Shogun von James Clavell

Buchvorstellungund Rezension

Shogun von James Clavell

Originalausgabe erschienen 1975unter dem Titel „Shogun“,deutsche Ausgabe erstmals 1976, 1225 Seiten.ISBN 3-442-35618-0.Übersetzung ins Deutsche von Werner Peterich.

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In Kürze:

Toranaga, der größte und korrupteste Feudalherr im Japan des frühen siebzehnten Jahrhunderts, hat das ehrgeizige Ziel, „Sho-gun“ zu werden, zum Mann, der alle Macht in Händen hält. In der turbulenten, politisch chaotischen Zeit, in der einzig die Jesuiten und Portugiesen westlichen Einfluss auf das Land haben, erreicht John Blackthorne, ein englisch-holländischer Seemann, Japan. Er träumt davon, die Kontrolle über den Handel zwischen Japan und China zu erringen und kommt damit den Machenschaften von Toranaga in die Quere&

Das meint Histo-Couch.de: „Ein historisches Gemälde voller Detailreichtum und großer Würfe“85Treffer

Rezension von Dirk Jaehner

Man schreibt das Jahr 1600. In Europa jedenfalls. In Japan gehen die Kalender anders, und das ist das größte Hindernis, auf das die jesuitischen Priester stoßen. Einige Jahre zuvor sind sie auf der Südinsel des Kaiserreiches erschienen und haben begonnen, das Land zu missionieren. Überall begegnen die Einheimischen ihnen mit Ablehnung. Sie sind „Gai-jin“ – Fremde. Und dennoch sind sie für die Japaner unersetzbar, denn ihnen allein ist es gestattet, in China Seide einzukaufen, jenen Stoff, der für die japanischen Kimonos so dringend benötigt wird.

Mitten in dieses nicht unproblematische und labile, aber für alle Beteiligten höchst profitable Arrangement stößt der Engländer John Blackthorne. Er ist Pilot-Navigator – ein Steuermann mit Kapitänsbefugnissen – einer kleinen Flotte von drei Schiffen, die einst von Rotterdam aufgebrochen ist, um die portugiesische Übermacht auf See zu brechen. Roteiros, geheime Seefahrtsberichte der Portugiesen, haben Blackthorne in die Lage versetzt, die Magellanstraße zu benutzen. Seine Flottille wurde zusammengeschossen, einzig sein Schiff, die „Erasmus“, konnte der Falle entfliehen: nach Westen, über den pazifischen Ozean, in Unbekannte.

Im Sturm landet er an den Klippen eines japanischen Fischerdorfes, wird mit den Resten seiner Besatzung gefangen genommen, gefoltert, freigelassen, von seiner Besatzung  getrennt, in ein japanisches Gefängnis gesteckt, wo er einen Franziskaner-Pater kennenlernt, der ihm einige Brocken Japanisch beibringt und wieder freigelassen. Nach und nach taucht er tiefer in die japanische Lebensweise ein. Er trifft auf Toranaga, den mächtigsten Daimyo (Lehnsfürsten) und wird in seine politischen Manöver hineingezogen.

Verschiedene Interessen

Blackthorne hat von dem Franziskaner-Pater im Gefängnis nicht nur Japanisch gelernt, sondern ist von ihm auch über die aktuellen Verhältnisse in Japan unterrichtet worden. Damit wird er Zur Gefahr für so ziemlich alle Beteiligten in dem Spiel um die Macht in Japan. Die portugiesischen Mönche der Jesuiten und ihre Verbündeten sehen in ihm eine tödliche Gefahr für ihre Vormachtstellung im fernen Osten. Blackthorne selbst wittert eine Chance, nach Hause zurückzukehren und Profit zu machen. Er will einen Handelspakt zwischen England und Japan installieren, um anstelle der Portugiesen in den lukrativen Seidenhandel einzutreten. Damit, so seine Absicht, ist er in der Lage, die Vorherrschaft der Portugiesen auf den Weltmeeren zu brechen.

Toranaga seinerseits sieht in Blackthorne ein Werkzeug, die eigenen Feinde – allen voran Fürst Ishido – in die Knie zu zwingen. Toranaga erreicht sein Ziel: Er wird ShMgun, oberster militärischer Herrscher und damit mächtigster Mann im feudalistischen Japan. Blackthorne wird zum Samurai, zum „Hatamoto“ – einem wichtigen und hochrangigen Berater in Toranagas Stab -, aber heimkehren wird er nie mehr.

