Die Stimmlosen von Melanie Metzenthin

Buchvorstellungund Rezension

Die Stimmlosen von Melanie Metzenthin

Originalausgabe erschienen 2018unter dem Titel „Die Stimmlosen“,, 528 Seiten.ISBN 2919801341.

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Kurzgefasst:

Hamburg, 1945: Der Krieg ist zu Ende und die Naziherrschaft endlich vorbei. Doch in der Familie von Richard und Paula Hellmer kommt an diesem ersten Weihnachtsfest im Frieden keine rechte Freude auf. Zu beengt sind die Wohnverhältnisse, zu groß der Mangel an Lebensmitteln und warmer Kleidung. Vor allem Richard macht sich Sorgen nicht nur um seine Familie. Er, der im Dritten Reich als Psychiater immer wieder sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, um Menschen zu retten, muss feststellen, dass die alten Seilschaften sich nahtlos in die neuen Machtverhältnisse eingegliedert haben. Überzeugt, das Richtige zu tun, sagt er in einem Prozess gegen seinen Erzfeind Chefarzt Krüger aus und muss sich zu seinem Entsetzen plötzlich für sein eigenes Tun rechtfertigen. Unterdessen stellen seine Frau Paula und sein bester Freund Fritz eine medizinische Versorgung ganz eigener Art auf die Beine  gefährlich und nicht immer legal …

Das meint Histo-Couch.de: „Bittere Not, alte Seilschaften und das Wirtschaftswunder“97Treffer

Rezension von Birgit Borloni

Weihnachten 1945, das erste Fest in Friedenszeiten und doch kommt so wenig Freude auf. Auch wenn der Krieg endlich zu Ende, die Naziherrschaft gebrochen ist, so fehlt es doch am Allernötigsten. Es gibt nicht genug Lebensmittel, nicht genug Kohlen und nicht genug von den Dingen des alltäglichen Lebens. Die Menschen leiden bittere Not, auch Paula und Richard Hellmer, ihre Kinder, ihre Familie sowie ihr Freund Fritz Ellerweg und sein Sohn Harri. Dabei können sie noch von Glück reden, denn sie haben eine intakte Sechs-Zimmer-Wohnung, in der es noch fließendes Wasser und Strom gibt, auch wenn sie hier mit elf Personen leben und eine Arztpraxis betreiben. Doch sie leiden Mangel. Außerdem steht der Prozess gegen Richards früheren Chefarzt Krüger an, der viele behinderte Menschen, darunter 22 schwerstbehinderte Kinder, im Rahmen der Euthanasie in den Tod geschickt hat. Doch Richard bekommt deutlich zu spüren, dass er, der gegen Krüger aussagen wird, als Nestbeschmutzer gilt. Denn auch wenn die NS-Diktatur vorbei ist, so sind die alten Seilschaften noch intakt …

Aufgeben ist keine Option

Wie bereits im ersten Band ist es nicht das große Drama, das die Autorin in den Vordergrund stellt, sondern das alltägliche Leben, das mittendrin stattfindet. Die ersten Jahre sind bitter: Hunger und Kälte setzen den Leuten zu, die pro Person zugeteilten Lebensmittel reichen vorne und hinten nicht, sind zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel, wenn man sie überhaupt bekommt. Zu hunderten verhungern und erfrieren die Menschen in den Nachkriegswintern, der Anblick von Leichen wird zum alltäglichen Anblick.

Doch Paula, Richard und Fritz finden immer wieder Wege, ihre Familie durchzubringen, wenn auch  laut den Gesetzen der britischen Besatzungsmacht nicht immer legal. Mit der Währungsreform 1948 geht es dann endlich wieder bergauf und dieser Optimismus ist auch in der Geschichte deutlich spürbar.

Melanie Metzenthin verwebt eine Vielzahl an spannenden Themen zu einer packenden Geschichte: Neben den Nachkriegswintern, dem blühenden Schwarzmarkthandel und dem Erfindungsreichtum der Leute werden die Ärzteprozesse bezüglich der Euthanasie, medizinische Errungenschaften, Homosexualität, die britisch-deutschen Beziehungen, Familienkonflikte, das Überwinden von Traumata sowie das Wirtschaftswunder thematisiert. Dabei wirkt das Buch nie überladen oder belehrend, sondern alles fügt sich harmonisch zusammen. Ein großer Vorteil ist dabei die differenzierte Erzählweise der Autorin. Es gibt nie schwarz oder weiß sondern viel mehr Grau in allen denkbaren Schattierungen. Alles hat zwei Seiten und das regt zum Nachdenken an. Besonders schön sind hierbei die Beziehungen zwischen Briten und Deutschen herausgearbeitet. Ihre unterschiedliche Sichtweise auf viele Dinge, der Hass, der das Kriegsende überlebte, aber auch die Versöhnungsbereitschaft. Besonders bedrückend sind die Prozesse gegen Krüger, denn die Richter (und viele weitere Beamte) waren ja auch unter der NSDAP schon im Amt.

