In Zeiten des blauen Lichts
- Rütten und Loening
- Erschienen: April 2026
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Starke Charaktere verleihen der Tragik Würde.
Auf den ersten Blick haben die beiden Handlungsstränge nur wenige Gemeinsamkeiten. Dreihundert Jahre liegen dazwischen. Ein zweiter Blick zeigt jedoch, dass sich einzelne Orte und Begebenheiten miteinander verbinden und dass sich das Frauenbild im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert hat.
Einfach irgendwie Überleben
Paris, Saint-Marcel, 1664: Alouette versteht einfach nicht, weshalb sie nicht wie ihr Vater an der Entwicklung von Farbrezepturen mitwirken darf. Diese Arbeit ist jedoch nur den Färbermeistern vorbehalten. Für die junge, eigenwillige Frau ist das ein rotes Tuch. Ein Rot, wie es ihr Vater gerne herstellen würde. Im Geheimen tüftelt er an der perfekten Farbe. Doch er hat Neider und die Zunft schätzt weder Eigeninitiative noch Selbstständigkeit. Der Färbermeister wird verhaftet und als Alouette sich für ihren Vater einsetzt, wird auch sie in Gewahrsam genommen. Weil sie eine Frau ist, wird ihr Engagement als Hysterie und psychisches Leiden eingestuft. Sie wird in die berüchtigte psychiatrische Anstalt Salpêtrière überwiesen. Dort schließt sie überlebenswichtige Freundschaften mit starken und mutigen Frauen.
«Die Männer betrachten Willensstärke als Unverschämtheit, Leidenschaft und Überzeugung als Unvernunft.»
Fast dreihundert Jahre später arbeitet der junge niederländische Assistenzarzt Kristof Larsen in der Salpêtrière-Anstalt. Seinen Patienten begegnet er mit viel Geduld und Zuversicht. Er findet es wichtig, dass sich die Kranken selbstbestimmt in die Behandlungen einbringen können. Allerdings stören ihn die Behandlungsmethoden seines Vorgesetzten. Mit seinem Freund Alesander, einem Architekturstudenten, entdeckt er den Untergrund von Paris. Sie erkunden längst vergessene unterirdische Steinbrüche, Gänge und Tunnels. Als die Nazis Paris besetzen und die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung immer drastischere Formen annimmt, erweist sich das Wissen über die unterirdischen Gänge als unschätzbar wertvoll.
„Früher dachte ich, dass Überleben ausreicht“, […]“Das mag einmal so gewesen sein. Aber es fühlt sich an, als wäre es eine Million Jahre her.“ […] „Ich weiß nicht. Vielleicht hat es auch nie gestimmt.“
Zwei Geschichten
Es ist, als würde man zwei Geschichten parallel lesen. Jede Zeitachse ist für sich genommen faszinierend und einnehmend. Paula McLain erzählt raffiniert und wechselt immer wieder zwischen den Jahrhunderten. Erst nach und nach erkennt man die feinen Hinweise und Spuren, die die beiden Schicksale miteinander verbinden. Etwa wenn Kristof und Alesander dem ehemaligen Färberfluss im Untergrund folgen. Dazwischen liegen spannungsreiche und interessante Passagen. Beispielsweise Alouettes Alltag in der Anstalt oder Kristofs Weg zum Fluchthelfer. Auch anderen Themen wird Raum gegeben. Dann, wenn die Autorin die Frauen und ihren gesellschaftlichen Wert in Szene setzt. Besonders eindrücklich und bewegend sind die Beschreibungen von Menschen, die Widerstand leisten. Sie, die sich jeden Tag aufs Neue gegen das Unweigerliche stemmen und große Verluste erleiden. McLain hat Figuren geschaffen, die durch ihr Rückgrat und ihr Handeln großen Respekt verdienen. Die Autorin vergisst jedoch nicht, die Erzählung mit vielen kleinen und kleinsten positiven Details und schönen Augenblicken zu ergänzen. Auf diese Weise verleiht sie der Tragik Würde.
Auch wenn das Ende als nicht abgeschlossen erscheint, ist der Roman ein Lesevergnügen.
Fazit
Diese unterhaltsame Lektüre ist geprägt von etlichen historischen Details aus der Welt der Färber, sowie den unterirdischen Pfaden von Paris. Es sind faszinierende Einzelheiten, die durch die unterschiedlichen zeitlichen Rahmen und gesellschaftlichen Blickwinkel Unbekanntes und Wissenswertes vermitteln. Obwohl die interessante Doppelgeschichte nur sehr subtile Verbindungen aufweist, punktet sie mit ihren Charakteren.

Paula McLain, Rütten und Loening

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