Der Untergang Barcelonas von Albert Sánchez Piñol

Buchvorstellungund Rezension

Der Untergang Barcelonas von Albert Sánchez Piñol

Originalausgabe erschienen 2012unter dem Titel „Victus. Barcelona 1714“,deutsche Ausgabe erstmals 2015, 720 Seiten.ISBN 978-3-10-061607-4.Übersetzung ins Deutsche von Susanne Lange.

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Kurzgefasst:

Barcelona um 1700: Zuvi ist vierzehn, etwas großmäulig, ein Taugenichts mit rabenschwarzem Haar. Als ihn der Graf Vauban auf sein Schloss einlädt, ändert sich Zuvis Leben schlagartig. Vauban, der berühmteste Baumeister seiner Zeit, lehrt ihn, die sichersten und schönsten Festungsmauern zu bauen, und Tochter Jeanne führt ihn in die Liebeskunst ein. Aber dann tobt der Spanische Erbfolgekrieg und Zuvis Heimatstadt Barcelona droht, eingenommen zu werden. Zuvi, inzwischen vom Leben gereift, unternimmt alles, um seine geliebte Stadt zu retten.

Das meint Histo-Couch.de: „Spanien gibt es nicht“84

Rezension von Almut Oetjen

Der vierzehnjährige Martí Zuviría aus Barcelona wird im Jahr 1705 von seinem Vater in eine Karmeliterschule in der Bourgogne geschickt, weil die politische Lage in der Heimat sehr unsicher ist. Nach einer Zeit der Orientierungslosigkeit und häufigen Tavernenaufenthalten nebst starken Besäufnissen wird Martí Lehrling beim französischen Ingenieur und Marschall Graf Sébastien Le Prestre De Vauban, dem berühmten Festungsbaumeister. Als Vauban zwei Jahre später, am 30. März 1707, stirbt und der Spanische Erbfolgekrieg in vollem Gange ist, wird Martí zum Heimatlosen, bewegt sich zwischen den verfeindeten Lagern.

Während des dreizehn Jahre dauernden Erbfolgekriegs fällt die Stadt Barcelona nach einer Belagerungszeit von vierzehn Monaten am 11. September 1714 in die Hände der französischen Truppen. 30.000 Bewohner der Stadt fliehen ins Exil, um die 4.000 weitere werden deportiert oder hingerichtet. König Ludwig XIV. von Frankreich setzt seinen Enkel Philipp, Herzog von Anjou, auf den spanischen Thron. Er wird für drei Jahrzehnte König Philipp V. von Spanien, ist verantwortlich für die Abschaffung der katalanischen Kultur und Institutionen. Er verbietet die katalanische Sprache. Der 11. September wird später katalanischer Nationalfeiertag, Diada genannt.

Schelmenroman und Einführung in die Belagerungstechnik

Albert Sánchez Piñols vierter Roman ist ein ambitioniertes Werk. Mit 719 Seiten, in denen sehr viel geschieht, von dem der Autor episch erzählt, in Form eines Schelmenromans, dessen Ereignisse aus der Erinnerung des 98 Jahre alten Helden der Österreicherin Waltraud im Wiener Exil diktiert werden. Diese Darstellung ist zugleich ein biographischer Rechenschaftsbericht, in dem der Erzähler sich bereits in den ersten Sätzen als Verräter offenbart. Aber ist er tatsächlich ein Verräter? Gelegentlich stellt Martí seine eigenen Erinnerungen in Frage, was die Lektüre zusätzlich interessant macht.

Während seiner Ausbildung verliebt sich Martí in eine Tochter Vaubans und lernt Menschen kennen, die im Zuge der Belagerung Barcelonas wieder eine Rolle spielen. Darunter befindet sich James Fitz-James Stuart, Herzog von Berwick, illegitimer Sohn König James II. von England. Fitz-James ist Kommandeur der Bourbonen, die Barcelona belagern. Er bietet während der Belagerung Martí den Posten des königlichen Ingenieurs an. Martí wechselt im Verlauf des Krieges wiederholt die Seiten.

Der Teil, in dem Martí ausgebildet wird, enthält reiche Ausführungen zum Festungsbau und zu zwei Belagerungstechniken, dem Text sind Abbildungen beigegeben, darunter auch mit Auban. Im Weiteren sind Bilder von Werkzeugen, Waffen, James-Fitz James, Stadtpläne Barcelonas mit Wallanlagen in verschiedenen Stadien, Reproduktionen historischer Stiche mit Abbildungen der Belagerung Bestandteil der Lektüre. Die Leser und Leserinnen erfahren viel über Spionage, Kriegsführung, Verteidigungslinien, Waffen und Belagerungstechnik, dies sowohl allgemein wie auch mit Blick auf die konkrete Belagerung Barcelonas.

