„Meine Bücher sind nur Unterhaltungsromane und keine Geschichtsdokumentationen“ 

Die Histo-Couch im Interview mit Andreas J. Schulte über Andernach, Trilogien und Cliffhanger am Ende von Romanen

Histo-Couch: Sehr geehrter Herr Schulte, stellen Sie sich doch bitte zunächst unseren Leserinnen und Lesern vor.

Andreas J. Schulte: Ich bin Jahrgang 1965 und im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen. Mit 22 Jahren kam ich von Gelsenkirchen ins Rheinland. Damals fing ich als Mitarbeiter in einem Bonner Pressebüro an und arbeitete für einen rheinland-pfälzischen Privatsender. Mein Geld verdiene ich immer noch als Journalist, seit 15 Jahren mit einem eigenen Redaktionsbüro. Vor 22 Jahren habe ich die Liebe meines Lebens geheiratet, wir haben zwei Söhne und einen großen Freundeskreis, was ein unverschämtes Glück ist.

Histo-Couch: Haben Sie vor der Konrad-Trilogie schon andere historische Geschichten oder Romane geschrieben und wie kamen Sie auf die Geschichte?

Andreas J. Schulte: Das Buch 'Die Toten des Meisters’ war mein Debütroman. In den Jahren vorher entstanden einzelne Kurzgeschichten und Glossen. Ich hatte auch verschiedene Krimi-Passagen geschrieben, aber immer das Gefühl gehabt, das würde kein ganzes Buch tragen. Dass ein historischer Krimi mein Debüt wurde, ergab sich tatsächlich durch Zufall. In Andernach wurde bei Umbauarbeiten am Pfarrhaus der Liebfrauenkirche ein mittelalterlicher Friedhof gefunden und dabei ein Steinsarg mit einer Frauen- und einer Kinderleiche. Ich las davon während einer Konzertpause und dachte mir, dass das doch ein guter Stoff für einen Krimi wäre.

Da ich mich aber überhaupt nicht mit der Andernacher Geschichte auskannte, habe ich zunächst einmal angefangen zu recherchieren. Nach und nach ergab sich bei dieser Recherche der Zeitrahmen des Romans, ein historisch belegbares Mordmotiv und plötzlich passte alles. Am Ende waren dann die beiden Toten im Steinsarg nicht, wie ursprünglich gedacht, die Opfer eines Verbrechens, sondern die Familie meines Helden Konrad und der Grund, warum der überhaupt in dem kleinen Städtchen Andernach war.

Bei der Arbeit zur Spurensuche des Buches, habe ich den Steinsarg auf dem Gelände der Römerausgrabung in Andernach gesehen. Die Archäologen hatten ihn nämlich dorthin gebracht, damit er nicht beschädigt wird. Das war schon ein merkwürdiges Gefühl, es war, als würde da ein Stück meiner Geschichte real.

Histo-Couch: Was war denn zuerst da: Die Figuren wie der stets herum polternde und fluchende Pastor Heinrich oder die Idee, den historischen Hintergrund rund um den Konflikt zwischen Frankreich und Burgund zu verarbeiten?

Andreas J. Schulte: Tatsächlich war zuerst der historische Hintergrund da. Kaiser Friedrich III. hat ja drei Monate in Andernach gelebt und zwar in der Zeit, als er ein Reichsheer gesammelt hat, um Neuss zu befreien, das von Burgund belagert wurde. Zwei Jahre später heiraten dann Maximilian von Habsburg und Maria von Burgund und die Verhandlungen zu dieser Ehe bilden den historischen Hintergrund der Romane. Bei Konrad von Hohenstade stellte ich mir immer einen Kämpfer vor, der erst langsam zu Kräften kommt, sowohl physisch als auch psychisch. Mir hat immer die Figur des fluchenden John Cranston in den Romanen Paul Hardings gefallen. Heinrich und Jupp sind dieser Figur ähnlich. Dass Pastor Heinrich und Jupp Schmittges sich gleichen, fiel mir erst später auf, aber da mochte ich die beiden schon zu sehr, deshalb habe ich sie so gelassen, wie sie waren und ich glaube, das war die richtige Entscheidung.

Histo-Couch: Wie und wo haben Sie recherchiert und gab es Menschen, die Sie bei Ihrer Recherche unterstützt haben?

Andreas J. Schulte: Zunächst einmal habe ich ganz klassisch alle möglichen Bücher über die Andernacher Geschichte gelesen. Dann ist zum Glück das Koblenzer Landesarchiv nur 20 Autominuten entfernt. Dazu kamen noch Bücher über Sachthemen wie das Leben im Mittelalter, die Mode und Waffen der damaligen Zeit, Giftpflanzen oder Schwertkampf.

