Das Haus der Granatäpfel von Lydia Conradi

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2017unter dem Titel „Das Haus der Granatäpfel“,, 672 Seiten.ISBN 3866124252.

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Kurzgefasst:

Smyrna, 1912: Das Paradies so nennen viele die Metropole am Ägäischen Meer, die inmitten von Krisen wirkt wie ein weltvergessenes Idyll. In die Stadt, in der Menschen aus aller Herren Länder seit jeher in Eintracht leben, kommt die Berlinerin Klara, um mit Peter, dem Sohn eines Kaufhausmagnaten, eine Zweckehe einzugehen. Doch er kann die lebenshungrige junge Frau nicht glücklich machen, und Klara verliert ihr Herz an den Arzt Sevan. Aber auch er ist gebunden, und als der Erste Weltkrieg ausbricht, beschließen beide, trotz ihrer Liebe füreinander ihre Partner nicht im Stich zu lassen. Für eine Weile erweist sich das Paradies wahrhaftig noch als Oase im Grauen, doch dann entbrennt ein schicksalhafter Kampf um die Stadt. Und plötzlich muss Klara eine Entscheidung fällen, die über Menschenkraft hinausgeht, um etwas von Smyrnas Geist und ihrer Liebe zu Sevan zu bewahren …

Das meint Histo-Couch.de: „Eine andere Facette des Ersten Weltkriegs“89Treffer

Rezension von Rita Dell'Agnese

Es fällt der blutjungen Berlinerin Klara nicht schwer, in der Silvesternacht 1909 den zurückhaltenden Peter Delacloche für sich einzunehmen. Der zuvorkommende junge Mann scheint ihr den perfekten Ausweg zu bieten: Denn Klaras Eltern wünschen die Tochter zu verheiraten, haben ihr bis dahin jedoch kaum geeignete Kandidaten vorgestellt. Zudem hegt Klara den Verdacht, dass die jungen Männer es vor allem auf ihre beachtliche Mitgift abgesehen haben. Nicht so Peter, selber Sohn aus einer reichen Familie. Auch dass er in Smyrna lebt, scheint ihr zunächst eher ein Vorteil, kann sie doch auf diese Weise dem engen Korsett der Gesellschaft entfliehen. Auf dem Weg nach Smyrna ist Klara dennoch von Zweifeln geplagt. Das erst recht, als sie ihrem Schwager Nimrod begegnet, der das Gegenteil des zurückhaltenden Peters ist. Klara erkennt, dass sie an der Seite ihres Mannes wohl nicht glücklich werden wird. Sie sucht den Ausweg aus ihrer tiefen Einsamkeit in Affären. Allerdings scheint sie einzig im armenischen Arzt Sevan einen Menschen gefunden zu haben, der sie versteht. Sevan selber ist mit seiner Frau Rhipsime unglücklich. Obwohl er alles für sie tut, behandelt ihn Rhipsime wie ein lästiges Anhängsel. Sie verachtet Sevan für seine bescheidene Herkunft. Klara und Sevan kommen sich näher, auch wenn sie sich dessen bewusst sind, dass ihre Liebe nicht zuletzt vor dem Hintergrund der verschiedenen Kulturen keine Zukunft haben kann. Zudem verwandelt sich der Balkan immer mehr in ein Pulverfass. Vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs finden auch im orientalischen Paradies von Smyrna Gräueltaten statt.

Etwas zu kantig ausgefallen

Lydia Conradi hat ein Faible für kantige Charaktere. Das lässt sich kaum verleugnen. Doch bei Das Haus der Granatäpfel sind sie teilweise etwas zu kantig ausgefallen. So fällt es lange schwer, der Protagonistin Klara in irgendeiner Form Sympathie entgegen zu bringen. Der Leser nimmt sie zunächst als egoistische Persönlichkeit wahr, die auch nicht davor zurück schreckt, andere zu verletzen, um ihr Ziel zu erreichen. Zwar findet im Laufe des Romans ein deutlicher Reifeprozess statt, doch vermag dieser die Figur nur mäßig zugänglicher zu machen. Es fällt bis zuletzt schwer, sich mit Klara zu identifizieren. Weder der farblose Peter – mit dem man allerdings doch immer mal wieder Mitgefühl haben kann – noch der smarte Abenteurer Nimrod können Klaras Platz als Identifikations-Figur einnehmen. Anders hingegen Sevan, der sich durch seine geduldige, zuvorkommende Art schnell in den Herzen der Leser festsetzen kann. Hier bleibt es wohl eher unverständlich, wie es letztlich zur Ehe zwischen Sevan und Rhipsime hatte kommen können, da die Frau ihn nie als gute Partie erachtete und ihm mit großer Verachtung begegnet.

