Grimms Albtraum

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Acabus, 2015, Titel: 'Grimms Albtraum', Originalausgabe

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Carsten Jaehner
Interessante Romanbiografie zu Annette von Droste-Hülshoff

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Sep 2015

Im Januar 1797 wird auf der münsterländischen Burg Hülshoff das zweite Kind der Familie, Anna Elisabeth Franzisca Adolphina Wilhelmina Ludovica Freiin von Droste zu Hülshoff, besser bekannt unter den Namen Annette von Droste-Hülshoff geboren. Da sie eine Frühgeburt ist, kränkelt sie von Anfang an und wird auch für den Rest ihres Lebens immer an Atemnot leiden. Sie wächst in behüteten westfälischen Adelskreisen auf und steht doch allein da mit ihrer Leidenschaft, der Dichtkunst.

Annette hat führt zwar ein Leben in Kreisen des Adels, findet aber kaum Anschluß, was auch ihrer schwachen Konstitution und ihrem Augenleiden geschuldet ist. Doch vor allem auch ihre Mutter Therese von Haxthausen ist streng und beäugt Annettes Tätigkeiten auf intensivste Art und Weise. Zwar geht Annette in gewisse Gesellschaften, wo ihre Gedichte in zunächst privaten Kreisen die Runde machen. Doch trifft sie dort auch auf die Männerwelt, die sich alsbald für sie interessiert. Das strenge Regiment der Mutter und der Anstand verbieten jedoch Verbindungen des Adels mit Bürgerlichen, was Annette wie ein Schlag trifft.

Immer wieder begegnet Annette den literarischen Größen der Zeit wie den Brüdern Grimm, Johanna und Adele Schopenhauer und August Wilhelm Schlegel. Während ihre literarische Karriere allmählich Fahrt aufnimmt, wird sie doch durch ihre Gesundheit gehemmt, und auch private Schicksalsschläge wie der frühe Tod des jüngsten Bruders und der Tod des Vaters beeinträchtigen ihr Leben. Doch verliert sie nie ihren Mut und erlebt ihre schönsten Stunden am Rhein und am Bodensee, bis sie schließlich völlig entkräftet mit 51 Jahren aus dem Leben scheidet.

Das adelige Westfalen

Grimms Albtraum von Esther Grau setzt der westfälischen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff ein literarisches Denkmal. Dabei enthüllt sie dem Leser, der sie vielleicht noch vom früheren 20 DM-Schein kennt, einige interessante Einblicke in eine ungewohnte Welt.

Von Geburt an hat Annette es nicht leicht gehabt. Als Frühgeburt ohnehin von schwacher Konstitution, wird sie zeitlebens kaum ungetrübte Tage haben. Auch ein Augenleiden lässt sie über die Jahre immer schlechter sehen, und ihre Schrift war sehr klein und nur für geübte leserlich. Während jedoch ihre Schwester Jenny ein lebhaftes Bündel ist und in Wilhelm Grimm einen glühenden Verehrer hat, kann auch Annette mit jungen Männern aufwarten. Doch sind ihr letztlich die Kontakte verboten, da diese nicht von Adel sind, was auch letztlich die angehende Beziehung Jennys zu Grimm scheitern lässt. In dieser Zeit sind unstandesgemässe Beziehungen undenkbar und unmöglich, auch wenn die jeweils beteiligten es gerne anders hätten. Stand, Etikette und die familie sind dagegen, und als Liebender ist man gegen diese Fronten machtlos.

Dies wird von der Autorin Esther Grau anschaulich dargestellt. Annettes angehende Liebeleien sind zwar irgendwo verheissungsvoll, doch nicht standesgemäss und so von vornherein zum Scheitern verurteilt. Und spätestens, seit der Bruder nach dem Tod des Vaters Burg Hülshoff übernimmt und die Schwestern und die Mutter ins nahe gelegene Haus Rüschhaus umziehen müssen, ist eine Verheiratung auch gar nicht mehr vonnöten, zumal durch die wachsende Familie der Name und stamm gesichert sind.

Als adelige Dichterin eine Exotin

Das Annette wegen ihrer Musik und ihrer Dichterei ohnehin ein Exot unter den Adeligen ist, kommt erschwerend hinzu. Esther Grau schildert den schweren literarischen Werdegang Annettes, von privaten adeligen Lesezirkeln bis hin zu ersten Gesprächen mit Verlegern, die ein oder mehrere Gedichte drucken wollen und so Annette allmählich auch über die Grenzen Münsters hinaus bekannt machen.

Annette pflegt einen gesundheitsbedingten Müßiggang, der immer wieder anklingt und der geprägt ist von vielen Reisen, wenn auch nur zu Verwandten im Westfälischen, nach Münster in die Stadtwohnung der Familie oder ins Rheinland zu Freunden. Annettes persönliche Kreise sind nicht groß, wohl aber am Ende die ihrer Veröffentlichungen, so dass schließlich sogar Clara Schumann für ein Libretto für ihren Mann, den Komponisten Robert Schumann, bei Annette anfragt, was aber von Annettes Mutter strikt abgelehnt wird. Überhaupt schwebt Annettes Mutter über ihr wie ein Damoklesschwert. Selbst kleinste unbeschwerte Vergnügen werden von ihr im Keim erstickt, und frei kann Annette nur in Abwesenheit der Mutter leben.

Hervorragendes Sittenbild der Zeit

Neben einer aufschlussreichen, unterhaltsamen Romanbiografie, die einen interessanten und runden Einblick in Annettes Leben gewährt, hat Esther Grau vor allem auch ein Sittenbild der Zeit verfasst, das den Leser in die erste Hälfte des 19. Jahrhundert hauptsächlich in Westfalen entführt. Wie der Landadel lebt und von politischen Einflüssen wie zunächst Napoleon und später Richtung 1848er Revolution beeinträchtigt wird, das ist hochinteressant und so nur selten in der Literatur nachzulesen. Man merkt, dass sich die Autorin intensiv mit Zeit und Ort beschäftigt hat und die politischen Verhältnisse gut darzustellen weiss. Ist der Schreibstil der Autorin auch ein wenig trocken, passt er doch gut zu der Zeit, zu seiner Reserviertheit und zu einer gewissen gebotenen Zurückhaltung und Biederkeit.

Zudem merkt man auch, dass die Autorin sich intensiv mit Annette und ihrer Biografie beschäftigt hat. Zudem fügt sie an geeigneten Stellen Gedichte oder Teile davon aus der Feder von Annette ein, so dass auch der Leser die Entwicklung mit nachvollziehen kann. In einem interessanten Nachwort weist sie zudem auf die Quellenlage hin und gibt dem Leser wertvolle Tipps zur weiteren Beschäftigung mit Annette. Insgesamt ein gelungener Roman, der neugierig auf eine der einflussreichsten deutschsprachigen Dichterinnen macht. Warum der Verlag jedoch den irreführenden Titel Grimms Albtraum gewählt hat, wenn es doch um Annette geht (wenngleich der Albtraum im Buch erklärt wird), bleibt unaufgeklärt.

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