Sehr geholfen hat mir damals Dr. Klaus Schäfer, Leiter des Stadtmuseums und Autor zahlreicher Abhandlungen zur Stadtgeschichte. Dr. Schäfer hat alle Fragen zur Stadt und ihrem Aussehen, der Polizeiordnung und den Stadtwachen beantwortet. Er empfahl mir die Ratsprotokolle, drückte mir eine Namensliste der Gasthöfe in die Hand und dachte wahrscheinlich, er würde nie wieder von mir hören. Mittlerweile haben wir verschiedene Veranstaltungen zusammen bestritten und er ist ein großer Freund von Konrad, Jupp und Pastor Heinrich geworden.

Beim ersten Buch waren es also mehr Recherchen im stillen Kämmerlein, das änderte sich dann. In Boppard beispielsweise gibt es einen Stadtführer, Michael Höffling, der mir sehr weitergeholfen hat.

Es macht auch einen Unterschied, wenn man sagt, dass man vorhat, ein Buch zu schreiben oder man schon ein oder zwei Bücher veröffentlicht hat. Man lernt neue Kontakte kennen, das Netzwerk wird größer. Für mein drittes Buch hat mir zum Beispiel eine Rechtsmedizinerin weitergeholfen, als es um die Beschreibung und die Untersuchung eines Toten ging.

Grundsätzlich schaue ich mir die Orte einer Handlung gern selber an, aber ich habe auch gelernt loszulassen. Ich mache mir heute keine Sorgen mehr darüber, wenn ich den Grundriss eines Klosters nicht auftreiben kann, denn meine Bücher sind doch nur Unterhaltungsromane und Krimis und keine Geschichtsdokumentationen.

Histo-Couch: In der Widmung Ihres Buches schreiben Sie, dass Ihr Vater seinen Spaß an Pastor Heinrich gehabt hätte. Gab es für Heinrich oder auch andere Figuren reale Vorbilder?

Andreas J. Schulte: Nein, es gab oder gibt keinen fluchenden Pastor in meinem Umfeld. Die meisten Figuren meiner Bücher sind wirklich frei erfunden und es gibt auch keine Vorbilder in der in aktuellen Stadtpolitik, das bin ich erst kürzlich gefragt worden …Es gibt natürlich historisch belegte Figuren, angefangen bei Andernacher Ratsherren, über Äbte bis hin zu den Protagonisten der damaligen Politik, wie den französischen König oder die Vertreter Habsburgs.

Histo-Couch: Bei historischen Romanen scheint es zwei große Tendenzen zu geben. Entweder den tausend Seiten dicken Schmöker wie beispielsweise bei Ken Follett oder eine Trilogie. Was macht, vom finanziellen Aspekt mal abgesehen, eine Trilogie so reizvoll für Autoren und Verlage?

Andreas J. Schulte: Die Trilogie war gar nicht als solche geplant. Viele Verlage fragen bei der Abgabe eines Exposés, ob es auch noch Fortsetzungen geben könnte. Ich fand nach dem ersten Buch, dass die Figuren und der historische Hintergrund es ermöglichten, die Geschichte weiterzuerzählen. Nachdem der Debütroman veröffentlicht war und bei den Leserinnen und Lesern gut ankam, war auch klar, dass es weitere Bücher mit Konrad geben würde.

Meine Krimis werden ja auch von vielen gelesen, die nur selten historische Romane lesen. Und es gibt doch viele Leserinnen und Leser, die ein dicker Schmöker eher abschreckt. So entstand beim Schreiben die Idee, mit der 'Spur des Schnitters’ und der 'Ehre der Zwölf’ eine längere Handlung auf zwei Bücher zu verteilen.

Aber ich sehe die ersten drei Bücher nicht als Trilogie, allenfalls, weil der historische Hintergrund bei allen drei Büchern gleich ist. In den letzten zwei Jahren habe ich zwei Romane und sieben Kurzgeschichten geschrieben und veröffentlicht. Darunter drei längere Kurzgeschichten mit Konrad, Jupp und Heinrich ('Der Stern des Meisters', 'Das Siegel des Löwen’ und 'Der Dämon der Nacht'), zusammen mit den drei Romanen ist da also ein Mikrokosmos entstanden, in dem sich gut Geschichten erzählen lassen. Man kennt die Figuren, die Umgebung, das Alltagsleben, das macht es leichter, eine neue Geschichte zu schreiben.

