„Der Berufswunsch entstand schon in der Kindheit“ 

Die Histo-Couch im Gespräch mit Oliver Pötzsch über Faust, die Henkerstochter und seine eigenen Familiengeschichten

Histo-Couch: Herr Pötzsch mit dem Roman „Der Spielmann“ liegt Ihr neuester historischer Roman vor, wie sind Sie auf die Geschichte von Johann Georg Faustus gestoßen? Gab es einen besonderen Anlass oder war es eher Zufall?

Oliver Pötzsch: Das war Zufall! Ich war wegen ein paar Lesungen rund um Karlsruhe unterwegs und wollte wieder nach Hause – als plötzlich die Lokführer streikten …Ich hing in Bretten fest, wo ich mir ein Fahrrad lieh und die Gegend erkundete. So stieß ich auf ein kleines verschlafenes Nest namens Knittlingen. Verwundert stellte ich fest, dass es dort ein Faust-Museum gab, und daneben das Haus, in dem dieser berühmte Mann das Licht der Welt erblickt hatte. Bis dato hatte ich überhaupt nicht gewusst, dass es diesen Faust wirklich gegeben hatte! In diesem Moment, auf dem Marktplatz von Knittlingen, war die Idee zu diesem Roman geboren.

Histo-Couch: Was fasziniert Sie an historischen Romanen im Besonderen?

Oliver Pötzsch: Dass die besten Geschichten immer die Geschichte selbst schreibt. Schriftsteller sind ja immer auf der Suche nach Ideen; in alten Chroniken und Archiven finden sich Geschichten, so bizarr, märchenhaft oder spannend, die kann man gar nicht erfinden! Außerdem bin ich schon als Kind gerne über Friedhöfe gegangen und habe mir vorgestellt, wie die Leute damals wohl gelebt haben. Ein wenig morbide, gebe ich zu …

Histo-Couch: Wer oder was hat für Sie den Ausschlag gegeben, selbst Autor zu werden? Gibt es Vorbilder in der Literatur für Sie und mögen Sie kurz erzählen welche?

Oliver Pötzsch: Ich denke, das sind in erster Linie Stephen King und Wolfgang Hohlbein. Die Bücher von beiden habe ich als Jugendlicher verschlungen! Aber Autor wollte ich eigentlich schon als Kind werden. In der Grundschule sind meine Erlebniserzählungen gelegentlich vor der Klasse vorgelesen worden. Wenn die anderen Kinder dann bei einigen Szenen gelacht oder bei anderen stumm gelauscht haben, hat mich das unheimlich gefreut. Ich habe immer schon gerne Geschichten erzählt, das kommt von meiner Mutter und meinem Großvater mütterlicherseits, der der beste Geschichtenerzähler der Welt war. Bei dem saß ich immer auf dem Schoß in der Küche und wollte nicht mehr weg.

Histo-Couch: Wenn eines Ihrer Bücher erscheint, wie wichtig ist Ihnen dann die erste Kritik die veröffentlicht wird?

Oliver Pötzsch: Ich sollte jetzt sagen, oh, das ist mir total unwichtig …Ist aber nicht so. Natürlich will man wissen, ob die Leser das Buch mögen. Oft habe ich ja ein Jahr investiert, und bis dahin kennen das Ergebnis nur meine Lektorin, die Agentur und meine Frau. Dann wird das Baby der Öffentlichkeit vorgestellt, und man will doch wissen, ob sich die Mühe gelohnt hat.

Histo-Couch: Ihre Reihe der Henkerstochter erfreut sich ja großer Beliebtheit, und dass Sie selbst mit der Familie Kuisl verwandt sind, war ja schon des öfteren zu lesen, aber wie viel dieser Familie steckt nun wirklich noch in Ihnen, oder sind die Charaktere Ihnen nicht so nahe?

Oliver Pötzsch: Ich denke, das grüblerische, gelegentlich grummelige habe ich mit meinem Vorfahren, dem Henker Jakob Kuisl, gemeinsam. Außerdem waren die Kuisl immer sehr künstlerisch veranlagt. In unserer Familie gibt es Maler, Musiker, Schriftsteller. Mein Großonkel schrieb über dreißig Romanmanuskripte! Keines ist je veröffentlicht worden & Ein anderer Großonkel lebt in Frankreich, seine Mutter war die erste Frau, die an der Münchner Kunstakademie studiert hat. Er ist weit über neunzig, ich möchte ihn demnächst besuchen und interviewen. Die Geschichte der Kuisls ist wirklich sehr spannend! Da warten noch einige Bücher auf ihre Veröffentlichung …

Histo-Couch: Wie schaffen Sie es, die Balance zwischen dem Schreiben und Ihrer Familie zu halten? Fällt es Ihnen schwer in das reale Leben zurückzukehren, wenn Sie gerade intensiv an einem Roman arbeiten?

