Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Buchvorstellungund Rezension

Originalausgabe erschienen 2018unter dem Titel „Vergessene Seelen“,, 384 Seiten.ISBN 342326201X.

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Kurzgefasst:

Dresden 1948: Ein heißer Sommer, drei Jahre nach Kriegsende. Die große Währungsreform stürzt das besetzte und aufgeteilte Nachkriegsdeutschland in eine Krise. Inmitten der mühsamen Wiederaufbauarbeiten bekommt es Oberkommissar Max Heller mit dem Fall eines 14-jährigen Jungen zu tun, dessen Todesursache völlig unklar ist. War es ein Unfall, Mord oder sogar Selbstmord? Heller stößt bei seinen Ermittlungen auf eine Wand des Schweigens und wird dabei mit seinem ganz persönlichen Albtraum konfrontiert, den er längst vergessen geglaubt hatte.

Das meint Histo-Couch.de: „Oberkommissar Heller sollte kein Geheimtipp mehr sein“85Treffer

Rezension von Jörg Kijanski

Dresden, Juni 1948. Die Zerstörung durch den Krieg ist noch allgegenwärtig, dennoch geht es langsam voran. Baustellen prägen das Stadtbild, ein Mann stürzt tödlich in einen Schacht, aber war es nur ein Unfall? Oberkommissar Max Heller und sein Mitarbeiter Werner Oldenbusch sind gefragt, schon verlangt ein weiterer Fall ihre Aufmerksamkeit. Auf der Baustelle der Technischen Hochschule wird ein vierzehnjähriger Junge gefunden. Stürzte er bei einer Mutprobe in den Tod, war es Selbstmord oder half jemand nach? Die Antwort bleibt lange unklar, der Fall könnte ungelöst zu den Akten gelegt werden, doch als Heller den Leichnam am Tatort untersuchte, stellte er fest, dass der Körper des Jungen namens Albert Utmann voller blauer und schwarzer Flecken war; die Folgen von Schlägen über einen längeren Zeitraum.

„Natürlich wurde in der Ruine nach Opfern gesucht. Aber warum sollte man den Schutt abtragen? Dafür gibt es gar keine Leute, es gibt Wichtigeres zu tun. Wissen Sie eigentlich, was Ihr Vorgehen für Konsequenzen hat? Das geht jetzt den ganzen langen Weg über das Schulamt, die Partei, das Rathaus, die SMA, bis hin zur Polizeidirektion. Das sind alles Leute, die sich zweimal die Woche treffen, beim FDGB, in den Senatsausschüssen, bei der DSF, bei SED-Versammlungen. Da kennt jeder jeden. Da stehen Sie komplett außen vor! Wenn Sie wenigstens in eine der Blockparteien eintreten würden. In die LDPD oder die NDPD.“

„Würde das an den Tatsachen etwas ändern?“

Schnell gerät dessen Vater Karl in Verdacht, der nicht nur seine Kriegserlebnisse im Suff ertränkt, sondern auch regelmäßig seine Frau und die übrigen Kinder schlägt. Die Prügel ist jedoch kein Grund für eine Verhaftung und da die Mutter alles geduldsam über sich ergehen lässt, sind Heller die Hände gebunden. Dennoch bleibt er hartnäckig, werden bei ihm doch böse Erinnerungen aus seiner Vergangenheit zutage befördert, die er längst verdrängt zu haben glaubte. An der Schule von Albert stoßen Heller und Oldenbusch auf weitere Ungereimtheiten. Offenbar schlossen sich mehrere Jugendliche zu einer Diebesbande zusammen. Als es zu weiteren Todesfällen kommt, mischt sich plötzlich Klaus Heller, inzwischen Mitarbeiter beim DVdI (Vorläufer des späteren Ministeriums des Inneren), in die Ermittlungen seines Vaters ein. Er verdächtigt die Jugendlichen der Sabotage und Spionage und Karl Utmann als ideologisch unbelehrbar. Streit ist vorprogrammiert, zumal er seinen Vater bittet, die Ermittlungen einzustellen …

