Maus von Art Spiegelman

Buchvorstellungund Rezension

Maus von Art Spiegelman

Originalausgabe erschienen 1986unter dem Titel „Maus“,deutsche Ausgabe erstmals 2008, 300 Seiten.ISBN 3-596-18094-5.Übersetzung ins Deutsche von Chistine Brinck & Josef Joffe.

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Beeindruckendes Schicksal aus dem Holocaust

Ein Comic auf der Histo-Couch? Haben die Macher da etwas falsch verstanden oder sich grundlegend vertan? Nein, haben sie nicht. Mit Absicht präsentieren wir hier eine ganz besondere Graphic Novel, einen „Comicroman“ , der für sein Genre wegweisend war und der seinem Autor schließlich den renommierten Pulitzer-Preis beschert hat. Dabei ist Maus – Die Geschichte eines Überlebenden der Versuch, sprachlich und grafisch einen unvorstellbaren Teil unserer Zeitgeschichte dem Leser näher zu bringen.

Zum einen wird die Lebensgeschichte von Wladek Spiegelman, dem Vater des Autors, und seinen traumatischen Erlebnissen vom 2. Weltkrieg, dem Holocaust und seinen Folgen erzählt. Zum anderen wird aber auch über eine sehr private Geschichte, die von Vater und Sohn und ihrem Gespräch über die Vergangenheit der Familie berichtet. Das besondere an der Darstellung der Figuren ist, dass die Protagonisten als Tiere dargestellt sind: Juden sind Mäuse, die Deutschen sind Katzen etc.

Maus ist ursprünglich in zwei Teilen erschienen. Die einzelnen Kapitel jedes Buches sind jeweils von einer Rahmenhandlung umgeben, in der Wladek Spiegelman seinem Sohn Art(ie) die Geschichten aus der Vergangenheit erzählt und Art diese mitschreibt bzw. aufnimmt, um die Erlebnisse zu einem Comic zu verarbeiten.

Der erste Band von Maus trägt den Titel Mein Vater kotzt Geschichte aus (My Father bleeds History) und beginnt in Polen in den 1930er Jahren. Wladek Spiegelman lernt über einen Freund seine spätere Frau Anja in Sosnowitz kennen und schon bald nach der Hochzeit wird der erste Sohn Richieu geboren. 1939 wird Wladek zur polnischen Armee einberufen und gerät kurze Zeit später in deutsche Kriegsgefangenschaft. Nach dem Dienst in einem Straflager wird er entlassen, aber als Jude endet er später im Ghetto von Sosnowitz. Danach beginnt der Leidensweg der Spiegelmans: Die immer restriktiver werdende Politik der Deutschen gegen die Juden, die ständigen Zwangsumsiedlungen von Ghetto zu Ghetto und die umhergehende Angst vor den Gräueltaten der Nationalsozialisten bestimmen fortan ihr Leben. Der Tod des Sohnes Richieu ist einer von vielen dramatischen und traurigen Höhepunkten. Das Ehepaar Spiegelman entgeht mehrmals der Deportation, aber auf der Flucht nach Ungarn werden sie verraten und der erste Teil von Maus endet mit der Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz.

Der zweite Band Und hier begann mein Unglück (And here my Troubles began) schildert den Überlebenskampf der Spiegelmans in Auschwitz. Das Ehepaar durchlebt getrennt, Wladek in Auschwitz und Anja in Birkenau, den Horror, der in den Lagern herrschte: Der willkürlichen Gewalt der Aufseher ausgesetzt, körperliches Leid durch Hunger und Krankheiten und die Massenvernichtung durch Vergasung und Verbrennung allgegenwärtig vor Augen. Und dazwischen die Inhaftierten, die mit aller Macht (und Mut) versuchen, zu überleben. Als der Krieg sich dem Ende nähert und die Rote Armee langsam auf Auschwitz vorrückt, wird das KZ von den Deutschen geräumt und die Gefangenen begeben sich auf eine schmerzliche Odyssee, die zunächst im Konzentrationslager Dachau endet. Von dort aus geht es einige Zeit später an die Schweizer Grenze, wo die Häftlinge gegen Kriegsgefangene ausgetauscht werden sollen, aber durch den Vormarsch der Amerikaner nicht mehr zustande kommt und somit alle die lang ersehnte Freiheit wieder erlangen. Wladek Spiegelman reist durch das Nachkriegsdeutschland bis nach Polen und findet dort endlich seine Frau Anja wieder, mit der er später über Schweden in die USA emigriert.