Histo-Couch: Gerade nach dem zweiten Teil 'Die Spur des Schnitters’ könnte ich mir vorstellen, dass es auch einige enttäuschte Leserinnen und Leser gab, da es hier ein offenes Ende gab. Sprich man kauft ein Buch und am Ende weiß man nicht wie es ausgeht.

Andreas J. Schulte: Ich würde, glaube ich, so schnell auch nicht wieder ein Buch mit einem offenen Ende schreiben. Ich persönlich fand das offene Ende spannend und zum Glück hat das der überwiegende Teil der Leserinnen und Leser ähnlich gesehen, zumindest wenn ich den Reaktionen bei Lesungen und den Zuschriften glauben darf. Bei Amazon aber gab es ja drei, vier Meinungen, die das Buch nur aufgrund des Endes schlecht bewerteten und das obwohl ich schon im Anhang geschrieben habe, dass es weitergehen wird. Da gab es einen Rezensenten, der das Ganze als billige Verkaufsmasche verurteilte auf die Idee war ich gar nicht gekommen. Himmel, Cliffhanger in der Literatur gibt es schließlich seit dem 19. Jahrhundert …

Ich würde aber auch deshalb kein offenes Ende mehr schreiben, weil es einen enormen Druck aufbaut. Buchpremiere im Frühjahr, dann Lesungen, Veranstaltungen und spätestens im Sommer muss man anfangen, am neuen Buch zu arbeiten. Am Ende muss ein Buch dann in vier, fünf Monaten fertig sein, und da ich ja meine Romane und Geschichten nicht hauptberuflich schreibe, ist das schon ein ziemlich knapper Zeitrahmen. Aber nach dem offenen Ende war auch klar, dass ich nicht hingehen und den dritten Band erst anderthalb oder zwei Jahre später abliefern kann.

Histo-Couch: Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit dem Ammianus-Verlag? Dieser ist ja nicht gerade bekannt dafür, historische Krimis zu publizieren?

Andreas J. Schulte: Über eine gute Freundin, die eine Buchhandlung in Andernach besitzt, wurde ich auf Ammianus aufmerksam. Der Verlag suchte gerade neue Autoren und so setzte ich mich mit dem Verleger Michael Kuhn nach einer Lesung zusammen. Er ging das Risiko ein, einen Krimi ins Programm aufzunehmen, wohl auch, weil der Roman ja einen historischen Hintergrund hat und ich bei der Recherche so sorgfältig vorgegangen war, dass Michael Kuhn sich auch als Historiker damit identifizieren konnte. Mit dem Krimi hat Ammianus ganz neue Leserkreise ansprechen können. 'Die Toten des Meisters’ waren z.B. das erste Buch, dass Ammianus als eBook herausgegeben hat, das heißt, der Verlag hat sich in den letzten zwei Jahren enorm weiterentwickelt.

Histo-Couch: Sie leben ja selbst in der Nähe von Andernach. Wie kriminell ist Andernach denn heute? Gäbe es da Stoff für einen Roman?

Andreas J. Schulte: Nein, Andernach ist ein beschauliches kleines Städtchen am Rhein, sehr kriminell geht es da nicht zu. Das darf jetzt natürlich meine Autorenkollegin Gabi Keiser nicht lesen, die in ihren Krimis regelmäßig in Andernach und Umgebung mordet.

Histo-Couch: Abschließend die unvermeidlichen Fragen: Was dürfen wir in Zukunft von Ihnen erwarten? Gibt es schon neue Projekte oder ist sogar ein Wiedersehen mit Konrad, Jupp und Heinrich denkbar?

Andreas J. Schulte: Eine Frage, die jede Autorin und jeder Autor doch gerne hört & Im Moment stehen zwei kriminelle Freizeitführer auf dem Programm ('Wer mordet schon in der Eifel?' und 'Wer mordet schon im Sauerland?'), das sind Bücher mit Kurzkrimis und Freizeittipps. Dann arbeite ich noch an einem Thriller, der im Herbst fertig sein soll.

Ganz sicher wird es auch einen Konrad IV geben. Wahrscheinlich Ende nächsten Jahres oder im Frühjahr 2017. Wie gesagt, dass die ersten drei Bücher eine Einheit bilden, liegt an dem gemeinsamen historischen Hintergrund. Für Konrad IV möchte ich mir in aller Ruhe einen neuen historischen Plot suchen. Dreck, Pest und Ziegenarsch, mir würde Pastor Heinrich fehlen und zum Glück geht das einigen Leserinnen und Lesern auch so.

Das Interview führte Jörg Kijanski.

Bild (1): Copyright bei Andreas J. Schulte privat