Mörderisches Spiel in Leipzig

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

1683. In Europa ist der Vormarsch eines neuen Getränks nicht mehr aufzuhalten. Kaffee, der Wein des Islams, ist im doppelten Wortsinn heiß begehrt. Obediah Chalon, ein Spekulant und Betrüger, hat bei einem Börsengeschäft ein Vermögen verloren. Da die Wechsel mit denen er zahlte gefälscht waren, bleibt ihm nur die Flucht nach Amsterdam, wo er einige Monate später im Zuchthaus landet. Conrad de Grebber, Direktoriumsmitglied der Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) bietet Chalon ein Geschäft an. Mit allen erforderlichen Mitteln ausgestattet, soll er in den Jemen nach Mocha reisen, um dort einige Kaffeepflanzen zu stehlen. Daraus will die VOC dann Setzlinge ziehen, womit das Kaffeemonopol der Türken gebrochen wäre.

 

"Die Österreicher sind, wie Ihr wisst, ein besonders verweichlichtes Volk. Und am schlimmsten sind die Wiener. Sie halten Kaffee für zu bitter und deshalb mildern sie seinen Geschmack."

"Mit Honig, Graf?"

"Nein, sie geben Rohrzucker hinzu. Das alleine wäre bereits abominabel. Aber dann gießen sie noch Sahne hinein."

"Nein!"

"Ich schwöre es."

 

Doch es gibt erhebliche Probleme, denn die Reise ist nicht ungefährlich. Zudem wird das Anbaugebiet bei Mocha von den Osmanen schwer bewacht. Deren Partner beim Kaffeehandel, die Franzosen, sind ebenfalls alarmiert, denn sie vermuten zunächst, dass Chalon vor allem Willem von Oranien unterstützen will und sich dessen Aktionen gegen seine Majestät Louis XIV. richten. Daher setzen sie Gatien de Polignac, einen Capitaine der Musketiere, auf Chalon und dessen kleine Mannschaft an. Ein packender Wettlauf beginnt&

Abenteuer-, Spionage-, Wissenschafts- und Historienroman in einem spannenden Plot vereint

Tom Hillenbrand ist durch seine "kulinarischen Krimis" um den Koch/ Ermittler Xavier Kieffer sowie seinen preisgekrönten Roman Drohnenland kein Unbekannter. Nun legt er mit Der Kaffeedieb einen vielversprechenden historischen Roman vor. Zunächst wird die Hauptfigur Obediah Chalon vorgestellt, der sich als Virtuosi vor allem für die Naturphilosophie interessiert und daher begeistert in der Welt der Republique des Lettres (wissenschaftliche Zeitung, die erstmals 1684 in Amsterdam veröffentlicht wurde) zuhause ist. So hat er ein über ganz Europa hinausgehendes Netz an gleichgesinnten Informanten, die ihm für sein großes Vorhaben nützlich sind. Zunächst gilt es jedoch eine Mannschaft zu finden, diverse technische Gerätschaften anzuschaffen sowie Dokumente zu fälschen, die einem die Weiterreise erleichtern.

 

"Diese ganze Instrumentalisierung von Glaubensfragen ist schlichtweg Wahnsinn. Ich gedenke, demnächst ein Traktat zu veröffentlichen, in dem ich die strikte Trennung von Staat und Religion fordere."

"Eine absurde Idee. Ihr bringt es zustande, dass Euch nicht nur die Katholiken aufs Schafott wünschen, sondern die Calvinisten ebenfalls."

 

Die politische Lage der Jahre 1683 bis 1689 ist derweil äußerst angespannt und vor allem undurchsichtig. Zunächst belagern die Osmanen 1683 Wien und Chalon ist nicht der Einzige der davon ausgeht, dass die Hauptstadt der Habsburger dem Erdboden gleichgemacht wird. Eine verhängnisvolle Fehleinschätzung; nicht nur für die Türken. Kaiser Louis XIV. sinnt nach neuen Gebieten auf dem Kontinent, während Willem von Oranien im weiteren Verlauf der Geschichte als William III. neuer König von England wird. Wer sich für die Geschichte (Macht- und Herrschaftsverhältnisse etc.) im Europa des ausgehenden 17. Jahrhunderts interessiert, wird hier bestens informiert.

 

"Dies ist Mehmed II., genannt der Eroberer. Der erste Qayser-i-Rum."

"Er nannte sich Römischer Kaiser? Leopold I. würde dies bestreiten."

"Konstantinopel war der Sitz des Römischen Reichs. Als der Padischah die Stadt einnahm, ging die Kaiserwürde logischerweise auf ihn über und auf alle seine Nachfolger. Leopold ist ein Usurpator."

