Die letzte Stunde

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Heyne, 2017, Titel: 'The Last Hours', Originalausgabe

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Sabine Bongenberg
Vorhang zu und alle Fragen offen

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mär 2018

Im Jahr 1348 sucht eine bisher nicht gekannte Seuche das Königreich England heim und fordert einen bisher - und vermutlich bis heute - unerreichten Todeszoll. Die Krankheit zeichnet sich durch Geschwüre und schwarze Beulen an den Achselhöhlen und an den Leisten aus, wer sich infiziert erleidet bis zu seinem sicheren Tod schreckliche Schmerzen. Manche Menschen gehen gesund zu Bett und wachen nie mehr auf. Das aber sind die Glücklichen. Es ist der erste Auftritt des "Schwarzen Todes" oder der Pest, die von China ausgehend über die Handelswege nach Europa gelangt und allein in England ganze Landstriche entvölkern wird.

In diesem Szenario siedelt die bisher als Krimi-Autorin bekannte Minette Walters ihren nach mehr als zehnjähriger Schriftstellerabstinenz verfassten Roman Die letzte Stunde an. Die Handlung beginnt in der kleinen Ortschaft Develish, wo der Gutsherr Sir Richard Reisevorbereitungen trifft, um die standesgemäße Hochzeit seiner Tochter Eleanor mit einem benachbarten Gutsherrensohn abzustimmen. Bereits hier erfährt der Leser, dass Richard offensichtlich den typischen Despoten charakterisiert, wogegen seine 14jährige Tochter Eleanor klassisch nur als kleine, verwöhnte und arrogante Vertreterin einer Amphibienart dargestellt wird, die der Volksmund gemeinhin als "kleine Mistkröte" bezeichnet. Freundlich und sympathisch ist einzig die gebildete Ehefrau Anne, die den Ausbrüchen ihrer Tochter mit einer Geduld entgegentritt, die einer Heiligen zur Ehre gereichen könnten.

Erste Anzeichen der drohenden Katastrophe

Die Handlung verfolgt in den ersten Kapiteln Richards Reise. Hier treten die ersten Begleitumstände der Seuche in Erscheinung: Die Todesrate innerhalb der Bevölkerung steigt dramatisch, Begräbnisse erfolgen in Massengräbern, irgendwann trifft die Krankheit nicht mehr nur die Armen, sondern der Tod fordert auch unter den Reichen und Mächtigen seinen Tribut. Dennoch erkennen die Machthaber die Gefahr in ihrer arroganten und selbstherrlichen Art erst als es zu spät ist. Lediglich einzelne Vertreter des einfachen Volkes, die sich ihre eigene Art von Bildung erarbeitet haben, warnen vor dem für sie klar erkennbaren Unheil. Natürlich werden sie aber nicht gehört.

Walters lässt dennoch einen Vertreter des Adels die Führung in dieser Tragödie übernehmen. Überraschend ist aber, dass sie für diese Rolle eine Frau - nämlich die alsbald verwitwete - Lady Anne wählt. Auch wenn sie sich durch eine fundierte Bildung und durch Kenntnisse in Fachgebieten der Medizin und Hygiene auskennt, dürfte in der damaligen Zeit allein das Vorkommen zweier X-Chromosomen genügt haben, um eine gebildete Frau vor einem tumben Mann zum Verstummen zu bringen. Diesem Umstand zum Trotz ist sie es, die die Initiative ergreift um ihre Familie und Untergebenen vor der hereinströmenden Katastrophe zu bewahren. Lady Anne versammelt ihre Familie und ihre Untergebenen in ihrer kleinen "Wagenburg", verbrennt im wahrsten Sinne des Wortes die Brücken hinter sich und stemmt sich dem dunklen Schicksal entgegen.

Heilige und Hurenböcke

Minette Walters charakterisiert ihre Helden in einer mehr als einfachen Schwarz-weiß-Malerei. Die Heldin des Buches - Lady Anne - verwaltet ihr kleines Konklave mit den Fähigkeiten einer erfahrenen und weisen Königin und der Geduld und Weitsicht einer Heiligen. Nicht nur, dass sie bereits vor der Katastrophe die sanitären Einrichtungen in ihrem Gut verbesserte, einem Großteil der Dienerschaft Lesen und Schreiben beibrachte und sogar die Familienplanung etablierte, nein sie installiert auch Wettkämpfe analog zu olympischen Spielen um die Langeweile der Eingeschlossenen zu lindern. Bedenkt man, dass eine Frau in der damaligen Zeit weder Macht noch Einfluss hatte, das Lesen und Schreiben lange Zeit das Privileg der Priester war, ein Zusammenhang zwischen Sauberkeit und Infektion nicht gesehen wurde und überhaupt die Kluft zwischen Arm und Reich eine sehr tiefe war, muss dieses Konstrukt schon mehr als erstaunen. Lady Anne werden Eigenschaften zugeschrieben, die die Fähigkeiten einer immerhin einfachen Gutsherrin weit übersteigen dürften und somit schon einen Anachronismus bilden, entspricht ihre Art und Auftreten doch eher einer Person des 20. Jahrhunderts.

