The 800

Film-Kritik von Michael Drewniok (02.2021)/ Titelbild: © Koch Films

Nicht süß, doch ehrenvoll ist’s, fürs Vaterland zu sterben …

Das geschieht: Ende Oktober 1937 ist China im Krieg mit Japan. Die Armee des Kaiserreichs hat das durch einen Bürgerkrieg geschwächte Riesenreich faktisch besiegt und treibt dessen schlecht geführten und ausgerüsteten Soldaten vor sich her. Auch an der Ostküste ziehen die Chinesen sich zurück, doch damit dies gelingt, soll eine Elitetruppe die heranstürmenden Japaner aufhalten. Unter dem Kommando des charismatischen Xie Jinyuan verbarrikadieren sich in der Hafenstadt Shanghai 452 (nicht 800) Männer in einem Warenhaus.

Da sich die britische „Konzession“ - eine Exklave, in der das Empire das Sagen hat - in direkter Nachbarschaft befindet und im Warenhaus wertvolle Güter lagern, greifen die Japaner nicht mit schweren Waffen an, weshalb die Verteidiger sie trotz der gewaltigen Übermacht für eine gewisse Zeit aufhalten können. Dieser Kampf ist hart und aus Xies Sicht ein Todeskommando.

Je länger sich die kleine Truppe halten kann, desto stärker zieht sie die Aufmerksamkeit auf sich: Nur das Flüsschen Suzhou trennt Warenhaus und „Konzession“. Dort am Ufer versammeln sich nicht nur Neugierige, für die der Kampf auf Leben und Tod zum spannenden Schauspiel wird, sondern auch Presseleute aus aller Welt. Für die Japaner wird das Warenhaus zum Ärgernis. Kommandant Iwane Matsue soll es propagandatauglich um jeden Preis erobern. Xie will es bis zum letzten Mann halten; er sieht sich und seine 88. Division inzwischen als Symbol für den chinesischen Widerstand. In der Tat laufen ihnen mehr und mehr Patrioten aus der „Konzession“ zu - und in den Tod, denn vom Kampf haben sie keine Ahnung.

Für den 1. November plant Matsue einen vernichtenden Angriff. Er wird stattfinden, obwohl Xie und seine Division nun doch das Warenhaus aufgeben und sich in die „Konzession“ begeben werden. Der Weg dorthin führt über eine von den Japanern gut einsehbare Brücke. Kein Chinese soll entkommen, weshalb Matsue die Flüchtlinge erbarmungslos unter Beschuss nehmen lässt …

Lästige Wahrheit, Schlupfwinkel Film

Das Ereignis ist historisch, und das Sihang-Warenhaus steht bis heute, um an die Taten der 88. Division zu erinnern, die dem für China lange peinlichen, weil selbstverschuldet verlorenen, schon im Juli 1937 ausgebrochenen Krieg mit Japan heroisch verklären kann. 1927 war ein Bürgerkrieg ausgebrochen, der erst 1949 sein Ende fand. Eigentlich unversöhnlich standen sich die Republik China unter Chiang-Kai-shek und die Volksrepublik China unter Mao Zedong gegenüber. Nur mühsam rauften sich die Parteien im Kampf gegen den gemeinsamen Gegner zusammen, was den militärischen Widerstand zusätzlich behinderte.

Scheinbare oder tatsächliche „Opfergänge“, mit denen sich unterlegene, aber moralisch im Recht befindliche „Helden“ gegen übermächtige, grausame, verbrecherische Mächte erheben, finden sich in den Geschichtsbüchern aller Staaten dieser Erde. Da die Beteiligten tot sind, können sie und ihr Widerstand instrumentalisiert werden. (Dagegen stören Überlebende die Idealisierung, weil sie ausplaudern können, was tatsächlich geschah = dass die nachträglichen Helden nicht geschlossen, fröhlich und singend für die gute Sache in den Tod gegangen sind.)

„The 800“ wird von einer in dieser Beziehung empfindlichen Kritikerfraktion tüchtig in die Mangel genommen, weil Regisseur und Drehbuchautor Guan Hu die Historie walkt und biegt, um sie in ein Heldenepos zu verwandeln. Die Volksrepublik China ist im Westen derzeit schlecht angesehen, weil ihr keine Regierung, sondern eher ein Regime vorsitzt, das jenseits lästiger Menschenrechte sein Ziel verfolgt, China global zur Nr. 1 zu trimmen. Auch mit hohem Aufwand entstandene Filme werden deshalb misstrauisch auf unterschwellige Botschaften untersucht - eine Mühe, die man sich hier nicht machen muss, denn in „The 800“ ist absolut nichts unterschwellig.

