Tayfun

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Bookshouse, 2015, Titel: 'Tayfun', Originalausgabe

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Daniela Loisl
Kaiserin Maria Theresias Order und ihre Folgen

Buch-Rezension von Daniela Loisl Mär 2015

Das österreichische Kaiserreich im späten 18. Jahrhundert. Leandro Lovare wächst versteckt bei seiner Urgroßmutter im Bihorgebirge in den Karpaten auf, um ihn vor den Schergen der österreichischen Kaiserin zu schützen. Diese hatte angeordnet, dass alle Zigeunerkinder im Alter von 5 Jahren ihren Eltern weggenommen und bei Bauern untergebracht werden sollen, um zu rechtschaffenen Bürgern erzogen zu werden.

Seine Urgroßmutter bringt ihm alles bei, auch die uralten Traditionen der Zigeuner gibt sie an ihn weiter. Als die alte Frau stirbt, versucht Leandro seine Familie zu finden und kommt beim Rebellenführer Horea und seiner Frau unter, die ihn wie ein leibliches Kind aufnehmen. Als Horea getötet wird, wird er von Soldaten festgenommen, die ihn aufgrund seiner Schnelligkeit Tayfun nennen. Leandro jedoch kann fliehen und trifft auf den ehemaligen Soldaten Tom Held, der mit seiner Frau eine ganze Diebesbande in Wien unterhält.

Ungewöhnlicher Schauplatz außergewöhnliche Protagonisten

Wie schon in ihrem Debütroman Leeres Versprechen hat die Autorin Evelyn Barenbrügge auch diesmal eine Zeit und einen Schauplatz fern des üblichen Mainstreams gewählt und hat gut daran getan. Erzählt wird in zwei Erzählsträngen, die sich letztendlich miteinander vereinen.

Leandro Lovare ist ein kleiner Zigeunerjunge, der mit seiner Urgroßmutter versteckt in einer Höhle in Rumänien lebt. Mit ihm durchstreift man das Bihorgebirge, lauscht den weisen Worten einer alten Zigeunerin, kuschelt mit seinem Weggefährten, dem Eichkätzchen Mika, und macht sich letztendlich auf die Suche nach seiner Schwester und Familie.

Und dann ist da noch Tom Held, der an der oberösterreichischen Eisenstraße aufwächst und das harte Leben und die Lieblosigkeit seiner Eltern nicht mehr ertragen kann. Toms Vater ist ein Säufer und Taugenichts und seine Mutter ist mit seinen Geschwistern überfordert. So beschließt Tom, das heimatliche Dorf zu verlassen und zieht mit den Soldaten nach Wien.

Was diese beiden Jungen im engeren Focus Leandro schon in ihrem jungen Leben alles erfahren und durchleben und wie sich ihre Wege letztlich kreuzen, erzählt Barenbrügge in ihrem zweiten historischen Roman.

Mit klarer, schnörkelloser, beinahe glatter Sprache, vermittelt sie ein Bild vom Leben in der Zeit Maria Theresias, wie gute und erfahrene Autoren des Genres es nicht hätten besser machen können.

Das damalige Leben: greifbar, spürbar, realistisch und unbeschönigt

Hat man schon Leeres Versprechen von der Autorin gelesen, so weiß man, dass ihre Stärken darin liegen, ihre Figuren lebensnah, mit immenser Empathie und Feingefühl zu erschaffen, was der Erzählung auch Tiefe verleiht und aus einem banalen Roman eine Geschichte mit großem Nachhall macht.

Mit Leonardo fiebert, trauert und hofft man ebenso mit wie mit Tom. Mit Tom, der sich lange Zeit als Soldat verdingt, erlebt man Kämpfe, Schmerz, Verwundung und Tod so lebendig mit, dass man zart besaitete Gemüter vorwarnen muss, dass es mitunter auch sehr brutale, aber gleichzeitig eben sehr realistisch dargestellte Szenen gibt.