Manche Figuren und Beziehungen sind etwas holzschnittartig geraten. Aber die Inszenierung von Politik und Krieg ist Piñol auf beeindruckende Weise gelungen, bis hin zur Beschreibung des Leidens der Bevölkerung.

Ein historischer Roman als Diskursbeitrag für die Gegenwart

Der Katalane Sánchez Piñol hat seinen vierten Roman nicht in katalanischer, sondern spanischer Sprache geschrieben. In der Erzählung selbst gibt der Katalane Martí Zuviría als Begründung dafür an, dass er seine Erinnerungen nicht in seiner Muttersprache verfassen kann, die Österreicherin, der er diktiert, verstehe nur spanisch, französisch und deutsch. Aber da sowohl Sánchez Piñol wie auch seine Hauptfigur das nationale Konstrukt Spanien ablehnen, liegt der Gedanke nahe, der Roman würde sich direkt an die Spanier richten. Martí verweist bei vielen Gelegenheiten nicht nur auf Spanien und Katalonien als zwei unterschiedliche Nationen und Kulturen. Er sagt auch, dass Spanien nicht existiert. Wie viele andere Charaktere im Roman ist Martí Zuviría eine historische Figur. Über ihn ist jedoch nur wenig bekannt, und der Autor hat ihn frei nachgestaltet.

Der Untergang Barcelonas, der im Original Victus betitelt ist, besteht aus den drei Teilen: Veni, Vidi und Victus. Diese Teile beanspruchen jeweils ungefähr ein Drittel des Buchumfangs und haben die inhaltlichen Schwerpunkte: Jugend und Ausbildung, Rückkehr nach Barcelona und Erbfolgekrieg, Belagerung und Untergang Barcelonas. Die Ereignisse werden chronologisch wiedergegeben und sind durchsetzt mit Kommentaren Martís während des Diktates, darunter Beschwerden über Waltraud und auf das Kommende vorgreifende Gedanken. Die Erinnerungen enden, als Martí 24 Jahre alt ist. Man hätte gerne noch etwas darüber erfahren, was sich in den Jahren bis zur Niederschrift der Erinnerungen im Leben dieser zutiefst menschlichen und oft genug unsympathischen Hauptfigur ereignet hat.

Das Buch enthält im Anhang eine vier Seiten lange Chronologie des spanischen Erbfolgekrieges (von 1700-1725) und ein Verzeichnis der Personen auf elf Seiten.

Albert Sánchez Piñol erzählt in seinem Roman Der Untergang Barcelonas vom spanischen Erbfolgekrieg, politischen Interessenlagen in Europa und wie Katalanien in diesem Gefüge zermahlen wird. Die Perspektive ist die eines Festungsbaumeisters aus Barcelona, der sich im hohen Alter in einer Mischung aus Schelmen- und Abenteuergeschichte an Ereignisse erinnert, die seinem Leben Würze gegeben und das Angesicht Europas verändert haben.

Ihre Meinung zu »Albert Sánchez Piñol: Der Untergang Barcelonas«

Janine2610 zu »Albert Sánchez Piñol: Der Untergang Barcelonas«13.06.2015
Vom ersten Achtel des Buches war ich noch recht begeistert.
Der junge Zuvi, der eine Lehre zum Ingenieur beim berühmten Vauban in Frankreich beginnt, fand ich in seinem leicht naiven, tollpatschigen, aber auch intelligenten und gutmütigen Wesen eigentlich sehr liebenswert und der zum einen spitzbübische und zum anderen Teil zynische Humor hat ebenfalls sehr erfrischend auf mich gewirkt.

Das gesamte Buch wird aus der Sicht des nun bereits 98-jährigen Zuvis erzählt: also eigentlich hat er es der 'lieben grässlichen' Österreicherin Waltraud diktiert, die er zwischenzeitlich auch immer mal wieder persönlich anspricht bzw. beleidigt, was vielleicht lustig hätte sein sollen, aber nicht immer war, da es meines Erachtens hauptsächlich Beleidigungen unter der Gürtellinie waren, die jemanden zum Weinen bringen können, was die gute Waltraud dann ja manchmal auch getan hat ...