 

Auf der abenteuerlichen Reise haben Chalon und seine Gefährten zahlreiche Abenteuer zu bestehen, denn nicht selten droht ihre Tarnung aufzufliegen. Chalon hat sich allerdings mit seinen zahlreichen Verbindungsleuten gut vorbereitet und hierfür in seinem Schriftverkehr eine schwer zu entschlüsselnde Chriffriermethode ausgedacht. Diese versucht Bonaventure Rossignol, der Chefkryptologe seiner Majestät Louis XIV., zu entschlüsseln, wodurch der Leser viel über die Kunst der Verschlüsselung kennenlernt. Wer an "Enigma" (in Buch und / oder Film) Freude hatte, sollte ebenfalls zugreifen.

Fazit: Der Kaffeedieb bietet nicht nur einen Einblick in den Beginn des Siegeszuges von Kaffee, sondern auch ein bildgewaltiges Werk über die politischen Verhältnisse in Europa zwischen 1683 und 1689. Zudem gibt es viel zu lesen respektive zu lernen, vor allem über die Unterschiede von Morgen- und Abendland sowie die Kunst der Kryptologie. Dazu Action, Liebe und am Ende eine böse Überraschung. Was will man mehr?

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Carsten Jaehner
Endlich - ein historischer Fußball-Roman!

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Mär 2016

Es ist schon erstaunlich, dass es in dem fußballverrückten Land Deutschland noch keinen historischen Roman über des Volkes liebsten Sport lesen kann, wo man doch nun gerade Weltmeister ist und man beinahe jeden Tag im Fernsehen ein Spiel sehen kann. Diese Lücke hat nun Uwe Schimunek geschlossen und mit Mörderisches Spiel in Leipzig den ersten historischen Fußball-Roman vorgelegt - noch dazu in Form eines Kriminalromans.

Immer mehr Männer fallen zu Beginn des 20. Jahrhundert dem "englischen Sport" anheim, wie es in Deutschland genannt wird. In konservativen Kreisen jedoch ist "Fußball", wie der Sport genannt wird, verpönt und nicht hoch angesehen. In Leipzig steht man auf Pferderennen, wie man es auch täglich in der Zeitung lesen kann, von Fußball ist dort nichts zu lesen.

1903 ist der Verein für Bewegungsspiele VfB Leipzig bereits Mitteldeutscher Meister, doch kurz vor dem Endspiel um die Deutsche Meisterschaft wird der Trainer und Spieler Thoralf Schöpf tot aufgefunden. Der junge Journalist Edgar Wank will einen Artikel über den Fußballsport schreiben und stösst bei seinen Recherchen auch auf den Todesfall, der bei näherer Betrachtung vielleicht gar kein normaler Tod war, sondern ein Fall für seinen kriminalistischen Spürsinn.

Gemeinsam mit seinem Freund, dem Theaterschriftsteller Thomas Kutscher, versucht er, Licht ins Dunkel zu bringen und recherchiert auf dem Fußballplatz, bei der Familie und in Sportlerkreisen. Nach und nach setzt sich ein Bild des Verstorbenen zusammen, das viel über die Gründerzeit des Deutschen Fußballs erzählt. Doch ist Schöpp wirklich ermordet worden?

Ein toter Fußballfunktionär

Mit Mörderisches Spiel in Leipzig gelingt Uwe Schimunek ein interessanter und aufschlussreicher Blick in die Anfänge des Ligafussballs in Deutschland. Anfänglich noch als "Fußlümmelei" verpönt und als verrückter Freizeitvertreib abgetan, konnte sich der "englische Sport" nur langsam durchsetzen. Doch, wie Thomas Kutscher schon bald feststellt, als er sich dem Leipziger Verein anschliessen will, steckt mit Technik und Ausdauer doch mehr dahinter, als man sich in den pferdesportvernarrten Kreisen so ausmalt.

Durch die Recherchearbeit erfährt der Leser auch um die ominösen Umstände der ersten Deutschen Meisterschaft beziehungsweise deren Halbfinals, ihre Verstrickungen mit Prag und seiner deutschen Mannschaft und weiteren Details, die selbst für manchen Fußballfan neues hervorbringen durfte. Dass es bislang noch niemand geschafft hat, das in einen Roman mit einzubinden, grenzt dabei nahezu an ein Wunder.