Laut schreien, menschlich reifen, nützlich sterben

Symbolismus ist im asiatischen Kino ein wichtiges Element. Man sollte deshalb nicht mit den Augen rollen, wenn Hu u. a. ein schneeweißes Pferd durch das zerbombte Shanghai galoppieren lässt (bzw. sich an Stephen Spielbergs „War Horse“, 2011; dt. „Gefährten“, erinnern). Auch sonst spiegeln sich Wünsche und Vorstellungen in erbaulichen Kampfliedern, Schattenspielen oder Rückblenden-Erinnerungen an ähnlich chancenlose, aber tödlich kampfentschlossene Vorfahren. Aus westlicher Sicht wirkt dies (zu Recht) plump und peinlich; hier hat das Kino (außer Roland Emmerich oder Michael Bay) gelernt, durchaus weiterhin präsenten Hurra-Patriotismus zu filtern und (scheinbar) zu brechen.

Asiatische Helden handeln, aber vorher reden sie ausführlich bis endlos über ihren anstehenden Todesgang. Wer aus der Darsteller-Schar sich bisher drücken = lieber überleben wollte, besinnt sich im Überschwang der Emotionen anders und stimmt in den Brüll-Chor derer ein, die wir wenig später in Zeitlupe, aber in Heldenpose verrecken sehen.

Wu nähert sich diesem Kollektiv-Klischee über einen Umweg: In das Geschehen führen ausgerechnet drei Feiglinge und zwei arglose Landeier ein, die in der ersten Filmhälfte damit beschäftigt sind, aus dem Warenhaus in die „Konzession“ zu flüchten. Dann hat Anführer Xie seine Truppe jedoch durch nackten Terror, feurige Reden und die Anrufung eines auf das Jenseits fixierten Kameradschaftsgeistes zu einer Kampfmaschine geformt, deren Zahnräder sich freudig Granaten um den Bauch schnallen, um sich aus dem Fenster auf attackierende Japaner zu werfen, oder auf dem Warenhausdach eisern die Flagge der Republik aufrecht halten, während sie von Kampfflugzeug-Kanonen buchstäblich zu Hackfleisch verarbeitet werden. Ganz vorn dabei sind jetzt die ehemaligen Feiglinge und Landeier, die selbstverständlich genug Zeit hatten, um (hirnerweichend pathetisch) die Situation aus ihrer Sicht = der Sicht des ‚normalen‘, tapferen Chinesen zu schildern: Solche Ergüsse sind es, an denen sich die Zuschauer ein Beispiel nehmen sollen!

Nicht kleckern - klotzen!

Zehn Jahre hat Regisseur und Drehbuchautor Hu angeblich an diesem Film gearbeitet. Um ihn Realität werden zu lassen, musste er sich notgedrungen auf ‚Kompromisse‘ (s. u.) einlassen. Dafür durfte er sein Epos budgetgepolstert und mit modernen IMAX-Kameras filmen, deren Aufnahmen eine optimale digitale Bearbeitung ermöglichen. Doch Hu verließ sich nicht nur auf die Technik. Wie Jean-Jacques Arnaud in „Enemy at the Gates” (2001: dt. „Duell - Enemy at the Gates”) ließ Hu den Schauplatz als Kulisse in Originalgröße bauen. Auf einer Fläche von etwa 20 Fußballfeldern entstand eine eindrucksvolle Trümmerlandschaft, über die sich das umkämpfte Warenhaus erhob.

Im Inneren sorgte Hu für eine labyrinthische, die Sinne verwirrende Kulisse, deren ohnehin komplexe Warenhaus-Struktur sich durch zerschossene Wände, eingestürzte Decken und behelfsmäßige Unterstände endgültig in eine alptraumhafte Vorhölle verwandelt. Die Kampfszenen lassen an Drastik nicht zu wünschen übrig und können mit Hollywood-Klassikern wie „Saving Private Ryan“ (1998; dt. „Der Soldat James Ryan“) oder „Black Hawk Down“ (2001) mithalten. Ist die Zeit für schmalzige Reden vorbei, kommt der Tod schnell und schmutzig. Er verschont auch vermeintliche Hauptfiguren nicht, was mit ein Grund für das Fehlen von ‚Identifikationsfiguren‘ ist: Früher oder später erwischt es sie alle! In solchen Szenen funktioniert „The 800“, weil sie dort, wo sie nicht wie in der finalen Brücken-Szene durch Zeitlupe und forcierte Inbrunst entwertet werden, die Gnadenlosigkeit eines Krieges zeigen, der Menschen in Zielscheiben verwandelt und in dem das Überleben zum reinen Glücksspiel wird.

