Fallwind

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Klöpfer und Meyer, 2011, Titel: 'Fallwind', Originalausgabe

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Jörg Kijanski
Über den tragischen Absturz eines Flugpioniers

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Feb 2017

Albrecht Ludwig Berblinger stürzte am 31. Mai 1811 mit seinem Flugapparat in die Donau und geriet danach in Vergessenheit. Der Journalist Johannes Schweikle bietet in seinem Roman Fallwind einen kurzen, aber sehr lesenswerten Rückblick in das Leben eines Erfinders, der erst lange nach seinem Tod zu verdienten Ehren kam. Gleichzeitig ist dieses gerade einmal 180 Seiten starke Buch auch ein informativer Blick in die Anfänge des menschlichen Fliegens.

Angefangen hat wohl alles mit Ovid, der die Sage von Dädalus und Ikarus erzählte, in der letzterer bekanntlich der Sonne zu nahe kam und daraufhin abstürzte. Der Traum vom Fliegen lebte indes weiter und faszinierte über Jahrhunderte zahlreiche Forscher und Wagemutige. In der Zeit der Renaissance war es Leonardo da Vinci, der intensiv die Aerodynamik der Vögel beobachtete. Ein von ihm erfundener Flugapparat wurde wohl zwischen 1495 und 1505 getestet, von einem Erfolg ist hingegen nichts bekannt. 1783 lieferten sich die Brüder Montgolfière ein Wettrennen mit dem Physiker J. A. C. Charles. Beide wollten einen Heißluftballon bauen, die Montgolfière stand gegen die Charlière. Am 19. September 1783 war es soweit. Der erste Flug mit Passagieren fand vor den Augen von Ludwigs XVI. und Marie Antoinette stand, allerdings waren die Passagiere vorsichtshalber Tiere. Der erste bemannte Flug erfolgte am 21. November des gleichen Jahres und umfasste eine Strecke von zehn Kilometern. Die Brüder Montgolfière gingen in die Geschichte ein als "Väter der Luftfahrt".

Und Albrecht Ludwig Berblinger? Er wurde am 24. Juni 1770 geboren und erlernte aufgrund seines schmächtigen Körperbaus zunächst in Ulm das Schneiderhandwerk. Nach der Französischen Revolution und Napoleons militärischen Erfolgen, mutierte der fortschrittliche Berblinger zum angesehenen Schneider der Stadt, was nicht wenige Neider auf den Plan rief. Galt nun die Mode der Württemberger oder die der siegreichen Franzosen? Doch so sehr er als Schneider erfolgreich war, so sehr fühlte er sich auch eingeengt. Von der heruntergekommenen Stadt mit ihren engen Gassen, aber auch von der Engstirnigkeit seiner Mitmenschen.

 

"Der Vogel öffnete ihm die Augen. Er war erhaben über die Enge dieser Stadt. Über Eitelkeiten, Willkür und Dummheit flog er einfach hinweg. Dies war der Weg, der weiter führte. Berblinger wollte allen zeigen, dass er mehr für den Fortschritt der Menschheit leisten konnte, als Taschentücher zu säumen, die das Bild Napoleons trugen."

 

So stürzte sich Berblinger in seine Erfindungen, aber eine Petition für ein Patent  einer Holzprothese für Beinamputierte wurde vom bayerischen Staatsminister mit wenigen Zeilen brüsk abgelehnt. Ein herber Rückschlag, doch wenig später entwickelte er, wieder nach französischem Vorbild, eine "Chaise"; den heutigen Kinderwagen. Anfangs belächelt wurde dieser schon bald ein Erfolg, dennoch wollte der ehrgeizige Berblinger mehr. Er wollte fliegen und tüftelte lange Zeit an einem Flugapparat.

 

"Wer etwas wagt, beschämt die Bequemen. Sie haben das Neue nur geträumt, allenfalls darüber schwadroniert. Sie schimpfen über die Zustände, aber gehen kein Risiko ein, etwas zu ändern. Reden von neuen Ufern, aber steigen nicht mal bei Windstille ins Boot."

 

In geheimen Versuchen von einem nahegelegenen Hang erzielte er mit einem Gleitflug Erfolge und ging damit an die Öffentlichkeit. So kam es, dass die Honoratioren der Stadt überlegten, was sie denn beim Besuch des Königs Friedrich von Württemberg diesem in Ulm zeigen konnten? Viel war es wohl nicht und so einigte man sich darauf, dass am 30. Mai 1811 der bekannte Schneider sein sensationelles Fluggerät vorführen sollte. Der Versuch wurde wegen Windstille um einen Tag verschoben, der König reiste ab, doch am 31. Mai 1811 war es soweit. Berblinger sprang von der Adlerbastei und wollte die Donau überfliegen. Alles hätte klappen können, allerdings hätte der Erfinder keinen schlechteren Ort für seinen Sprung finden können. Denn durch das recht kalte Wasser der Donau entstehen dort gefährliche Fallwinde, die den Traum des Schneiders jäh platzen ließen. Berblinger stürzte wie einst Ikarus ab. Zwar überlebte er mit leichten Blessuren, sein Ruf indes war ruiniert. Es folgten übler Hohn und Spott, selbst seine Frau wollte mit ihm, dem Gescheiterten, fortan nichts mehr zu tun haben. Obwohl er Ulm verließ, ging es für ihn in den Folgejahren bergab. Am 28. Januar 1829 verstarb Berblinger an Schwindsucht.

80 Jahre nach dem gescheiterten Versuch von Berblinger ging ein anderer Mann in die Geschichte ein, der als erster Mensch den Traum vom Fliegen mit einem Hängegleiter verwirklichte: Otto Lilienthal. 

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