Die Spionin

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Diogenes, 2016, Titel: 'A Espiã', Originalausgabe

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Bettina Weiß
Raffinierte Doppelagentin oder emanzipierte Frau?

Buch-Rezension von Bettina Weiß Nov 2017

Oktober 1917. In dem Pariser Gefängnis Saint-Lazare hofft Mata Hari auf ihre Begnadigung von höchster Stelle trotz Verurteilung als Doppelagentin. Sie schreibt einen letzten Brief an ihre Tochter, um dieser von ihrem Leben und Streben zu erzählen. Mata Hari wird als Margaretha Zelle in Leeuwarden in den Niederlanden geboren. Mit dem Tod der Mutter endet die umsorgte Kindheit und Margaretha wird nach Leiden zu ihrem Patenonkel geschickt. Dort besucht sie eine Schule, um Kindergärtnerin zu werden. Doch die Schule gefällt ihr nicht, der Direktor kommt ihr zu nahe und sie bricht aus. Mit 18 Jahren heiratet sie einen deutlich älteren schottischen Offizier und kommt so nach Java. Dort kommt sie mit den einheimischen Tänzen in Berührung und ist fasziniert von dem Tanz und der Anmut der Tänzerinnen. Zurück in den Niederlanden verlässt sie Ehemann und Kind, um in Paris ein neues Leben als orientalische Tänzerin zu beginnen. Einflussreiche Männer öffnen ihr die Türen und ebnen ihren Weg. Sie kommt mit den führenden Männern der Gesellschaft in Kontakt, sie lernt Künstler und Staatsmänner kennen und bekommt Zugang zu den höchsten Kreisen Europas. Der Mythos Mata Hari nimmt seinen Lauf.

Eine Frau des 20. Jahrhunderts, die von den Männern des 19. Jahrhunderts hingerichtet wurde

Paulo Coelho lässt Mata Hari in dem Brief selbst aus ihrem Leben erzählen, ihrem wahren Leben. Ihre niedergeschriebenen Erinnerungen beleuchten ihr Leben punktuell und ausschließlich aus ihrer Sicht. Dadurch wirkt der Roman sehr authentisch und der Leser sieht sie förmlich am Tisch in der Zelle sitzen und um ihre Erinnerungen, die sie für ihre Tochter bewahren will, ringen. Diese Form der Erzählung stellt eine große Nähe zum Geschehen her und wirkt zugleich sehr intim. Sie öffnet ihr Inneres und sieht dabei zuweilen, dass sie zwar ein prachtvolles, reiches Leben hatte, dies aber immer von den Zuwendungen der Männer abhängig war und sie sich letztendlich verkauft hat. Diese Abschnitte der Selbstbetrachtung sind aber selten.

Illusion und Wirklichkeit

Der Roman steht und fällt mit der Hauptperson. Auf ihr ruht alles Geschehen und die Nebendarsteller bleiben blass. Mata Hari ist eine selbstgeschaffene schillernde Illusion, aber in den Gedanken und Betrachtungen des eigenen Lebens kommt unter dieser Illusion immer wieder die kleine Margaretha, die sich ein reiches und schönes Leben wünscht, zum Vorschein. Mata Hari hat ihre Kunstfigur sehr bewusst als etwas Neues, bisher nicht dagewesenes geschaffen. Sie hat sich als exotische Tänzerin einen Ruf erarbeitet und hatte europaweite Auftritte. Gleichzeitig lies sie sich von den mächtigsten und reichsten Männern Europas aushalten. Als jedoch der Reiz des Neuen verblasst und sie älter wird, vergehen Ruhm und Einfluss. Schlussendlich lässt sie sich auf ein reizvolles, aber in Kriegszeiten gefährliches Spiel ein, welches sie verlieren wird. Die Mächtigen und Einflussreichen ihrer Zeit überlassen sie ihrem Schicksal und sie zahlt den Preis für ihr schillerndes Leben.

Ein sehr lesenswerter Roman, der den Fokus nicht auf die historischen Geschehnisse legt, diese mehr im Vorbeigehen erzählt, sondern auf die Empfindungen der Frau, die ein selbstbestimmtes und freies Leben führen möchte. Die sich trotz Freiheitsdrang jedoch immer wieder in die Abhängigkeit von Männern ergibt und schließlich daran zugrunde gehen wird. 

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