Der Galgenvogel von Antonia Hodgson

Buchvorstellungund Rezension

Der Galgenvogel von Antonia Hodgson

Originalausgabe erschienen 2015unter dem Titel „The Last Confession of Thomas Hawkins“,deutsche Ausgabe erstmals 2016, 464 Seiten.ISBN 3-426-65346-X.Übersetzung ins Deutsche von Katharina Volk, Sonja Rebernik-Heidegger.

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Kurzgefasst:

London anno 1728: Der schwefelgelb flackernde Schein rußiger Öllampen, Übelkeit erregender Gestank frisch geleerter Nachttöpfe im Rinnstein, und in den schmalen Gassen das Zischen und Fauchen schwarzer Ratten ... Durch diese Straßen wird ein gut gekleideter junger Mann zum Galgen nach Tyburn geschleppt. Die Menge am Straßenrand nennt ihn einen Mörder. Er versucht ruhig zu bleiben. Sein Name ist Tom Hawkins, und er ist unschuldig. Irgendwie muss er es schaffen, das zu beweisen, bevor der Strick sich um seinen Hals legt.  Natürlich ist alles seine eigene Schuld. Das Leben war gut, nachdem er dem Schuldgefängnis „The Marshalsea“ entronnen war. Er hätte dem gefährlichsten Kriminellen Londons ja nicht erzählen müssen, dass er „auf Abenteuer aus“ sei. Er hätte niemals der Mätresse von King George Hilfe anbieten dürfen. Und vor allem hätte er nie der scharfsinnigen und berechnenden Queen Caroline trauen sollen. Sie versprach ihm für sein Schweigen einen königlichen Straferlass – doch letztlich schweigt niemand besser als ein Toter ... 

Das meint Histo-Couch.de: „In ungebetenen Diensten der Königin“93Treffer

Rezension von Carsten Jaehner

Tom Hawkins ist es gelungen, aus dem Marshalsea-Gefängnis heruaszukommen, und nun lebt er mit seiner Partnerin Kitty, die er dort kennen gelernt hat, gewissermassen in wilder Ehe in London, betreibt mit ihr einen Bücherladen, über dem sie wohnen, und sie sind sehr glücklich miteinander. Man schreibt das Jahr 1728, und nicht nur in England sind wilde Ehen verpönt und nicht gut angesehen, weshalb sie sich hauptächlich von ihrem Nachbarn, Mr. Joseph Burden, einiges anhören dürfen, und das lauthals auf der Strasse, so dass das halbe Viertel es mitbekommt. Natürlich ist Tom Hawkins schlecht auf ihn zu sprechen und donnert des nächtens schon einmal betrunken mit der Faust gegen Burdens Tür, natürlich unter Aufmerksamkeit der Nachbarn.

Als eines Morgens Joseph Burden mit neun Messerstichen getötet in seinem Bett aufgefunden wird, ist Hawkins naturgemäß der Hauptverdächtige. Burdens Sohn und Tochter betrauern den Verlust ihres herrischen, unfreundlichen Vaters, sein MItarbeiter wurde am Tag zuvor gekündigt und das Hausmädchen teilte mit Burden das Bett und sollte ihn bald heiraten. Der moralische Übervater hatte mehr Dreck am Stecken als gedacht, doch ist es schwierig, als Hauptverdächtiger seine Unschuld zu beweisen.

Zudem wurde Hawkins am Vorabend zur Königin eskortiert, da sie von seinen Aufklärungstaten im Marshalsea-Gefängnis Wind bekommen hatte und einen Spezialauftrag für Hawkins hat: Er soll Hinweise gegen Charles Howard finden, Ehemann eines Dienstmädchens der Königin, die auch zufällig die Geliebte des Königs ist. Howard ist ein noch brutalerer Mann, als es wohl Burden gewesen ist, fordert aber seine Frau zurück, was zu dieser Zeit rechtens ist. Eine unangenehme Situation für Königin Caroline, die allerdings keineswegs nur so royal ist, wie man es sich vorstellt. Und so steckt Tom Hawkins zwischen allen Stühlen, und er hat das Gesetz und fast die ganze Stadt gegen sich …

Aussichtslos von der ersten bis zu letzten Seite

Antonia Hodgsons Roman Der Galgenvogel setzt nur kurze Zeit nach dessen Vorgänger Das Teufelsloch ein und führt die spannende Geschichte aus dem ersten Teil genauso temporeich weiter, wie man bereits im ersten Teil lesen konnte. Zwar ist Der Galgenvogel auch ohne die Kenntnisse des Vorgängers lesbar, allerdings ergeben sich mit Wissen dieses Romans mehr Zusammenhänge, zudem ist er an Spannung kaum zu überbieten. Und, um dies vorweg zu nehmen, dieser vorliegende zweite Teil auch nicht.

Tom Hawkins betreibt mit seiner Lebensgefährtin Kitty einen Buchladen, für den er auch selber erotische Schriften übersetzt, die unter der Ladentheke verkauft werden und für die der Buchladen in gewissen Kreisen bekannt ist. Ohne diese Übersetzungen wären sie wohl nur auf Kittys Reichtum angewiesen, denn Hawkins hat nach seinem Gefängnisaufenthalt im Marshalseas nichts mehr, was ihm gehört. Alles könnte wunderbar laufen, wären die Wände zum Nachbarn Burden nicht so dünn und man könnte immer hören, was dort nebenan vor sich geht. Burden, der Hawkins immer öffentlich wegen seiner „Hure“ Kitty beschimpft, obwohl diese nachweisbar noch Jungfrau ist, ist verwitwet und seinen beiden Kindern ein strenger Vater. Burdens Mitarbeiter Ned ist seit sieben Jahren dort und kurz vor dem Ende seiner Lehrzeit, zudem offenbar der potentielle Bräutigam von Burdens Tochter Judith.