Die differenzierte Sichtweise erstreckt sich auch auf die Figuren, die dadurch so lebensecht geworden sind, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie nur der Fantasie entsprungen sind. Natürlich gehören Richard, Paula, Fritz, Arthur und ihre Familien zu den „Guten“, aber sie alle haben ihre Fehler und treffen auch manchmal die falschen Entscheidungen. Aber gerade das macht sie so glaubwürdig und so liebenswert. Es ist, als würde man sie wirklich kennen. Erzählt wird das alles mit einem unnachahmlichen Humor, der viele dunkle Stellen für Protagonisten und Leser gleichermaßen erträglich macht.

Zum Schluss geht es zu schnell

Damit diese Rezension – ähnlich wie das besprochene Buch – differenziert wird, seien auch die Kritikpunkte nicht verschwiegen: Fritz ist ein Starchirurg, dem scheinbar alles gelingt – wenn auch manchmal mit einer unverschämten Portion Glück. Auch das Auftauchen einer totgeglaubten Figur dürfte viele Leser überraschen und jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er das glaubt. Allerdings legt genau das den Grundstein für einige hochinteressante Konflikte und Entwicklungen. Was am schwersten wiegt, ist das fehlende Gleichgewicht zwischen den ersten Nachkriegsjahren und der Wirtschaftswunderzeit. Während sich die ersten zweieinhalb Jahre (Weihnachten 1945 bis zur Währungsreform) über 430 Seiten erstrecken, gibt es für die letzten fünf Jahre (das Buch endet im September 1953) noch nicht einmal 100 Seiten. Das führt leider dazu, dass plötzlich alles sehr gedrängt wirkt. Auch wenn man den Optimismus  dieser Zeit spüren kann, erreichen die Protagonisten doch gefühlt in sehr kurzer Zeit sehr viel und alles läuft auf das glückliche Ende hinaus. Hier hätten dem Buch nochmal 100 oder 150 Seiten definitiv gut getan. Lediglich die Auflösung eines Handlungsstranges hinterlässt einen herben Nachgeschmack – und bewahrt den Schluss davor, mit rosarotem Glitzer überstreut zu werden.

Doch trotz dieser Kritikpunkte ist Die Stimmlosen ein hervorragend geschriebenes Werk, das nicht nur gut unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt und einen intensiven, glaubhaften Blick auf die Nachkriegszeit wirft. Absolut lesenswert!