Ein Unrechtsstaat entsteht und der Leser ist mittendrin

Vom 17. bis 25. Juni 1948 spielt der dritte Fall von Kriminaloberkommissar Max Heller, dessen Reihe längst kein Geheimtipp mehr sein sollte. Ganz im Gegenteil braucht sie den Vergleich mit anderen Serien aus der Epoche der Weltkriege keineswegs zu scheuen. Atmosphärisch dicht wie schon bei den Vorgängern erlebt der Leser die Ermittlungsarbeit, sowie das Entstehen eines neuen Unrechtsstaates, der die Familie Heller mit voller Wucht trifft. Werden Max und Karin ihren Sohn Erwin, der seit Kriegsende im Westen lebt, jemals wiedersehen? Immerhin freuen sie sich über dessen Pakete, die er über Schweden nach Dresden schickt, da Pakete aus dem Westen von den Sowjets überprüft werden. Diese sind bitter notwendig, denn es fehlt an vielen Dingen, vor allem an Lebensmitteln und Kleidung. Viele Menschen leiden und schimpfen über „die Russen“, wer kann geht in den Westen, während andere für ein sozialistisches Deutschland nach sowjetischen Vorbild kämpfen. Nie wieder Faschismus, so denkt Klaus Heller, dessen Vater mit Schrecken erlebt, dass er seinen Sohn an die neue totalitäre Ideologie zu verlieren droht. Dabei war man doch froh, eine Diktatur gerade erst vor wenigen Jahren überstanden zu haben, deren verheerende Spuren noch allgegenwärtig sind.

„Haben Sie das auf dem Kongress beigebracht bekommen? Hatten wir nicht erst einen solchen Staat? Wohin hat es denn geführt, dass die Gemeinschaft über das Individuum gestellt wurde?“

Heller brauchte gar keine Antwort. Sie tat sich vor ihnen auf. Das zerstörte Bürgerhaus, die ausgebrannte Hofkirche, die eingestürzte Oper, die tote Fassade des Schlosses, die Reste des Taschenbergpalais und der Zwinger, dessen Überreste wie das Skelett eines riesigen Urzeittieres aus dem Boden ragten.

Wer sich dafür interessiert, wie der neue Staat entsteht und das Leben der Menschen beeinflusst, dem sei ergänzend Leaving Berlin von Joseph Kanon empfohlen. In dessen Buch geht es – neben dem Krimiplot – darum, wie die deutschen Intellektuellen im Osten der Hauptstadt dem neuen sozialistischen Staat, in dem alle Menschen gleich sind, entgegenfiebern. Endlich wird alles gut, während sich im Hintergrund die Gefängnisse mit Andersdenkenden füllen.

In Vergessene Seelen findet Autor Frank Goldammer einen gelungenen Mix aus Krimi, Zeitgeschichte und Privatleben des Protagonisten. Der Krimiplot ist zweigeteilt (Diebesbande und Todesfälle) und manchmal derart verworren, dass selbst Max Heller den Überblick verliert. Spannende Unterhaltung in jeder Hinsicht. Noch eine gute Nachricht zum Schluss: Drei Tage vor Weihnachten dieses Jahres erscheint die Fortsetzung Roter Rabe.

Ihre Meinung zu »Frank Goldammer: Vergessene Seelen«

venatrix zu »Frank Goldammer: Vergessene Seelen«08.08.2018
Vergessene Seelen-3/Frank Goldammer/5 Sterne

