Arrowood - In den Gassen von London von Mick Finlay

Buchvorstellungund Rezension

Arrowood - In den Gassen von London von Mick Finlay

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Arrowood“,deutsche Ausgabe erstmals 2018, 432 Seiten.ISBN 3959671741.Übersetzung ins Deutsche von Kerstin Fricke.

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Kurzgefasst:

1895: Privatdetektiv William Arrowood ist ein Mann vieler Talente und einiger Laster. Die Tagelöhner und Straßenmädchen im armen South London können sich keinen besseren Detektiv leisten und kommen daher mit allen Anliegen zu ihm. Voller Verachtung und Neid blickt er über die Themse auf seinen bekannten Kollegen Sherlock Holmes und dessen betuchte Klientel. Auch Arrowoods neuester Fall scheint nicht geeignet zu sein, ihn berühmt zu machen: Eine junge Französin bittet darum, ihren verschwundenen Bruder aufzuspüren. Doch hinter dem simplen Auftrag verbergen sich weit mehr Geheimnisse und Leichen, als Arrowood für möglich hielt. Und so führen ihn seine Ermittlungen von den Tiefen der Londoner Unterwelt bis in höchste Regierungskreise …

Das meint Histo-Couch.de: „Sherlock Holmes hat Konkurrenz“80

Rezension von Nicole Goersch

London 1895: William Arrowood ist Privatdetektiv, arbeitet in London und hat einen Assistenten, der sein aktuelles Abenteuer erzählt. Erinnert an Sherlock Holmes? Richtig! Aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Arrowood sieht nicht wie ein Gentleman aus und kann sich seine Klienten nicht aussuchen: er muss nehmen, was kommt. Als eine junge Frau um seine Hilfe bei der Suche nach ihrem Bruder bittet, müssen Arrowood und sein Assistent Norman Barnett ihre persönlichen Animositäten einem involvierten Pubbesitzer gegenüber beiseite räumen, wenn sie den Fall annehmen wollen. Dieser entpuppt sich als komplexer als zunächst vermutet und bringt nicht nur die beiden in höchste Gefahr.

Der mächtige Schatten des Sherlock Holmes

Arrowood verfolgt gereizt die Abenteuer seines Kontrahenten im Strand-Magazin, ebenjener Zeitung, in der Arthur Conan Doyle seine Geschichten veröffentlichte. Sehr amüsant ist seine Reaktion, wenn andere Holmes lobend oder verehrend erwähnen. Er selber versucht eher, in den Gesichtern der Menschen zu lesen und ihre wahren Gefühle darin zu entdecken, als investigativ zu arbeiten. Dabei helfen ihm die Veröffentlichungen von Charles Darwin.

Sein Charakter ist zwar gänzlich anders als der von Sherlock Holmes, aber dennoch interessant ausgelegt. Vor allem die Vergleiche, die der sherlockerfahrene Leser heranziehen kann, sind sehr gelungen. Die größte Parallele ist, dass Arrowoods Erlebnisse von seinem Assistenten erzählt werden, ebenso wie Dr. Watson es macht. Und so berichtet Norman Barnett von dem neuesten Fall, der bei Arrowood hereinschneit: eine junge Französin, die ihren Bruder sucht. Aufgrund seiner guten Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe vermutet Arrowood, dass die Klientin lügt. Neugierig geworden nimmt er den Fall an.

Zahlreiche, ausgefeilte Charaktere

Kurz darauf bekommen die beiden Detektive Besuch von Arrowoods Schwester Ettie, die sich bei ihm zu Hause einquartiert. Sie ist eine engagierte und couragierte Frau, die ihrem Bruder sogar in einer kniffligen Situation aushilft. Weitere Unterstützung erhält er von dem Jungen Neddy, der sich nicht nur einmal in große Gefahr begibt, um seinem Idol nachzueifern. Natürlich gibt es in diesem Roman ebenfalls einen Inspector wie bei Sherlock Holmes, der ermittlungstechnisch ähnlich dargestellt ist wie Lestrade.

Der Leser erfährt nicht nur von der vertrackten Gegenwart, sondern auch von der abwechslungsreichen Vergangenheit der Privatermittler, allerdings bleibt manches noch verborgen, so dass man vermuten könnte, ein möglicher zweiter Fall werde mehr Licht ins Dunkel bringen. Der Fall selbst wird immer komplexer: es treten nicht nur immer mehr Personen auf, die es zuzuordnen und zu unterscheiden gilt, sondern es entwickelt sich auch eine umfangreiche Handlung, die teilweise in Sackgassen führt, teilweise erst später zu der Aufklärung beiträgt. Hier heißt es ständig aufmerksam zu bleiben.

