Die Orient-Mission des Leutnant Stern

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • , 2018, Titel: 'Die Orient-Mission des Leutnant Stern', Originalausgabe

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Alexandra Hopf
Faszinierende wahre Geschichte mit gewisser Komik

Buch-Rezension von Alexandra Hopf Feb 2018

Eben noch befand sich Edgar Stern im Jahr 1914 in einem belgischen Badeort im Urlaub, als ihn die Nachricht erreicht, dass es Krieg geben wird. Und ehe er sich recht besinnen kann, befindet er sich als Offizier am rechten Rheinufer um dort das Durchbrechen der Franzosen zu verhindern. Diese ihrerseits "rekrutieren" in ihren Kolonien neue Krieger, indem sie es jeder dort lebenden Familie zur Auflage machen, zwei Männer für den Kampf zur Verfügung zu stellen. So gelangt der junge Tassaout vom Volk der Aik Attik mit vielen anderen nach Marseille, wo sie in der Kaserne in die Grundlage des Kampfes eingewiesen werden. Doch an der Front unterliegt Tassaouts Gruppe den "Boches", wie die Deutschen genannt werden. Er gelangt mit seinem Freund Aderfit in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Edgar Stern hat währenddessen einen tollkühnen Plan entwickelt und findet im Kriegsministerium in Berlin damit tatsächlich Gehör. Stern beabsichtigt mit einer Gruppe, die als Beduinen getarnt sind, nach Ägypten zu gehen. Doch anstatt Handelsware werden die Kamele Sprengstoff transportieren. Damit will er den Suezkanal, die wichtige Aorta der Kolonien, sprengen. Für England ergibt sich daraus ein gewaltiges Problem, wenn sie die Kolonien nicht mehr auf direktem Weg erreichen können. Stern geht davon aus, dass England dadurch dann andere Prioritäten hat als Krieg mit Deutschland zu führen. Doch während der Vorbereitung stößt Stern oft an die starrsinnigen Grenzen und Vorschriften der zuständigen Beamten und als er fast am Ziel und kurz vor der Abreise steht, scheitert der Plan, weil die Türken die Dardanellendurchfahrt gesperrt haben.

 

"Kriegsentscheidender Plan erstickt von preußischer Militärbürokratie"

 

Doch für Stern hat man sofort andere Pläne. Er soll zusammen mit dem Legationssekretär Emil Schabinger eine tollkühne Expedition wagen. Sie sollen zum türkischen Sultan fahren, der dem Deutschen Reich und seinem Kaiser Wilhelm II. freundschaftlich gesinnt ist. Dieser Sultan wird in nächster Zeit die Muslime zum Heiligen Krieg aufrufen. Um auszudrücken, wie gewogen das deutsche Volk den Muslimen ist, werden Stern und Schabinger, der Arabisch studiert hat und diese Sprache auch spricht, eine Delegation muslimischer Kriegsgefangener zur Proklamation des Djehad  zum Sultan bringen. Die vierzehn Auserwählten, zu denen später auch Tassaout und Aderfit zählen werden, sollen dem Sultan zujubeln und ihm von der großherzigen Freundschaft der Deutschen berichten, um so die Gunst des Sultans gegenüber dem deutschen Volk zu festigen. Man will erreichen, dass sich alle Mohammedaner, die in den Kolonien sitzen, erheben und gegen die dort herrschenden Engländer und Franzosen kämpfen. Sollte das gelingen, wäre der Krieg schnell entschieden.

Nachdem Stern mit der neuen Aufgabe betraut wurde, die möglichst unauffällige Reise zu planen, sieht er sich schon wieder mit preußischer Engstirnigkeit konfrontiert. Doch er hat eine tollkühne Idee. Die Reisegruppe schlüpft in die Maskerade eines Wanderzirkus. Wird es ihm gelingen, die Gruppe ohne Zwischenfälle nach Konstantinopel zu bringen?

Wahre Begebenheit detailgetreu erzählt

Mit diesem Roman wagt sich der Autor an die Figur des Edgar Stern und liefert seinen erstes historisches Werk ab. Stern lebte von 1883- 1972 und ist eine durchaus interessante, wenn auch eher unbekannte Person in der deutschen Geschichte. In Wahrheit war es aber der Orientalist Max von Oppenheim, der diesen gewagten Plan zum Djehad entwickelte.

Mit viel Witz und Humor erzählt uns der Autor diese Geschichte, vor allem die sture Geradlinigkeit der Preußen, wenn es um die Einhaltung bestimmter Richtlinien geht, lässt den Leser öfter schmunzeln. Die Kapitel sind kurz und übersichtlich gehalten. Allerdings wechselt mit den Kapiteln auch immer die Erzählperspektive. Der Leser muss achtgeben nicht den Faden zu verlieren, aber über jedem Kapitel befindet sich auch der Name der Person aus deren Sicht im Folgenden berichtet wird.

Da wäre zum einen natürlich die Hauptperson Edgar Stern. Der junge Mann weckt viele Sympathien beim Leser und sein Hang zu einer gewissen Tollkühnheit, die fast an Verrücktheit grenzt, bringt ihm weitere Pluspunkte ein. Sein Kollege bei der Mission, Legionatsekretär Schabinger, mit Titel ein Freiherr, zeigt eine gewisse Arroganz aufgrund seiner adligen Abstammung. Man merkt, dass er sich deshalb für etwas Besseres hält und das trägt nicht unbedingt zu seiner Beliebtheit beim Leser bei.

Den absoluten Gegenpol bei den Protagonisten bildet der Marrokkaner Tassaout. Absolut naiv und weltfremd marschiert er in den Krieg, ohne Vorstellung, was das alles zu bedeuten hat. Sein Horizont war bis zu seiner Abkommandierung nur die Natur, Freiheit und sein Volk gewesen. Sein Glück ist, dass er sich mit dem etwas gewiefteren Berber Aderfit anfreundet, der ihn unter seine Fittiche nimmt und dessen Sprachbegabung für andere Sprachen den beiden sehr hilfreich ist.

Djehad auch aktuell ein brandheisses Thema

Jakob Hein landet natürlich mit dem Thema des heiligen Krieges in der heutigen Zeit einen Volltreffer. Da der muslimische Glaube momentan wieder ein sehr beliebtes Thema ist, zieht es sicher so manchen Leser zu diesem Werk. Doch obwohl das Buch mit nur 240 Seiten dazu verleitet, es für eine kleine Zwischenlektüre zu halten, enthält es auf den relativ wenigen Seiten doch geballte geschichtliche Information. Um alles perfekt zu verstehen, setzt es doch beachtliche Kenntnisse und Wissen zum Thema des Ersten Weltkrieges voraus. Und sicher wird beim einen oder anderen Leser die Neugier geweckt und er wird zu bestimmten Begebenheiten nochmal nachforschen. Am Ende des Buches befindet sich ein Nachtrag. Hier kann der interessierte Leser jeweils kurze informative Absätze zu bestimmten Begebenheiten und Personen nachschlagen

Obwohl der historische Stoff recht anspruchsvoll ist, lässt sich das Buch aber doch durch die witzigen Auflockerungen relativ flüssig lesen und man hat nicht das Gefühl, sich durch ein staubtrockenes Geschichtswerk zu kämpfen. Auch wenn in den Dialogen eher heute nicht mehr zeitgemäße Ausdrücke verwendet werden, wie zum Beispiel "das kenne ich fürwahr".

Dem Coverbild hat der Galiani Verlag durch den sepiastichigen Frontdruck den entsprechend passenden Touch verliehen.

Die Orient-Mission des Leutnant Stern

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