Ihre Meinung zu »Melanie Metzenthin: Die Stimmlosen«

Orange zu »Melanie Metzenthin: Die Stimmlosen«14.09.2018
„Die Stimmlosen“ ist nach „Im Lautlosen“ der zweite Roman der Autorin Melanie Metzenthin um das Ärzteehepaar Paula und Richard und ihren Freund Fritz, der ebenfalls Arzt ist.
Nach Ende des zweiten Weltkrieges und der Bombardierungen durch die Alliierten ist Deutschland ein Trümmerfeld. Es mangelt an allen - Nahrung, Kleidung, Wohnraum, medizinischer Versorgung. Nur durch den Bezug von Lebensmittelmarken können die Menschen notdürftig überleben. Sie erlauben den Bezug von gerade mal 5g Fleisch, wenn es denn nach langen Anstehen in der Schlange überhaupt noch etwas gibt. Kinder die nicht untergewichtig sind haben keinen Anspruch auf Schulspeisung. So blüht der Schwarzmarkt.
Auch Paula, Richard, Fritz und ihre Familien leiden unter dieser Situation. Alle leben zusammen in der Wohnung von Paula´s Vater und versuchen, die medizinische Versorgung halbwegs zu gewähren, auch wenn viele Medikamente nicht zu bekommen sind. Als Ärzte haben sie zwar eine privilegierte Stellung, aber auch sie handeln auf den Schwarzmarkt, manchmal auch am Rande der Legalität.
Und trotz aller Einschränkungen und des täglichen Kampf ums Überleben ist der Roman keinesfalls ein düsteres Buch. Ganz deutlich merkt man die Aufbruchsstimmung und wie sich das deutsche Wirtschaftswunder seinen Weg bahnt und natürlich kommt der Humor bei der Autorin nie zu kurz. Trotz aller Schrecken musste ich beim Lesen des Buches mehrfach schmunzeln oder laut lachen.
Mir hat „Die Stimmlosen“ wieder sehr gut gefallen und ich habe liebgewonnene Figuren aus den ersten Band gern weiter auf ihren Weg begleitet und weiß für mich, dass sie ihren Weg gegangen sind.
Wie bereits im ersten Teil erzählt die Autorin auf spannende Art und Weise und auch wenn die Geschichte fiktiv ist, greift Melanie Metzenthin wieder auf private Erzählungen zurück und macht „Die Stimmlosen“ damit noch authentischer.
Auch wenn beide Bücher selbstständig gelesen werden können, ist es aus meiner Sicht sinnvoll sie in der richtigen Reihenfolge zu genießen. Nur so kann man die Entwicklung der Figuren verstehen und nachvollziehen.
Von mir gibt es die volle Punktzahl und eine absolute Kauf- und Leseempfehlung.
ysa zu »Melanie Metzenthin: Die Stimmlosen«17.08.2018
Hamburg 1945: der Krieg ist vorbei. Aber das Leben in der Nachkriegszeit ist schwer, es mangelt an allem: zu wenig Nahrung, zu wenig Kleidung, keine Medikamente, wenig Heizmaterial, wenig Wohnraum in der zerbombten Stadt.
In dieser Zeit kämpfen die Ärzte Richard und Paula, deren Familien sowie deren Freunde Fritz und Arthur um ihr Überleben. Sie sind zwar in durchaus privilegierten Stellungen, haben Arbeit, Einkommen und Wohnung, aber einfach ist es für sie trotzdem nicht, ganz im Gegenteil! Auch sie sind manchmal gezwungen am Rande der Legalität zu agieren, um überleben zu können. Verständlich, denn Lebensmittelmarken, die den Bezug von 5gr (!) Fleisch erlauben, sind oft sinnlos, da es kein Fleisch gibt – der Schwarzmarkt blüht. Jeder muss irgendwie überleben.

Melanie Metzenthin beschreibt wirklich spannend und authentisch die Zustände, die die Menschen in den ersten Jahren der Nachkriegszeit meistern mussten. Darüber hinaus greift sie zahlreiche Themen der Zeit auf, wie zum Beispiel die Diskussion um die Euthanasie von Behinderten im Krieg, die Art wie die Prozesse diesbezüglich geführt wurden und die Tatsache, dass die Seilschaften aus der Nazi-Zeit auch in der Nachkriegszeit perfekt funktionierten. Viele der wichtigen Posten nach dem Krieg wurden von jenen besetzt, die im Krieg überzeugte Nazis waren und dann versicherten, dass sie sowieso immer im Widerstand waren. Außerdem wird die Beziehung zu den alliierten Besatzungsmächten immer wieder beschrieben, die Verbote, die Vorurteile, die auf allen Seiten herrschten und das Zusammenleben bestimmten.
Alle Themen zu nennen, würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen. Aber in diesem Zusammenhang möchte ich auf die Facebook- Autorenseite von Melanie Metzenthin verweisen. Dort findet man noch viele geschichtliche und private Hintergrundinformationen und Fotos!
Soviel sei verraten: die Protagonisten meistern diese schwere Zeit mit viel Lebensmut, Mitgefühl, einer guten Portion Humor und einer Freundschaft, die Rückhalt gibt und es ermöglicht, von einer besseren Zukunft zu träumen. Mehr noch: die es ermöglicht, alles zu tun, damit diese bessere Zukunft Wirklichkeit wird.
Die Autorin versteht es, die einzelnen Protagonisten in allen ihren Facetten lebensnah und glaubwürdig zu charakterisieren. Ihr Kampf ums Überleben, ohne dabei die eigenen Überzeugungen über Bord zu werfen, ist so detailreich und informativ beschrieben, dass die knapp 500 Seiten rasend schnell gelesen sind, ohne auch nur einen Moment der Langeweile.
Sie beschreibt emotional berührend und historisch fundiert, welch grausame Folgen Nationalsozialismus und der Krieg für alle Menschen hatte. Ein Buch, das zu denken gibt – nicht nur als Roman, der in der Vergangenheit spielt, sondern als wichtiges Buch in Zeiten wo Rechtsextremismus und Menschenverachtung wieder salonfähig gemacht werden!
Unbedingt lesenswert!
kessi67 zu »Melanie Metzenthin: Die Stimmlosen«12.08.2018
Richard, Paula und deren Familien haben den Krieg überstanden und sind glücklich sich noch zu haben. Waren sie der Hoffnung, alles würde nach dem Krieg besser werden, mussten sie schnell erkennen, dass es wohl noch Jahre dauern wird um einigermaßen über die Runden kommen zu können.