Es sind die vielen kleinen Details, die die Autorin dem Leser die damalige Zeit so authentisch vor Augen führen lässt. Dass Hoffnung, Freude, Leid und bittere Enttäuschung oft sehr eng beieinanderliegen, lässt Barenbrügge Leandro ebenso spüren wie Tom. Dem Leser gelingt ein Identifizieren mit den Figuren mühelos und die Handlungen sind stets nachvollziehbar. Die Figuren haben ihre Stärken und Schwächen und generell ist es eine charakterliche Vielfalt an Darstellern, auf die man trifft, die aus dem Buch ein cineastisches Ereignis machen.

Mit Tayfun hat Evelyn Barenbrügge die hohe Messlatte, die sie mit ihrem Erstling vorgegeben hat, sehr wohl erreicht, wenn nicht gar überflogen. Wieder steht das Leben des einfachen Volkes im Zentrum, das unter der Willkür der Obrigkeit leidet. Die Autorin schafft Figuren und Begebenheiten, die einem im Gedächtnis haften bleiben. Man kann nur hoffen, dass ihre Kreativität weiter anhält und sie mit ihren künftigen Büchern das hohe Niveau hält.

Tayfun

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Letzte Kommentare:
12.03.2015 16:52:40
Maria1158

Nach "Leeres Versprechen" war ich sehr gespannt auf "Tayfun". Ich glaube, die Autorin hat sich selbst übertroffen. Spannung von der ersten bis zur letzten Seite, habe das Buch in nur 2 Tagen gelesen, konnte es nicht aus der Hand legen. Besonders der klare Schreibstil sagt mir sehr zu. Meine Gedanken kreisen immer noch um die Geschichte, als wäre ich dabei gewesen. Weiter so. Stimme dem Wortlaut der "Buchkritik" vom 05.03.2015 voll zu.

05.03.2015 16:40:25
Buchkritik

Das sehr schöne Cover, das sich angenehm von den weitverbreiteten abgebildeten Frauen unterscheidet, ist mir sofort aufgefallen, der Klappentext hat mich schnell überzeugt – und ich wurde nicht enttäuscht. Ich durfte ein informatives, spannendes und zwischendurch auch humorvolles Kopfkino erleben. Ich spürte die intensive Recherche der Autorin auf fast jeder Seite. Durch Leandro Lovare und seiner Baba (Urgroßmutter) erfuhr ich viel über die Gebräuche der Zigeuner, über ihre Empfindungen und ihr Leben. Am Schicksla von Leandro zeigt die Autorin anschaulich und überzeugend, wie hart die Verordnungen Maria Theresias gerade diese Bevölkerungsgruppe getroffen haben muss. Der wunderbar bildhafte und flüssige Stil der Autorin gefällt mir ausgezichnet. Auch der zweite Protagonist der Geschichte, Tom, gefällt mir sehr gut. Den ersten dramatischen, wenn auch noch unwissenden Berührungspunkt, der beiden Protagonisten in zwei Kapiteln aus beiden Sichtweisen darzustellen, empfinde ich als äußerst gelungen Schachzug der Autorin, die Spannung auf dem Höhepunkt zu halten. Auch wenn die Handlungsstränge relativ spät zusammenführen, waren die Schicksale von Lenadro und Tom derart mitreißend, dass es für mich keine große Rolle spielte, wann sie nun wirklich aufeinandertreffen. Die Intensität der Hinrichtungsszene, die als einzige Szene aus der auktorialen Erzählperspektive geschildert wurde, hat mir wie Leandro im wahrsten Sinn des Wortes die Sprache verschlagen. Mein Fazit: Dieses Buch richtet sich an Leser, die sich einen Sinn für Tiefe, gute Sprache, ausgereifte Charaktere und ein historisches Verständnis bewahrt haben. Diesen kann ich dieses tolle Buch nur empfehlen.