Im Kontrast zu ihr werden die übrigen Machthaber als üble, triebgesteuerte und vor allem dumme Individuen dargestellt. Ein klassischer Vertreter dieses Personenkreises stellt Annes Mann Richard dar. Neben seinen diversen unangenehmen Eigenschaften und seiner Alkoholabhängigkeit wird Minette Walters nicht müde, von seiner größten Untat - der Vergewaltigung eines Kindes - immer und immer wieder zu berichten, als würde sie fürchten, dass dem Leser die Schrecklichkeit dieses Verbrechens bei der ersten, zweiten, dritten und vierten Erwähnung entgangen ist. Ähnlich grausam und durchtrieben wird auch die Tochter Eleanor beschrieben, wobei der Leser sich bei ihrer Person immer wieder fragt, aus welchem Grund es ihrer Mutter offensichtlich gelang, die Leibeigenen zu mündigen Bürgern zu erziehen, sie bei ihrer eigenen Tochter aber schrecklich versagte.

Alle Macht dem Proletariat

Die weiteren Helden des Buches werden aus dem Kreis der einfachen Leute bzw. der Leibeigenen rekrutiert. Als wichtigste Person tritt dabei der Leibeigene Thaddeus in Erscheinung. Er trägt die klassischen körperlichen Attribute eines gut gewachsenen, breitschultrigen, dunkel- und langhaarigen Helden, dessen Herkunft aber dadurch getrübt ist, dass er offensichtlich die Frucht einer außerehelichen Affäre seiner Mutter war. Als Leibeigener aufgewachsen - aber von Lady Anne gefördert hat Thaddeus im Laufe der Geschichte keinerlei Schwierigkeiten, die Führerrolle zu übernehmen oder sich teilweise sogar wie ein Machthaber zu gebärden. Offensichtlich vertritt die Autorin hier die Einschätzung, dass jeder alles leisten kann, wenn er sich nur bemüht. Ob ein ständig misshandelter und zurückgewiesener Mensch aus einfachsten Verhältnissen eine derartige Rolle übernehmen kann, soll der Leser für sich entscheiden. Überhaupt muss 1348 eine sehr fortschrittliche Zeit gewesen sein, denn im Zweifel können selbst die Bauern und Leibeigenen schwimmen oder reiten und haben selbst im Hinblick auf rudimentäre rechtliche Begriffe einen recht guten Einblick.

Dennoch weist Walters Roman auch starke und lesenswerte Seiten auf. So sind die ersten Einschnitte und Beobachtungen über die Seuche spannend und fesselnd erzählt. Interessant zu lesen sind auch die Probleme, vor die sich die damaligen Menschen gestellt sahen, mussten sie ihren keinen gewohnten Lebenskreis verlassen und ohne Karte, ohne Kenntnisse - und vor allem ohne Google-Maps - in eine unbekannte und feindliche Außenwelt ausziehen. Gut geschildert sind auch die Überlegungen der Gesundgebliebenen, die über den Ursprung der Krankheit und die Möglichkeiten grübeln, sie einzudämmen. Fraglich bleibt allerdings auch hier gelegentlich, ob ihnen die Autorin nicht auch hier wiederum zu viele Einsichten zutraut. Wem immer und immer wieder gepredigt wurde, dass Krankheiten ein von Gott gesandtes Übel sind, kann der sich tatsächlich mit den Überlegungen im Hinblick auf Hygiene auseinandersetzen?

