Das Rad der Welt
- Rowohlt
- Erschienen: Mai 2026
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Wie die wohl erste bekannte Karte der Welt entstand.
Lüneburg um 1310. Die junge Agnes ist die Tochter von Otto, dem Herzog von Lüneburg, einem strengen Vater, der sie nicht vor die Tür lässt. Das ist für sie umso schmerzhafter, als dass sie sich mehr für die Natur und die Geografie interessiert als für das Sticken und Weben, für das ihre Eltern sie vorgesehen haben. Als sie für Agnes einen Bräutigam ausgesucht haben, den sie weder kennt noch mag, weiß sie instinktiv, dass sie diesen nicht heiraten will. Bei einem ihrer seltenen Ausflüge nach Lüneburg lernt sie den jungen Krämer und Abenteurer Liudger kennen, der schon überall dort gewesen ist, wo sie noch hin will, und auch sie scheint ihm nicht ganz unangenehm zu sein.
Als die beiden jedoch zusammen zu fliehen versuchen, misslingt die Flucht und Agnes wird ins Kloster Ebstorf geschickt, das Schlimmste was ihr überhaupt passieren kann. Dort jedoch entdeckt sie eine Bibliothek mit vielen Büchern und Karten, die ihr die Welt zeigen. Und sie führt weiter, was sie schon auf der heimischen Burg heimlich begonnen hat: Eine Karte der Welt zu zeichnen, mit Afrika, Asien und Europa, die alles in der Zeit Wissenswerte vereint, eine Mappa Mundi.
Mit dieser fertigen Karte will sie dann mit Liudger fliehen, der sie in dem Kloster gefunden hat und mit dem sie heimlich Kontakt hat. Doch sie brauchen Geld für ihre Flucht und ihr Leben nach dem Kloster. Während Liudger versucht, das Geld aufzutreiben, arbeitet Agnes weiter an der Karte, zunächst allein und heimlich, später mit mehr Unterstützung. Die Karte hat inzwischen einen größeren Umfang bekommen als geplant, sie umspannt mehrere Meter und wird mit Bildern und Zeichnungen und Begleittexten versehen. Und so nimmt eine riesige Mappa Mundi Gestalt an, eine runde Scheibe, umarmt von Jesus, ein Rad der Welt. Und ihre Flucht rückt in weite Ferne…
Gelungene Geschichtsstunde
Hendrik Lambertus hat sich intensiv mit der Ebstorfer Weltkarte und deren Geschichte beschäftigt, deren Original leider im Jahr 1943 verbrannt ist. Jedoch gibt es vier Reproduktionen, die zuvor angefertigt wurden, die man studieren kann. Die Entstehung dieser ca. 3,5 x 3,5 m großen Karte ist unbekannt, aber Lambertus hat eine Geschichte entwickelt, wie diese Entstehung gewesen sein könnte, und diese ist tatsächlich schlüssig und spannend.
Protagonistin der Geschichte ist Agnes, die Tochter des Herzogs von Lüneburg, die sich schon immer für „Welt da draußen“ interessiert, auch, weil diese ihr von ihrem Vater verwehrt wird. Sie saugt alles an Informationen auf und fasst so den Plan, eine Karte der Welt zu erstellen, die alles zeigt, von Jerusalem und Konstantinopel bis Lüneburg.
Eine Idee wird Wirklichkeit
Da kommt ihr Liudger gerade recht der zwar wohl ein Aufschneider ist, damit aber genau bei ihr landen kann, denn er ist scheinbar dort gewesen, wo sie schon immer hinwollte. Sie verliebt sich in ihn und plant mit ihm, die Flucht aus Lüneburg, doch hat sie die Informationen, die sie von ihm bekommen hat, bereits in ihre Karte eingearbeitet, die wohl etwas umfangreicher wird als gedacht. Bei ihrer vermeintlichen Flucht werden sie entdeckt und Agnes wird in das Kloster Ebstorf gesteckt. Hier schafft sie es nach einigen Anlaufschwierigkeiten, in der Bibliothek mitzuarbeiten und dort ungeahnte Quellen für ihre Karten zu finden. Die Karte wird noch größer als gedacht, und sie erkennt, dass sie es allein nie schaffen wird, die Karte zu beenden.
Lambertus hat sich mit seiner Geschichte an die aktuelle Forschung gehalten, die vermuten lässt, dass Frauen die Karte erstellt haben, da sie in einem Frauenkloster gefunden wurde. Zudem ist Ebstorf deutlich gemalt und so für die Zeichner der Karte von Bedeutung, die Jerusalem als Zentrum hat. Dem Autor gelingt es, die Entstehung der Karte logisch mit einer Geschichte zu verknüpfen, die tatsächlich so hätte passieren können.
Kleine Geschichten werden zusammengewebt
Hauptpersonen sind neben Agnes und Liudger natürlich die Nonnen des Klosters, und mit der Zeit erfährt man, wie Agnes, auch mehr über die Nonnen und ihre Geheimnisse, die vieles erklären, wie sich manche Dinge und Hierarchien im Kloster fügen. Hinzu kommt der geheimnisvolle Bertram, ein Gärtner außerhalb des Klosters, der gar nicht in das Gefüge des Klosters passen will, und nach und nach erzählt er Agnes seine Geschichte.
All dies wird von Hendrik Lambertus geschickt miteinander verwoben. Wie die Weltkarte setzt er seine eigenen kleinen Geschichten von Agnes, den Nonnen, Liudger, Bertram und Agnes‘ Familie zu einer großen Geschichte zusammen und überzeugt vor allem sprachlich. Der Roman ist flüssig zu lesen; Fragen beantwortet ein 17 (!) -seitiges Glossar im Anhang des Romans. Ein siebenseitiges Nachwort und eine Bibliografie ergänzen das gut 620 Seiten starke Buch aus dem Rowohlt Verlag, das als Taschenbuch erschienen ist. Einziger Wermutstropfen ist, dass die Karte nirgendwo abgedruckt ist und daher Leser, die von der Karte nie zuvor gehört haben, ein wenig im Dunkeln tappen lässt. Einige wenige Ausschnitte sind blass zu Beginn der drei Erzählteile abgedruckt und vermitteln leider keinen repräsentativen Eindruck der Mappa Mundi. Wer sich für das Endergebnis interessiert, muss sich außerhalb des Romans informieren, wird hier aber leicht und informativ fündig werden.
Fazit
„Das Rad der Welt“ existiert wirklich und der gleichnamige Roman aus der Feder von Hendrik Lambertus erzählt die mögliche Entstehungsgeschichte dieser ersten Weltkarte der Geschichte. Eine stimmige Geschichte, die in das Norddeutschland des beginnenden 14. Jahrhunderts entführt und dem Leser viel über die Zeit und die Denkweise in dieser Zeit zu erzählen weiß. Eine gelungene Geschichtsstunde, die nachwirkt und den Leser über die Lektüre hinaus aktiv werden lässt.

Hendrik Lambertus, Rowohlt

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