Unsere wunderbaren Jahre

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Scherz, 2016, Titel: 'Unsere wunderbaren Jahre', Originalausgabe

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Rita Dell'Agnese
Das Fuder ist schwer beladen

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Okt 2016

Die alteingesessene Familie Wolf mit ihrer Drahtzieherei gehört kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zu den betuchten Leuten in Altena. Die Firma wurde vom umsichtigen Fabrikanten Eduard Wolf neu aufgestellt und hat eine solide Zukunft vor sich. Eine Zukunft, die der Fabrikant gerne in die Hand seiner Töchter geben würde. Doch Ruth, Ulla und Gundel haben andere Träume. Ruth hat sich mit einem Wehrmachts-Soldaten eingelassen, ihn gegen den Willen ihres Vaters geheiratet, hat einen kleinen Sohn und ist erneut schwanger. Sie gilt deshalb als schwarzes Schaf der Familie und ist in der elterlichen Villa nicht mehr willkommen. Ulla möchte studieren, hat sich bereits an der Universität in Tübingen eingeschrieben. Nur Gundel scheint den passenden Schwiegersohn nach Hause zu bringen, um das Unternehmen zu übernehmen. Doch die turbulenten Zeiten nach dem Weltkrieg lassen die Pläne der Wolf-Töchter wie Seifenblasen platzen. Eduard Wolf wird in Untersuchungshaft genommen, weil er mit den Nazi Geschäfte gemacht hatte. Seine Rehabilitierung kommt zu spät - er zieht es vor, sich aus der schmachvollen Situation auf seine Weise zu befreien. Für Ulla heißt das, dass sie ihr Studium aufgeben muss, um in die Firma einzutreten. Denn Gundels Verlobter Benno hat nach einem Fehltritt von ihr das Weite gesucht und will als Schuhverkäufer im Imperium seines Onkels nun Karriere machen. Ullas Verehrer Tommy, dem sie nach einer kurzen, intensiven Beziehung den Laufpass gegeben hatte, zieht sich in den Osten von Deutschland zurück, während Ulla selber eine Zweckehe mit dem missgünstigen Jürgen eingeht. Ruth, inzwischen Witwe, lässt sich mit dem zwielichtigen, aber erfolgreichen Unternehmer Walter Böcker ein. Sie ignoriert dabei erneut die Warnung ihrer Mutter Christel, die Böcker als üblen Menschen brandmarkt und ihre Tochter davor bewahren möchte, von ihm enttäuscht zu werden. Die drei Schwestern erleben in der Nachkriegszeit ein Auf und Ab, müssen viel einstecken und finden doch jede auf ihre Weise einen Platz im Leben.

Eine nicht ganz leicht verdauliche Kost

Peter Prange scheint von den großen Familien-Soaps inspiriert worden zu sein, die in den vergangenen Jahrzehnten ein Millionenpublikum vor den Bildschirm gelockt hatten. Ganz im Stile dieser Soaps baut er das Schicksal der drei Wolf-Töchter auf. Sie erleben schlimme Zeiten, werden immer wieder durch den Allzeit-Bösewicht und Schmuddelfink Walter Böcker ausgebremst und übers Ohr gehauen. Dieses sich wiederholende Muster leiert jedoch recht schnell aus und bremst dadurch den Lesefluss empfindlich. Die Naivität, mit der die Wolf-Schwestern auf die Machenschaften des Alt-Nazis Böcker und seiner Spezies reagieren, trägt viel dazu bei, dass keine der drei Frauen zu einer echten Sympathieträgerin werden kann, mit der man durch die Wirren der Deutschen Nachkriegszeit reisen möchte. Die größte Sympathie mag man hier wohl dem liebenswerten Schlitzohr Tommy entgegen bringen, der ohne Arglist aber mit einer großen Portion Energie seinen Weg durchs Leben sucht. Hier macht Peter Prange wieder etwas gut, was er bei Ruth, Ulla und Gundel verpasst. Um die in geraffter Form präsentierten Ereignisse zu verdauen, wäre es jedoch gut gewesen, sich mit einer der tragenden Figuren identifizieren zu können. So bleibt die servierte Kost etwas schwer verdaulich und manchmal scheint das Fuder etwas gar stark beladen. Peter Prange kommt einem etwas drögen Geschichtsunterricht gefährlich nahe.

