Das Erdbeermädchen

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Heyne, 2016, Titel: 'The Strawberry Girl', Originalausgabe

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Rita Dell'Agnese
Bilder und Worte vereinen sich zu einer faszinierenden Geschichte

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Jun 2017

Die 16-jährige Johanne geniesst ihre Freiheit als Erdbeerpflückerin. Sie durchstreift Ende des 19. Jahrhunderts die Hügel ihrer norwegischen Heimat Åsgårdstrand. Johannes Mutter ist die Unabhängigkeit ihrer Tochter ein Dorn im Auge: Um zu verhindern, dass sich Johanne weiter mit dem verpönten Maler Edvard Munch anfreundet, den sie trotz Verbote immer wieder besucht, verpflichtet die Mutter ihre Tochter als Dienstmädchen in das Haus einer wohlhabenden Familie im Nachbarort. Schnell wird Johanne zur Freundin der Tochter ihrer Dienstherren. Tullik ist genauso unkonventionell wie Johanne. Die beiden Mädchen ziehen los zum Volksfest, wo Johanne bemerkt, dass sich Munch für Tullik interessiert. Die direkte Begegnung der Beiden hat Folgen: Tullik verliebt sich unsterblich in den jungen Maler und will ihn ganz für sich beanspruchen, obwohl er gesellschaftlich weit unter ihrem Stand ist. Johanne gerät in einen Zwiespalt.

Starke Bildsprache

Lisa Stromme brilliert in diesem Roman mit einer starken Bildsprache. Sie lässt vor dem geistigen Auge der Leser die Landschaft Norwegens entstehen und macht die Menschen sichtbar. Mit wenigen, aber eindringlichen Worten nimmt die Autorin ihr Publikum mit in die unbekannte Welt. Dass sie dabei bekannte Persönlichkeiten wie Edvard Munch oder Hans Heyerdal einbaut, gibt dem Roman zwar eine besondere Note, ist letztlich aber nicht tragendes Element. Zwar wird Munch und seine Lebensart, mit der er die Gesellschaft gegen sich aufbringt, zu einem zentralen Punkt im Geschehen, doch ist es weniger seine spätere Berühmtheit als das Aufbrechen von Normen, das hier zur Geltung kommt.

Sehr gelungen ist die Beschreibung der Klassenunterschiede, in denen Tullik und Johanne leben. Zwar wird die Freundschaft der Mädchen trotz des Unterschieds akzeptiert, es zeigt sich jedoch deutlich, dass dies vor allem daran liegt, dass Tulliks Familie froh ist, die widerspenstige Tochter beschäftigt zu wissen. Die Leser erfahren eine Gesellschaft, die freier funktioniert als zu jener Zeit in anderen Gebieten Europas, dennoch aber eine klare Aufgliederung der Klassen kennt.

Ein sehr ruhiger Roman

Wer grosse Dramen und unerwartete Wandlungen erwartet, wird in diesem Bereich enttäuscht sein. Das Erdbeermädchen ist ein sehr ruhiger Roman, der Plot lebt vor allem von den intensiven Bildern und weniger von Tempo oder einer gefühlsintensiven Story. Doch genau das macht die Handlung so eindrücklich: Das Verhalten passt ausgezeichnet zu den Protagonisten und Lisa Stromme bleibt bei jeder einzelnen Figur glaubwürdig und überzeugend. Sie verzichtet weitgehend auf Schwarz-Weiss-Bilder, ihre Protagonisten lassen sich kaum in «gut» oder «böse» einordnen - es ist ein überzeugendes Bild, das die Autorin vom Alltagsleben einer Gemeinschaft zeigt, die von den unterschiedlichsten Charakteren gebildet wird.

Obwohl sowohl die Geschichte selber als auch die intensive Sprache in diesem Debut-Roman überzeugen können, gibt es den einen oder anderen Wermutstropfen. So scheint sich die Autorin zwischendurch immer mal wieder auf Bewährtes abzustützen - einige Szenerien wiederholen sich, andere sind etwas in die Länge gezogen. Dennoch: Mit Das Erdbeermädchen legt Lisa Stromme einen Roman vor, der aufhorchen lässt und der die Hoffnung nach weiteren Geschichten aus dieser Feder weckt.

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