Aber sie haben ein Dach über den Kopf und müssen nicht im zertrümmerten Hamburg in einem Keller oder einer Ruine hausen. Auch Fritz, der gemeinsame Freund von Paula und Richard lebt mit seinem Sohn Harri in der Wohnung, wie auch die Eltern und Schwiegereltern von Richard. Alles ist sehr beengt und doch haben sie einen Weg gefunden, am Tag über eine Arztpraxis zu führen.

Dies hilft der Familie, zusammen mit Fritz seiner Arbeit in der Klinik, die Familien über die Runden zu bringen. An allem herrscht großer Mangel, Nahrung, Heizmaterial für den Winter und auch Medikamente, die dringend benötigt werden, sind kaum aufzutreiben.

Die Lebensmittel -Karten alleine reichen nicht zum Überleben und so ist es dem Einfallsreichtum alle zu verdanken, sich einigermaßen über Wasser zu halten.

Die Verbrechen der Nazis werden in den verschiedenen Besatzungszonen vor Gericht verhandelt. Richard, der im Krieg alles unternommen hat, seine Patienten vor der Euthanasie zu retten, hofft nun ebenfalls, dass sein ehemaliger Vorgesetzter Dr. Krüger, zur Rechenschaft gezogen wird und seine gerechte Strafe bekommt.

Kann es Hoffnung auf Gerechtigkeit geben? Die Nürnberger Prozesse haben es gezeigt, aber viele kleine Lichter im Naziregime haben einen Weg nach dem Krieg gefunden, weiterhin in gehobenen Positionen ein Amt zu bekleiden.

Oft verlieren Richard, Paula und Fritz den Glauben am Rechtssystem in einem Deutschland welches von den Besatzungsmächten regiert wird.



Nur der unerschütterliche Glaube an eine neue Zukunft, bei denen die Protagonisten an ihren Träumen festhalten und nicht verzweifeln, sondern immer nach vorne schauen und sich ihren Optimus bewahren, nur so ist es ihnen gelungen, Jahre später zufrieden und glücklich zu sein.

Richards und Paulas Kinder, Emilia und Georg, die in den ersten Nachkriegsjahren so viel entbehren und zu schnell ihre Kindheit hinter sich lassen mussten, können nun, auch Dank ihrer liebevollen Eltern, ein eigenes Leben führen.

Aber bis dahin, war es ein beschwerlicher und oftmals auch gefährlicher Weg.



Meine Meinung:

"Die Stimmlosen" von Melanie Metzenthin, ist eine Fortführung von " Im Lautlosen", in der die Geschichte der Familie Hellmer und deren Freunden erzählt wird. Beide sind in sich abgeschlossene Bücher und es stellt kein Problem dar, die Stimmlosen alleine zu lesen. Doch möchte ich empfehlen auch "Im Lautlosen" zu lesen, da es eine interessante Geschichte der Protagonisten ist.

Ich habe sehnsüchtig darauf gewartet, um zu erfahren wie es allen nach dem Krieg ergangen ist. Wie schon mit dem ersten Band, bin ich nicht enttäuscht worden und bin glücklich, dass ich am Schicksal der Protagonisten teilhaben durfte.

Es ist zu merken, diese beiden Romane sind ein Herzensprojekt von Melanie Metzenthin, wie sie es auch im Nachwort erwähnt. Ich hatte das Glück, dass Buch in einer Leserunde mit mit der Autorin zu lesen, in der sie uns Lesern alles ausführlich erläuterte und all die Fragen die wir gestellt hatten, beantwortete.

So viel Herzblut steck im Inhalt, der mich so manches Mal an meine Grenzen der Gefühle gebracht hat. Der Schreibstil ist einfühlsam, sehr bildhaft und so berührend, dass mir an manchen Passagen die Tränen kullerten. Wenn ein Autor/in das schafft, spricht es für das Können des Schreibens und verdient ein großes Lob.

Nicht nur die Hauptprotagonisten mit ihren besonderen Charaktere, sonder auch alle anderen Angehörigen und Freunden der Familie Hellmer sind mir ans Herz gewachsen. Ich habe mit ihnen gelitten und mich mit ihnen gefreut. Besonders habe ich mich auch über die Rückkehr nach Hamburg von Horst ( Melanie Metzenthin's Vater) gefreut, dessen Erlebnisse so geschehen sind, wie sie hier geschildert werden.

Ich kann nicht anders, ich gebe fünf Sterne, eine absolute Leseempehlung.
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