Dieser historische Teil der Erzählung ist immer wieder durch die in der Gegenwart spielenden Rahmenhandlung unterbrochen. Im Gespräch zwischen Vater und Sohn wird immer wieder deutlich, inwieweit das Trauma des Holocausts bei den Überlebenden bis heute nachwirkt.

Mehr als ein Comic

Maus ist viel mehr als ein Comic. Allein die Entstehungsgeschichte, die sich über einen Zeitraum von über 20 Jahren hinweg zieht, in dem immer wieder einzelne Kapitel entstehen und publiziert werden, ist ungewöhnlich. Hervorzuheben an Maus ist mit Sicherheit die Erzählstruktur, denn die Geschichte findet auf drei verschiedenen Ebenen statt. Die erste Ebene ist die historische Erzählung von Wladek Spiegelmans Leben vor, während und nach dem 2. Weltkrieg. Sie ist der Hauptbestandteil des Buches und deshalb auch hier in der Histo-Couch am richtigen Ort. Die zweite Ebene ist die autobiographische Geschichte des Autors Art Spiegelman über seine schwierige Beziehung zu seinem Vater und sein Privatleben. Interessant an diesem Teil ist zum einen die Ehrlichkeit oder besser seine schonungslose Offenheit mit der Art Spiegelman seinen Vater beschreibt, was dazu führt, dass die Person Wladek Spiegelman im Gegensatz zur historischen Ebene eher negativ besetzt ist. In der Erzählung um den Holocaust leidet der Leser mit seinem Schicksal mit, in der Gegenwart aber bietet sich der Vater nicht als Identifikationsfigur an, da er geizig, misstrauisch und oft manipulativ dargestellt wird, so dass ein eher distanziertes Verhältnis zu ihm entsteht.

Die dritte Ebene taucht am Seltensten auf, ist aber für das Verständnis von Maus von enormer Bedeutung. Diese Ebene zeigt den Künstler beim Schaffensprozess des Werkes und seine Reflektion auf seine Arbeit. An einigen Stellen wird der Leser sogar direkt angesprochen. Die Verbindung der verschiedenen Zeit- und Erzählebenen macht deutlich, dass die Gegenwart fest mit der Vergangenheit verbunden ist. Eine Loslösung von der Vergangenheit ist auch für den Leser nicht möglich. Diese Vielschichtigkeit zeigt, dass das Medium „Comic“ auch mit solch schwierigen Themen umzugehen weiß und der klassischen Romanform in der Erzählweise bzw. -struktur in nichts nachsteht.

Neben der narrativen Ebene gibt es im Comic (logischerweise) noch die grafische Ebene. Maus besticht durch klare Schwarz-Weiß-Zeichnungen, durch den Verzicht auf Farben erscheinen insbesondere die Abschnitte über das Leben im Konzentrationslager noch trostloser und auswegloser. Objekte wie Häuser und Fahrzeuge sind oft sehr detailliert gezeichnet, dadurch wird in der Erzählung ein gewisser Grad an Realismus geschaffen, so dass die Orte, an denen die Handlung spielt, für den Leser glaubhaft werden. Im Gegensatz dazu ist die Darstellung der Figuren als Tiere erst überraschend, vielleicht auch irritierend, wodurch die Geschichte den Charakter einer klassischen Fabel bekommt und hierdurch das Grauen für den Leser erträglicher macht. Durch die realistischen Orte und Gegenstände, die von den Tieren benutzt werden (die Mäuse fahren Autos, die Katzen reiten auf Pferden etc.), vergisst man beim Lesen oft, dass dort keine Menschen gezeichnet sind. Der Leser schaut durch diese Masken hindurch und erkennt dahinter wahre Charaktere.

Dank der verschachtelten Erzählebenen und den eindringlichen Zeichnungen hat Art Spiegelman mit Maus einen Meilenstein erschaffen, dessen Eindringlichkeit den Schrecken der Judenverfolgung und des Holocaust anhand eines Einzelschicksals niemanden vergessen lässt. Die Intensität der Erzählung wird manchen Leser überraschen und ihn dazu zwingen, das Buch zwischendurch immer wieder wegzulegen und über das Geschehen zu reflektieren. Dieser Comic ist definitiv nichts für zartbesaitete Leser. Auf jeden Fall ist er aber eine Entdeckung wert, die es verdient, von einer breiten Leserschaft entdeckt zu werden.