Unbekannte Aspekte

Lydia Conradi beschreibt in ihrem Roman die Auswirkungen des 1. Weltkriegs auf die Bevölkerung auf dem Balkan mit großer Empathie. Die historischen Fakten vermögen dabei die etwas schwierige Hauptperson Klara vergessen machen und den Leser in eine für ihn zumindest teilweise unbekannte Welt zu entführen. Sehr schön zeigt die Autorin hier die schleichende Veränderung in der Gesellschaft auf und macht sichtbar, was für westliche Augen lange Zeit mehr oder weniger verborgen war. Obwohl vieles an die Grenze der Erträglichkeit geht, kommt hier kein Voyeurismus sondern tiefe Verbundenheit mit dem betroffenen Volk zum Ausdruck. In einer starken Sprache und einem unglaublichen Flair für die bildhafte Beschreibung legt Lydia Conradi diesen Teil der Weltgeschichte offen und lässt dadurch manchen Leser inne halten und über die Situation nachdenken. Das Haus der Granatäpfel ist keine einfache Lektüre, es braucht da und dort Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, sich ganz auf die sehr kantigen Persönlichkeiten einzulassen. Dann aber offenbart sich dem Leser ein sehr eindrückliches Leseerlebnis.

Ihre Meinung zu »Lydia Conradi: Das Haus der Granatäpfel«

Jana68 zu »Lydia Conradi: Das Haus der Granatäpfel«22.11.2017
Der Roman „Das Haus der Granatäpfel“ von Lydia Conradi (erschienen im Pendo Verlag im Oktober 2017) erzählt die Geschichte der jungen Klara, die auf der Suche nach ihrem Platz im Leben ist, die Geschichte des armenischen Arztes Sevan, der das größte Herz der Welt hat und die Geschichte der Levantiner-Familie Delacloche. Vor allem aber erzählt das Buch die Geschichte von Smyrna, dem heutigen Izmir, zwischen 1912 und 1922 bis zu jenem Tag, an dem Smyrna in Flammen stand.

Smyrna war eine fröhliche und weltoffene Stadt voller Lebendigkeit und so kunterbunt und berauschend wie wohl kaum eine andere zu jener Zeit. Hier traf man auf Kulturen aus aller Welt, denn man war willkommen, egal ob Griechen, Muslime, Levantiner, Armenier oder Jude. Natürlich gab es Konflikte, natürlich war auch Smyrna kein Paradies und blieb auch Smyrna vom Krieg nicht unberührt. Und dennoch gab es hier ein multikulturelles Zusammenleben, das sagenhaft viele Früchte trug.
Die erste Hälfte des Romans widmet sich sehr intensiv diesem besonderen Lebensgefühl, dass sich vor allem am Beispiel der Familie Delacloche mit all ihren Festen und Empfängen im Haus der Granatäpfel widerspiegelt.
In vielen Religionen und Kulturen nimmt diese uralte und stolze Frucht einen besonderen Platz ein, ob in der Griechischen Mythologie, im Judentum, dem Buddhismus oder im Koran. So ist der Granatapfel ein Symbol für den Spirit der Stadt
Mitten hinein in deren lebhafte Vielfalt, begleiten wir Klara. Etwas blauäugig flieht sie durch die Heirat mit Peter Delacloche aus der Enge ihres Elternhauses in Deutschland und stürzt sich in ihr Abenteuer, kostet das Leben und ihre vermeintliche Freiheit aus. Man muss ihr Denken und Handeln nicht immer gutheißen, man muss sie nicht sofort mögen. Aber es schmerzt durchaus zuzusehen, wie sie sich verrennt, wie sie es manchmal selbst herausfordert, in die Enge getrieben zu werden, sich ausnutzen läßt oder sich selbst ins Abseits drängt.
An ihrer Geschichte und ihrer Entwicklung wird deutlich, dass Integration keine leichte Sache ist, dass der Weg zur Frau sehr steinig und schmerzhaft sein kann, dass es viel Kraft und Willensstärke braucht, um den Mut zum Leben nicht zu verlieren.
Ausgerechnet der eher unscheinbare und keineswegs umwerfend schöne Sevan ist es, den Klara liebt, aber nicht lieben darf; der ihr Halt gibt, sie beschützt, ihr Mut macht und sie mehr als einmal zurück führt ins Leben. Sevan, der so sehr an das Gute glaubt, dass er nicht sehen will, welches Unheil naht, der immer für andere da ist und nur selten an sich denkt.
Sevan ist ein ausgesprochener Sympathieträger, von der ersten bis zur letzten Seite konnte ich nicht anders als ihn zu mögen.
Sehr mitgenommen hat mich auch die Geschichte um Theri und Tuncay. Überhaupt ist die zweite Hälfte des Buches manchmal nicht leicht zu ertragen, denn die Dinge überschlagen sich, nicht nur was die zwischenmenschlichen Beziehungen angeht. Die Dichte der Ereignisse macht atemlos, ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, um Luft zu holen, so sehr wollte ich wissen, wie es weitergeht.
Der historische Hintergrund ist hervorragend recherchiert und die Ereignisse um die Balkankriege und den 1. Weltkrieg sind eng und glaubhaft mit dem Schicksal unsere Protagonisten verflochten. Der Ausgang des Buches hat mich im ersten Moment etwas ratlos gemacht, bis ich anfing, mir auch diese Szene bildlich vorzustellen und weiter zu spinnen.