Vielschichtige Handlung, aber weniger pfiffig

Manche Anwandlungen und Handlungen Arrowoods sind etwas merkwürdig, wenn er beispielsweise seinen Assistenten mit einem Rohr schlägt, nur um ihn an einer Verfolgung zu hindern. Die anschließende Diskussion sorgt zumindest beim Leser für Lacher.

Die historische Einbindung ist gut gelungen. Das London des ausgehenden 19. Jahrhunderts entsteht fast mühelos vor dem geistigen Auge. Auf einem Stadtplan kann man die Wege Arrowoods und Barnetts nachverfolgen, denn die erwähnten Straßen und Plätze gibt es (oder gab es) tatsächlich. Die Ermittlungsmethoden, die angewendet werden, sind ähnlich ungewöhnlich wie bei Sherlock Holmes, allerdings fehlt zum Ende hin der letzte Pfiff, der den Leser staunend und verblüfft zurücklassen würde.

Sherlock-Holmes-Kenner werden ihren Spaß mit diesem ungewöhnlichen Konkurrenten haben, aber auch historisch interessierte London-Liebhaber kommen auf ihre Kosten.

Ihre Meinung zu »Mick Finlay: Arrowood - In den Gassen von London«

wampy zu »Mick Finlay: Arrowood - In den Gassen von London«16.10.2018
Buchmeinung zu Mick Finlay – Arrowood – In den Gassen von London

Meine Meinung:
Dieses Buch besticht durch die ungewohnt „schmutzigen“ Figuren, selbst die Ermittler sind nur etwas heller als die Verbrecher. Die Geschichte spielt in weiten Teilen in den ärmeren Gegenden Londons und die Schilderung der Verhältnisse kennt keine Zurückhaltung. So liegt eine trübe Atmosphäre in der Luft und man spürt, wie schwer es vielen Menschen fällt, nicht jede Hoffnung zu verlieren. Dazu kommt, dass eigentlich jeder nicht die Wahrheit sagt. Auch Gewalt ist allgegenwärtig und spielt öfters eine Rolle. Arrowood ist ein Ermittler der Armen und bekommt regelrecht Unwohlsein, wenn er von den Erfolgen eines gewissen Sherlock Holmes hört. Es bereitet ihm Genugtuung, wenn es ihm gelingt, diese Erfolge als Aneinanderreihung glücklicher Zufälle darzustellen. Eine wesentliche Rolle bei den Ermittlungen spielt Barnett, der Assistent Arrowoods. Er agiert im Stil eines Archie Goodwins und ist für die Laufarbeiten zuständig. Weitere Unterstützung erfährt Arrowood durch seine Schwester Ettie und den Strassenjungen Neddy. Arrowood überzeugt nicht durch seine Genialität, wohl aber durch seine Hartnäckigkeit und Ausdauer. Er lässt sich nicht einschüchtern und gibt sein Bestes. So legt er sich auch mit dem SIB, einer Polizeieinheit gegen irische Terroristen, an. Die Polizei spielt keine besonders glückliche Rolle und es bedarf glücklicher Umstände für die ermittelnden Figuren. Gerade wegen ihrer Unvollkommenheit fiebert man mit den Figuren mit und hofft, dass sie zumindest überleben, wenn sie schon nicht zu strahlenden Helden werden.
Die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit spielen eine Rolle und das Fehlen eines Glossars fiel mir unangenehm auf. Die Geschichte der Ferniers war mir vollkommen unbekannt. Auch die Gewaltanwendung war sehr intensiv und hat bei den Figuren Spuren hinterlassen. Doch insgesamt überwiegen die positiven Aspekte. Die Geschichte war spannend, enthielt etliche humorvolle Stellen und die Figuren mit ihren vielen Grautönen sind gut gelungen. Auch die Atmosphäre war dunkel, aber glaubhaft.



Fazit:
Ein Historischer Roman mit einigen Schwächen, der aber vor allem mit der Atmosphäre und der sehr gelungenen Figurenzeichnung punktet. Von mir gibt es deshalb vier von fünf Sternen (80 von 100 Punkten) und eine klare Leseempfehlung für alle, die es etwas härter mögen.
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