Peinliche Selbst-Inszenierung

Die Stärke des Romans ist die Darstellung der rasenden Entwicklung, die die Zeit mit sich bringt und der immer stärker auseinander klaffenden Gesellschaft in der BRD und der DDR. Hier kann Peter Prange eindeutig punkten und einer Generation, die diese Zeit - wenn überhaupt - nur teilweise miterlebt hat, eine wichtige Phase der jüngeren Geschichte näher bringen. Während diese wirklich gelungene und interessante Reflektion dem Roman zu Tiefe verhilft, schwächt ein anderes Detail die Qualität des Romans ab: Die völlig überflüssige und in manchen Bereichen peinliche Selbst-Inszenierung des Autors. Peter Prange baut sich selber in den Roman ein, zunächst als kiffender Revolutionär, später als vom Schriftstellerdasein träumender Unternehmungsberater. Obwohl der vom Autor eingebaute "Peter Prange" keine ernsthafte Bedeutung für den Romanverlauf hat, taucht er mit einer unangenehmen Penetranz immer wieder als Figur auf - bemüht witzig und augenzwinkernd, was jedoch der Geschichte eher von ihrer Glaubwürdigkeit nimmt, als ihr eine solche gibt. Es mag sein, dass Freunde des Autors herzhaft über dessen Reminiszenzen lachen müssen. Sie hätten dies jedoch auch tun können, hätte der Autor seine Selbstdarstellung namentlich verändert, so dass die Figur einzig für seinen Freundeskreis erkennbar gewesen wäre. Die Peinlichkeit des bemühten Ich war dabei wäre ihm dadurch erspart geblieben.

Kleine Ungenauigkeiten

Dass Peter Prange bei seinem Roman immer mal wieder über Jahreszahlen stolpert, kleine Ungenauigkeiten einbaut und sich auch bei der Figurenzeichnung zu stark von Klischees leiten lässt, mag man ihm angesichts der Komplexität des Romans weitgehend verzeihen. Er leistet mit dem Roman einen gut verständlichen Beitrag an die Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte und macht sichtbar, was für nachfolgende Generationen allzu leicht im Dunkeln bleiben würde. Dafür gebührt ihm durchaus Anerkennung.

Unsere wunderbaren Jahre

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Letzte Kommentare:
26.03.2020 20:36:37
Hasdrubal

Wer den Dreiteiler in der ARD gesehen hat, darf sich das Buch getrost schenken.
Wo die Vorlage seicht ist, kann das Drehbuch keine Tiefe erzeugen und die Schauspieler sind die Gelackmeierten...
Wenn Herr Prange mal nicht unter Schreibzwang steht, könnte er zu Thomas Manns "Buddenbrooks" greifen. Lesen kann auch bilden!

22.03.2020 21:55:31
Liegewagen

Ich habe nach den ersten beiden Filmen in der ARD begonnnen, das Buch zu lesen. Ich bin ziemlich enttäuscht darüber, wie sehr der Film vom Buch abweicht. Film und Buch sind nicht deckungsgleich. So erstickt im Film Christel ihren Mann, im Buch stirbt er.
Der Film ist sehr oberflächlich und hat mit dem Inhalt des Buches wenig zu tun.

21.03.2020 22:49:31
Aline Düven

Allerdings hat die Rezensentin Rita dell'Agnese hier auch Unsinn geschrieben. Ruth fällt nicht deshalb in Ungnade, weil sie sich "mit einem Wehrmachts-Soldaten eingelassen" hat, sondern sie hat einen SS-Rottenführer geheiratet, das ist ja wohl was ganz anderes.