Leider gab es dann auch Phasen, die für mich weniger interessant waren und es mir schwer gefallen ist, der Geschichte zu folgen. Ein Abschweifen war die Folge und ehrlich gesagt, kann ich gar nicht sagen, worum es da genau gegangen ist, da ich währenddessen mit meinen Gedanken überall war, nur nicht in der Geschichte. Aber es dürfte wohl um die Ingenieurskunst, den Bau von Bastionen und diverse Kriegs- und Abwehrerzählungen gegangen sein.
Als dann wieder die Phasen kamen, die mich mehr fesseln konnten (die aber leider deutlich weniger vorhanden waren) hatte ich dann natürlich das Problem, dass ich mit den Namen, die aufgetaucht sind wenig bis gar nichts anfangen konnte, da ich nicht wusste, mit wem oder womit ich sie in Verbindung bringen soll.

Die letzten 100 Seiten des Buches fand ich glücklicherweise wieder spannend, da es darin dann wirklich (kriegsmäßig) zur Sache ging. Ja, der letzte Teil war verstörend und grausam. Dass der Krieg viele (unschuldige) Opfer fordert, weiß ich, aber das in der ganzen Bandbreite und seinem Schrecken zu lesen, kann schon ganz schön aufwühlend sein: ein Schlachtfeld, und überall Menschen mit fehlenden Gliedmaßen, Leichen und noch mehr Tote. Und obwohl das Ganze nicht allzu brutal oder blutig beschrieben wurde, ist es dennoch erschreckend zu wissen, dass so ein Massaker (ein anderes Wort fällt mir dazu gar nicht ein) tatsächlich einmal stattgefunden hat.

Aber mein Gesamteindruck ist gar nicht so schlecht, wie ich zwischendurch gedacht habe. Die Seiten, die für mich nicht spannend und interessant waren, haben zwar schon in etwa die Hälfte des Buches ausgemacht, die fesselnden Phasen fand ich dafür dann aber umso lesenswerter.

Ich vergebe 4 Sterne für eine Geschichte, die mir wirklich gut recherchiert scheint, zwischendrin sehr spannend war, mich aber trotzdem wegen gewisser thematischer Erzählungen nicht immer brennend interessiert hat.
buecherwurm1310 zu »Albert Sánchez Piñol: Der Untergang Barcelonas«15.04.2015
Marti Zuviría soll auf Wunsch seines Vaters seine schulische Ausbildung im Koster erhalten. Aber als er nach einem Besäufnis einen Leichenwagen entwendet, schickt man ihn zum Marquis Vauban, dem berühmten Ingenieur, damit er dort in die Lehre geht. Ein Glücksfall für Zuvi, den er ist talentiert und wissbegierig. Aber sein leichtsinniges Verhalten bringt ihn immer wieder ihn Schwierigkeiten. Als Vauban stirbt, endet auch Zuvis Ausbildung und er muss sich durchschlagen. So gerät er zunächst ins Heer des französischen Königs. Doch als es um die Erbfolge Spanien geht, verschlägt es ihn nach Barcelona, wo er vehement die Stadt gegen die Belagerer verteidigt.
Aufgrund der Leserprobe bin ich begeistert an das Buch herangegangen, wurde aber sehr bald schon enttäuscht. Nach dem fulminanten Anfang hatte es dann doch große Längen. Zum Ende hin wurde es wieder ein wenig unterhaltender. Der Stoff an sich ist sehr interessant, doch die immerwährenden Scharmützel langweilten auf Dauer doch. Auch bei der Menge der Personen konnte man leicht einmal den Überblick verlieren. Dass Krieg und Kämpfe unschön und blutig sind und Opfer fordern, das weiß jeder. Daher waren die drastischen Beschreibungen in der Breite für mich nicht immer erforderlich.
Die Beschreibung mancher Protagonisten blieb mir zu oberflächlich. Zuvi habe ich am Anfang sein Verhalten nachgesehen, da er noch sehr jung war. Heute würde man sagen: Er pubertiert. Mit der Zeit aber konnte ich sein Denken und Handeln nicht mehr nachvollziehen. Er stürzt sich in viele Abenteuer, zieht um die Häuser und hat ständig Frauengeschichten. Oft stürzt er sich in Selbstmitleid, versucht aber nie wirklich, sein Leben zu ändern. Zwischendurch nahm er mal sympathischere Züge an, nachdem sich seine Familie bestehend aus Amelis, dem Kind und dem Zwerg, an ihn gehangen hat. Aber selbst im hohen Alter, als er Hilfe benötigt, putzt er Waltraud, die ihn pflegt und seine Geschichte nach Diktat aufschreibt, ständig herunter. Das ist zwar nett zu lesen, zeigt aber auch wieder seinen Charakter.
Der Schreibstil ist teils humorvoll und häufig sarkastisch. Man erfährt sehr viel über die Geschichte Spanien und die Konflikte zwischen Katalanen und Kastiliern. Das Buch hat natürlich auch noch großen aktuellen Bezug, da die Katalanen immer noch für ihre Unabhängigkeit sind. Unterbrochen wird die Geschichte durch viele Skizzen, die veranschaulichen, wie die Befestigungen aussahen oder die Belagerungen angelegt waren.
Dieses Buch kann durchaus interessant sein, wenn man die Muße für diese Geschichte hat und uneingeschränkt von Zwängen (Leserunde) ist.
Gut recherchiert und interessant, aber zeitweise sehr langatmig.
Mohnblume zu »Albert Sánchez Piñol: Der Untergang Barcelonas«07.04.2015
Spannung, Kampf , Baukunst und Liebe

