Die Musik der verlorenen Kinder von Mary Morris

Buchvorstellungund Rezension

Die Musik der verlorenen Kinder von Mary Morris

Originalausgabe erschienen 2015unter dem Titel „The Jazz Palace“,deutsche Ausgabe erstmals 2016, 400 Seiten.ISBN 978-3-7466-3272-8.Übersetzung ins Deutsche von Gabriele Weber-Jaric.

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Kurzgefasst:

Amerika, um 1920: Fasziniert von der neuen Musik, die ganz Chicago erobert, widersetzt sich Benny Lehrman dem Willen seines Vaters und kämpft darum, Pianist werden zu dürfen. Im Nachtclub der Familie der jungen Pearl findet er Zuflucht, Freundschaft – und erlebt seine erste Liebe. Doch schon bald steht er vor der Wahl zwischen der Musik und denen, die ihm nahestehen.

Das meint Histo-Couch.de: „Anschauliche Reise in die Anfänge des Jazz“75

Rezension von Nicole Goersch

Chicago zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Benny Lehrman arbeitet als Laufjunge für seinen Vater, der eine Mützenfabrik betreibt. Insgeheim hegt er jedoch den Wunsch, Pianist zu werden, fühlt sich aber nicht zu den klassischen Komponisten hingezogen, sondern zu der „Negermusik“, wie seine Mutter es nennt, zum Jazz. Auf seinen nächtlichen Streifzügen lernt er den Trompeter Napoleon kennen und freundet sich mit ihm an. Gemeinsam spielen sie in dem Nachtclub, der von Pearl und ihren Geschwistern betrieben wird. Doch schon bald muss Benny erkennen, dass Musik nicht nur Freiheit, sondern auch hartes Geschäft bedeutet.

Umfangreiches Figurenaufgebot

Schon zu Beginn wird deutlich, dass die Autorin trotz des überschaubaren Umfangs – ein historisches Epos im Sinn hatte. Zahlreiche Biografien laufen zusammen und ineinander. Das erste Treffen von Benny und Pearl, als beide noch Kinder sind, bildet den Grundstein für diesen Roman. Unwissentlich, dass sich ihre Leben später erneut kreuzen werden, sind sie Zeugen eines großen Unglücks, das wegweisend für beider Zukunft ist.

Selbst die Randfiguren bekommen ein Gesicht wie z. B. der Metzger, der in seiner blutbesudelten Schürze am Tresen der Bar sitzt. Leider behält Mary Morris diese Ausführlichkeit nicht bei, so dass die Nebenfiguren mit zunehmender Geschichte zu einer grauen Hintergrundmasse verschwimmen. Gerade hier hätte man einen guten Ansatz für den Anspruch eines Generationenromans haben können.

Zu viele Beschreibungen, zu wenig direkte Rede

Die Beschreibung Chicagos zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist anschaulich, allerdings stellenweise etwas kurz geraten. So kann man sich zum Beispiel die Problematik zwischen der weißen und schwarzen Bevölkerung gut vorstellen, aber ein paar beispielhafte Szenen hätten dem ganzen Roman mehr Würze und Tiefgang verliehen.

Drastisch hingegen sind die Darstellungen der einzelnen Viertel der Stadt, die von ausgeprägtem Wohlstand bis bitterster Armut reichen, so dass man meint, den stinkenden Abfall riechen zu können oder von den weißen Säulen einer Villa geblendet zu sein. Meistens jedoch ist es rau und dreckig, so auch in den Bars, in denen Jazz gespielt wird. Das ist so einnehmend und bezaubernd in reizvolle Bilder gefasst, dass man förmlich die dunklen Töne des Klaviers säuselnd in einer lauen Sommernacht hören kann.

Die Art der Autorin, vergangene Szenen als Erinnerungsfetzen kurz berichtend zu umreißen, und aktuelles Geschehen in indirekter Rede wiederzugeben, nimmt dem Erzählverlauf entscheidend an Dynamik und liest sich hölzern. Auch bleibt der Leser bei manchen Szenen allein mit der Frage, warum die Autorin gerade dies erzählen wollte, da es nicht zum Fortgang der Geschichte beiträgt, z. B. wenn Benny fortwährend in Stofffetzen, die er seiner Mutter aus dem Nähzimmer stiehlt, masturbiert, oder dass Al Capone einem spontanen Einfall nachgibt und nach Kalifornien reist. Hier wäre Raum für interessantere Anekdoten gewesen.