Stark in der Wirkung ist ebenfalls der eigentlich allzu plakative Kontrast zwischen dem nur durch einen Fluss getrennten Warenhaus und der „Konzession“. Mehrfach blicken die in Dunkelheit und Kälte isolierten Soldaten fasziniert hinüber, wo sich das Leben unter strahlendem Kunstlicht laut und bunt und scheinbar kriegsfern fortsetzt. Ebenfalls eindringlich sind die Szenen, in denen sich Journalisten, die aus kriegsneutralen Staaten stammen und von den Japanern deshalb in Ruhe gelassen werden, um die Plätze mit der besten Sicht auf blutige = medienwirksame Ereignisse balgen.

Der schwere Arm der Gegenwart

„The 800“ ist ein Werk, das den Enthusiasmus seines Schöpfers widerspiegelt. Gerade deshalb verwundert dessen inhaltliche Zerrissenheit. Ganze Ereignisstränge verebben, nachdem sie aufwändig zelebriert wurden bzw. offensichtlich finalbegleitende Höhepunkte einleiten sollten. Ebenso verschwinden bisher relevante Figuren spurlos; nicht einmal der sonst übliche Heldentod wird ihnen gegönnt.

Schon vorher stimmte der Rhythmus nicht. Die erwähnten Feiglinge und Landeier mutieren zu abgebrühten, unerschrockenen Kampfmaschinen, was in dieser Schlagartigkeit ohne plausible Erklärung bleibt. Die dadurch aufkommende Irritation weckt die Aufmerksamkeit des Zuschauers, weshalb weitere Logik-Lücken sowie Unfug nicht unbemerkt bleiben. (Wenn genug Zeit bleibt, eine Soldatenreihe zu bilden und jedes Mitglied mit Granaten zu garnieren, die vor dem Sprung durch ein Mauerloch auf angreifende Japaner gezündet werden: Wieso bindet man besagte Granaten nicht an ein schweres Trümmerteil - davon gibt’s genug - und wirft es auf den Feind hinab?)

Guan Hu ist nicht alleinverantwortlich. Einen Monumental-Film wie „The 800“ konnte das Regime nicht ignorieren. Die für 2019 geplante Uraufführung wurde abgesagt und das Werk den staatlichen Zensoren übergeben. Als der Film Ende August 2020 in die Kinos kam, war er eine Viertelstunde kürzer geworden. Was geschnitten wurde, ließ das Regime natürlich unkommentiert, aber es sickerte durch, dass vor allem die Fahne auf dem Warenhausdach für Ärger gesorgt hatte: Sie zeigt historisch korrekt das Emblem der „Revolutionäre“ unter Chiang-Kai-shek, die später die dem Regime verhasste „Republik China“ auf der Insel Taiwan gründete: Daran will die Volksrepublik nicht erinnern.

Dass aus einem womöglich sorgfältig durchkomponierten Film ein Durcheinander wird, ist aus politischer Sicht gleichgültig. Als Heldenepos ist „The 800“ zu naiv, um eine Propagandawirkung zu erzielen. Wenn Zuschauer sich kritisch äußern, lassen sie mehrheitlich durchblicken, dass sie ohnehin nicht interessiert oder schlicht zu dumm sind, um sich beeinflussen zu lassen. Sie konzentrieren sich auf das Spektakel, das Blut, die Gemetzel. Krieg ist im Film immer auch bzw. für Couch-&-Chips-Krieger nur ein Abenteuer. Man kann dies zynisch verurteilen, ohne es zu ändern. Womöglich ist dies sogar das Beste, denn so erübrigt sich das Wissen, dass der Warenhaus-Kampf der echten 88. Division ‚nur‘ 37 Opfer forderte, der Abzug in die „Konzession“ ohne Tote abging, der ach so verehrte Xie 1941 von eigenen Männern ermordet wurde oder die Japaner nach dem Überfall auf Pearl Harbor die „Konzession“ besetzten und die dort festgehaltenen Soldaten in die Kriegsgefangenschaft schickten.

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Bilder: © Koch Films

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