Frank Goldammer entführt uns in seinem dritten Fall für Max Heller in das Jahr 1948, genauer gesagt in den brütend heißen Sommer Dresdens. Er wirkt, ob der Temperaturen, der Mangelernährung und der vielen kleineren und größeren Gaunereien, denen die Polizei nachgehen muss, die aber häufig ergebnislos enden, erschöpft. Dazu kommen noch seine persönlichen Dämonen, von denen er beinahe jede Nacht geplagt wird. Einziger Lichtblick ist die Anwesenheit von Annie, jenem kleinen Mädchen, das er im Vorgängerband „Tausend Teufel“ bei den „Heidenkindern“ aufgelesen hat und das nun als Pflegekind bei ihm und seiner Frau Karin lebt.
Gerüchte über eine Währungsreform in der Trizone machen die Runde und Sohn Erwin, der im Westen Deutschlands geblieben ist, schickt Lebensmittelpakete in denen Münzen der Reichsmark versteckt sind. In dieser aufgeheizten Stimmung muss sich Heller mit einem augenscheinlichen Arbeitsunfall bei der Bahn, einem in einem Schacht Ertrunkenen und einem toten Kind herumschlagen. Bei allen drei Toten ist Fremdverschulden nicht ganz auszuschließen.
Seine Ermittlungen führen ihn in die Schule des toten Jungen, in der mehr Fragen offen bleiben als beantwortet werden. Auch die Eltern des Kindes reagieren äußerst seltsam. Der als gewalttätig bekannte Vater gerät ins Visier von Heller, zumal nicht nur das tote Kind Misshandlungsspuren aufweist.

Während Max Heller akribisch versucht gegen die Mauern des Schweigens anzukämpfen, eröffnet sich eine neue Front: Klaus, sein und Karins zweiter Sohn, scheint in der russischen Kriegsgefangenschaft einer Umerziehung ausgesetzt gewesen zu sein und hat den Terror des Nazi-Regimes gegen das Unrecht des Kommunismus getauscht. In seiner Funktion als Mitglied einer politischen Polizei, kreuzt er immer wieder die Wege seines Vaters und torpediert dessen Ermittlungen.

Max Heller selbst hat es Zeit seines Lebens vermeiden können, irgendeiner Partei beizutreten, auch wenn ihm das den einen oder anderen Vorteil brächte. Den neuen Machthabern steht er genauso kritisch gegenüber wie den alten. Immer wieder stößt er auf Nazis, die ihr Gedankengut weiterpflegen. „Viele glaubten den Berichten über die Gräuel der Nazis nicht und hielten das für Russenpropaganda. Dabei waren sie bereit gewesen, der Nazipropaganda bis in den Untergang zu folgen.“

Meine Meinung:

Autor Frank Goldammer ist es wieder gelungen, ein authentisches Abbild der damaligen Zeit zu erschaffen. Die Leser können die angespannte Lage, die Gerüchte über die Währungsreform, die mangelhafte Versorgung mit Gütern des täglichen Lebens und die gefährliche politische Situation gut darstellen. Wie schon in der Nazi-Zeit blüht das Denunziantentum. Wieder werden Leute aufgrund von Gerüchten verhaftet und manche von ihnen verschwinden auf immer. Der Autor lässt uns an Max Hellers Gedanken hierzu teilhaben.

Die Ermittlungen gestalten sich als schwierig, was auch den Interventionen Klaus‘ zu verdanken ist. Doch max Heller geht unbeirrt seinen Weg. Sein Bauchgefühl bringt ihn allerdings wiederholt in gefährliche Situationen. Der Showdown ist äußerst fesselnd. Die überraschende Auflösung zeigt, dass grundsätzlich mit allem gerechnet werden muss.

Frank Goldammer legt großes Augenmerk auf die Charaktere seiner Figuren. Sie sind niemals nur gut oder nur böse. Selbst der so scheinbar integre Max Heller hat seine dunklen Seiten. Gut, die quälen ihn ja schon seit dem ersten Band („Der Angstmann“). Doch nun werden Teile davon offen gelegt. Ich bin schon auf die Weiterentwicklung der Protagonisten gespannt. Band vier („Der rote Rabe“) erscheint im Dezember und wird vermutlich den Riss, der wegen der unterschiedlichen Söhne durch die Familie geht, näher beleuchten. Ob Max und Karin in den Westen gehen werden? Noch ist ja die Möglichkeit.