Interessante Verstrickungen um die Deutsche Meisterschaft

Der Fall selber ist erst einmal gar keiner. Thoralf Schöpf wird eines Tages in seinem Bett tot aufgefunden, man stellt keine äußeren Ursachen fest, er wird begraben und mit ihm eine eventuelle Geschichte um ihn. Erst Wochen später wird der junge Reporter Edgar Wank darauf aufmerksam und findet immer mehr Details heraus, die den Todesfall vielleicht in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Wank muss jeden Tag die neuesten Nachrichten der Polizei mit in die Redaktion bringen und auf einer Seite zusammen stellen, und so hat er regelmäßigen Kontakt zum Polizisten Machuntze, ausgestattet mit dem feinsten Leipziger Dialekt und auch mit Kontakten und Informationen, die Wank weiterhelfen können. Dass er damit bei den Ermittlungen eines Falles hilft, in den er nicht involviert ist und der ja auch eigentlich noch gar kein Fall ist, bekommt der etwas träge Herr erst später mit.

Wank lernt auch Rosalinde Fritzschmann kennen, Schöpps Verlobte, an die sich aktuell ein Vereinskollege, Willibald Gelsenrath heranmachen möchte. Die Verlobte sieht nicht eben schlecht aus, wird aber von ihren Eltern und deren Laubengartennachbarn strengstens überwacht. Alles bleibt sittlich, und gerade in diesen Situationen erfährt der Leser viel über das Leben Anfang des 20. Jahrhunderts, wie man sich gab, wie man redete, was schicklich war und was nicht. Das alles wird vom Autor gut eingefangen und sorgt auch für so manchen Schmunzler und Kopfschütteln, wie steif und förmlich doch damals alles war. Ein schönes Sittenbild, und dann kommt ausgerechnet der Fußball dazwischen.

Pflichtlektüre

Ist der historische Aspekt des Romans trefflich eingefangen, so dümpelt doch der Fall an sich lange vor sich hin, so lange, dass man tatsächlich zweifelt, ob es überhaupt einen Fall gibt, denn alles spricht für ein normales Leben von Thoralf Schöpp, der zudem auch noch überall beliebt war, sowohl privat als auch beruflich in der Kanzlei, in der er arbeitete als auch als Fußballfunktionär. Doch wird der Leser am Ende nicht enttäuscht werden.

Insgesamt ist der Roman ein lang ersehnter Beitrag zur Sportgeschichte im Allgemeinen und zum Fußball im Speziellen, der für jeden Ballsportfan zur Pflichtlektüre gehören sollte. Fällt auch der Fall an sich gegenüber dem geschichtlichen und lokalpolitischen etwas ab, so bleibt doch ein Lesevergnügen, dem gerne weitere Fälle des nun eingeführten Ermittlerteams folgen dürfen. Eile mit Weile in Sachsen, und der Fußball beginnt seines Siegeszug durch die deutschen Landen. Empfehlenswert.  

Mörderisches Spiel in Leipzig

Mörderisches Spiel in Leipzig

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Letzte Kommentare:
19.05.2016 01:12:03
André Göhre

Als Leipziger Fußballhistoriker war dies mein erstes Werk von Uwe Schimunek und die Schreibweise des Autors macht süchtig nach mehr.
Abgesehen davon, dass man einen eindrucksvollen Einblick ins Leipzig Anfang des letzten Jahrhundert erhält, ist es fußballhistorisch hervorragend recherchiert (ich nehme mir heraus, dies beurteilen zu können). Und nicht zuletzt ist der Charakter des "Thoralf Schöpf" an eine real existierende Person dieser Zeit angelehnt... nämlich an den Gründer, ersten Präsidenten und Spielertrainer des VfB Leipzig, Theodor Schöffler, der tatsächlich knapp zwei Monate vor dem ersten Finale einer Deutschen Fußball-Meisterschaft aus ungeklärter Ursache verstarb.
Ich werde mir infolgedessen zwangsläufig folgende bzw. vorhergehende Werke Uwe Schimuneks zulegen, den ich persönlich als äußerst sympathischen Menschen während eines Interviews und zur "Ur-Lesung" im Leipziger Kriminal-Museum, zu der ich geladen war, kennenlernen durte... Vielen Dank dafür.

André Göhre vom "NETZwerk blau-gelb"

17.04.2016 20:19:24
KaiBlum

Ein schöner Einblick in die Anfänge des Fußballs in Deutschland und in das rasant wachsende Leipzig um die Jahrhundertwende. Man merkt, dass der Autor auf beiden Gebieten sehr sorgfältig recherchiert hat. Die Hauptfiguren sind sympathisch und falls dies der Anfang einer Serie ist, werde ich auch den nächsten Band lesen.