Schwarze Reichswehr von Gunnar Kunz

Buchvorstellungund Rezension

Schwarze Reichswehr von Gunnar Kunz

Originalausgabe erschienen 2018unter dem Titel „Schwarze Reichswehr“,, 310 Seiten.ISBN 3839222575.

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Kurzgefasst:

Berlin, 1927. Während die Lohmann-Affäre die Weimarer Republik erschüttert und die Existenz einer geheimen Reichswehr enthüllt, wird Kommissar Gregor Lilienthal im Zuge einer Mordermittlung mit dem Schrecken des Ersten Weltkriegs und der Revolution von 1918/19 konfrontiert. Dabei trifft er auf zwielichtige Offiziere und skrupellose Militärärzte, auf Ringvereine und Freikorps, auf Joseph Goebbels und Horst Wessel – und auf ein Geheimnis, das all seine Erkenntnisse über den Haufen wirft.

Das meint Histo-Couch.de: „Krimi und Geschichte hervorragend vereint“90Treffer

Rezension von Jörg Kijanski

Berlin, Dezember 1927: Auf dem gut besuchten Weihnachtsmarkt am Arkonaplatz sorgt der Weihnachtsmann für Aufsehen. Auch das Interesse von Golo Bartels wird durch den Lärm der Kinder geweckt, jedoch nur kurz, denn als er den Mann unter dem Kostüm erkennt, hat dieser schon seinen Armeerevolver gezogen. Kommissar Gregor Lilienthal übernimmt die Ermittlungen, die ihn persönlich hart treffen, denn der ermordete Bartels war einst sein Unteroffizier im Krieg. Ein tyrannischer Vorgesetzter, damals an der Front in Flandern 1918, der seine Männer nur allzu gerne schikanierte. Seinerzeit gab es ebenfalls einen Mord, in dem Lilienthal ermittelte. Einer seiner Kameraden starb und Lilienthal vermutete den Mörder in den eigenen Reihen. Nun holt ihn die Vergangenheit wieder ein, denn womöglich hat der unentdeckte Mörder von damals erneut zugeschlagen. Notgedrungen stellt sich Lilienthal seinen Erinnerungen und stürzt sich mit Unterstützung seiner Frau Diana und seines Bruders Hendrik in die Ermittlungen …

Sein sechster Fall führt Kommissar Lilienthal zurück in die Schützengräben

Schwarze Reichswehr ist der sechste Fall der Kommissar-Gregor-Lilienthal-Reihe von Gunnar Kunz, der vom Sutton Verlag (dort erschienen die ersten fünf Titel) zum Gmeiner-Verlag wechselte. Während der Gmeiner-Verlag einen hervorragenden Autor gewinnt, ändert sich für den Leser nur die haptische Wahrnehmung beim Schmökern. Gunnar Kunz bleibt sich und seinem Schreibstil treu, wer die Vorgänger kennt, weiß, dass hier nicht nur ein spannender Kriminalfall, sondern zugleich noch eine ebenso ansprechende Geschichtsstunde wartet. Schulunterricht kann kurzweiliger und lehrreicher kaum sein.

„Wie verzweifelt die Lage war, ließ sich daran ablesen, dass die Oberste Heeresleitung plötzlich für freie Wahlen und die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts plädierte. Wer hätte das noch vor einem Jahr zu hoffen gewagt? Gregor hatte allerdings den Verdacht, dass dies nichts weiter war als ein Schachzug, um andere die Suppe auslöffeln zu lassen, die die Militärs dem deutschen Volk eingebrockt hatten. Die Parteien der Reichstagsmehrheit sollten an der Regierung beteiligt werden, um ihnen die Verantwortung für die militärische Niederlage aufzubürden und es ihnen zu überlassen, um Frieden zu bitten, während die Befehlshaber ihre Hände in Unschuld wuschen. Und in ein paar Jahren, wenn das Versagen der Obersten Heeresleitung in Vergessenheit geraten war, würden sich die Menschen nur noch daran erinnern, dass es die Politiker gewesen waren, die einen – aller Wahrscheinlichkeit nach schmachvoll ausfallenden Friedensvertrag unterzeichneten, während die eigentlich Verantwortlichen eine weiße Weste trugen.“

Der Plot teilt sich in zwei Erzählstränge. So gibt es die aktuellen Geschehnisse 1927/28 und im fast gleich langen Mittelteil einen Rückblick auf die Jahre 1918/19. Erstmals erfahren Diana und Hendrik was Gregor seit Jahren bedrückt. Nicht nur der Tod seiner ersten Frau Lilly, sondern ebenso die Geschehnisse an der Front. In seiner Truppe gab es blinde Verehrer des Kaisers und damit des Krieges sowie Realisten, die vor allem das tägliche Elend und die Sinnlosigkeit des Gemetzels sahen. Plastisch und eindringlich wird das Verheizen des menschlichen Kanonenfutters dargestellt. In den Nervenlazaretten werden vermeintliche Simulanten von sadistischen Frontärzten mit Elektroschocks behandelt, während das Kaffeewasser im Schützengraben mitunter aus einer Pfütze gewonnen wird, in der sich noch Leichen befinden.

„Was wirst du tun, wenn der Krieg vorbei ist?“

„Vergessen.“

1918 wird aber nicht nur ein Kamerad ermordet. Mit großem erzählerischem Können liefert Gunnar Kunz seinen Lesern zugleich noch die Hintergründe zur Entstehung der Weimarer Republik. Der verheerende Steckrübenwinter 1916/17, das katastrophale Versagen der Obersten Heeresleitung, die Aufspaltung der SPD in MSPD und USDP, die spätere Abspaltung des Spartakusbundes, welche zur Gründung der KPD führte, die Oktoberrevolution in Russland, der Matrosenaufstand in Kiel und nicht zuletzt die Gründung der Weimarer Republik selbst. Der Mittelteil endet mit der Ermordung von Kurt Lieberknecht und Rosa Luxemburg und bildet somit einen geschickten Übergang zurück zu dem Mord an Golo Bartels.

„Mit welchen Hoffnungen hatten sie damals den Umschwung willkommen geheißen! Und was war von ihren Träumen geblieben? Regierungskrisen, Putschversuche, eine schwarze Reichswehr, Hitlers Schlägertrupps.“

Das Berlin des Jahres 1927 wird bildhaft in Szene gesetzt. Der technische Fortschritt bietet ungeahnte Möglichkeiten, das Treiben der Ringvereine blüht mehr denn je und im Geheimen finden verbotene Wehrsportübungen statt. Mittendrin der Stahlhelm, der verbotene Bund Wiking und Anhänger der NSDAP, obwohl der von Goebbels geführte Gau Berlin-Brandenburg wegen wiederholter Gewalttaten offiziell verboten ist.

Im Privatleben der Lilienthals gibt es ebenfalls Neuigkeiten, so erwartet Diana ihr erstes Kind, nachdem sie zuvor eine Fehlgeburt hatte. Derweil versucht Hendrik seinem Bruder nach Kräften zu helfen, selbstredend wie immer mit Unterstützung zahlreicher Philosophen. Wer sich für die Epoche der Weltkriege interessiert sollte unbedingt zugreifen, die Lilienthal-Serie lohnt sich in jeder Hinsicht!

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