Über Art Spiegelman

Art Spiegelman wurde am 15. Februar 1948 in Stockholm geboren und gehört heute zu den renommiertesten Comic-Autoren unserer Zeit. Seine Eltern waren Wladek und Anja Spiegelman, die das KZ von Auschwitz überlebten. Die Spiegelmans emigrierten 1951 nach New York/USA und wurden dort ansässig. Art Spiegel entdeckte früh seine Leidenschaft für Comics und begann 1965 sein Studium an der New Yorker High School of Art and Design. Er brach sein Studium aber ab und arbeitete als freier Illustrator bei verschiedenen Magazinen. 1968 beging seine Mutter Selbstmord, ein Ereignis, welches Art Spiegelman in der Episode Prisoner on the Planet Hell in Maus aufarbeitet. Ende der 60er Jahre bis in die 70er ist Spiegelman, neben Robert Crumb und Gilbert Shelton, einer der wichtigsten Vertreter der „Underground-Comix“-Szene.

1976 lernt er seine spätere Frau Françoise Mouly kennen, mit der er von 1980 bis 1991 das Comic-Magazin Raw herausgibt, hier erscheinen große Teile von Maus in einzelnen Kapiteln. 1986 erscheint der erste Teil als Gesamtausgabe: Maus – Die Geschichte eines Überlebenden: Band 1. Mein Vater kotzt Geschichte aus. Der zweite Teil kommt 1991 heraus: Maus – Die Geschichte eines Überlebenden: Band 2. Und hier begann mein Unglück. Der große Erfolg und die unzähligen Auszeichnungen, u.a. der Pulitzer-Preis 1992, veränderten das Medium „Comic“ von Grund auf, Comics waren nun erwachsenen geworden und waren als ernstzunehmenden Medium anerkannt.

Art Spiegelman schreibt nach diesem Erfolg keine Comics mehr, sondern arbeitet die nächsten 10 Jahre für den New Yorker, wo er u.a. Titelbilder entwirft.

Die Anschläge vom 11. September 2001 verarbeitet Spiegelman in einer 10-teiligen Reihe für die Wochenzeitung Die Zeit, die 2004 als Buch mit dem Titel Im Schatten keiner Türme erscheint. Hier verarbeitet er auf seine Weise das Trauma des Terroranschlags und des politischen Klimas in den USA unter der Bush-Administration.

Art Spiegelman lebt heute mit seiner Frau und zwei Kindern in New York und arbeitet als unabhängiger Zeichner, Autor und Herausgeber, u.a. der Kinderbuch-Reihe Little Lit.

Die Rezension stammt von Carsten Jaehner und Thies Albers, Soziologe M.A.

 

 

Ihre Meinung zu »Art Spiegelman: Maus«

anath zu »Art Spiegelman: Maus«17.03.2011
Eines der besten Bücher zum Thema Shoah, die ich kenne. Die Vielschichtigkeit der Erzählung, die unprätentiösen Zeichnungen, die ungeschönten Charaktere und dazu diese Sprache, die immer auf dem Drahtseil zwischen Alltag und Psychtherapie balanciert machen diese beiden Bücher so großartig.
Kein niedlicher Comoic für Kinder - obwohl meine Kinder ihn schon sehr früh gelesen (und auch verstanden) haben. Es ist ein Bilderbuch des Grauens für erwachsene Menschen und die Aufforderung, auch hinter die die Fassade zu blicken um zu verstehen. Gleichzeitig bietet sich hier, mit der minutiösen Aufzeichnung der Geschichte einer einzelnen Familie der Blick auf eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte und seine Folgen für die Betroffenen und ihre Kinder. Wer Wladek erlebt hat wird ihn nicht sympathisch finden, wird genervt sein, genauso wie sein Sohn. Und doch haben wir hier das Opfer vor uns, seelisch verkrüppelt, und irgendwann ist das Mitleid da, fragt man sich, wie dieser Unsympath wohl früher gewesen sein mag, als er seine Anja kennen lernte, als sein erster Sohn geboren wurde, bevor ...
Ich kann das Buch nur dringend empfehlen.
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