Auch Kitty und Tom haben einen Mitarbeiter, den Jungen Sam, Sam Fleet, Neffe und Namensnachfolger von Samuel Fleet, den Tom noch aus dem Marshalsea kennt. Sein Vater hat eine ähnlich fragwürdige Karriere hingelegt wie dessen Bruder, und so bat er Tom, sich des Jungen anzunehmen und ihm etwas Benimm und Gesellschaft beizubringen, damit wenigstens er es im Leben ein bisschen zu etwas bringen könnte. Als jedoch Burden mit neun Messerstichen getötet wird und Tom zudem eine geheime Verbindungstür zwischen den Wohnungen entdeckt, ist klar, dass die Zeit und die Umstände gegen ihn sprechen, obwohl es genügend weitere Verdächtige im Haus mit ungeahnten Möglichkeiten gibt.

Unerträglich spannend von der ersten bis zur letzten Seite

Die Autorin Antonia Hodgson hat hier in einem Doppelhaus mit vielen Verdächtigen bereits eine mehr oder weniger aussichtslose Situation kreiert, aus der es für den Ich-Erzähler Tom Hawkins kein Entrinnen gibt. Einzig die Erzählung aus der Ich-Perspektive lässt den Leser darauf zählen, dass Tom vielleicht gerade so noch einmal davonkommt, doch sieht es danach überhaupt nicht aus. Egal, was Tom herausfindet, es scheint ihm nicht zu helfen, die Schlinge um seinen Hals zeiht sich immer weiter zu, im wahrsten Sinne des Wortes, und auch wenn man denkt, jedes noch so kleine Fünkchen Hoffnung könnte seine Rettung bedeuten, wird man spätestens auf der nächsten Seite eines besseren belehrt.

Dieses Spannung weiß die Autorin bis ein paar Seiten vor Schluß problemlos aufrecht zuu erhalten, wenn man von einem kleinen Tief in der Mitte des Buches absieht, wo die Handlung etwas vor sich hinplätschert, aber im Grunde wiegt sie ihre Leser nur in Sicherheit, und diesen Fehler sollte man nicht begehen. Wer hier der Schuldige ist und Burden getötet hat oder wie auch immer, das bleibt spannend bis zum bitteren Ende.

Hervorragend recherchiert von der ersten bis zur letzten Seite

Auch die Nebenhandlung um den Gatten der Geliebten des Königs (George II.) ist durchaus spannend und zeigt vor allem, wie es zur damaligen Zeit in den Spelunken und hinter den Kulissen der ach so feinen Gesellschaft herging. Und wenn man dann an der Autorin zweifelt, wie sie sich so eine kranke Geschichte hat einfallen lassen können, sollte man einen Blick ins Nachwort werfen, wo man erkennen kann, dass die komplette Seitengeschichte um eben diesen Charles Howard sich tatsächlich genauso zugetragen hat. Das Leben schreibt immer noch die seltsamsten Geschichten. Allerdings hätte dieser Teil der Geschichte etwas mehr Raum bekommen dürfen.

„Historischer Thriller“ steht auf dem Buchcover, und ja, dies ist ein Thriller, der diesen Titel tatsächlich einmal verdient, im Gegensatz zu vielen anderen Romanen mit dieser Bezeichnung. Wer bereits den ersten Teil gelesen hat (was anzuraten ist), wird einige Bekannte wiedertreffen, und es wird zwischendurch immer mal wieder ganz kurz Bezug auf Toms Zeit im Marshalsea genommen. Eine Lektüre aller drei Romane hintereinander dürfte noch mehr Zusammenhänge zutage führen – wenn man das spannungsmäßig durchhält.

Antonia Hodgson hat hervorragend recherchiert und entführt den Leser in ein London des Jahres 1728 mit alle seinen Abgründen und Hinterhofgestalten, wie man es sich in seinen kühnsten Träumen nicht hat vorstellen können, was aber (siehe Nachwort) durchaus belegt ist. Sie kann erzählen, spannend, ergreifend, den Leser in die Irre führend, hat eine hervorragende Dramaturgie in ihrem Roman und man fühlt mit Tom und Kitty mit, wie alles den Bach runtergeht und man nicht weiß, ob ein Kontakt zur Königin Caroline persönlich tatsächlich eine große Hilfe ist. Die Charaktere sind allesamt mit vielen Facetten gezeichnet, und niemand ist nur schwarz-weiß. Jeder ist sich selbst der Nächste, und wer das anders sieht, muss sehen, wie er damit klar kommt.

Empfohlen sei unbedingt das Bac hwort mit den historischen Hintergründen des Romans, die einem nochmal den einen oder anderen Schauer über den Rücken laufen lassen und die den Roman noch beeindruckender machen, als man ihn sowieso schon findet. Dieses Buch ist wie sein Vorgänger ein großer Wurf, und man darf hoffen, dass der Nachfolger dieses Niveau halten kann. Dazu an späterer Stelle mehr. Äußerst empfehlenswert, aber nichts für schwache Nerven.

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