Meine Meinung : Es ist nicht so ganz einfach sich in den vierzehnjährigen Zuviria Marti , eine rebellischen Taugenichts hinein zu versetzen. Kein Wunder das sein Vater aus ihm einen Ehrbaren Bürger Barcelonas machen möchte. So schickte er ihn in die Klosterschule der Karmeliter , auch hier ist man seine bald überdrüssig und so landete er schließlich in Frankreich und wurde ein Schüler des berühmten Festungsbaumeister Vauban. Dieser ist ein guter und erbarmungsloser Lehrer . Mit Zuvi geht eine Wandlung vor , er wird ein strebsamer , gelehriger und Wissbegieriger Schüler , der alles Wissen wie ein Schwamm aufsaugt. Er möchte ebenfalls wie sein Meister die zehn Punkte haben. Ein langer und beschwerlicher Weg liegt vor ihm. Als sein Meister Vauban stirbt , beginnt für ihn eine Abenteuerliche Zeit , aber auch voller Demütigungen und wenig Anerkennung. Er möchte sein Wissen um den Festungsbau im Spanischen Erbfolgekrieg zu beweisen zu versuchen. Immer wieder gerät er zwischen die Fronten . Er ist zerrissen zwischen zwei Welten, einmal kämpft er für Frankreich, dann für sein Heimatland Spanien und für seine geliebte Heimatstadt Barcelona , die dem Untergang geweiht scheint. Auch möchte er seine große Liebe Amelis , seine Freunde Nan, Anfan und Peret , die in Barcelona vor dem sicheren Tod retten , bevor Barcelona in Schutt und Asche zerfällt. Ein dramatischer Wettlauf beginnt , voll mit Verrat, Demütigung und schmerzhaften und Bitteren Verlusten. Sein so genialer Plan , der so Erfolgversprechend war , scheitert am Ende sehr dramatisch und lässt einen Bitteren Beigeschmack für ihn zurück , er fühlt sich schuldig. Diese Erlebnisse und Einsichten diktierte am Ende seines Lebens der Alte Zuvi , bitter und Ungerecht geworden seiner Pflegerin Walburga. Das Buch hat nicht ganz so meine Erwartugen entsprochen, es wirkte an einigen Stellen sehr trocken, obwohl der Inhalt sehr viel Anspruch hatte, fehlte es ihm an Lebendigkeit.



Der Autor Albert Sánchez Pinol , hat einen Anspruchsvollen Historischen Roman geschaffen. Er ist voll gepackt mit gut recherchierter Zeitgeschichte um den Spanischen Erbfolgekrieg . Seine Kampfhandlung und Schlachten nehmen sehr großen Raum ein. Das Private Leben von Zuviria kommt etwas zu Kurz. Diese Geschichte liest sich nicht so schnell dafür muss man sich immer wieder in neue Dinge hineinversetzen, die einem Vordern. Vielleicht auch da an vielen Stellen der Geschichtliche Stoff sehr trocken herüber kommt. Auch wenn er es mit Witz und Humor stellenweise das ganze Auflockerte. Ein Buch für alle die sich für Kriegsführung und Schlachten Interessieren. Der Sprachstil ist gut und flüssig. Seine Protagonisten kommen real und Bildhaft herüber. Zugleich bekam man am Anfang einen kleinen Einblick vom großen Festungsbaumeister Vauban , was ich schade fand , Vauban hätte mehr Raum einnehmen können. Schön hat er die Rückblicke des Alten Zuviria mit dem Jungen verwebt.
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