Oliver Pötzsch: Ganz klar, es gibt das Schreiben und die Familie. Wenn ich schreibe oder auf Recherchereise bin, bewege ich mich durch einen Tunnel. Da bin ich wirklich nicht ansprechbar. Deshalb habe ich auch noch nie meine Familie auf eine Recherchereise mitgenommen, auch wenn da schon Orte dabei gewesen sind, die meine Frau interessiert hätten & Die Kinder wissen im Urlaub: Vormittags schreibt der Papa, dafür ist er dann nachmittags für die Familie voll da.

Histo-Couch: Sie haben ja auch schon einige Kinderbücher/Jugendbücher geschrieben, wie sind Sie auf die Idee dazu gekommen?

Oliver Pötzsch: Die Ideen dafür hatte ich schon, bevor ich überhaupt mein erstes Buch veröffentlicht habe. Das waren Geschichten, die ursprünglich für meine eigenen Kinder gedacht waren, die habe ich denen immer auf Wanderungen erzählt, wenn ihnen langweilig wurde. Als dann der Erfolg kam und die Verlage mich ansprachen, musste ich also nur in die Kiste greifen.

Histo-Couch: Ihre Romane spielen alle mehr oder weniger, im deutschsprachigen Raum, wäre es für Sie auch eine Option mal eine Geschichte aus einem anderen Land zu erzählen und wenn ja, welches Land und welche Epoche würde Sie reizen?

Oliver Pötzsch: Oh, lesen Sie mal meinen neuen Roman „Der Spielmann“, der spielt nicht nur in Deutschland! Beim zweiten Teil „Der Lehrmeister“ geht es sogar noch weiter weg. Ich will aber nicht zu viel verraten. Gerne würde ich mal einen Roman in Wales oder Schottland spielen lassen, aber da muss noch die Idee dazu kommen.

Histo-Couch: Herr Pötzsch, Ihre Bücher enthalten immer einiges an Zusatzmaterial, wie schwer war es für Sie, dies beim Verlag durchzusetzen oder gab es da keine Probleme?

Oliver Pötzsch: Überhaupt nicht. Ich hab das beim ersten Roman schon gemacht, das kam gut an, und mittlerweile ist es ja so eine Art Wiedererkennungsmerkmal für meine Romane geworden. Manchmal bekomme ich auch Post von Lesern, die meine Wanderempfehlungen oder Stadtbesichtigungen ausprobiert haben und mir neue Tipps geben. Verlaufen hat sich noch keiner.

Histo-Couch: Wie gestaltet sich die Recherchearbeit bei Ihnen?

Oliver Pötzsch: Am Anfang gibt es meist eine Idee, weil ich etwas Bestimmtes gelesen habe. Dann schreibe ich ein kleines Konzept, lese mich ein wenig in den Bibliotheken ein, bevor ich dann eine längere Recherchereise unternehme und mich vor Ort mit Leuten unterhalte, mit Heimatforschern, Pfarrern, Kräuterweiberln …Dort entsteht dann der Plot, den ich aber beim Schreiben immer wieder verändere.

Histo-Couch: Dass es von „Der Spielmann“ eine Fortsetzung geben wird, ist ja schon bekannt, aber was bedeutet das für die Reihe der Henkerstochter? Wird es dort auch in naher Zukunft einen weiteren Band geben oder ist die Geschichte zu Ende erzählt?

Oliver Pötzsch: Das ist die Frage, die ich zur Zeit am öftesten beantworten muss. Deshalb hier nochmal in Großbuchstaben: ES WIRD EINE WEITERE HENKERSTOCHTER GEBEN!!! Die Serie ist noch nicht zu Ende erzählt. Ich bitte aber um Verständnis, dass die Kuisls und ich nach sieben Büchern erstmal ein wenig Abstand brauchen. Das ist wie in jeder Familie, da muss man sich auch mal aus dem Weg gehen, dann hat man sich danach auch wieder ganz doll lieb.

Histo-Couch: Und zu guter Letzt noch die Frage, gibt es weitere Buchprojekte und wenn ja, dürfen Sie schon erzählen um was es sich handelt?

Oliver Pötzsch: Naja, vom zweiten Teil der Faust-Saga „Der Lehrmeister“ haben wir schon gesprochen, danach folgt sicher eine weitere Henkerstochter. Ich freue mich auf Anregungen, wo es die Kuisls diesmal hinververschlägt! Und dann? Vorher habe ich ja davon erzählt, dass meine Familie auch nach der Zeit als Scharfrichter durchaus was zu erzählen hätte. Mal sehen …

Das Interview führte Karin Speck.

Foto (1): Copyright bei Gerald von Foris.