Der gewohnt überzeugende, mitreißende und sehr bildhafte Sprachstil (hinter Lydia Conradi steckt Charlotte Roth) macht den Schmerz der Protagonisten spürbar, läßt mich mitten in Smyrna sein, die Düfte, den Lärm und das Flair des vorderen Orients wahrnehmen.
Das Buch ist zweifelsohne anspruchsvoll, aber genau so mag ich es.
„Erzähl der Welt von Smyrna“ heißt es zum Schluß. Das hat die Autorin mit diesem Roman getan und uns damit einmal mehr vor Augen geführt, dass ein Zusammenleben verschiedener Kulturen nicht nur gut möglich ist, sondern das man es gestalten kann, um jedem Raum zu geben und gegenseitig davon zu profitieren. Man muss es nur wollen.
Ich ziehe meinen Hut, Charlie, und bedanke mich herzlich für dieses ausgezeichnete Leseerlebnis!
-LENA- zu »Lydia Conradi: Das Haus der Granatäpfel«14.10.2017
Smyrna/Izmir zu Zeiten des langsam zerfallenden Osmanischen Reiches scheint in einer rosaroten Wolke zu schweben.
Dieser emotional geschriebene Roman geht auf sehr viele Aspekte der verschiedenen Bevölkerungsgruppen einschließlich Religionen ein. Obwohl das Zusammenleben in den höchsten Tönen gelobt wird , bemerkt man doch unterschwellig die Ressentiments und die wenigen Schnittpunkte, die vorhanden sind. Immer mehr kommt es zu Krisen bis zum finalen Höhepunkt, der bis heute das Verhältnis zwischen Türken und Griechen prägt.
Atmosphärisch und bildhaft schwärmt die Autorin über das Leben der Bewohner in Smyrna.
Drastische Szenen werden detailliert beschrieben und Sinn und Unsinn eines Krieges erläutert. Auch welche Auswirkungen dies für die Bevölkerung bedeutet.

Im Mittelpunkt steht der Familienclan Delacloche mit ihren Mitgliedern. Ein breites Spektrum von Charakteren trifft hier aufeinander. Jeder von ihnen hat seine bestimmten Eigenschaften und manche könnte man durchaus in die heutige Zeit versetzen. In diese levantinische Kaufmannsfamilie heiratet Klara ein. Für Außenstehende ist es schwierig in dieser eingeschworenen Gemeinschaft Anerkennung zu finden. Einzig im „Haus der Granatäpfel“, ein Refugium im Sommer für die Familie auf der Insel Uzunada, scheint das Leben leichter zu sein. Klara trifft hier eine folgenschwere Entscheidung. Durch Sevan mit seiner selbstlosen Art bekommt sie Unterstützung.
Mit dem dramatischen Ende des Romans kann der Leser seine Fantasie freien Lauf lassen.

Stammbaum und Glossar ergänzen den Roman, ein Stadtplan wäre wünschenswert gewesen.

Ein breitgefächerter, intensiver Roman, der die historischen Ereignisse mit den einzelnen Schicksalen der Protagonisten gekonnt verknüpft.
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