Jazz in Worte gefasst

Die große Stärke des Romans sind die Bilder, mit denen die Musik, die Emotionen, die sie weckt, und die Gefühle, die sie freisetzt, in Worte gefasst werden. Als Beispiel sei ein Zitat angeführt (S. 177f.):

„Benny ließ seine Schritte anklingen, das Klopfen an die Tür, einen Schlag mit der Hand, einen Schrei. Er hätte nicht sagen können, woher seine Einfälle kamen, es war, als entstünden sie aus dem Nichts. Er fühlt sich wie in einer Schneekugel, in der die Musik um ihn wirbelte, bis sie in ihn drang und ihn erfüllte.“

Um als großes Generationenepos benannt zu werden, fehlt es allerdings an ausgeprägten Figuren und lebendigen Anekdoten, wozu ohne weiteres berühmte Namen wie Al Capone oder Louis Armstrong beigetragen hätten.

Ihre Meinung zu »Mary Morris: Die Musik der verlorenen Kinder«

Mohnblume zu »Mary Morris: Die Musik der verlorenen Kinder«21.01.2017
von Arietta
Ein Leben für die Musik


Ein wundervoller Roman, ich bin begeistert, er ist erfüllt von Musik. Oft hatte ich während des Lesens das Gefühl die Musik zu hören. Man spürt die Begeisterung der Menschen, ihre Hingabe, die Musik ist wie pulsierendes Blut in den Adern von Benny und Napoleon. Ihnen wurde die Begabung und Hingabe dazu in die Wiege gelegt.

Sehr schön hat die Autorin der Werdegang von Benny, Pearl und dem schwarzen Napoleon, in Amerika um 1920 beschrieben. Alle drei leben in Chicago die Musik und ihre Schicksale verbindet sie. Benny belastet den tragischen Tod seines jüngsten Bruders, obwohl ihn keine Schuld damals traf, scheinen die Eltern sie ihm still vorzuwerfen. Pearl, musste ansehen wie ihre drei Brüder bei dem Untergang eines Schiffes ertranken, der Tod ihrer Geschwister ist schmerzlich für die beiden und man spürt wie es sie bedrückt. Napoleon, hat sich auf der Flucht aus den Südstaaten Al Capone verpflichtet. Keine einfache Sache und hoch gefährlich für Napoleon wenn er nicht seine Vereinbarungen einhielt. Die Begegnung mit Al Capone war sehr Interessant.

Benny fandich verträumt und Liebenswert, sein Wunschtraum ist es mal ein großer Pianist zu werden, zum Leidwesen des Vaters der möchte das er mal die Mützenfabrik übernimmt. Schön war es mit den dreien durch Chicago zu spazieren, die Geburt des Jazz zu erleben. Durch die Armutsviertel und den Slums der schwarzen die erfüllt sind voll mit Musik und in der Benny den Jazz kennen und lieben lernte. Pearl, hat sich in Benny verliebt und ausgerechnet ihre jüngste Schwester Opal scheint ihr einen Strich durch die Rechnung zumache. Opals Ausgeflippt und Verrücktheit ist sehr gut beschrieben, ein Menschenkind auf der Suche nach sich selbst und Geborgenheit. Pearl und ihre Geschwister sind vom Schicksal nicht verschont geblieben, schon früh müssen sie den Tod nach dem tragischen Unglück verarbeiten

Mary Morris hat eine wundervolle Geschichte geschaffen, man erlebt die berühmten Goldenen Zwanzigerjahre, mit ihren Licht und Schattenseiten. Das Leben zwischen den Schwarzen und weißen, den immer noch herrschenden Vorurteilen. Die Armut und das Elend in den Slums und Armutsvierteln. Ihre Protagonisten sind sehr gut heraus gearbeitet, ebenso die einzelnen Charaktere und Emotionen kommen sehr gut rüber. Alles ist sehr real und Bildhaft beschrieben, man fühlt sich in die Geschichte hineingezogen beim Lesen. Ein Buch das noch sehr lange nachwirken wird. Ich habe diese Menschen in der Geschichte für ihre Kraft und Mut bewundert und Lieben gelernt.


„Eine wundervolle Facettenreiche Geschichte um das Drama zweier Familien und der Musik, sind sehr fessend beschrieben „
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