Fazit:

Sprachlich wie dramaturgisch ist Frank Goldammer wieder ein fesselnder Krimi gelungen, der die damalige Zeit quasi in 3D wiederauferstehen lässt. Gerne gebe ich 5 Sterne und eine Leseempfehlung für die ganze Reihe.
Barbara62 zu »Frank Goldammer: Vergessene Seelen«22.07.2018
Hunger und Not kennen keine Moral

Frank Goldammers historische Dresden-Krimis gehören inzwischen zu den Serien, bei denen ich keinen Band mehr verpassen möchte. Mehr noch als an den gut aufgebauten, spannenden und schlüssig aufgeklärten Kriminalfällen und dem sympathischen, integren, aber nicht fehlerlosen Ermittler Max Heller liegt das am historischen Hintergrund. War es beim ersten Band, "Der Angstmann", die Zerstörung Dresdens im Februar 1945 und bei Band zwei, "Tausend Teufel", das Leben unter der sowjetischen Besatzung 1947, so ist Band drei, "Vergessene Seelen", im Sommer 1948 angelangt. Der Wiederaufbau kommt nur sehr schleppend voran, Mangelwirtschaft und Wohnungsnot erzeugen immer mehr Unmut und viele gehen in den Westen. Da Hunger und Not keine Moral kennen, sind die Hauptverbrechen Einbrüche und Diebstähle, meist von Banden verübt.

Doch im Juni 1948 bekommen Max Heller und sein Assistent Werner Oldenbusch es gleich mit mehreren Toten zu tun, darunter der 14-jährige Albert Utmann. Die Zustände in dessen Familie, die unter einem kriegstraumatisierten, gewalttätigen Vater leidet, setzen Max und seiner Frau Karin ungewöhnlich heftig zu. Bei den Ermittlungen zu den Todesumständen stoßen die Kommissare nicht nur auf eine Mauer des Schweigens in der Schule, bei den Kameraden und in der Familie des Opfers. Auch sonst will niemand mit der Polizei und den Behörden zusammenarbeiten, denn das Vertrauensverhältnis ist gestört. Sicher scheint, dass Albert und andere Jugendliche in den illegalen Handel mit Lebensmittelkarten, Lebensmitteln, Zigaretten und Medikamente verstrickt sind - aber wer steckt dahinter? Liegt darin wirklich der Schlüssel zur Aufklärung der Todesfälle? Und wie hängen die Toten zusammen?

So viele Themen schneidet Frank Goldammer an, dass man sie gar nicht alle aufzählen kann, aber trotzdem wirkt das Buch nie oberflächlich. Besonders interessant für mich als Westdeutsche ist die Ostperspektive, denn Ereignisse wie beispielsweise die Währungsreform kannte ich bisher aus den Erzählungen meiner Großeltern und aus der Schule nur aus Westsicht. Auch die Entwicklung von Hellers Söhnen verfolge ich seit dem ersten Band mit Aufmerksamkeit. Nach dem Krieg ist Erwin im Westen geblieben, studiert Jura und schickt Pakete voller Schätze über Schweden nach Hause, während der verbitterte, verschlossene Klaus im Kampf gegen seine Kriegs- und Nazi-Dämonen SED-Mitglied geworden ist, schnell Karriere gemacht hat und mit fragwürdigen Methoden nach Saboteuren, Spionen und subversiven Elementen fahndet. Dabei kommt er sogar in Konflikt mit der Arbeit seines Vaters, die er zu unterbinden versucht, wo sie seinen eigenen politischen Ermittlungen in die Quere kommen.

Der Showdown, begleitet von Blitz und Donner nach langer Hitzeperiode, hat mich dann noch einmal sehr überrascht und ich musste die letzten Seiten zweimal lesen, um auch wirklich nichts zu verpassen.

Wer einen gut geschriebenen, leserfreundlich gedruckten, ausgesprochen atmosphärischen Roman über die unmittelbare Nachkriegszeit in Ostdeutschland lesen möchte, dem kann ich dieses Buch nur sehr empfehlen, egal ob Krimileser oder nicht.
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