Zwischen allen Stühlen sitzt Toda Mariko noh-Buntaro, die als Übersetzerin zwischen Toranaga und Blackthorne auftritt und im Lauf der Geschichte Blackthornes Geliebte wird. In ihr versammeln sich alle denkbaren persönlichen Konflikte: Sie ist Japanerin, getaufte Katholikin, mit einem Gefolgsmann Toranagas verheiratet und in einen Gai-jin verliebt. Ein Zustand, der letztendlich in ihren Tod münden muss, weil sie nicht in der Lage ist, all diesen verschiedenen Interessen gleichzeitig und gleichwertig gerecht zu werden. Aber Mariko ist die Figur, die Blackthorne – und damit die Leser – näher an Japan bringt. Als sie dann tatsächlich stirbt, empfindet der Leser den Verlust ebenso intensiv wie Blackthorne.

Vorbilder aus der Geschichte

So erstaunlich es scheint, aber auch ShMgun beruht – wie fast alle Romane von James Clavell – auf einer wahren Begebenheit. Das historische Vorbild für John Blackthorne war der englische Navigator William Adams (1564-1620), der im Jahr 1600 in Japan strandete, zum Vertrauten des Daimyo Tokugawa Ieyasu – Vorlage für Toranaga – wurde und den Samurai-Stand erhielt. Clavell verarbeitet die tatsächliche Geschichte des William Adams so geschickt, dass keine Phantasie auszureichen scheint, sich diese Begebenheiten auszudenken. Sogar die kurze Beschreibung der Schlacht von Sekigahara im Epilog entspricht den historischen Tatsachen.

Für Clavell ist Blackthorne-Adams aber nur ein Mittel zum Zweck, tief in die japanische Kultur einzutauchen. Mit großer erzählerischer Kraft nutzt er jede auch noch so kleine Gelegenheit, Denk- und Lebensweise der damals wie heute so fremden Japaner zu beschreiben. Dadurch scheint sich die Geschichte in viele kleine Handlungen zu verästeln. Das ist ebenso ein Stilmittel Clavells wie die ausgedehnten Rückblenden, in denen er ganze Entwicklungen erzählt.

Der rote Faden

Dass die Geschichte trotzdem ihren roten Faden behält, liegt an Clavells großer Erzähl-Virtuosität. Er vervollständigt durch die Einschübe nur das Bild, das der Leser vom feudalen Japan des späten 16. Jahrhundert bekommt. Hinzu kommen hochkomplizierte politische Strukturen, aufrechterhalten von einer Unzahl Charaktere: Da ist zum Beispiel Fürst Ishido. Er hat geschworen, den Erben des Taiko, des kürzlich verstorbenen militärischen Diktators, bis zu seiner Großjährigkeit zu beschützen. Um das zu erreichen, scheut er auch vor Meuchelmord durch angeheuerte Killer nicht zurück. Oder Kasigi Yabu, in dessen Lehen Blackthorne strandet. Er ist Gefolgsmann von Toranaga, hängt sein Fähnlein aber in den Wind der Mächtigen. Er wird einen seiner Herren verraten müssen. Auf der Seite der Europäer nimmt Pater Martin Alvito eine zentrale Rolle ein, denn er ist als Übersetzer zwischen den Jesuiten und Toranaga unersetzbar. Er ist die Person, die für Blackthorne zur Verkörperung des Feindes wird. Der Pater Visitator, der Führer der Jesuiten in Japan, muss ein labiles politisches Gleichgewicht wahren. Offen für den Tod Blackthornes spricht sich Kapitän Ferriera aus. Ihm obliegt es, das schwarze Schiff mit den angehäuften jesuitischen Reichtümern nach Europa zu bringen. Auf dieses Schiff hat es Blackthorne direkt abgesehen. Und dann ist da noch Rodriguez, ein Portugiese, der sich als der Pilot des schwarzen Schiffes herausstellt. Blackthorne verbindet eine seltsame Freundschaft mit ihm.

