erworbenen Wissen gerade um den Reliquienhandel allein gelassen. Dabei ist diese Geschichte gerade das Pfund, mit dem der Roman wuchern kann. Die Einblicke in den Handel mit Reliquien sind interessant und gut nachvollziehbar, und so erhält man einen besonderes Blick auf diesen Teil des Mittelalters. Dies hätte aber in einem Anhang gerne fundiert werden dürfen.

So bleibt ein Roman, der zwar flüssig zu lesen ist, aber doch einigen Tiefgang vermissen lässt. Wer gerne solche Geschichten liest, hat hier einen soliden Roman erwischt, nicht mehr und nicht weniger. Ob sich das in weiteren Geschichten um Petroc bessert, kann der deutsche Leser zunächst nicht weiter feststellen, da der Verlag zunächst nicht plant, weitere Teile der Reihe herauszubringen. Das ist schade, denn die Grundgeschichte verfügt über genügend Potenzial für weitere Abenteuer, und gerade das Ende lässt gespannt auf weitere Teile blicken. Im original sind bislang insgesamt drei Teile erschienen, ob es auf deutsch weitergeht, ist derzeit eher fraglich. So wird man leider auch nicht erkennen, ob sich nicht nur Petroc, sondern auch der Autor weiterentwickeln. Beiden ist es möglich und auch zu wünschen.

Der Reliquienhändler

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