19.03.2020 09:32:30
Heinz Schäfer

Wer sich nur ansatzweise für Geschichte interessiert, stellt schnell fest, großer Unsinn.
Mich als Älterer macht dieser Film ziemlich wütend. Es gibt genügend qualitativ hochwertige Quellen sich mit dieser Zeit zu befassen, eine Zeit die von Hunger und Entbehrung gezeichnet war.
Dieser Film ist noch dümmer als "Unsere Mütter unsere Väter". Welche Absicht steckt hinter solch einem Film?

16.03.2020 16:55:26
Kriegs- und Nachkriegskind

Aus einem richtig schlechten Buch kann man keinen guten Film machen..., das Buch habe ich (77 Jahre alt) gelesen . Das einfältige Geschreibsel mit Schilderungen, Klischees und nicht Nachvollziehbarem, machte mich wütend., Wenn z .B.in einer Art von Aufzählung damals erhältlicher Produkte, wie z.B. Zigarettensorten - erwähnt werden, sowie die angebliche damalige Rolle der Frau, mit deren "Aufopferungs-Sprüchen" , ein furchtbarer Stil insgesamt, genauso wie die meisten anderen zusammen- gebastelten "Historienwerke" , die kein Mensch ernst nehmen kann. Das Schlimme ist, dass die heute 30/40jährigen das auch noch glauben. Im Buch ist nichts Lesenswertes aufgebaut. Das ist eine Schande fürs Fernsehen.

14.03.2020 10:53:36
Nucleus

Was ist eigentlich an diesen Jahren Wunderbar? Dort hat doch niemand wuderbares erlebt.Unsere hatten Jahre nach 1945 würde besser passen.

26.02.2018 23:48:14
Schnöbbs

Schließe mich als 73jährige und ehemalige Geschichtslehrerin der vorherigen Einschätzung an: Zuviel Ungenaues,Konstruiertes und sprachlich auch nicht überzeugend. Klischee reiht sich an Klischee,zumindest in der Darstellung und Handlungsweise einiger Personen.Würde meinen Schülern diesen Roman nicht empfehlen.

26.02.2018 18:37:56
Eberhard Krummheuer

Selten ein so dickes Buch gelesen, das so flach ist! Die zwanghafte Einbindung von Personen und Ereignissen der Zeitgeschichte (z. B. Bertold Beitz, 68-er Studenten) wirkt schrecklich konstruiert. Die eigentliche Familiengeschichte Wolf entblödet sich nicht, Klischee an Klischee zu reihen, gut wie böse. Sprachlich ist das dicke, dürftige Werk katastrophal schlicht. Vielleicht hätte Autor Prange mal die Buddenbrooks von Thomas Mann lesen sollen, um sich in Sachen Stil und Dramaturgie inspirieren zu lassen.

11.02.2017 11:26:54
Peter Weißhaupt

Wer Peter Prange aus den Gymnasiumzeiten Anfang der 70er Jahre kennt, der wird seine Freude an dem Roman haben, der - obwohl fiktiv - sehr viele Bezüge zur eigenen Jugend eines Lesers aus Altena aufweist.
Es zeugt zudem von umfassender Sachkenntnis, das kleine " Kaff" Altena in den Kontext der Deutschen Teilung und Wiedervereinigung in die Dramaturgie der Entwicklung mit einzubeziehen. Dass ihm die namentliche Einarbeitung fast des gesamten Lehrerkollegiums vom damaligen Jungengymnasium gelang, kann sich natürlich nur Insidern erschließen, aber diese werden oft zum Lachen gebracht.
Etwas gedehnt erscheinen auch mir einige überlange Satzkonstruktionen, mit denen denen der historische Kontext vermittelt werden soll. - Trotzdem, sehr empfehlenswert.

18.01.2017 17:50:10
Gisela Salice

Als 76 jährige Leserin, die diese Zeit erlebt hat,
sowohl im Osten als auch im Westen, bin ich
enttäuscht von diesem Roman.
Endlose Sätze, ständige Wiederhohlungen von
Handlungen, ungenaue geschichtliche Daten.
Was die handelden Personen betrifft, kann man nur vermuten,dass der Autor zuviel
Groschenromane gelesen hat.
Nach drei Zentimeter habe ich das Handtuch
geworfen. Schade!