Die Farbe von Milch

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • , 2012, Titel: 'The Colour of Milk', Originalausgabe

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98

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Birgit Borloni
Eine leise, feine und intensive Geschichte

Buch-Rezension von Birgit Borloni Sep 2017

"Dies ist mein Buch und ich schreibe es eigenhändig." So beginnt Die Farbe von Milch der Autorin Nell Leyshon. Protagonistin ist die 15-jährige Mary, eine Bauerstochter, die im Jahre 1831 rückblickend ihre Geschichte des letzten Jahres aufschreibt. Mary ist die jüngste von vier Töchtern und auf dem Bauernhof ihrer Eltern aufgewachsen. Dort führt sie ein einfaches, karges und hartes Leben mit viel Arbeit, wenig Zuneigung und ohne Bildung. Doch ihr Leben ändert sich weitreichend, als sie als Hausmädchen und Gesellschafterin in den Haushalt des Dorfpfarrers wechselt, um sich dort um die kranke Hausherrin zu kümmern. Es eröffnet sich ihr, wenn auch zunächst widerwillig, eine neue Welt. Auch nach dem Tod der Pfarrersfrau bleibt Mary im Haushalt und der Pfarrer beginnt, ihr das Lesen und Schreiben beizubringen. Doch das hat einen hohen Preis und schließlich steuert alles auf eine Katastrophe zu...

Eine begnadete Erzählerin

Nell Leyshon hat ein großartiges erzählerisches Talent, das sie in diesem Roman gekonnt unter Beweis stellt. Der Schreibstil ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, denn Leyshon schreibt, wie ihre Protagonistin sprechen würde: Einfach und ungefiltert. Das kann anstrengend sein, vor allem, da auch Kommata fehlen und wörtliche Rede nicht durch Anführungszeichen gekennzeichnet ist. Doch wenn man sich darauf einlässt, dann kommt man Mary als Erzählerin nahe und wird mitten in die Geschichte hinein transportiert, denn dieser Stil ist einfach passend für die Protagonistin und die Geschichte. Die große Stärke dieses Romans liegt jedoch darin, dass die Autorin mit wenigen Worten mehr erzählen kann, als andere Autoren mit seitenlangen Beschreibungen. In einfachen Sätzen gelingt es ihr, Stimmungen, Gefühle und Gedankenwelten zu erfassen und Umgebungen vor den Augen des Lesers auferstehen zu lassen. Dazu müssen die Leser lediglich bereit sein, zwischen den Zeilen zu lesen und auf die Untertöne zu achten, dann entfaltet die Geschichte ihre ganze Tiefe und ihr ganze Tragik. Hier gebührt auch ein großes Lob der Übersetzerin, die es schafft, dass diese Erzählkunst auch im Deutschen spürbar ist.

Eine einfache, direkte und berührende Hauptfigur

Mit Mary ist Leyshon eine erfrischende Protagonistin gelungen. Sie ist intelligent und besitzt eine ausgeprägte Scharfsinnigkeit, die sie zusammen mit ihrer direkten Art dazu bringt, den Finger immer in die Wunde zu legen. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und spricht aus, was sie denkt, ohne sich groß Gedanken um Konventionen zu machen, von denen sie die meisten sowieso nicht kennt, da sie so abgeschieden aufgewachsen ist. Trotzdem besitzt sie auch das instinktive Wissen, wann es besser ist, zu schweigen. Sie durch dieses Jahr ihres Lebens zu begleiten, macht nicht immer Spaß, denn es gibt wahrlich nicht nur Schönes zu berichteten. Es ist allerdings berührend, tief gehend, intensiv und man lebt und leidet wahrlich mit Mary mit. Zudem entsteht auch nebenbei ein Einblick in die damalige Zeit, ihre Sitten und Gebräuche: Die harte Arbeit auf dem Hof, die fehlende Zuneigung zwischen den Familienmitgliedern, der trotzdem bestehende Zusammenhalt, die Welt der Bessergestellten, das Vertuschen von Skandalen, dass Schein mehr wert ist als Sein& das alles kristallisiert sich im Laufe der Geschichte wunderbar heraus.

Die Farbe von Milch ist ein feine Geschichte, die auf 200 Seiten mehr zu erzählen hat als mancher Wälzer auf 800 Seiten und die ein absolut passendes Ende für diese bittersüße Erzählung hat. Abschließend sei noch dem Verlag ein Lob ausgesprochen, der das Buch gebunden mit einem sehr schönen Schutzumschlag und einem Lesebändchen auf den Markt gebracht hat.

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