Die letzte Borgia

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Insel, 2017, Titel: 'In the Name of the Family', Originalausgabe

Couch-Wertung:

92
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Annette Gloser
Liebe, Kunst und Laster

Buch-Rezension von Annette Gloser Jan 2018

Im Jahr 1502 wird Lucrezia Borgia zum dritten Mal verheiratet, diesmal mit Alfonso dEste, dem zukünftigen Herzog von Ferrara. Bereits zweimal hat Lucrezias Vater Papst Alexander VI. seine Tochter zugunsten einer ausgeklügelten Machtpolitik verschachert. Seine übergroße Liebe zu ihr hindert ihn daran, sie einzusetzen wie eine Schachfigur. In Ferrara empfängt man Lucrezia mit gemischten Gefühlen, gehen doch viele bösartige Gerüchte über sie um. Skrupellos soll sie sein, Sex mit dem eigenen Vater soll sie gehabt haben, oder mit dem Bruder, oder mit beiden, ist doch egal. Niemand kann sich sicher fühlen vor so einer Schlange! Aber die gewaltige Mitgift, mit der der Papst seine Tochter ausgestattet hat, versüßt dem noch regierenden Herzog Ercole die nicht standesgemäße Schwiegertochter. Dennoch vertraut ihr niemand, arbeiten ihr Vater und ihr Bruder Cesare doch weiter daran, ein Fürstentum Italiens nach dem anderen zu unterwerfen und dem zukünftigen Borgia-Staat einzuverleiben. Nichts scheint Cesare aufhalten zu können, nicht einmal die geheimnisvolle Krankheit, an der er leidet.

Lucrezia weiß, dass sie am Hof von Ferrara keinen sicheren Stand hat. Doch mit ihrem Charme, ihrem Interesse für Kultur und Kunst, nicht zuletzt auch durch ihre offene, freundliche Art gewinnt sie Verbündete, zieht Menschen auf ihre Seite. Und sogar ihr Ehemann beginnt, sich für sie zu interessieren. Aber dann wendet sich das Glück von den Borgias ab und es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, wann Lucrezia in Ferrara unerwünscht sein und vom Hofe verbannt werden wird.

Porträt einer Familie

Sarah Dunant hat mit Die letzte Borgia eine Fortsetzung zu Der Palast der Borgia geschrieben. Sie verfolgt die Geschichte der Familie bis zum bitteren Ende, den Focus zwar auf Lucrezia gerichtet, aber ohne dabei Alexander VI. und Cesare außer Acht zu lassen. Dabei zeigt sich die Autorin ein weiteres Mal als Meisterin der Feder wenn es darum geht, Stimmungen einzufangen, Situationen zu beschreiben und Protagonisten zu charakterisieren. So scheint man fast die knisternde Spannung zu spüren, als Alfonso Lucrezia zum ersten Mal gegenüber steht. Dabei hat sich die Autorin auch intensiv mit dem Persönlichkeitsbild ihrer historisch belegten Protagonisten auseinander gesetzt und hat nicht jedes plakative Urteil mit übernommen. Vielmehr ist Sarah Dunant hier mit viel Fingerspitzengefühl zu Werke gegangen, hat komplexe Charaktere entworfen und mit Leben erfüllt. Bis in die Nebenrollen hinein hat die Autorin hier mit viel Liebe zum Detail und mit lebensklugem Blick auf die Rollen der einzelnen Personen hier glaubhafte, authentisch wirkende Protagonisten erschaffen. Gerade bei Cesare und Lucrezia sind regelrechte literarische Porträts entstanden.

Der Roman wechselt immer wieder die Schauplätze, die Handlung spielt sowohl in Ferrara als auch in Rom, in den verschiedenen Quartieren Cesare Borgias und auch in Florenz, denn der Schriftsteller und Philosoph Niccolò Macchiavelli taucht in verschiedenen Szenen auf, begleitet den Aufstieg und den Untergang der Borgias mit seinen Analysen und Kommentaren.

Eine Frau inmitten von Politik

Schon seit geraumer Zeit gilt Lucrezia Borgia nicht mehr als das Sinnbild von Lasterhaftigkeit und Verdorbenheit. Moderne Geschichtsforscher haben es geschafft, den jahrhundertelangen Rufmord an dieser Frau zumindest teilweise zu korrigieren. Sarah Dunant stellt ihre Lucrezia mitten hinein in politisches Ränkespiel und dramatische Familienbeziehungen, zeigt sie als Ehefrau, als Schwester eines geradezu eifersüchtigen Bruders, als Mäzenin der Künste und ebenso als starke Kämpferin, wenn es um ihre Stellung und ihren Einfluss bei Hofe geht. Oft sind es kleine, feine Situationen, in denen sich Lucrezia bewähren und ihre Stellung wahren muss. Als Leser bekommt man einen tiefen Einblick in die Intrigen des italienischen Adels ebenso wie in die große Politik. Hier geht es um eine Zeit, in der Italien zerrissen und Spielball verschiedener Mächte war. Frankreich wollte ein großes Stück vom Kuchen, Spanien ebenso, Städterepubliken und Herzogtümer versuchten, mit dem Rücken an die Wand zu kommen, und mittendrin träumten Alexander VI. und sein Sohn von einem Borgia-Staat. Grundsätzlich geht die Autorin davon aus, dass ihre Leser zumindest in groben Zügen die Geschichte Italiens kennen. Es gibt keine umfassenden Erläuterungen dazu. Aber man erfährt beim Lesen sehr viel über die Politik dieser Zeit. Sarah Dunant hat ihre Hausaufgaben gemacht und kann ihr Wissen mit leichter Hand an ihre Leser weitergeben.

Ein opulentes Historienbild

Die Letzte Borgia ist spannend und auch unterhaltsam geschrieben. Ein hervorragend recherchierter Roman, mit dem man sich gut für einige Stunden aus der Realität zurückziehen und eine Reise in die Welt der Renaissance antreten kann. Das Nachwort der Autorin und eine Zeitleiste zu Aufstieg und Fall der Borgias runden das Ganze ab. Viele interessante Details ergeben in den Schilderungen Sarah Dunants ein farbenprächtiges, opulentes Historienbild, das den Leser dazu einlädt, in diese Welt einzutauchen, sich in ihr zu bewegen und spannenden Menschen zu begegnen. Es sind wohl die besten Romane, die beim Lesen in unseren Köpfen einen solchen Film ablaufen lassen. Die letzte Borgia gehört zu diesen Romanen.

Die letzte Borgia

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