Der Roman Japans

So werden historische Ereignisse für die Leser greif- und nachvollziehbar – sie spiegeln sich im Geist und in den Äußerungen und Taten seiner handelnden Personen. Nicht zuletzt deshalb heißt ShMgun im Untertitel „Der Roman Japans“: Die detaillierte Handlung ist erfunden, der große Zusammenhang nicht.

ShMgun ist der große, farbige, lebhafte historische Überblick über die Epoche des feudalen Japan und gleichzeitig die mikroskopische Schilderung menschlicher Schicksale. Der Lerneffekt für die Leser ist jedoch nicht nur der Einblick in japanische Geschichte, sondern auch der Einblick in die japanische Sprache. Fast in gleichem Maße wie Blackthorne lernt der Leser rudimentäre Brocken dieser für Europäer so undurchsichtig scheinenden Sprache. So erfüllt der Roman mit leichter Hand auf sehr klassisch-humanistische Weise die zwei Gebote der Lektüre: Unterhaltung und Lernen. Mehr kann man eigentlich nicht verlangen.

Postscriptum

Eine Verstärkung des ShMgun-Gefühls, das man unweigerlich beim Lesen bekommt und sich vornehmlich in einem großen Hunger nach allem zeigt, was mit dem historischen Japan zu tun hat, gelingt durch die TV-Serie gleichen Titels, die 1979 von NBC und Paramount produziert wurde und vor einiger Zeit als luxuriös ausgestattete Fünf-DVD-Box auf den Markt kam. Also: Nochmal lesen, dann anschauen, noch mal lesen, und dann noch mal anschauen und dann noch mal..

Ihre Meinung zu »James Clavell: Shogun«

kempo zu »James Clavell: Shogun«29.09.2010
Für alle Fans der japanischen Kultur und historischer Romane ist dies DER Roman schlechthin! Ein Klassiker! Man kann völlig in die Welt des feudalen Japans eintauchen, mit den Charakteren mitfiebern usw. Dieser Roman nimmt sich "Zeit" (Seiten) um sehr detailiert und spannend die Geschichte zu erzählen. Sehr empfehlenswert!
ruben-san zu »James Clavell: Shogun«23.03.2009
Als ich begann dieses buch zu lesen, was mir noch nicht bewusst ich welche grandiose Welt ich eintauchen würde. Es war fabelhaft mitanzusehn wie sich die einzelnen Charactere entwickeln. Ich fühlte mich in die Epoche vom 17. Jahrhundert zurückversetzt und konnte es kaum erwarten mehr zu erfahren. Meiner Meinung nach ist es eines wenn nicht das beste Buch das ich bis jetzt gelesen und ich war regelrecht enttäuscht als es endete.
Hoffentlich finde ich noch ein genauso mitreißendes Buch über diese Epoche in Japan.
Rolf.P zu »James Clavell: Shogun«19.03.2008
Ein wundervoll spannendes und fesselndes Buch von Clavell, der hier die so unterschiedlichen Kulturen der Japaner und Europäer im Mittelalter aufeinanderprallen lässt.
James Clavell nimmt den Leser mit auf eine echte Zeitreise in eine ganz andere Welt, lässt ihn eintauchen in das ebenso feudale wie kriegerische wie zarte wie erotische Japan des 17. Jahrhunderts - und entlässt ihn erst wieder, nachdem er gültige Wertmaßstäbe und europäisch-christliche Prinzipien gründlich zurechtgerüttelt hat.
Clavells historischer Roman "Shogun" ist trotz seiner Fülle ein äußerst spannend geschriebenes Buch, das zu keiner Zeit langweilig wird und das bis zum Ende packend bleibt.
Der Autor versteht es sehr gut, den Leser an die Geschichte Japans heranzuführen, indem er eine spannende, exzellent recherchierte Geschichte aufbaut und zu keinem Zeitpunkt zu einer Verflachung der Handlung tendiert. Das Buch nimmt den Leser in seinen Bann, er weiß bald Lüge von Wahrheit nicht zu unterscheiden, er legt sich eigene Schachzüge zu recht und verwirft sie wenige Seiten später wieder.
Gefesselt fiebert er mit den Hauptdarstellern, fasziniert von den Ansichten und Sitten der fremden japanischen Kultur.
Es gibt Romane, die liest man kurz am Wochenende und schon bald hat man sie wieder vergessen. Dann gibt es Romane, die es schaffen einen zu fesseln. Dem Letzteren gehört dieser Roman an.
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