Insgesamt entsteht der Eindruck, dass Minette Walters hier ein Utopia geschaffen hat, das bei allen Stärken einer abschnittsweise gut und in vielen Teilen zu langatmig erzählten Geschichte, eine Welt installiert, die eher der einer einfachen Gemeinschaft der Neuzeit entspricht. Oder zumindest einer Neuzeit, bevor das Handy und die "sozialen" Medien die Bühne betraten. Unbefriedigend ist auch, dass der Klappentext des Buches suggeriert, dass die vormalige Krimi-Autorin ihrem alten Metier nur auf einer neuen Bühne treu geblieben ist. So verleitet diese Beschreibung, dass innerhalb der geschlossenen Gemeinschaft der Nichterkrankten ein Mord begangen wurde und die "Gemeinschaft endgültig zu zerreißen droht" zu dem Eindruck, dass dieser Punkt offensichtlich ein sehr wichtiges Element der Geschichte darstellt. Der Leser erwartet einen Mord in einem "Closed-Room-Szenario", muss aber mehr als überrascht feststellen, dass sich dieser Handlungsstrang nur auf einen unwesentlichen - und im übrigen recht schnell aufgeklärten - Bestandteil der Geschichte bezieht. Dennoch lässt sich dieser Kritikpunkt noch damit entschuldigen, dass diese Erwartungshaltung eben auf der persönlichen Einstellung des Lesers beruht.

Unentschuldbar ist aber der Umstand, dass der Roman offensichtlich als Fortsetzungsroman angelegt wurde, ohne dass sich irgendwo ein Hinweis findet. Der Leser, der sich nach der langen Lektüre langsam dem Ende des Buches nähert und sich immer verwunderter fragt, wie die Autorin alle offenen Fragen auf dem bisschen Papier noch klären will, sieht sich unvermittelt vor dem Satz "Fortsetzung folgt..." und kann damit auf den nächsten Band warten und noch einmal tief in die Tasche greifen, so er denn erfahren will, welchen Ausgang die Geschichte nimmt. Natürlich ist es nicht unüblich, komplexe Handlungen über einen längeren Zeitraum in mehreren Bänden festzuhalten, dennoch teilt der Verlag üblicherweise dies seinen Lesern mit, da es sicherlich auch die Kaufentscheidung berührt, ob die Auflösung eines Buches erst nach Lektüre eines weiteren Buches in Bibelstärke und den damit verbundenen Wartezeiten erfolgt. Erfolgt dieses nicht, kann sich der Leser mit Fug und Recht ärgern und dieses Verhalten gerne als die Frechheit bezeichnen, die es ja dann auch tatsächlich ist.

Die letzte Stunde

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Letzte Kommentare:
23.08.2018 18:01:13
Peter Epp

Der Rezension Sabine Bongenbergs und insbes. ihrer Kritik an Walters' Gestaltung der Lady Anne möchte ich entgegnen, dass es vermutlich schon immer und zum Glück Menschen gab, die ihren eigenen Kopf zu gebrauchen wussten und sich nicht auf die vorgestanzten Dogmen des Klerus und Vorgaben der Obrigkeit verlassen haben, und es sind eben solche Charaktere, die einen Roman interessant und lesenswert machen. Die Geschichte der Herdentiere, die ohne Aussicht auf einen Wechsel einem durch wen auch immer autorisierten Führer hinterher traben, will kein Mensch lesen. Der eine oder andere Anachronismus ist zwar auch mir nicht entgangen, aber es ist zu bedenken, dass es sich um eine fiktionale Erzählung handelt und nicht um eine historische Dokumentation.
Richtig ist allerdings, dass es ärgerlich ist, die unvollendete Handlung mit den Worten "Fortsetzung folgt" abzubrechen und den Leser im Unklaren darüber zu lassen, ob tatsächlich noch mit einem Erzählfortgang zu rechnen ist oder nicht.

19.08.2018 18:37:58
Bernhard

Zu Beginn erfrischend locker erzählt und angenehm zu lesen. Der Spannungsbogen wächst und dann verliert die Autorin irgendwie den Faden. Kleine Geschichten reihen sich aneinander, wiederholen sich in den Aussagen und immer wenn es spannend zu werden scheint, endet die Handlung abrupt. Die Handlung und die Ereignisse werden bald vorhersehbar. Bis auf den Schluss! Mitten im Handlungsstrang und ohne jede Vorwarnung als Schlusssatz - “Fortsetzung folgt” ist unverschämt von der Autorin und vom Verlag. Diese Fortsetzung werde ich mir sicher ersparen.

05.08.2018 16:20:05
Hannelore Heuer

Ich kann der Rezension von Sabine Bongenberg nur voll zustimmen. Vor allem das Ende des Buches habe ich tatsächlich als Frechheit empfunden, da man einen so langen Roman nicht so lapidar mit "Fortsetzung folgt" beenden kann. Da fühlt sich der Leser doch über den Tisch gezogen. Es bleibt ein unangenehmer Nachgeschmack. Für mich ist klar, dass ich zukünftig keine Minette Walters-Bücher mehr kaufe, auch wenn mir ihre Krimis gefallen haben. Solche Enttäuschungen werde ich mir zukünftig ersparen.